Forum
Gesundheit

Wartezeiten auf einen Therapieplatz: Wie ein Lobbyverband psychisch Kranken schadet

Studio Pong/ DER SPIEGEL Psychisch Kranke müssen ewig auf einen Therapieplatz warten, weil das System eine Behandlung von Menschen mit geringen Leiden fördert. Besserung ist nicht in Sicht - ein mächtiger Lobbyverband verhindert jede Reform.
zum Artikel
Im mobilen Forum können sie die Beiträge nur lesen.
Um zu kommentieren, verwenden Sie bitte die Kommentarfunktion im Artikel.
    Seite 9/16    
#80 - 24.03.2019, 22:31 von Sozi Psycho

Herr Prof. Dr. Lütz fühlt sich von der Psychotherapeutenkammer verfolgt, bezeichnet die „Psychotheapeutenfunktionäre“ als die „schlimmsten“. Nach anfänglichem Ärger und nochmaligem Lesen fühle ich mich doch sehr befremdet. Herr Lütz scheint überrascht, dass sich die Berufstandsvertretung und -verbände der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gegen seine populistischen Ausfälle zur Wehr setzen. Aber von Anfang an: Herrn Lütz schwebt eine Art TÜV für psychisch kranke vor, eine Instanz, die prüft, ob jemand krank genug ist für eine Psychotherapie. Wir Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind für die Diagnostik und Behandlung psychischer Störungen ausgebildet. Es sollte nicht überraschen, dass eine Infragestellung dieser Kompetenz nicht gerade Begeisterungsstürme auslöst. Ich stelle mir die Reaktion der Ärzteschaft vor, wenn eine zusätzliche Instanz erstmal prüfen soll, ob der HNO-Arzt ein Antibiotikum verordnen darf oder ob die Patientin oder der Patient als noch zu gesund dafür erachtet wird. Auch seine anderen Argumente erscheinen bizzar. Herr Lütz behauptet immer wieder und wieder, Psychotherapeutinenn und Psychotherapeuten würden eigentlich „gesunde“ behandeln, obwohl immer neue Studien das Gegenteil belegen. Aus Herrn Lütz spricht auch eine seltsam uninformiert wirkende Sicht auf psychische Störungen. Dabei ist es ganz einfach: Eine psychische Störung liegt vor, wenn die diagnostischen Kriterien nach ICD-10 (internationale Klassifikation psychischer Störung, herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation) hierfür erfüllt sind. Ein kritisches Lebensereignis ist mitnichten ein Ausschlussgrund für die Diagnose einer psychischen Erkrankungen, häufig aber als Auslöser zu verstehen. Jeder halbwegs fitte Therapeut fragt sich doch, warum die Symptome gerade jetzt auftreten. Was sind die aktuellen, was die lebensgeschichtlichen Auslöser? Anders könnten wir das Geschehen meist nicht verstehen und somit auch nicht behandeln. Ich bin Psychologischer Psychotherapeut, habe sieben Jahre in psychiatrischen Krankenhäusern gearbeitet und bin nun niedergelassen. In psychiatrischen Krankenhäusern gibt es eine Tendenz zur schwereren Diagnose, weil sich daran die Behandlungszeit bemisst, bevor die Krankenkassen bzw. der Medizinische Dienst der Krankenkassen Stress machen. Diesen Fehlanreiz gibt es im ambulanten System glücklicherweise noch nicht. Was mich an der stationären Psychiatrie aber am meisten gestört hat, war dass ich zu wenig Zeit mit Patientinnen und Patienten hatte. Es gibt dort zu wenig Zeit für Gespräche, gerade für die Menschen in ganz akuten Krisen. Ich vermute mal stark, dass die Pharmalobby sehr viel netter zu Herrn Lütz ist als die Psychotherapeutenschaft.

#81 - 24.03.2019, 22:39 von johnpardon

Wenn die BPtK wirklich, wie im Artikel beklagt, so eine große Lobby hätte, dann wäre die von der Politik bisher stets blockierte Hauptforderung von mehr Kassensitzen längst umgesetzt. Die Realität sieht jedoch so aus, dass die Psychotherapeuten, im Gegensatz zu den Ärzten, keine Lobby haben. Herr Lütz stellt hier spekulative Behauptungen in den Raum, die keinem weiterhelfen.

#82 - 24.03.2019, 22:45 von Schrappelschrut

Lütz spaltet mit falschen Angaben - Faktencheck mit Quellen

Eigentlich ein wichtiges Thema das einer Lösung bedarf. Eine solche wird jedoch in obigem Beitrag nicht formuliert, sondern es wird munter kolportiert. Schon das Einstiegsargument, auf dem die weiteren Unterstellungen aufbauen, ist sachlich falsch. Das belegen Zahlen, die ausgerechnet von den Institutionen kommen, die Lütz auf seiner Seite sieht, nämlich Psychiater und Krankenkassen.

Zitat Lütz: „Dabei sind sich die Experten einig, dass die schweren psychischen Krankheiten gar nicht zugenommen haben.“

Die Psychiater des DGPPN, also die Experten, die mit den „richtig kranken“ PatientInnen (stationär=schwer) arbeiten, sagen folgendes: „2016 wurden in deutschen Krankenhäusern 1,2 Millionen Fälle ... verzeichnet …. In den letzten 20Jahren sind diese Fallzahlen um 48,5 % gestiegen. Damit weisen psychische Erkrankungen den zweitgrößten Anstieg unter den Krankheitsgruppen mit den höchsten Fallzahlen auf.“
https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/f80fb3f112b4eda48f6c5f3c68d23632a03ba599/DGPPN_Dossier web.pdf

Dass die Verordnungen von Antidepressiva sich seit 2007 laut TK verdoppelt haben, erwähnt er natürlich auch nicht, denn die werden ja hauptsächlich von Psychiatern verschrieben. Völlig ohne Lobbyinteressen...
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/08/01/doppelt-so-viele-antidepressiva-verordnungen-wie-2007

Die Zahl der Krankschreibungen aus psychischen Gründen hat sich seit 2007 verdoppelt. Krankschreiben können nur Ärzte, deswegen kann man das auch kaum den Psychologen in die Schuhe schieben...
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/97529/Krankheitstage-wegen-psychischer-Belastung-haben-sich-verdoppelt

Also: 50% mehr stationäre Patienten, 100% mehr Antidepressiva und Krankschreibungen. Dies scheint für Herrn Lütz nicht zu existieren. Aber die Psychotherapeuten schaffen künstlich Bedarf, indem sie Kranke erfinden, wo keine sind und "picken Rosinen".

Zitat Lütz: „Fragen Sie sich doch selbst, was Sie tun würden, wenn Sie die freie Wahl hätten, für dasselbe Honorar einen schwer gestörten Menschen zu behandeln oder den gesunden Nachbarn, der aus irgendwelchen Gründen Gesprächsbedarf hat.“

Patienten ohne Indikation zu behandeln ist aus strafrechtlicher Sicht nichts anderes als Betrug, der hier einer ganzen Berufsgruppe pauschal vorgeworfen wird (Natürlich seien laut Lütz „die weitaus meisten“ Psychologischen Psychotherapeuten ja in Ordnung, wozu aber dann der Artikel?). Der Vorwurf ist haltlos, bleibt maximal anekdotisch und wird vom Autor auch nicht weiter belegt, was Bände spricht. Stellen Sie sich vor, denselben Vorwurf würde man den Hausärzten, Orthopäden oder Gynäkologen machen. Was erwartet Herr Lütz denn als Reaktion auf so etwas?

Insgesamt scheint es Herr Lütz nicht so genau mit seinen "Fakten" zu nehmen, die er ziemlich einseitig und selektiv streut.

#83 - 25.03.2019, 23:18 von SuperKraut

Alberne rheinländische Verschwörungstheorien 1

Manfred Lütz, in der Öffentlichkeit bekannt mit zugegebenermaßen unterhaltsamen, aber genauso auch albernen Auftritten, versucht sich nun -wie auch in der katholischen Kirche - als letzter Mohikaner einer autoritären, paternalistischen (psychiatrischen) Geisteshaltung, die natürlich alles besser weiß - vor allen Dingen auch besser als die Betroffenen selbst. Jeder Patient, den er selbst -oder ein von ihm delegierter Arzt- nicht diagnostiziert hat, hat wahrscheinlich nur eine (spirituelle) Lebenskrise. Warum ist das so? Weil Lütz es einfach meint. Im Kabarett mögen solche Einlassungen erheitern. Man darf das aber nicht mit ernsthaften gesundheitspolitischen Standpunkten verwechseln. Lütz arbeitet mit offensichtlich erfundenen Fakten und verschwörungstheoretischen Verdrehungen. Zum Beispiel der Satz: "Vor 30 Jahren bekam ich für jeden psychisch kranken Menschen binnen drei Tagen einen Psychotherapietermin, heute dauert das in Deutschland fünf Monate" mag für einen Stammtisch geeignet sein, hat aber mit der Realität nichts zu tun. Vor 30 Jahren gab es keine Richtlinienpsychotherapie. Und Psychotherapie für schwerst psychisch Kranke schon gar nicht. Da gab es Delegationen und Erstattungsverfahren mit all seinen Beschränkungen und viel weniger Psychotherapeuten als heute. Manfred Lütz geriert sich als ein Relikt der mystifizierenden Psychiatrie, wenn er einer von 200.000 Bürgern unterschriebenen Petition die Legitimation mit der impliziten, unbewiesenen Behauptung versucht zu nehmen, dass Psychotherapeuten Ihre Patienten hierzu manipuliert hätten: "man hatte offensichtlich keine Skrupel, einfach die Patienten einzuspannen". Das kann man schon als Wahnidee einordnen. Er geht soweit, dass er die Honorierung der Psychotherapie an sich moralisch in Frage stellt, wenn er schreibt, dass die Psychotherapie "ein Milliardengeschäft" sei und das "Psychotherapiesystem in Deutschland zum Selbstbedienungsladen für Psychotherapeuten geworden" sei. Lütz behauptet im Prinzip munter, dass Psychotherapeuten ständig Abrechnungsbetrug begehen würden, ohne das irgendwie zu untermauern oder belegen zu können.

#84 - 25.03.2019, 23:19 von SuperKraut

Alberne Rheinländische Verschwörungstheorien 2

Lütz´ Hauptargument sind die Klagen seiner schwerst Kranken und die Tatsache, dass mittlerweile nicht mehr "ein Anruf " von Lütz reicht, um einen Patienten binnen 3 Tagen beim Psychotherapeuten unterzubringen. Vor allen Dingen verschweigt Lütz, die Gründe für die knappen psychotherapeutischen Ressourcen. Die liegen nämlich in seiner Profession. Fast jeder entlassene Patient aus der stationären psychiatrischen Behandlung oder ambulant medikamentös behandelter Patient erhält eine Überweisung zur Psychotherapie. Vor 30 Jahren wurde ja noch psychiatrischerseits argumentiert, dass die Psychotherapie ja nur für die leichten und mittelschweren Fälle tauglich sei. Wenn man sich die Zahlen von Lütz vor Augen führt, dass EIN Psychiater ja 1000 Patienten im Jahr behandelt, kann man sich leicht vorstellten, dass die 25.000 niedergelassenen Psychotherapeuten in Deutschland nicht den Patientenstamm von 13.000 Fachärzten für Psychiatrie versorgen können. Hiermit sind ja noch nicht die Arbeitsfähigen, die Mütter und die Väter eingerechnet, die keine psychiatrische oder stationäre Behandlung benötigen und sich vom Hausarzt überwiesen, ambulant psychotherapeutisch behandeln lassen wollen. Dabei ist das die eigentliche Aufgabe der Psychotherapie, nämlich die VERHINDERUNG stationärer Maßnahmen. Psychotherapie ist keine "Nachsorgeambulanz" der Psychiatrie, dafür hat Lütz seine schöne Psychiatrische Institutsambulanz. Man muss sich vor Augen führen, dass ein 10-tägiger Aufenthalt in der schönen Lütz-Klinik genauso viel kostet, wie eine Langzeitpsychotherapie, die dem Patienten langfristig und nachhaltig hilft.

#85 - 25.03.2019, 23:34 von Psychotherapeut78

Der Vergleich hier, Psychotherapeuten behandelten jährlich nur etwa 50 Patienten, während die Psychiater etwa 1000 /Jahr behandelten ist wirklich auf Jens Spahn Niveau. Er meinte ja neulich erst das es in den meisten Städten mehr Therapeuten gäbe als Hausärzte. So sollte laut Spahn argumentiert werden, das es mittlerweile zu viele Therapeuten seien. Aufgrund der stark unterschiedlichen Patientenzahlen ist das natürlich eine sehr idiotische Aussage. Die ebenso unkluge Aussage hier, möchte sicherlich unterschlagen, dass Psychiater ihre Patienten etwa 3x in diesem Jahr sehen, in dem sie 1000 Patienten "Behandeln". Durchschnittlich versteht sich. Eine kurzzeit Verhaltenstherapie umfasst dagegen 25 Sitzungen - es geht ja auch über die Verschreibung eines neuen Rezeptes weit hinaus. Wir Therapeuten fordern übrigens nicht etwa mehr Therapeuten, wir fordern mehr Kassensitze - Therapeuten gibt es ja wirklich genug, nur behandeln dürfen sie nicht. Also, abgesehen von ausbeuterischen Kliniken, in denen sie dann für ein Taschengeld die ganz und gar nicht-monetären Interessen der Kliniksbetreiber vertreten.

#86 - 25.03.2019, 00:04 von athanasia

sehr einseitig und nicht konstruktiv

Bei diesem Artikel weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll.
Zunächst, wenn der Herr Psychiater in seiner tollen Klinik eine schwer depressive Patientin in 6 Wochen heilen kann, dann fragt man sich natürlich, warum man überhaupt ambulant behandeln sollte? Da fragt man sich andererseits aber auch, warum die Klinik von Patienten in den gängigen Bewertungsportalen gar nicht so toll bewertet ist?
Ich als Psychotherapeutin mache jedenfalls die Erfahrung, dass die meisten psychisch Erkrankten erst sehr spät den Schritt wagen, sich bei einem Psychotherapeuten zu melden. Häufig sind Beschwerden dann chronifiziert und gehen bspw. mit langen Phasen der Arbeitsunfähigkeit einher. Die Entscheidung, eine psychotherapeutische Behandlung aufzusuchen scheint also alles andere als leicht und ist leider bei vielen Patienten mit Scham verbunden. Womit wir beim nächsten Punkt wären, viele Betroffene einer "ErschöpfungsDEPRESSION" nutzen meines Erachtens lieber den Begriff "Burn-out", da dieser mit weniger Stigmatisierung verbunden scheint. Dadurch hat die Erkrankung aber nicht weniger "Krankheitswert".
Psychische Erkrankungen mögen zwar nicht zugenommen haben, aber Menschen begeben sich eher in Behandlung, zum Glück. Die Suizidzahlen sind seit dem WW 2 deutlich gesunken und seit einigen Jahren halbwegs konstant, hier spielt sicherlich die bessere Versorgung eine Rolle, die aber auch noch besser werden könnte. Sicherlich jedoch nicht dadurch, dass man die Hürde für Patienten noch höher setzt. Eine bessere Kooperation zwischen stationärer und ambulanter Behandlung wäre ein sinnvoller Schritt. Wenn Patienten von mir in stationärer Behandlung sind, fiel es keinem Psychiater ein, Kontakt zu mir als ambulanten des Psychotherapeuten zu suchen, der ging bisher immer von mir aus. Und wenn der Herr Lütz gerne eine schnellere ambulante Versorgung seiner Patienten möchte, würde es auch hier helfen die Kooperation zu verbessern und Kontakte zu knüpfen. Stattdessen beschwert er sich über eine vermeintliche "Psychotherapeutenlobby". Das ist doch lächerlich. Gerade wenn man dies mit der Bundesärztekammer oder der "Ärztelobby" Marburger Bund usw. vergleicht.

#87 - 25.03.2019, 00:40 von kafkaprag

Ärgerlich

Kollege Lütz hat sich nach Veröffentlichung äusserst fragwürdiger Bücher in Talk-Runden und als gut bezahlter Gast-Redner von seiner Tätigkeit als Chefarzt weitgehend zurückgezogen. Sein Gastkommentar ist ärgerlich, verwundert aber nicht. Mit Populismus kann man nicht nur in der Politik sein Geld verdienen.

#88 - 25.03.2019, 00:57 von wiseacre

Therapeutensuche

Die Suche nach einem geeigneten Therapeuten unterscheidet sich schon erheblich von der nach einem Haus- oder Facharzt. Aus Sicht des Patienten geht in erster Linie nicht darum, irgendeinen Therapeuten zu finden, sondern einen Therapeuten, dem man bereit ist, sich anzuvertrauen und bei dem man das Gefühl hat, in guten Händen zu sein. Das bedeutet zunächst mal endlos viele Telefongespräche und z. T. schon lange Wartezeiten auf ein Erstgespräch. Und hat man dann ein oder zwei Therapeuten gefunden, bei denen die Chemie stimmt, läuft man Gefahr, dass man ein halbes Jahr oder länger auf einen Therapieplatz warten muss. Das ist das eigentlich Frustierende. Der Erfolg einer Therapie beruht nun einmal, neben der Fachkompetenz, ganz wesentlich auf dem persönlichen Verhältnis zwischen Arzt und Patient.
Ich wüsste gerne, wie hoch der Anteil der Patienten ist, die mehr als eine Therapie durchlaufen mussten. Auch das trägt natürlich zur Misere bei.

#89 - 25.03.2019, 01:09 von pannenhilfe

Witzig, wie sich hier die Vertreter zweier Pseudowissenschaften gegenseitig der verdächtigen, nicht wissenschaftlich angesichert vorzugehen. The crow calling the raven black... Na immerhin, je mehr die Kopfdoktoren untereinander streiten, desto weniger Unheil können sie anrichten. In diesem Sinne:
Wer sich mit den Herren Mollath und Postel erwas näher beschäftigt, der weiss alles, was es zum Thema Psychiater und Psychologen zu wissen gibt.

    Seite 9/16