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Lesereise: Der Osten kam in meinen Reiseplänen nicht vor - bis jetzt

Getty Images In Ostdeutschland sind Rechtspopulisten besonders stark. Von dort bekommt unser Autor viele Hass-E-Mails. Grund genug für ihn, mal ein paar wütende Dialoge in Sachsen und Thüringen vorzulesen.
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#210 - 01.04.2019, 10:42 von The Independent

Zitat von knut.koenig
Rein betriebswirtschaftlich und Volkswirtschaftlich war die Handlungsweise der Treuhand grob gesagt schlecht, denn die betriebliche Infrastruktur auf Vordermann zu bringen und international konkurrenzfähige Produkte herzustellen wäre für uns alle wesentlich stressfreier und kostengünstiger gewesen, als es damals mit der Deindustrialisierung gemacht wurde.
Ganz so einfach war es leider nicht.
Stressfreier? Vielleicht. Kostengünstiger? Sicher nicht.

Beim vom Bauklotzstauner favorisierten Beispiel der Glaswerke Ilmenau hätte laut der Berechnung der Unternehmensberatung (Frühjahr 1990) die Treuhand (und die Banken) 300 Millionen D-Mark pro Jahr (mit erhoffter fallender Tendenz) in die Glaswerke pumpen müssen, bis die Chance bestanden hätte, ab 1993 die Profitzone zu erreichen. Und das war die optimistische Rechnung, es wurde auch für möglich gehalten, dass es im Falle des Wegfalls von Ostblockkunden (von denen viele durch die Währungsunion - also die Verteuerung der Produkte - dann tatsächlich wegfielen) auch bis 1995 oder länger hätte dauern können.
Allein bis 1993 hätten die Glaswerke also mindestens eine halbe Milliarde D-Mark an Schulden angehäuft (eher mehr), und wenn es schlecht gelaufen wäre, dann hätten sie allein bis 1993 knapp 1 Milliarde D-Mark Schulden angesammelt. Und die hätten auch mal irgendwann zurückgezahlt werden müssen.
Die 300 Millionen/Jahr hätten natürlich von der Treuhand und den Banken kommen müssen. Und das war nur dieser eine Betrieb, die Treuhand musste aber viele solcher Betriebe betreuen/durchbringen. Die Treuhand hat zwar teilweise stümperhaft agiert, und auch so einige Betriebe für 1 DM an Westgauner und ehemalige SED-Seilschaften verschachert, aber betriebswirtschaftlich gesehen war die Aufgabe in vielen Fällen alles andere als einfach.

#211 - 01.04.2019, 17:36 von bauklotzstauner

Vielleicht mal als Material eine interessante Doku:

https://youtu.be/OSDsg94F1sM

Über de Glasindustrie Ilmenau wird ab etwa 1h09 berichtet. Und @The Independend: 300 Mio mag viel klingen. Wenn ich mir allerdigns anschaue, daß den westdweutschen Banken mindestens 400 Milliarden (200 Mrd Euro!) einfach so geschenkt wurden - Steuergelder über den "Erblastentilgungsfonds" mit der schlichten Erfindung (!!) von Schulden, für die dann der Staat geradestand, sind 300 Mio wenig!

https://www.tagesspiegel.de/meinung/schulden-ohne-suehne/620948.html

Ein gigantisches Kapitalverbrechen, das bis heute niemanden interessiert! Und damit wurde kein einziger Arbeitsplatz erhalten oder geschaffen! Das Gelkd ging einfach in den Besitz der Banken über.

Übrigens:
Umgerechnet auf die 12.600 Mitarbeiter (Wiki) in Ilmenau wären 300 Mio DM im ersten Jahr 24.000 DM pro Nase gewesen - mit der Erwartung, daß es ab da immer biliger würde. Nach ein paar Jahren wäre man aus dem Schneider gewesen - udn die Region könnte davon bis heute profitieren. Das klingt zwat erst mal viel, aber macht man sich klar, daß Bergleute mit rund 100.000 DM pro Kopf und Jahr subventioniert wurden, und das dauerhaft, beginnt man zu grübeln...

Geschaffen wurden damals im Osten weitläufige Brachen - die bis heute brach liegen. Und keiner "versteht", wieso der Osten nicht auf eigene Beine kommt....

#212 - 02.04.2019, 14:38 von The Independent

Zitat von bauklotzstauner
1) Vielleicht mal als Material eine interessante Doku: ...... 2) mit der Erwartung, daß es biliger würde. Nach ein paar Jahren wäre man aus dem Schneider gewesen
1) Ich habe mir den Film angesehen.
In diesem Film wird deutlich, dass eine nicht parlamentarisch kontrollierte Treuhand die Zukunft von "10.000 größeren Unternehmen, 30.000 Handelsunternehmen und 50.000 Immobilien" gestaltete, + die Regierung mit der Kontrolle der Treuhand absolut überfordert war, was durchaus vorschnelle Abwicklungen begünstigte und auch kriminelle "Investoren" anzog. Im Film wird aber auch geschildert, dass man für eine sauber geprüfte Abwickl./Veräußerung pro Betrieb rund 6 Monate gebraucht hätte.

2) Scheunert beschreibt in dem Film die Möglichkeit des Erhalts der Glaswerke als "Utopie". Das Berger-Gutachten wurde nicht nur vor der Wiederverein., sondern auch vor der Währungsunion gefertigt, also vor dem Wegfall der Ostaufträge.
Nach dem Wegfall hätte ein künstliches Päppeln der Glaswerke mit massiven (West-)Steuergeldern die Westbetriebe durch Überproduktion massiv gefährdet. Hier hätte die Politik die Entscheidung treffen können, dass man Teile der modernen Westbetriebe mit Weststeuergeldern zum Vorteil der Ost-Glaswerke vor die Hunde gehen lässt. Volkswirtsch. gesehen wäre das aber Schwachsinn gewesen.

Scheunert sagt auch, dass man ein "Weiterlaufen" hätte durchziehen können, aber am von ihm geschilderten Beispiel seiner Treuhand-Kollegen, die solche Betriebe schnell an Investoren verkauften, nur um dann 3 Jahre später die Betriebe doch in die Insolvenz rutschen zu sehen, macht Scheunert klar, dass die Lage der Werke aussichtslos war. Auch ein Investor hätte auf die massive Überprod. reagieren, Stückz. reduzieren + AN entlassen müssen, und er hätte trotzdem massive Subventionen gefordert.
Man wäre also nicht nach einer Umbruchzeit "aus dem Schneider" gewesen, wie Sie fabulieren.
Von den 12 Produktionsstrassen hat nur 1 Montagelinie Laborgeräte für den Westexport produziert. Durch die Umstellung der Währung hatten sich aber auch diese Geräte verteuert (= weniger Absatz). Man hätte zwar z.B. diese Strasse erhalten + mit sagen wir 50-200 AN weiterbetreiben können, allerdings waren diese fast nur in Westdeutschland absetzbaren Geräte Nischenprodukte, die es dann - aufgrund der höheren Endpreise - nicht nur in Westdeutschland, sondern auch im weltweiten Nischensegment mit Sicherheit schwer gehabt hätten.

#213 - 03.04.2019, 04:17 von thor.z1367

Vergebene Liebesmühe

Wer im Osten reißt verschenkt nur Geld und unterstützt den braunen Mob .Solange Ossi solche Nazi sind sollte man eher wieder eine Mauer hochziehen.

#214 - 03.04.2019, 13:13 von oalos

Fast richtig.

Zitat von Augustusrex
Hallo Herr Kazim, Sie dürfen bitte einigen hier ihre Sprüche nicht übelnehmen. Schauen Sie, die SED hatte 1989 rund 2,3 Mio Mitglieder. 2,3 Millionen Kommunisten, deren politische Heimat plötzlich zusammenbrach. Die DDR wurde abgewickelt und von der BRD aufgenommen. Die Lebensleistung extrem vieler Menschen war plötzlich nichts mehr wert. Das nagt natürlich am Selbstwertgefühl. Auch wenn der Einzelne infolge der Verhältnisse in der DDR dafür nichts konnte, so wurde es ihm doch recht deutlich unter die Nase gerieben. Ich denke da nur an die Treuhand. Bedingt dadurch kam es zur Legendenbildung. Das fing an mit z,B. der Flugzeugentwicklung in der DDR- Der Typ 152 war demnach das beste Düsenverkehrsflugzeug der Welt, aber die Sowjets haben den Bau verboten. Weiter, der Golf wurde eigentlich weitgehend von der DDR entwickelt, aber das Politbüro der SED hat den Bau verboten. LCD-Anzeigen wurden der Legende nach in der DDR entwickelt, aber vom Politbüro nach Japan verkauft. Das ging schließlich soweit, dass nur Dank der Existenz der DDR der Lebensstandard so war wie er war. Die bösen Kapitalisten mussten dafür sorgen, dass es den Bürgern im Westen besser ging als denen in der DDR, sonst wäre ja vielleicht in der BRD die kommunistische Revolution ausgebrochen. Solche Dinge bleiben natürlich doch längere Zeit erhalten und man kann sich damit selbst Trost zusprechen und sich vergewissern, dass man doch das bessere Deutschland war. Haben Sie also bitte Mitleid mit und Verständnis für einen Teil der Menschen im Osten.
"...sonst wäre ja vielleicht in der BRD die kommunistische Revolution ausgebrochen." Dagegen war vorgesorgt. Mit den sog. Notstandsgesetzen.

#215 - 03.04.2019, 22:27 von The Independent

Zitat von Augustusrex
1) Das fing an mit z,B. der Flugzeugentwicklung in der DDR- Der Typ 152 war demnach das beste Düsenverkehrsflugzeug der Welt, aber die Sowjets haben den Bau verboten. ..... 2) Weiter, der Golf wurde eigentlich weitgehend von der DDR entwickelt, aber das Politbüro der SED hat den Bau verboten.
Legenden, Mythen, Träume.
Die DDR hatte produzierte die besten und innovativsten technischen Errungenschaften ..... leider nicht.
1)Die 152 war ein Design aus den 50er-Jahren und war bereits 1961, dem Jahr in dem der Flugzeugbau in der DDR eingestellt wurde, veraltet, und wäre 1963, dem eigentlich angestrebten Jahr der Musterzulassung, bereits hoffnungslos veraltet gewesen. Ab 1956 flog bereits die russische TU-104, ab 1962 die Tu-124, die wesentlich moderner war. Auch fehlten in der 152 wichtige Instrumente, es gab z.B. keinen künstlichen Horizont, und die Anordnung der Triebwerke entsprach dem Wissensstand der frühen 50er-Jahre.

2) Zu den ersten Fahrzeugen mit Fliessheck und vergleichsweise kurzer Schnauze gehörten der Autobianchi Primula und der Renault 16, die bereits 1964 bzw. 1965 in Serie gebaut wurden, also zu einer Zeit, zu der der Trabant 603 noch in der Entwicklung war. Das erste Fahrzeug dieser Bauart überhaupt war vermutlich der westdeutsche Glas 1004 CL. Wenn VW irgendwo abgekupfert hätte, dann sicherlich bei diesen prominenten Modellen, und nicht bei einem Prototypen von Trabant, der nie in Serie ging.

#216 - 03.04.2019, 22:35 von The Independent

Zitat von Augustusrex
Weiter, der Golf wurde eigentlich weitgehend von der DDR entwickelt, aber das Politbüro der SED hat den Bau verboten.
Das erste westdeutsche Fahrzeug dieser Bauart, der Glas 1004 CL, wurde übrigens bereits ab 1966 in Serie gefertigt.
Zudem gab es einige japanische Modelle, die gerade ab den späten 60er-Jahren die Bauform "Fließheck+kurze Schnauze" zunächst in Asien, und dann über den vermehrten Export z.B. auch in Westeuropa populärer machten.
Diese dann beim Golf wieder aufgegriffene Bauform orientierte sich also an Vorbildern aus Westdeutschland und Japan, aber nicht an einem Prototypen aus der DDR.

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