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Festivalfotograf Elliott Landy

Woodstocks schüchternes Auge

Hippies auf Lichtmasten, im Schlamm, nackt und high: Zufällig wurde Elliott Landy offizieller Fotograf von Woodstock. Planlos ließ er sich treiben, wartete oft im Hintergrund ab - und schuf legendäre Bilder.

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Samstag, 17.08.2019   13:34 Uhr

"Ich saß auf einem Hügel weit oben hinter der Bühne mit ein paar Freunden und rauchte Gras - das gewaltige Ausmaß von Woodstock lag vor mir", erzählt Elliott Landy. "Obwohl die Musik weiterging, war es um uns herum ruhig. Dieser Moment, diese Kameradschaft war wie ein kleiner Urlaub."

27 Jahre war Elliott Landy, als Woodstock sein Leben veränderte. Er war damals Rock'n'Roll-Fotograf, porträtierte Musiker, fotografierte Konzerte. In der Musikszene hatte er sich bereits einen Namen gemacht, besonders wegen seiner Arbeit mit Bob Dylan, The Band und Janis Joplin. Er lebte in New York und zog - auf der Suche nach einem größeren Haus - zufällig genau dorthin, wo später eines der legendärsten Musikfestivals organisiert werden sollte: nach Woodstock.

Heute ist der US-Amerikaner 76 und fotografiert immer noch leidenschaftlich - wenn auch keine Rockstars und Konzerte mehr. An Woodstock erinnert er sich trotzdem gern.

Fotostrecke

Woodstock-Fotograf: Der nette Herr Landy

"Es ist wunderbar, Teil von Woodstock gewesen zu sein, weil es so ein fantastischer Moment für die Menschheit war", sagt Landy, "ein Beispiel dafür, dass Menschen harmonisch miteinander auskommen können."

Landy wurde, mehr oder weniger per Zufall, der offizielle Fotograf des Festivals. Seine Schwester kannte Michael Langs Freundin. Und so trafen sich der spätere Festivalproduzent und der Musikfotograf. Eines Tages kam Lang auf seinem Motorrad zu Landy und fragte, ob er ein Festival fotografieren möchte. Der fragte zurück, wer auftritt.

Elliott Landy

Elliott Landy in Woodstock

"Michael nannte mir ein paar Namen, und mir wurde klar, dass einige bekannte Leute da sein würden. Also sagte ich zu. Seine Antwort war nur ein simples 'Okay', bevor er auf seinem Motorrad davonfuhr. Das war's. Wir haben nicht mal Hände geschüttelt, nicht über Geld, Verträge, Rechte geredet. Wir wussten nur beide, dass es groß wird."

So groß, dass Landy sich von Bob Dylans Manager Albert Grossman, mit dem er befreundet war, einen Verleger suchen ließ, um später einen Fotoband herauszubringen. Darüber hinaus hatte Landy aber zunächst keinen Plan, was er überhaupt fotografieren wollte. "Ich bin einfach hingegangen und habe geguckt, wohin es mich treibt."

"Es war eng und schlammig. Aber niemand beschwerte sich"

Es sei der Geist der Sechziger gewesen, der Woodstock so friedlich gemacht habe, glaubt er. Dieses Sich-umeinander-Kümmern, statt sich nur mit sich selbst zu beschäftigen.

"Es war eng, es war schlammig, aber keiner hat sich beschwert. Jeder war in seiner eigenen Welt, und keiner hat sich gestört gefühlt." Zu dieser Kultur habe auch der Wunsch gehört, Essenzielles zu verstehen. "Alle haben nach dem Sinn des Lebens gesucht. Sei es mit spirituellen Büchern, neuen Aussagen, Lehren, neuen Sichtweisen."

Foto: DER SPIEGEL

Einen dieser spirituellen Momente hielt Landy mit der Kamera fest, als der indische Guru Swami Satchidananda auf der Bühne meditierte - vor ihm ein Meer aus Menschen. "Ich war mehr damit beschäftigt, das richtige Bild zu bekommen, deswegen habe ich nicht das fühlen können, was die Menschen gefühlt haben. Aber ich bin mir sicher, dass so etwas auch die Stimmung geprägt hat. Die Energie, die sie in ihrem meditativen Zustand verbreitet haben, ohne jemandem etwas aufzuzwingen."

Umarmungen statt Strafen

Das Festival fand auf einer Farm im Bundesstaat New York statt. Geschätzt 400.000 Besucher strömten in den kleinen Ort Bethel. Und doch wurde während des gesamten Festivals keine einzige Gewalttat gemeldet. Für Landy lag das an einer unorthodoxen Idee der Veranstalter:

"Sie haben die Leute von der Hog Farm zu Gesetzeshütern gemacht. Anstelle einer 'Police Patrol' gab es eine 'Please Patrol'. Und wenn sich jemand verrückt benahm, haben sie die Person umarmt, statt sie zu Boden zu werfen." Trotzdem stand der Gouverneur von New York - beunruhigt von Gerüchten - kurz davor, Truppen nach Woodstock zu schicken. Die Investoren des Festivals konnten ihn gerade noch davon abhalten.

Elliott Landy/ Magnum Photos/ Agentur Focus

"Wissen Sie, jeder hat Marihuana geraucht, alle haben ihre Klamotten ausgezogen, nackt gebadet - beides war illegal. Und obwohl das die Polizei nicht gut fand, hat der Gouverneur entschieden, nicht reinzugehen. Meiner Meinung nach war Woodstock friedlich, weil sie es sich selbst überlassen haben."

Die Investoren des Festivals, Joel Rosenman und John Roberts, sind für Landy gar moralische Vorbilder: "Sie wussten, dass sie eine Menge Geld verlieren. Aber anstatt davonzulaufen, beschlossen sie, ihr Versprechen zu halten und jede Band zu bezahlen, schließlich konnten sie die ganzen Menschen nicht im Stich lassen. Sie sahen sich in der Verantwortung, und das ist Integrität. Das braucht die Welt, auch heute noch."

Glückwunsch von einem Konservativen

Und dann war da noch der Farmbesitzer und Milchbauer Max Yasgur, eigentlich der völlige Gegenentwurf zur Hippie-Bewegung: konservativ und ein Unterstützer des Vietnamkriegs. "Er war ein älterer Mann, und die Besucher von Woodstock ruinierten seine Farm", berichtet Landy. Trotzdem verteilte Yasgur kostenlos große Mengen an Wasser und Milchprodukten und ging sogar kurz auf die Bühne. "Er sagte in etwa: 'Ihr jungen Leute habt der Welt gezeigt, was diese Generation ausmacht.' Und dann gratulierte er ihnen."

Landy zählte zu diesen jungen Leuten, auch er hatte gegen den Vietnamkrieg protestiert. "Die meisten Älteren waren konservativ, verstanden die Hippie-Bewegung nicht wirklich. Für sie war beispielsweise das Rauchen von Marihuana eine Straftat", erinnert sich Landy, heute selbst einer der Älteren. Seine Ansichten hat er allerdings behalten. So findet er, dass Marihuana legalisiert werden sollte, aber das erzählt er nur nebenbei.

Seine Fotos von Woodstock gingen damals um die Welt. Menschen auf Lichtmasten, im Schlamm, gewickelt in Decken - nackt und high. 80 Rollen Film hatte er mitgenommen und verwendete sie für Aufnahmen aus der Beobachterperspektive - arrangiert wirken sie jedenfalls nicht.

"Ich war viel schüchterner damals. Wenn ich Fotos gemacht habe, habe ich nichts gesagt, nicht mit den Menschen interagiert", erklärt Landy. "Mir war nur wichtig, dass ich von niemandem die Intimsphäre verletze. Also wartete ich oft, bis die Menschen entspannt waren, bevor ich den Auslöser drückte. Deswegen sehen meine Fotos so aus, wie sie aussehen."

Landy gilt als einer der ersten Fotografen, die als Künstler bezeichnet wurden. Er selbst beurteilt das völlig anders. "Ich sehe mich nicht als Künstler, ich identifiziere mich noch nicht mal als Fotograf. Ich mag es, Fotos von Dingen zu machen, die mir gefallen, und diese Bilder dann zu teilen", erzählt er. Daran habe sich bis heute nichts geändert.

Von Woodstock lernen

Derzeit arbeitet er an einem Fotoband über seine Frau. "Love at Sixty" nennt er ihn, weil sie sich in diesem Alter kennengelernt haben. Auch eine App für interaktive Musikvideos hat er entwickelt.

Das Festival lässt Elliott Landy trotzdem nicht los. "Keiner konnte ahnen, dass Woodstock auch 50 Jahre später noch so wichtig sein würde", sagt er. "Woodstock war ein utopischer Moment der Menschheit. Wir können viel von den Besuchern in Woodstock lernen."

insgesamt 6 Beiträge
Peter Braczko 17.08.2019
1. Schon 50 Jahre her?
Interessante Bilder, fotografisch aber nicht besonders herausragend, die Leica-Fotos überzeugen auch nicht gerade durch Schärfe und Kontrastreichtum, trotzdem bestelle ich nach diesem SPON-Artikel ein Woodstock-Buch von Landy, [...]
Interessante Bilder, fotografisch aber nicht besonders herausragend, die Leica-Fotos überzeugen auch nicht gerade durch Schärfe und Kontrastreichtum, trotzdem bestelle ich nach diesem SPON-Artikel ein Woodstock-Buch von Landy, vielleicht revidiere ich dann meine Meinung. Den Woodstock-Film sah ich mir (damals) zweimal im Kino an, dazu am vergangenen Freitag die Wiederholung auf "arte". Die Top-Musiker: Joan Baez, Santana, Richie Havens und Jimi Hendrix, dazu der irre Auftritt von Ten Years After. Immer wieder sehenswert!
peter baetz 17.08.2019
2. ich
muss bei sowas (leider?) immer an philip k. dicks "träumen elektrische schafe von androiden?" (vergebt ihm - android als betriebssoftware fürs handy kannte er noch nicht) denken ...
muss bei sowas (leider?) immer an philip k. dicks "träumen elektrische schafe von androiden?" (vergebt ihm - android als betriebssoftware fürs handy kannte er noch nicht) denken ...
Michael Altmann 18.08.2019
3. Alter
Er war also 27 während des Festivals und ist heute 76? Wie geht das wenn zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels Woodstock ziemlich exakt 50 Jahre her ist? Altert man als Photograph langsamer?
Er war also 27 während des Festivals und ist heute 76? Wie geht das wenn zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels Woodstock ziemlich exakt 50 Jahre her ist? Altert man als Photograph langsamer?
Ronald Soll 20.08.2019
4. Elliott Landy´s Fotos
haben einen nachhaltigen Wert. Es gab ein paar Fotografen, die dicht dran waren. Henry Diltz war es auch.
haben einen nachhaltigen Wert. Es gab ein paar Fotografen, die dicht dran waren. Henry Diltz war es auch.
michael zimmermann 21.08.2019
5. Woodstock 2019
Den so vielfach beschworenen Geist von Woodstock können wir heute gut gebrauchen in unserer ichverliebten, egozentrierten, SUVGesellschaft wäre es gut, wie damals, das "Ich" in ein "Wir" zu transformieren. [...]
Den so vielfach beschworenen Geist von Woodstock können wir heute gut gebrauchen in unserer ichverliebten, egozentrierten, SUVGesellschaft wäre es gut, wie damals, das "Ich" in ein "Wir" zu transformieren. Landys Bilder zeigen dieses erstrebenswerte Miteinander, welches uns leidef allzu schnell wieder verloren ging.

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