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Wartezeiten auf einen Therapieplatz: Wie ein Lobbyverband psychisch Kranken schadet

Studio Pong/ DER SPIEGEL Psychisch Kranke müssen ewig auf einen Therapieplatz warten, weil das System eine Behandlung von Menschen mit geringen Leiden fördert. Besserung ist nicht in Sicht - ein mächtiger Lobbyverband verhindert jede Reform.
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#20 - 24.03.2019, 13:21 von quengelliese

Eine flächendeckende Versorgung mit Beratungsstellen (durchaus in der Tradition der Gemeindeschwester oder des Seelsorgers), wo man Niederschwellung und kostenlos ein bis sagenwirmal 10 Termine bekommt - und es könnte m. E. auf ca 75% aller Psychotherapien zu Lasten des Gesundheitssystems verzichtet werden... Aber was wird dann aus der ABM-Maßnahme für (Klein-)Bürgerkinder, Psychotherapie genannt? Nachdem gefühlt jede zweite Sozialpädagogin inzwischen Kinder- und Jugendlichentherapeutin werden will, darf man gespannt sein, woher denn die ganzen behandlungsbedürftigen PatientInnen kommen sollen - vermutlich (wie bisher auch) durch weitere Pathologisierung normaler Verhaltensweisen...

#21 - 24.03.2019, 13:26 von kuestenvogel

Guter Beitrag! Allerdings ist die Wartezeit Statistik

Haben Sie eine Persönlichkeitsstörung, am besten noch kombiniert mit einer Essstörung, schweren Depressionen, PTBS etc., dann dürfen Sie über ein Jahr, sofern überhaupt sich jemand bereit erklärt, Sie anzunehmen, warten, obwohl gerade bei solchen Krankheitsbildern Hilfe oft akut benötigt wird.

Alternativ war bisher, dass man als Drehtürpatient der Psychiatrie weiter seine Runden dreht.

Als Modellprojekt ursprünglich vor Jahren in wenigen Städten von wenigen KKs getragen, gibt es nun die "Integrative Versorgung", https://de.wikipedia.org/wiki/Integrierte_Versorgung wobei statt Klinik Schutzhäuser vorgesehen sind - die meisten bekommen aber nur Stufe 1 von der KK bezahlt (=ein Termin alle zwei Monate und zu Krisenzeiten für zwei Jahre). Das Schutzhaus fällt weg, also weiterhin in der Psychiatrie Runden drehen oder versterben, aber grundsätzlich scheint mir das ein guter Ansatz zu sein.

Vor 10 Jahren war es genauso schwierig, einen ambulanten Therapeuten zu finden. Es gab weniger Therapeuten und die Institutsambulanzen gab es noch gar nicht bzw. waren im Aufbau.

#22 - 24.03.2019, 13:27 von Dr. Ehrlich

Definitiv die Wahrheit

Als ärztlicher Psychotherapeut muss ich diese Praxis leider absolut bestätigen, es gibt zu viele Menschen, die MEINEN, unbedingt eine Psychotherapie zu benötigen, weil alles, was im Leben in unserer anspruchs- und selbstverwirklichungsorientierten Gesellschaft nicht sofort klappt, sofort zum „depressiven Leiden“ hochstilisiert wird und im Sinne einer „Erkrankungstatbestandes“ vorgeführt wird. Es fehlen soziale Strukturen wie Familie und Freundschaften ebenso wie grundlegende Fähigkeiten (Bedürfnisaufschub, Geduld, realistische Kompetenzprüfung, Demutsfähigkeit, Vertrauen, Selbstreflexions- und Introspektionsfähigkeit, etc.). Einige Fähigkeiten werden von den Psychotherapie-Richtlinien gar als Voraussetzung für eine ausreichende Prognose in der Psychotherapie zugrundegelegt. Prüft man diese im Sinne der Indikationsüberprufung im Erstgespräch, so stellt man fest, dass viele gar keine PT brauchen oder aber nicht davon profitieren, weil Sie hinsichtlich Inzelligenz, Sprachfähogkeit und Introspektionsvermögen keine ausreichenden Grundvoraussetzungen mitbringen. Andere sind in der Tat so schwer gestört und haben jahrelange, erfolglose Psychotherapien in unterschiedlichen Verfahren hinter sich und sehnen sich nach einer „lebenslangen Begleitung“, auch dafür ist die Psychotherapie im Kassensystem nicht gedacht! Die KV zwingt mich nun, jede Woche zwei neue Patienten anzuschauen und ich mache meinen Job richtlonienkonform und muss leider etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Ankömmlinge (wenn sie überhaupt zum heissbegehrten Termin erscheinen!!!) mit einer anderweitigen Empfehlung nachhause schicken. Damit bin ich ein Alien in der Landschaft, die meisten picken sich die „Sahnestückchen“ (oft gesunde, reflexionsfähige Menschen) heraus uns therapieren diese bis zum Rentenalter. Eine Indikation findet man da immer. Besonders Psychologen sind hier groß, leider, Ärzte wie ich werden häufig noch von anderen Ärzten in die Pflicht genommen, da die Hausärzte zB meist überfordert sind. Es gibt also eine tatsächliche Konkurrenz um wirklich psychotherapiefähige Patienten, was aber aus den genannten Lobby-Gründen nicht ausgesprochen wird. Ich habe dies schon oft bei „Sonderbedatfsanträgen“ von Psychologen gegenüber der KV gesagt und fachlich begründet, habe aber nie eine Antwort erhalten. Ich habe weder die Nerven zu diesem Wahnsinn, noch macht es mit selbstkohärentes Sinnerleben. Auch muss ich als ärztlicher Psychotherapeut noch kassenärztliche Notdienste machen, darf aber im Tagesgeschäft keine einzige ärztliche Leistung abrechnen. Psychologen sind für Notdienste nicht kompetent und müssen es auch nicht machen, verdienen aber dasselbe. Ich bin 50 Jahre alt, seit 23 Jahren Arzt in Deutschland und habe nun nach dem neuen Gesetz beschlossen, die Hälfte meines Praxissitzes abzugeben. Leider kann ich nicht ganz drauf verzichten. Ich nur noch begrenzt Energie und Lust, meine Lebenszeit und Kompetenz für diesen Unsinn einzusetzen.

#23 - 24.03.2019, 13:33 von ruhepuls

Unterschiedliche Angebote für unterschiedliche Menschen...

Es gibt schlicht einen Bedarf an unterschiedlichen Angeboten. Der "gestresste Manager" oder die "verlassene Ehefrau" leiden ebenfalls - wenn auch anders als ein "echter Depressiver". Hier jedoch die einen gegen die anderen auszuspielen löst das Problem nicht. Experten (Ärzte u. Therapeuten) übernehmen heute immer mehr die Funktionen, die früher die Familie hatte. Bei Erkältungen gab es früher Hausmittel und bei Liebeskummer familiären Zuspruch. Heute sitzen die Leute mit Schnupfen und Rückenschmerzen beim Hausarzt (oder gleich beim HNO oder Orthopäden), der ganz sicher nicht 11 Jahre Ausbildung gebraucht hätte, um einen Schnupfen zu behandeln. Und der gestresste Manager braucht keine Psychotherapie, sondern eher einen Coach, der ihm hilft, seine Ansprüche und sein Arbeitspensum besser zu kontrollieren.
Aber in Deutschland erwartet man immer gleich eine "maximale Ausbildung". Es könnte ja sein, dass der Schnupfen eigentlich ein Zeichen für einen Hirntumor ist...

#24 - 24.03.2019, 13:33 von julian.th95

Missstände benannt - Lösungsvorschläge offen?

Sehr geehrte Redaktion & Leser,

als Student der Psychologie (ohne persönlichen Verbund zu Lobbygruppen) kann ich mich den kritischen Kommentaren in Bezug auf die Unsachlichkeit des erstellten Gastkommentar von Herrn Lütz anschließen.
Hier wurde einem Arzt (mächtige Lobbygruppe by the way) das Wort gegen Psychologen zum Thema psychotherapeutische Missstände erteilt.

Ein fachlich/sachlich gehaltener Gegenkommentar (wie in einem der vorangegangenen Kommentaren vorgeschlagen) wäre sehr wünschenswert.

#25 - 24.03.2019, 13:37 von ruhepuls

Was regen Sie sich auf?

Zitat von dr.psych333
Sehr geehrte Redaktion, Herr Lütz macht sich zu einem Experten, der er nicht ist. Er ist Chefarzt einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Spezialisierte Psychotherapie führt er selbst nur in kleinem Rahmen durch. Hierdurch und durch die Tatsache, dass er ein Bestsellerautor ist, kann er höchstens eine handvoll Patienten selbst psychotherapeutisch behandeln. Wenn er behandelt, hat er mit der Klinik eine mächtige Institution im Rücken, durch die er jederzeit gefährdete Patienten aufnehmen kann. Er hat keine Erfahrung mit einem spezialisierten psychotherapeutschen Alltag einer Kassenpraxis mit 35 therapeutischen Sitzungen pro Woche. Es ist richtig, dass psychisch schwerkranke Patienten viel zu wenig gesellschaftliche Lobby und viel zu wenig therapeutische Unterstützung bekommen. Das darf man aber nicht alleine an der Psychotherapie festmachen. Man darf auch die therapeutischen Möglichkeiten einer ambulanten Psychotherapie nicht illusorisch überhöhen. (Natürlich muss mehr Geld für die psychisch Schwerkranken ausgegeben werden. Das sollte man aber nicht den mittelschwer Kranken für ihre Versorgung wegnehmen. ...
Es gibt im Journalismusgewerbe eben eine "Liste von Experten", die man immer dann befragt, wenn was für den- oder diejenige dabei ist.
Bei Alternativmedizin ist beispielsweise fast immer Prof. Ernst der "Experte". Der ist zwar schon lange im Ruhestand, aber wird immer noch gerne gefragt, weil er so eine pointierte Meinung hat (und die kennt inzwischen jeder). Und Prof. Lütz ist eben der Psychotherapie-Experte - und auch seine Meinung kennt jeder Journalist inzwischen und das bürgt für entsprechende Klicks - und Forenbeiträge...

#26 - 24.03.2019, 13:37 von littledaved

Manfred Lütz von der Psychiater-Lobby

Ich empfinde den Beitrag als diskriminierend gegenüber (psychologischen) Psychotherapeut*innen.

Vorab ein Bericht über eine Psychotherapie-Studie der Techniker-Krankenkasse: https://www.aerzteblatt.de/archiv/97640/Modellprojekt-Qualitaetsmonitoring-in-der-Psychotherapie-Die-Diskussion-beginnt-erst . Dort liest man: "Psychotherapie ist hochwirksam und jeden Cent wert. 84 Prozent der Patienten geht es nach der Psychotherapie wesentlich besser, und selbst ein Jahr nach der Therapie nehmen die seelischen Belastungen weiter ab. Jeder in eine Psychotherapie investierte Euro führt innerhalb eines Jahres zu einer Einsparung zwischen zwei und vier Euro an gesamtgesellschaftlichen Kosten. Oder: Eine Psychotherapie kostet im Durchschnitt 3 200 Euro, spart aber aufgrund der wiederhergestellten Arbeitsproduktivität circa 10 425 Euro ein." Herr Lütz sitzt mit seiner stationären Behandlung übrigens kostentechnisch sehr im Glashaus!

Die Erfolge psychopharmakolgischer Behandlung sind dagegen weitaus umstrittener. Es wird immer mehr Negatives z.B. über die Langzeitwirkungen von Antidepressiva bekannt, z.B. https://www.stern.de/gesundheit/antidepressiva-der-koerper-spielt-verrueckt-3599466.html
Dabei liegt es ja gerade im Interesse von Psychiatern und der Pharmaindustrie, dass die Medikamente (z.B. Antidepressiva) am Besten lebenslang eingenommen werden. Psychotherapie ist von vornherein zeitlich begrenzt, z.B. auf 12 Stunden (Kurzzeittherapie 1). Die Dauer der Behandlung ist abhängig zu machen von der Schwere der Symptome. Wenn sich jemand ausreichend stabilisiert hat, ist die Behandlung auszuschleichen. Ich gehe davon aus, dass das die meisten Psychotherapeut*innen auch so handhaben. Herr Lütz scheint auch völlig zu ignorieren (oder schlichtweg nicht zu wissen), dass die Modalitäten ambulanter Psychotherapie unlängst reformiert wurden, um schnelle Behandlungen zu ermöglichen (unbezahlte telefonische Erreichbarkeit von bis zu 200 Minunten pro Woche, verpflichtende Sprechstunden, Akutbehandlung) oder die Bedingungen zur Behandlung schwerster psychischer Störungen zu verbessern (Möglichkeit der Rückfallprophylaxe).

Was es bräuchte, wäre eine bessere Vernetzung zwischen stationärer und ambulanter Versorgung, indem z.B. ein Teil des Versorgungsauftrages für die Zuweisung aus stationären Einrichtungen vorbehalten bleibt oder entsprechende Behandlungskontingente geschaffen (und finanziert) werden. Meiner Erfahrung nach haben schwer psychisch Kranke (krankheitsbedingt) auch deutlich größere Schwierigkeiten Termine regelmäßig wahrzunehmen und sich um Formalitäten der Behandlung zu kümmern. Für den möglichen Honorarausfall kommt aktuell auch kein Kostenträger auf und diesen kann man dann auch nicht mit gutem Gewissen der betroffenen Person privat in Rechnung stellen, wenn diese von einer schmalen Rente lebt.

Das Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten bewusst Patient*innen mit schwersten psychischen Erkrankungen (Schizophrenie, emotional-instabile Persönlichkeitsstörung, Traumatisierungen) oder schweren körperlichen Komorbiditäten für eine ambulante Therapie ablehnen, wäre ein schwerer Verstoß gegen die Berufsordnung und ist m.E. eher die Ausnahme.

#27 - 24.03.2019, 13:45 von uwelober

Es geht um Geld

Dr. Lütz verkürzt die Probleme auf erschreckende Weise, in dem er das blame-game spielt. Ich bin seit 20 Jahren in einer Psychiatrie beschäftigt und kenne ambulante Versorgung sehr gut. Die Probleme in der Versorgung schwer Erkrankter finden sich auf allen Ebenen, sie werden schneller und z.T. zu früh aus stationären Behandlungen entlassen, wenn die Kasse nicht mehr zahlen will, sie wartet auch bei niedergelassenen Psychiatern drei Monate. Auch in Kliniken werden schwer Kranke nicht aufgenommen und auf Wartelisten geschrieben, wenn sie in der falschen Situation erscheinen oder auf den falschen Arzt treffen. Alle Institutionen sind auf Geld verdienen fokussiert. Das System wird regiert von Pseudo-Effektivität, nach der jeder zu jedem Zeitpunkt nachweisen muss, was er getan hat. Schwer kranke Menschen brauchen aber Mitarbeiter mit Pförtner-Funktion, die im Notfall Zeit haben. Das ist nicht mehr vorgesehen und wird nicht bezahlt, in keinem Bereich. Herr Dr. Lütz sollte vielleicht weniger andere Berufsgruppen diffamieren und statt dessen sich mit den Kohorten von Wirtschaftsberatungsfirmen anlegen, die viel Geld verdienend mittlerweile das Gesundheitssystem regieren, welches nebenbei im Zuge dieser Optimierung immer teurer geworden ist. Keiner von diesen Beratern behandelt irgendeinen Patienten.

#28 - 24.03.2019, 13:46 von cocommentator

Gastkommentar von Manfred Lütz

Also wirklich, ich habe selten einen Kommentar gelesen, der so abwegig war, wie dieser von diesem Herrn Lütz.

Ein Pamphlet. Ein Geheische voller Vorurteile. Fachwissen: iwo?

Was will dieser 'Gastkommentator' damit sagen?
Psychisch Kranke sind nur eingebildete Kranke?

Unverständlich diese Veröffentlichung - ich hoffe, er, der Autor, braucht nie Hilfe von irgendjemanden.
Und wenn, dann sollte er auch mal 9 Monate warten, bis sich jemand um sein Anliegen kümmert.

#29 - 24.03.2019, 13:48 von nomoonatall

Cui bono - wem nutzt es?

Psychologische Psychotherapeuten behandeln Patienten über meist 28 oder 60 Stunden (á 50min).
Anders als die meisten anderen Facharztgruppen müssen sie ihre Therapieplanungen schriftlich darlegen und begutachten lassen. Manche Ärztefunktionäre möchten mehr. Sie möchten bestimmen, wer wieviel und welche Sorte Psychotherapie bekommt. Der Mehrnutzen der Vorschläge des Arztes Herr Lütz ist offensichtlich: 1. Mehr Einfluss für seinen Berufstand. 2. Durch Mengensteuerung sind Verschiebungen des Budgets in Richtung der Organmedizin einfacher.
Lieber wäre mir gewesen, dass ein solcher von überholten Standesinteressen geleiteter Artikel im Rahmen einer kontorversen Diskussion von der Redaktion bearbeitet worden wäre.

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