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Online-Therapie bei Depression: "Man merkt wieder, dass man etwas schafft"

Getty Images Täglich einloggen, Tagebuch führen, Fortschritte festhalten: Mit Hilfe einer digitalen Therapie hat eine schwer Depressive zurück in den Alltag gefunden. Was können die Online-Programme und was nicht?
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#1 - 17.12.2017, 10:44 von Antaeus79

Nach der Happy Pill die Happy App

Zurück in den Alltag zu finden, ist weniger kompliziert, als es Depressionspatienten erscheint. Es ist leichter, in einem strukturierten Rahmen zu funktionieren, als den eigenen Bedürfnissen entsprechend zu leben; deshalb haben Verhaltenstherapeuten scheinbar großen Erfolg, sie geben einen Rahmen vor und definieren Erfolg als Konformität mit diesem Rahmen. Patienten in die Schranken eines vorgegebenen Soll-Zustandes zurückzustoßen, darf nicht mit Therapie verwechselt werden. Damit wird allenfalls (wie mit Remergil, Citalopram, Nortrilen und anderen Drogen) die vorübergehende Verschleierung der Depression bewirkt, die die Betroffenen erstmal als Verbesserung empfinden. Schließlich unterscheiden sie sich in einem geregelten Alltag zumindest äußerlich weniger von "Gesunden", die jeden Morgen zur Arbeit fahren und unauffällig-regelkonform funktionieren. Es paßt zu dem auch für Patienten bequemen Dogma, die Depression wäre ein neurologischer Defekt, der wegtrainiert werden könnte, und das mit Tips wie Tagebuch zu führen oder "positiv zu denken", auf die man alleine nie gekommen wäre. Scharlatane, die in Online-Seminaren die Erhöhung der Intelligenz, der Lesegeschwindigkeit oder sonstiger Fähigkeiten versprechen, haben Hochkonjunktur, und werden so lange Erfolg haben, wie Menschen davon überzeugt sind, defizitär zu sein. Was allerdings defizitär oder sogar pathologisch ist, kann tausendseitige Monographien füllen und mehr gesellschaftliche als physiologische Gründe haben. Es scheint keine Hemmungen mehr zu geben, Glanz und Gloria der Digitalisierung des Menschen zu propagieren. Simpel-mechanistische Auffassungen von Depressionen oder anderen Neurosen ermöglichen den Verkauf einfacher Heilungsalgorithmen, aber sie lenken von der Ursachenforschung ab. Vielleicht will man die Ursachen ja auch gar nicht kennen.

#2 - 17.12.2017, 13:14 von Luemgi

Im Beitrag wird immer wieder allgemein von einer Behandlung psychischer Erkrankungen gesprochen, ohne im geringsten zu differenzieren. Was ist zum Beispiel mit Menschen, die wie auch immer geartete Probleme mit Bindung, Vertrauen, Kommunikation haben. Für die ein Kernthema in der Therapie eine korrigierende Beziehungserfahrung ist. Ein Therapeut ist ein Mensch und kein Anweisungen ausspuckender Sprechautomat. Niemals kann ein Mensch durch ein Programm am Computer ersetzt werden. Und wie oft habe ich gedacht, jetzt mache ich es gut (oder?) und wurde vom Therapeuten aufgeklärt, dass es doch wieder nur ein Winden in eine andere Richtung ist anstatt ein wirklicher Fortschritt. Hätte ein Programm das erkannt?
Im Übrigen muss ich meinem Vorschreiber uneingeschränkt Recht geben.

#3 - 17.12.2017, 13:52 von freigeistiger

Was besser?

Zitat von Antaeus79
Zurück in den Alltag zu finden, ist weniger kompliziert, als es Depressionspatienten erscheint. Es ist leichter, in einem strukturierten Rahmen zu funktionieren, als den eigenen Bedürfnissen entsprechend zu leben; deshalb haben Verhaltenstherapeuten scheinbar großen Erfolg, sie geben einen Rahmen vor und definieren Erfolg als Konformität mit diesem Rahmen. Patienten in die Schranken eines vorgegebenen Soll-Zustandes zurückzustoßen, darf nicht mit Therapie verwechselt werden. Damit wird allenfalls (wie mit Remergil, Citalopram, Nortrilen und anderen Drogen) die vorübergehende Verschleierung der Depression bewirkt, die die Betroffenen erstmal als Verbesserung empfinden. Schließlich unterscheiden sie sich in einem geregelten Alltag zumindest äußerlich weniger von "Gesunden", die jeden Morgen zur Arbeit fahren und unauffällig-regelkonform funktionieren. Es paßt zu dem auch für Patienten bequemen Dogma, die Depression wäre ein neurologischer Defekt, der wegtrainiert werden könnte, und das mit Tips wie Tagebuch zu führen oder "positiv zu denken", auf die man alleine nie gekommen wäre. Scharlatane, die in Online-Seminaren die Erhöhung der Intelligenz, der Lesegeschwindigkeit oder sonstiger Fähigkeiten versprechen, haben Hochkonjunktur, und werden so lange Erfolg haben, wie Menschen davon überzeugt sind, defizitär zu sein. Was allerdings defizitär oder sogar pathologisch ist, kann tausendseitige Monographien füllen und mehr gesellschaftliche als physiologische Gründe haben. Es scheint keine Hemmungen mehr zu geben, Glanz und Gloria der Digitalisierung des Menschen zu propagieren. Simpel-mechanistische Auffassungen von Depressionen oder anderen Neurosen ermöglichen den Verkauf einfacher Heilungsalgorithmen, aber sie lenken von der Ursachenforschung ab. Vielleicht will man die Ursachen ja auch gar nicht kennen.
Schade, Sie haben leider nur zutreffend kritisiert. Haben aber nichts über Ursachen und besserer Bearbeitung gesagt.

Was Sie kritisieren bezeichne ich als Symptomkosmetik.
Bei Depressionen gibt es auf Grund langer psychischer Überbelastungen neurophysiologische und anatomische Veränderungen. Etwa der Rückbildung gewisser Gehirnstrukturen. Diese sind wiederherstellbar.

Als sinnvoll, und die Bearbeitung der Grundursachen, ist primär die Stärkung der Achtsamkeit, des ICH. Dazu gehören auch eine Portion Egomanie und auch eine Portion Aggressivität, um seine Interessen verfolgen zu können. Und um sich gegenüber Übergriffen Anderer abzugrenzen. Dass machen die Anderen, „Gesunden“, auch.
Wie Sie richtig schreiben, ist dass das Erlernen von sozial adäquatem Verhalten. Also den gesellschaftlichen Gegebenheiten angepassten Verhalten.
Wichtig ist dabei das richtige Umfeld. Dass hat oft den größten Einfluss. Gute Beziehungen pflegen, belastende Beziehungen meiden.

#4 - 17.12.2017, 14:26 von Der_schmale_Grat

Zweifel

sind hier angebracht. Es handelt sich nicht um eine "Therapie", wie eingangs suggeriert werden soll, sondern lediglich um ein unterstützendes Behandlungslement. Zudem darf stark angezweifelt werden, dass es sich um eine "schwer Depressive" handelt. Wer nach gerade mal zwei Monaten Klinikaufenthalt schon wenige Monate danach wieder voll in seinem alten Job durchstarten kann, ist aus meiner Erfahrung selten bis nie anzutreffen. Hier dürfte es sich um eine eher leichte bis mittelgradige Form der Depression handeln, ohne den Leidensdruck der Betroffenen auch nur im Geringsten infrage zu stellen. Mich wundert an der ganzen Internethysterie im Zusammenhang mit Therapien (besser sollte man von "Intervention" oder auch nur "Zusatz") für psychisch Erkrankte vor allem eines: Wieso gibt es nicht weniger Klinken und Therapeuten, wenn alles so toll ist mit einer App? Zum ersten Kommentar sei gesagt, dass ich es nicht so extrem formulieren würde, aber ich sehe die gesamte (deutsche) Verhaltenstherapie kritisch, weil seit Jahren im Grunde fast schon einem medizinischen Behandlungsmodell nachgeeifert wird, dass alles schnell wieder reparabel ist. Leider sieht die Praxis zu oft ganz anders aus. Viele Menschen brauchen ein halbes Leben lang psychosoziale Unterstützung. Wohl dem, der nur einmal im Leben psychisch erkrankt und dies nicht chronisch ist.

#5 - 17.12.2017, 14:32 von freigeistiger

Erst Achtsamkeit (ICH), dann Altruismus

Zitat von Luemgi
Für die ein Kernthema in der Therapie eine korrigierende Beziehungserfahrung ist. Und wie oft habe ich gedacht, jetzt mache ich es gut (oder?) und wurde vom Therapeuten aufgeklärt, dass es doch wieder nur ein Winden in eine andere Richtung ist anstatt ein wirklicher Fortschritt.
Was Sie beschreiben, ist die Auswirkung, nicht der Grund.
Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf sich selber und Ihre Ínteressen, Fähigkeiten und Wünsche. Lesen Sie dazu bitte auch den letzten Absatz in meinen vorherigen Post.
Das macht eine andere Ausstrahlung, Wirkung und Kommunikation. Etwas Kommunikationstraining z.B. in einem VHS-Kurs kann auch förderlich sein.
Erst einmal sich auf sich selber ausrichten. Nicht auf Andere, dass ist fatal. Keine Erwartungen an Andere haben, die werden nie erfüllt. Dass führt nur zu Frust.
Menschen mit Persönlichkeit, Interessen und Fähigkeiten sind interessant für Andere. Dann können Sie Andere an Ihrem Leben teilhaben lassen.

#6 - 17.12.2017, 15:27 von mammamia

Bei mir ist es ganz einfach: Bin ich mit den Kindern allein, bin ich depressiv. Ist noch ein Erwachsener da, geht es mir normal. Bin ich allein ohne Kinder, geht es mir gut.

#7 - 17.12.2017, 15:35 von volker_morales

Depressionen

sind häufig leider auch Begleitserscheinung von anderen schweren Erkrankungen. Insesondere bei Psychosen sind nach meinem Kenntnisstand Verhaltenstherapien wenig wirksam. Und auch die Gabe von entsprechenden Stimmungsaufhellern ist vor dem Hintergrund von NEbenwirkungen nicht unproblemtisch. Dennoch sollten sich die vielen Betroffenen, die "nur" depressiv sind, hiervon nicht abschrecken lassen, und Angebote nutzen, die ihnen helfen, die ihre Angst und oder Antriebsstörung zu überwinden. Der Begriff der Disfunktionalität soll hier nur Orientierung bieten, keine Wertung. Wenn aber nicht mehr gesagt werden darf, welche menschlichen Befindlichkeiten objektiv - also im Sinne einer in der Sache begründeten vernünftigen Sichtweise - gesund sind und welche nicht, dann sind die Grenzen des seriösen Diskurses überschritten.

#8 - 17.12.2017, 17:41 von lachina

Zitat von mammamia
Bei mir ist es ganz einfach: Bin ich mit den Kindern allein, bin ich depressiv. Ist noch ein Erwachsener da, geht es mir normal. Bin ich allein ohne Kinder, geht es mir gut.
Alleinerziehend sein ist schwer, besonders wenn eines oder mehrere Kinder krank/ behindert etc. ist und Ihre ganze Kraft kosten.
Depressionen sind Signale der Seele: etwas läuft schief, ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr....
Für mich klingt dass so, als seien Sie nervlich völlig fertig.
bitte suchen Sie sich Unterstützung im Real Life. Eine Mutter -und Kindkur könnte der Hausarzt verordnen.

#9 - 17.12.2017, 17:47 von lachina

Schwere Depressionen sind ein Zeichen dafür, dass im Leben was gewaltig schief läuft , dass man wie gelähmt ist , dass man nicht mehr kann, nicht mehr will. Ein Programm kann überbrücken, meine Erfahrung ist eher, dass nur Menschen - keine Apps, keine Pillen - Menschen heilen können, weil Lernprozesse versäumt wurden, die man mit einem emphatischen Therapeuten nachholen kann. Ich bezweifle allerdings nicht, dass es in der Zukunft "Thera-Robots" geben wird, die Emotionen, Spiegelung etc. täuschend nachahmen und auf die Mimik des Patienten reagieren können.

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