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Frag Anne: Wie bremse ich meinen kontrollwütigen Chef?

Corbis Obwohl es rund läuft, will der Vorgesetzte alles wissen, alles regeln. Arne, Projektleiter in einem Biotech-Unternehmen, fühlt sich unter Druck gesetzt. Managementexpertin Anne Weitzdörfer sagt, was er jetzt tun kann.
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#1 - 23.06.2015, 08:50 von karx11erx

Wie wär's mit einem Rat aus der Praxis?

Ich bin selber Projektmanager und hatte so einen Chef. Frau Weitzdörfers Rat ist sicher bedenkenswert, und regelmäßige kurze Statusberichte und je nach Chef auch informelle, kurze mündliche Updates sind nie ein Fehler und vermitteln die Gewissheit, dass der Projektmanager sowohl das Projekt als auch die berechtigten Bedürfnisse des Chefs im Blick hat. Wenn aber die eigene "Wohlfühlgrenze" als Projektmanager ständig überschritten wird, sollte man die Angelegenheit in einem sachlich, ruhig und klar geführten Gespräch mit dem Chef zu klären versuchen. Es gibt nämlich Chefs, die unabhängig von dessen Wichtigkeit einfach einen starken Hang haben, alles bis ins Kleinste zu kontrollieren. In diesem Fall greift der Chef in das Aufgabengebiet des Projektmanagers ein, für das er ihn eigentlich eingestellt hat. Meinem Chef habe ich damals gesagt, dass er mir jetzt entweder genügend vertraut, um mich meinen Job auch machen zu lassen, oder es selber macht. Bei mir hat das funktioniert, und ich würde es wieder so machen, denn anders kann ich nicht arbeiten - in diesem Fall gibt es für mich also beim Grundsatz "love it, change it, or leave it" nur die Möglichkeiten zwei und drei.

#2 - 23.06.2015, 08:50 von marthaimschnee

Das Verhalten des Chefs wird nachvollziehbar, wenn er die Realität und nicht das Mangementgeschwubbel vor Augen hat. In der Realität passiert es nämlich zu häufig, daß jeder versucht, sich so toll wie möglich zu verkaufen, auch und besonders gerne wenn eigentlich bereits alles am Zusammenbrechen ist. Eine solche Situation will sich kein Verantwortlicher mit wirklichem Verantwortungsbewußtsein leisten, er muß also feststellen, ob die gelieferten Daten dem tatsächlichen Zustand des Projektes entsprechen, oder ob sie evtl geschönt sind und man einen möglicherweise bedrohlichen Mißstand zu verbergen versucht in der Hoffnung, das wird schon gut gehen.
Auf der anderen Seite kann es natürlich sein, daß der Chef die Erfahrung gemacht hat, daß jeder Fehler macht und er selber meint, die unfehlbare Instanz darüber zu sein. Das Problem kann man meist nicht lösen, denn selbst wenn man dem plausibel macht, daß man jemand ist, auf den man sich verlassen kann, wird er immer mit dem Argument kontern, daß andere nicht so sind und er kontrollieren müsse. Und er wird dann den geringsten Fehler zum Anlaß nehmen zu sagen "Sehen Sie, auch bei Ihnen muß ich kontrollieren!"

Wenn das Projekt sowohl finanziell als auch zeitlich im vorgesehenen Rahmen läuft, kann man auf alle Fälle den Chef (eben mit dem Argument, daß es gut läuft) mal fragen, warum er ständig eingreift. Dann wird vermutlich die Motivation klarer und man kann spezifischer darauf eingehen und das Verhalten professionell kritisieren, wenn es unbegründet scheint.Wenn er ein guter Chef ist, sollte auch er Kritik annehmen (bei Chefs mit Neigung zum Psychopathen sollte man da aber eher vorsichtig sein).

#3 - 23.06.2015, 09:31 von thomweb

Passt fast

Das Verhalten in dem Biotechnologie-Unternehmen passt fast auf das Biotechnologie-Unternehmen, das ich letztes Jahr nach 13 Jahren verlassen habe.

Aber auch nur fast. Denn dann hätte ich noch die Worte Mobbing, Terror, nächtliche Telefonterroranrufe, Mailterror, Drohungen und nicht zu erfüllende Benchmarks zwecks Ausmerzung des aus der Firma zu vertreibenden Mitarbeiters gelesen.

Alles das fehlte in der Beschreibung. Also ist der Druck des Vorgesetzten vollkommen harmlos. Wer sich nicht wegen Selbstmordgedanken und permanentem Terror durch einen perversen Vorgesetzten und einer Personalerin, die mit extremen Sadismus gesegnet ist, krankschreiben lassen muss, wer nicht zehnmal am Tag kotzen muss und kein Magengeschwür hat, wer ohne Drogen den Terror am Arbeitsplatz übersteht, der hat kein Problem.

#4 - 23.06.2015, 09:35 von herr wal

Birnen mit Birnen vergleichen

Es gibt Chefs (und auch Untergebene), die gehen einmal pro Stunde zur Tür hinaus, um sich eine zu rauchen. Und es gibt Chefs (und auch Untergebene), die gehen einmal pro Stunde zu einer Tür hinein (oder greifen zum Telefon), um eine Anweisung zu erteilen.

Wenn sie nicht im Büro sind, sondern auf der Autobahn, verhält es sich folgendermaßen: Der erstgenannte Typ steckt sich einmal pro Stunde einen Glimmstängel an, egal ob im Stau oder bei seiner persönlichen Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h.
Der zweitgenannte Typ fährt lieber dem vorausfahrenden Fahrzeug subtil auf, um ihm seinen Herrschaftsanspruch (auf freie Fahrt für freie Bürger) zu demonstrieren.

Was man dagegen machen kann, weiß ich aber nur bzgl. Fall 1: Einfach sein lassen, und gut is. Bei Fall 2 bin ich eher skeptisch, ob ohne psychiatrische Hilfe was zu machen ist. (Weil die Suchtintensität einfach viel höher ist, wohl infolge der von den Nebennieren und der Zirbeldrüse ausgeschütteten EndoMorphine und Dopaminderivate.)

#5 - 23.06.2015, 09:35 von Antaeus79

Kontrollzwang? Sie wissen nicht, was Zwänge sind.

Niemand anderem fliegt das Expertentum so zu wie den Beratern (Volker Pispers sprach treffend von Eunuchen: Sie wissen, wie man's macht). In einer Melange aus Binsenweisheiten und Trivialpsychologie entstehen Handlungsempfehlungen, die keine solidere Basis haben als elterliche Ratschläge an den Sohnemann, der im Sportunterricht wieder nicht in die Mannschaft gewählt wurde -- nur viel teurer natürlich. Ich möchte Arne, Projektleiter, folgendes mit auf den Weg geben: Erstens, man rollt Teppiche aus, aber keine "Technologie". Zweitens, wenn Sie von sich behaupten, ein Teilprojekt voll im Griff zu haben, haben Sie es bestimmt nicht. Drittens, wenn Sie eine so niedrige Frustrationsgrenze haben, sind Sie für eine leitende Stellung ungeeignet. Viertens, wenn Sie Probleme mit Ihrem Chef haben, sagen Sie es ihm und nicht einer Beraterin, die weder Sie noch Ihren Chef kennt. Projekte fahren gegen den Baum, weil es keine Kommunikationskultur mehr gibt. In Meetings wird heiße Luft produziert (sowohl vom Beamer als auch vom Redner), und am Schreibtisch herrscht Grabesstille. Niemand spricht offen, alle haben Angst, der Chef weiß nicht, was Sache ist, die Mitarbeiter sehen das Unheil kommen, und am Ende will's niemand gewesen sein. Tag für Tag gehen Forschungsprojekte, groß und klein, den Bach runter, und -- Überraschung! -- Berater können nichts daran ändern. Bitte, fragt nicht Anne!

#6 - 23.06.2015, 09:58 von lorn order

Schon Lenin wusste...

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!
Wie oft hat man es schon erlebt, dass die Teilprojektleiter alle ihr Teilprojekt "voll im Griff" hatten, regelmäßig gemeldet haben, dass die Ampel grün sei und, oh Wunder, sehr kurz vor Projektende melden sie die Ampel dann doch auf knallrot.
Arne ist mit nur 34 Jahren ja noch ein recht junger Projektmanager, der Chef hat vielleicht mehr Erfahrung und fragt regelmäßig nach dem Stand der Dinge und gibt Tipps.

Wenn Arne sein Projekt so gut im Griff hat, kann er ja nebenbei noch schnell das Berichtswesen im Programm so verbessern, dass der Chef/Programmleiter jederzeit alle Informationen zur Verfügung hat.

Es schadet natürlich auch nicht, proaktiv dem Chef alles Neue/Wesentliche zu berichten, z.B. bei einem wöchentlichen Jour Fixe oder informell bei einem Kaffee oder einer Zigarette.
Vielleicht hört der Chef auch auf dem Flurfunk Dinge über das Projekt, von denen Arne nichts hört, weil er auf einem anderen Flurfunkkanal empfängt.....
In jedem Fall ist die Rolle der beleidigten Leberwurst, die Arne hier einnimmt, ein Zeichen mangelnder Erfahrung als Projektmanager.

#7 - 23.06.2015, 10:39 von cherrypicker

Schöngerede!

"Kann doch sein, dass Ihr Chef es gut meint." Ja. Kann aber auch sein, dass er einfach ein kontrollsüchtiger Narzisst ist oder ein manipulativer Psychopath oder beides (im empfehle dazu als Lektüre das Buch "Snakes in Suits" von Babiak/Hare).

Und bei solchen Menschen hilft nur: Klar kommunizieren. Grenzen setzen. Und wenn diese wiederholt verletzt werden: Kündigen und gehen!

Es gibt keine "richtige" Beziehung, wenn einer der beiden Partner sie ständig versucht zu pervertieren. Leider macht unser System es diesen Menschen mittlerweile allzu leicht, weil nur noch nach Performance-Zahlen gefragt wird und nicht nach Sozialkompetenz. Natürlich hat es Egomanen in Führungspositionen schon immer gegeben. In früheren Zeiten (Raubritter, preußisches Militär und so) wurden sie gerne mal von ihresgleichen erschlagen oder erschossen. Das kommt heute eher selten vor.

#8 - 23.06.2015, 10:43 von mathmag

Naja...

Zitat von Antaeus79
... Ich möchte Arne, Projektleiter, folgendes mit auf den Weg geben: Erstens, man rollt Teppiche aus, aber keine "Technologie". Zweitens, wenn Sie von sich behaupten, ein Teilprojekt voll im Griff zu haben, haben Sie es bestimmt nicht. Drittens, wenn Sie eine so niedrige Frustrationsgrenze haben, sind Sie für eine leitende Stellung ungeeignet. Viertens, wenn Sie Probleme mit Ihrem Chef haben, sagen Sie es ihm und nicht einer Beraterin, die weder Sie noch Ihren Chef kennt. Projekte fahren gegen den Baum, weil es keine Kommunikationskultur mehr gibt.
1.: wenn das hausinterne Wording (ach, Denglisch ist toll) nunmal Rollout mit Ausrollen übersetzt, dann heisst das dort so, Punkt.
2. Lässt sich ohne weitere Details nicht beurteilen.
3. Siehe zweitens.
4. Doch, gerade. Oft ist nämlich der Blick von aussen auf die Situation wesentlich hilfreicher als die Beurteilung von innen. Das ist auch der Grund für den Einsatz von Coaches und Mediatoren.

#9 - 23.06.2015, 10:47 von cherrypicker

Lenin war auch ein Psychopath

Zitat von lorn order
"Schon Lenin sagte: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!" [...] In jedem Fall ist die Rolle der beleidigten Leberwurst, die Arne hier einnimmt, ein Zeichen mangelnder Erfahrung als Projektmanager.
Schön, wie Sie hier per Ferndiagnose alles im Griff haben. Natürlich kann Arne die "beleidigte Leberwurst" sein. Aber ebenso gut kann sein Chef ein Gesäß mit Ohren darstellen. Ohne weitere Fakten kann man dazu nur "wenn ... dann ..."-Aussagen zu machen.

Wer so argumentiert, wie Sie, ist in der heutigen Arbeitswelt allerdings perfekt aufgehoben. Den direkten Weg zum Herzen seines Chefs erreicht man schließlich geradewegs durch den hinteren Zugang. Passen Sie nur auf, dass über Ihnen nicht schon einer feststeckt.

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