einestages

40. Geburtstag der DDR

Das letzte Mahl

Ein Abend der Erkenntnis: Als die Polit-Prominenz am 7. Oktober 1989 im Palast der Republik mit den Weltführern des Kommunismus das 40-jährige Bestehen der DDR feierte, saß Klaus Taubert mit am Tisch. Für den Gast auf Platz 406, Chefreporter der Nachrichtenagentur ADN, war das Festmahl ein Routinejob - doch mit dem Toast kam die Überraschung.

Das Bundesarchiv/Rainer Mittelstädt
Montag, 25.10.2010   18:04 Uhr

Es war der blanke Horror, Hitchcock hätte ihn nicht besser inszenieren können. Im Palast aus Stahl und Glas treffen sich die oberen Tausend eines vom Untergang gezeichneten Establishments. Von der Straße aus ist zu erkennen, wie sie im Gegenlicht Hunderter Lampen von einer Glasscheibe zur anderen huschen - sie wollen den Ansturm einiger Tausend Uneingeladener sehen. Das hatte es noch nicht gegeben! Nicht nach dem 17. Juni 1953.

Polizeiketten versuchen die vom Alexanderplatz kommende Menge zurückzudrängen. Auf Sächsisch schreit ein Polizist: "Gähen Sie zurück!", die Menge antwortet vielstimmig: "Gähen Sie zurück!" Die Demonstranten haben es nicht darauf abgesehen, den Palast zu stürmen. Sie wollen lediglich gehört werden, solange ihr Hoffnungsträger Michail Gorbatschow unter den Gästen weilt. "Gorbi, hilf uns" und "Wir sind das Volk" lauten Rufe, die gegen die Fassade des Ost-Berliner Palastes der Republik prallen.

Ich selbst blicke aus dem zweiten Geschoss der Rückseite des Palastes und sehe die Menschen am Spreeufer. Ohne Übertreibung: Mir stockte das Blut. Das Bild prägte sich für immer ein. Es ist der Abend des 7. Oktober 1989, kurz vor 18 Uhr. Der erste Mann im Staat hat zu einem Festempfang zum 40. Geburtstag der DDR geladen. Im großen Saal, dessen gepolsterte Sitzreihen hydraulisch an die Decke gehievt wurden, um Platz für reichgedeckte Tafeln zu schaffen, sitze ich an einem sechseckigen Tisch auf Platz 406 und bin beunruhigt. Wie wird der Abend enden?

Eine makabre Nachspeise

Der Protestmarsch der Frauen, Männer und Jugendlichen beschäftigt die ganze Festgesellschaft. Vor fünf Monaten, am 7. Mai, waren die Wahlen gefälscht worden. Einsprüche wurden zurückgewiesen. Seitdem gibt es an jedem siebten eines Monats Protestaktionen. Ein paar Tische weiter sehe ich kirchliche Würdenträger mit ernsten Gesichtern in verhaltenen Gesprächen vertieft, die Generalität ist todernst, Diplomaten wahren Contenance, verdienstvolle Werktätige, Kunstschaffende, Sportler und das Funktionärskorps sind rat- und sprachlos, hier und da wird getuschelt. Alle, so scheint es, beobachten sich gegenseitig. Die Minuten brennen sich in das Langzeitgedächtnis.

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Oktober 1989: Doch keine Routine

Vor mir auf dem Tisch liegt die Menükarte für den Abend. "Extra starke Putensuppe", "Forellenröllchen mit Dillsauce und Lachskaviar" und "Schaumbrot von Räucherzunge" lese ich. Dennoch will sich kein Appetit einstellen. Auch nicht bei "Zuchtwachtelbrüstchen mit Maispüree". Das Dessert "Surprise" halte ich für einen makabren Scherz des Chefkochs. In meinem Umfeld laufen Männer, die etwas zu sagen haben, aufgeregt hin und her. Der Berliner SED-Chef Günter Schabowski spricht mit Stasi-Minister Erich Mielke, als ob beide sich gegenseitig die Schuld über das zuschieben, was nicht zu vertuschen ist.

Es ist 18 Uhr. In der Mitte des Saales, an einer sechseckig aufgebauten Tafel für 24 Personen, hat sich die Creme de la Creme des revolutionären Weltprozesses versammelt. Vom Palästinenserführer Arafat bis zum Chinesen Yilin, vom Mongolen Batmunch bis zum Jemeniten Ali Salem al-Beidh erweist man dem alten Kämpfer Honecker die Ehre, allen voran Michail Gorbatschow und die anderen Oberhäupter der Warschauer Vertragsstaaten. Später erst weiß man, dass Gorbatschow schon wenige Stunden später tief enttäuscht wieder in Moskau landete. Für ihn sind die Tage des SED-Chefs gezählt. "Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren", hatte ich ihn am Vortag Unter den Linden sagen hören.

Schmuckloser "Held"

Ich lege den auf acht DIN-A5-Seiten vorbereiteten Toast zur Eröffnung des Abends sorgfältig vor mich auf den Tisch. Es ist die Kopie der Rede, die Erich Honecker in seiner Jackentasche zu stecken hat. In wenigen Minuten werde ich, der Chefreporter der DDR-Nachrichtenagentur ADN, die Ansprache mit möglichen Veränderungen präzisieren und zur Veröffentlichung freigeben. Nachrichtensendungen werden daraus zitieren, Tageszeitungen den Wortlaut drucken. Da muss jedes Wort stimmen.

Bewegung kommt in die bizarre Atmosphäre. Alle erheben sich von ihren Plätzen, begrüßen Erich Honecker und Michail Gorbatschow mit starkem Applaus, als die vermeintlichen Kampfgefährten zur Saalmitte schreiten. Beide tragen dunkle Anzüge, Gorbatschow mit dunkelrotem Schlips, Honeckers Krawatte ist quergestreift, überwiegend grau. Während der sowjetische Gast schmucklos ohne jeden Orden erscheint, ist an Honeckers linker Brustseite neben dem Parteiabzeichen nur die goldglänzende Medaille mit den Jahreszahlen "1949-1989" auf der Spange und dem Staatsemblem sowie dem Text "Für Verdienste um die Deutsche Demokratische Republik" auf dem runden Anhänger. Wieso diese Bescheidenheit? Der dreifache "Held der DDR" trägt keinen der dazugehörigen Sterne, keinen seiner mindestens sechs Karl-Marx-Orden.

Honecker und Gorbatschow sitzen nebeneinander, Margot Honecker und Raissa Gorbatschowa, die sich gegenseitig nicht über den Weg trauen, jeweils daneben. Selbst nach dem Toast vermeiden es die Gattinnen, miteinander anzustoßen. Die Abneigung geht von der ostdeutschen Volksbildungsministerin aus, die bisher alle Möglichkeiten mied, mit der promovierten schönen russischen Philosophin zusammenzutreffen. "Beim Besuch ihres Mannes zum SED-Parteitag 1986 hatte die nichts Eiligeres zu tun, als in West-Berlin einzukaufen, hat Margot sich empört", so sagte mir kurze Zeit später ihr persönlicher Kraftfahrer und fügte hinzu: "Ich dachte unwillkürlich an den Laden in ihrer Wohnsiedlung bei Wandlitz, der überwiegend mit Westwaren bestückt und für mich als Kraftfahrer tabu war."

"Es war ein Irrtum"

Die Hymne der DDR erklingt wegen "Deutschland einig Vaterland" nur konzertant, ohne Gesang - wie schon seit 1974. Dann folgt laut Protokoll der Toast Erich Honeckers. Ich nehme den Stift zur Hand und stelle schon im ersten Satz eine Veränderung fest. Es sei ihm nicht nur eine "Freude", sondern eine "große Freude", die Gäste begrüßen zu können, sagt er mit ungewöhnlich brüchiger Stimme. Er ringt sich die Sätze förmlich ab. Plötzlich merke ich, dass er gar nicht mehr dem Manuskript folgt. Doch der Text kommt mir bekannt vor. Ich blättere rasch, finde den Anschluss wieder. Honecker hat fünf Seiten übersprungen. Die Entscheidung muss im letzten Moment gefallen sein, denn bis vor einer Stunde galt noch das alte Manuskript. Er liest noch zwei Sätze über die DDR als zuverlässigen Friedensfaktor in Europa und über den Sozialismus, der auf unerschütterlichen Grundlagen stehe. Dann der Trinkspruch, Beifall, Gläserklingen - das war es.

So unauffällig wie möglich pirsche ich mich angesichts der erheblichen Veränderungen an die Tafel der Großen heran, lasse mir von Erich Honecker bestätigen, dass ich seine Rede in der vorgetragenen Kurzfassung von vier Sätzen an die Medien gebe. "Ja", sagte er, "mach das mal so." Ich habe den Eindruck, dass ihn das nicht sonderlich interessiert und ihn ganz andere Probleme umtreiben. Wer verstünde das nicht?

In seinen späteren "Moabiter Notizen" schreibt Honecker: "Es war und bleibt ein Irrtum zu glauben, dass die 'Wende' im Jahr 1989 von der Straße eingeleitet worden wäre." Eine der vermeintlichen Ursachen saß an jenem Abend neben ihm.

Ein Abend der Erkenntnis?

War es Resignation, dass Honecker seine Rede ad hoc einkürzte? Ich hatte in den nicht gesprochenen Sätzen einen Funken Hoffnung entdeckt. Honecker wollte sagen: "Die DDR ist der Zukunft zugewandt. Ihre Politik der Kontinuität und der Erneuerung schließt auch weiterhin Veränderungen ein. Ohne das gäbe es keinen Fortschritt. Wir lassen in dieser Hinsicht keine Unklarheit zu." Aber dann wieder sein unverrückbarer Standpunkt: "Der Marxismus-Leninismus und die in unserer Verfassung und im Leben verankerte führende Rolle der Partei der Arbeiterklasse sind unverzichtbar. Jene im Westen, die den Sozialismus für gescheitert erklären, befinden sich auf dem Holzweg." Er deutete Reformbereitschaft an. Man sei "zu qualitativ neuen Schritten auf allen gesellschaftlichen Gebieten imstande, um die Herausforderungen der neunziger Jahre zu bewältigen." Doch der Holzweg war bereits planiert.

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Hatte Erich Honecker seit dem Fall der ungarisch-österreichischen Grenze, den Botschaftsereignissen in Prag und Warschau und angesichts der zunehmenden Demonstrationen auf den Straßen der DDR den Glauben an die Erneuerung des Sozialismus verloren? Hatte ihn sein Gesundheitszustand vor den Herausforderungen der Zeit kapitulieren lassen? Oder hatte er gar heimlich einen Blick aus seinem Aufenthaltsraum im Palast auf die Straße geworfen?

Zehn Tage später gab er seine Macht kampflos ab. Er war am Ende. Die Träume seines anfangs revolutionären Lebens blieben unerreicht, weil sie unerfüllbar waren. Möglich, dass die spontan gekürzte Rede an diesem Abend ein deutliches Anzeichen für diese Erkenntnis war. Aber auch seine Nachfolger hatten keine besseren Konzepte.

insgesamt 1 Beitrag
Christian Felchow 27.10.2010
1.
Nicht nach dem 17. Juni 1953 Erkenntnis braucht Zeit, um das Problem der Geschichtsumschreibung zu überwinden. Wie sie richtig schreiben, ist der 9.11. mit Sicherheit kein Tag, an dem eine friedliche Revolution gesiegt [...]
Nicht nach dem 17. Juni 1953 Erkenntnis braucht Zeit, um das Problem der Geschichtsumschreibung zu überwinden. Wie sie richtig schreiben, ist der 9.11. mit Sicherheit kein Tag, an dem eine friedliche Revolution gesiegt hatte, sondern eine perfekte Umsetzung eines Planes. Ohne die lenkende Wirkung der SU, wäre das alles nicht möglich gewesen, wie diesmal eine kleine Gruppe Eingeweihter, die diesen, ihren Plan bis zum Ende bringen konnte. Was am 17.Juni 1953 mittags scheiterte, weil der "Mitspieler" nicht mitspielte ( nach Erich von Manstein lehnte dieser eine Wiedervereinigung ab, die nach dem Vorbild Österreichs geschehen sollte ), um dann selbst den Empörten zu geben, der die "Soffjets" verurteilte. Der damalige Initiator in der SU wurde hingerichtet, was Gorbatschow bei dieser Planung erspart blieb. Aber es dauert sicher noch Jahre, bis sich das reale Geschehen durchsetzen wird.

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