einestages

Pearl Harbor

Vereinigte Staaten von Hysteria

Plötzlich war der Feind überall: Nach dem Schock von Pearl Harbor bereiteten sich die USA panisch auf eine Invasion der Japaner vor. Das Militär lieferte sich Feuergefechte mit imaginären Flugzeugen, sperrte Zehntausende Staatsbürger weg - und räumte erst Jahrzehnte später Fehler ein.

AP
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Mittwoch, 07.12.2011   13:00 Uhr

Die Luftabwehr feuerte und feuerte und feuerte. Stundenlang. Insgesamt 1430 Granaten. Auf einen Gegner, der ihr immer unheimlicher wurde. Er näherte sich, mal in riesigen Verbänden, dann in winzigen Staffeln. Er war unglaublich schnell und im nächsten Moment extrem langsam. Flog gleichzeitig sehr hoch und äußerst niedrig. Und am schlimmsten: Er war einfach nicht zu treffen. Trotz des Dauerbeschusses wollte kein Flugobjekt vom Himmel stürzen.

In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar 1942 gab es keine Zeit, über solche Widersprüche nachzudenken. Der Ernstfall war eingetreten. Japan hatte angegriffen. Wenige Wochen nach der Katastrophe von Pearl Harbor sollte nun Los Angeles in Grund und Boden gebombt werden. Seit die Flugabwehr dort um 22.23 Uhr Alarm ausgelöst hatte, tobte der Zweite Weltkrieg auch im Herzen der USA.

Zumindest tobte er in den Köpfen der Bürger und Militärs. Denn in Wirklichkeit hatten die Japaner gar nicht angegriffen. Alle Meldungen von Hunderten feindlichen Flugzeugen jeglicher Größe, die sich mit "200 Meilen pro Stunde" näherten, waren falsch. Amerikas Nerven lagen an diesem 24. Februar so blank, dass die Artillerie ins Nichts ballerte. Mit Folgen: Die "Schlacht um Los Angeles" löste Chaos und Autounfälle aus und kostete mindestens einen Menschen das Leben: Er starb vor Aufregung an Herzversagen.

Eine verunsicherte Nation

Der bizarre Vorfall entwickelte sich zur kleinen Staatsaffäre. Marine und Kriegsministerium stritten öffentlich, ob es denn nun feindliche Flugzeuge gegeben habe oder nicht. Während die Marine schnell einen völligen Fehlalarm zugab, behauptete Kriegsminister Henry Stimson weiterhin, dass womöglich bis zu fünf Flugzeuge beteiligt waren. Damit war die Verwirrung perfekt. Die "New York Times" sah Zeichen für "teure Inkompetenz" und "Heidenangst". Beunruhigt fragt die Zeitung: "Was wäre wohl bei einem echten Luftangriff passiert?"

Und so spiegelte die Himmelsschlacht gegen einen imaginären Feind (vermutlich hatte die Artillerie auf harmlose Wetterballons geschossen) ziemlich genau die damalige Gefühlslage der Nation wider: verunsichert, verängstigt, hysterisch.

Ausgelöst hatte das ein realer Angriff wenige Wochen zuvor: Am 7. Dezember 1941 hatten die Japaner überraschend die in Pearl Harbor liegende US-Pazifikflotte bombardiert und das Selbstbewusstsein der Weltmacht erschüttert. Bestürzt schnappten sich viele Amerikaner einen Globus und suchten erst einmal nach diesem winzigen Fleck auf Hawaii, der zur tödlichen Falle für mehr als 2400 Soldaten geworden war. Ungläubig verfolgten sie, wie der Feind von Erfolg zu Erfolg eilte: Die Japaner eroberten nicht nur Guam, Hongkong, Manila und Singapur, sondern errangen scheinbar spielerisch leicht die absolute Überlegenheit im Pazifikraum.

Verteidigungsgräben in Blumenbeeten

Wie sechs Jahrzehnte später die Anschläge vom 11. September brannte sich auch Pearl Harbor als eine unbedingt zu tilgende Niederlage ins kollektive Gedächtnis der Nation. Und die geschockten und empörten Amerikaner reagierten, wie sie auch sechzig Jahre später auf die Terrorangriffe in New York reagieren sollten: mit überbordenden Patriotismus, Aktionismus, Paranoia und Rassismus.

Pearl Harbor stellte alles auf den Kopf. Die Amerikaner, die in Umfragen vorher zu mehr als 80 Prozent gegen einen Kriegseintritt gewesen waren, änderten nun ihre Meinung. Mit einem Schlag waren sie in einen Krieg verwickelt, der ihnen lange sehr fremd und fern erschienen war. Doch jetzt schien alles möglich. Sogar, dass die Japaner den Krieg an die Westküste der USA tragen könnten.

Sofort wurden überall im Land, besonders in Kalifornien, Gegenmaßnahmen getroffen. Das Militär bezog Stützpunkte an der Küste und trainierte den Ernstfall. Kinder verkauften patriotische Briefmarken. Bürgerwehren bildeten sich und brachten den Menschen bei, wie sie nach einer Attacke Brandsätze löschen können. Gasmasken wurden verteilt und Fensterscheiben gestrichen, um die Städte nachts zu verdunkeln. Wem das immer noch nicht reichte, der hob in seinen Blumenbeeten eigene Verteidigungsgräben aus.

Hollywoods Tarnmanöver

"Die Küste ist auf jede erdenkliche Art und Weise geschützt", schrieb John Cornell, Journalist der "Los Angeles Times". Er durfte die Übungen des Militärs beobachten und schwärmte von den Panzern, diesen "Monstern" und "ratternden Giganten", die mit Leichtigkeit über Gräben und Mauern aus Sandsäcken rollten. Ganz wollte Cornell den hedonistischen Kaliforniern aber nicht den Spaß verderben. Krieg hin oder her - "es gibt immer noch viele Strände, die für sonnenliebende Südländer geöffnet sind."

Selbst Hollywood beteiligte sich an den Verteidigungsmaßnahmen und machte das, was es am besten konnte: Scheinwelten erschaffen. Um die japanische Luftwaffe bei einem möglichen Angriff zu verwirren, ließen die Kreativen der Filmstudios die militärisch wichtigen Flugzeugwerke an der Westküste einfach unter gigantischen Tarnnetzen verschwinden.

Mit viel Liebe zum Detail errichteten Bühnenbildner, Maler und Art-Direktoren auf den Netzen ganze Fassadenstädte - Gummiautos und falsche Wäscheleinen inklusive. Start- und Landebahnen der Flugzeugshallen wurden so mit grüner und schwarzer Farbe besprüht, dass sie aus der Luft wie Baseball-Plätze oder Häuserreihen aussahen.

Die Japaner kommen!

Wenige Wochen nach Pearl Harbor war die Westküste also auf alles vorbereitet. Und tatsächlich: Die Japaner griffen an. Nur ganz anders, als es sich die Amerikaner in ihren Alpträumen ausgemalt hatten.

Am 23. Februar 1942 etwa kreuzte an der kalifornischen Küste das japanische U-Boot I-17 auf. In der Nähe von Santa Barbara feuerte es ein paar Schüsse auf eine Raffinerie ab, beschädigte einen Pier, einen Kran und ein Pumpenhaus und verschwand dann wieder. Der Schaden belief sich nur auf ein paar Hundert Dollar, doch die Hysterie nach der Attacke ließ die Grundstückspreise in der Region auf einen historischen Tiefstand fallen.

Ähnlich erfolglos attackierte vier Monate später ein weiteres japanisches U-Boot an der Mündung des Columbia River in Oregon die Militärbasis Fort Stevens. Die Geschosse legten ein paar Telefonleitungen lahm und trafen ein Baseballfeld - wieder war die Aufregung größer als der Schaden.

Der Mann, der die USA bombardierte

Dabei ist es nicht so, dass die Japaner kein Inferno anrichten wollten. Fujita Nobuo etwa träumte davon. Der Pilot hatte der Militärführung persönlich vorgeschlagen, von U-Booten aus mit kleinen Flugzeugen das amerikanische Festland anzugreifen. Und tatsächlich: Die Marine fand Gefallen an der Idee. Im Juli 1942 wurde Fujita ins Hauptquartier beordert und sogar vom jüngeren Bruder des Kaisers persönlich beauftragt, Amerika zu bombardieren.

"Meine Gedanken rasten, als ich mir ausmalte, welche Städte das wohl sein könnten", erinnerte sich der Japaner später. Seattle? Los Angeles? San Francisco? "Das Ganze erschien mir wie im Traum."

Das Erwachen war eine herbe Enttäuschung. Fujita sollte Wälder in Oregon in Flammen setzen. Waldbrände, so das überoptimistische Kalkül, könnten ganze Städte vernichten und die USA zwingen, Truppen aus Südostasien abzuziehen. Doch als Fujita am 9. September 1942 aus einem einmotorigen Wasserflugzeug zwei Brandsätze abwarf, löste er kein Armageddon aus. Nicht einmal ein Buschfeuer. Dazu war es viel zu nass. Auch ein zweiter Angriff blieb folgenlos.

"Ich hasse die Japaner!"

Und doch zündeten diese Brandsätze. In den Köpfen der Menschen. Die heute fast schon slapstickhaft wirkenden Attacken bestärkten viele Amerikaner in ihrer Meinung, dass den Japanern prinzipiell alles zuzutrauen sei. Wenn sie schon von außen angriffen - würden sie es nicht auch von innen versuchen und militärisch neuralgische Standorte sabotieren?

So gerieten in den Wochen nach Pearl Harbor die japanischstämmigen Amerikaner genauso unter Generalverdacht wie nach dem 11. September die amerikanischen Muslime.

"Ich bin für den sofortigen Abtransport von jedem Japaner von der Westküste zu einem Ort tief im Landesinneren", forderte etwa der Kolumnist Henry McLemore im Januar 1942. "Ich meine auch keinen schönen Teil des Binnenlandes. Treibt sie zusammen, schickt sie weg und gebt ihnen das Ödland. Lasst sie ausgemergelt, verletzt und hungrig sein. Persönlich hasse ich die Japaner. Das gilt für alle von ihnen."

Vertrieben und vergessen

Wenige Wochen später setzte Präsident Roosevelt mit seinem "Erlass 9066" genau diese Forderung um. Er erlaubte dem Militär, Sperrbezirke zu errichten, aus denen japanischstämmige Amerikaner willkürlich umgesiedelt werden konnten. Insgesamt 120.000, von denen die meisten einen US-Pass besaßen, wurden von der Westküste in zehn hastig errichtete "War Relocation Center" geschickt. Dort mussten sie oft jahrelang in primitiven Holzbaracken leben. "Konzentrationslager" nannten die Gefangenen ihre Zwangsheimat. Für die hatten sie auch noch binnen weniger Tage ihre Häuser verkaufen müssen - meist zu einem sehr schlechten Preis.

Es dauerte 46 Jahre, bis die USA sich für diese Überreaktion auf Pearl Harbor offiziell entschuldigten und einräumten, die Internierung sei militärisch nicht notwendig gewesen. Die wahren Gründe dafür, so hieß es in einer Erklärung des Kongresses, "waren rassistische Vorurteile, Kriegshysterie und ein Versagen der politischen Führung".

Weit weniger offenherzig fiel die finanzielle Entschädigung aus: 20.000 Dollar für jeden, der fast ein halbes Jahrhundert nach der Verschleppung noch lebte.

insgesamt 19 Beiträge
Werner Samjeske 09.12.2011
1.
Roosevelt wollte unbedingt den Krieg haben und es gilt heute als erwiesen, dass der Angriff auf Pearl Harbor eben keine Überraschung war. Zuvor hatte das "noch neutrale" Amerika auf dem Atlantik schon aktiv in den Krieg [...]
Roosevelt wollte unbedingt den Krieg haben und es gilt heute als erwiesen, dass der Angriff auf Pearl Harbor eben keine Überraschung war. Zuvor hatte das "noch neutrale" Amerika auf dem Atlantik schon aktiv in den Krieg gegen Deutschland eingegriffen.
Deter Roosu 08.12.2011
2.
Einen "Überfall" im wahren Sinn des Wortes hat es auf Pearl Harbor niemals gegeben. Die Amerikaner waren mindestens (!) 24 vorgewarnt, schafften die neuen, kostbaren Schiffe in Sicherheit, ließen die alten Pötte [...]
Einen "Überfall" im wahren Sinn des Wortes hat es auf Pearl Harbor niemals gegeben. Die Amerikaner waren mindestens (!) 24 vorgewarnt, schafften die neuen, kostbaren Schiffe in Sicherheit, ließen die alten Pötte zurück, um einen Kriegsgrund zu haben. Menschenleben waren damals in den USA genauso wenig wert wie heute. Wichtig war, die Kriegsmaschinerie ins Rollen zu bringen. Es gibt einen schönnen Leserbrief im NATIONAL GEOGRAPHIC etwa von April 92 genau von dem Soldaten, der seinerzeit die Botschaft von Hawaii nach Washington sandte. Genau dieser Mann, der wirklich in vordertster Front stand, bezweifelte, dass - sagen wir es mal salopp - alles mit rechten Dingen zuging. Und das Ganze in einer amerikanischen Zeitschrift veröffentlicht - allerdings nur ein einziges Mal! Wahrscheinlich ist die NGS ganz schnell zurückgepfiffen worden ob ihrer neutralen Berichterstattung. Immerhin: Die LUSITANIA hatte man bewusst in voller Beleuchtung vor die Rohre deutscher Uboote laufen lassen, um in den 1. WK einzutreten. Den "Zwischenfall im Golf von Tobking" hat es nachweislich nie gegebebn. Kennedy war über den Bau der Berliner Mauer informiert. usw. usw. usw. Ach, noch etwa: Japan hatte bereits am 03. August 1945 kapituliert, allerdings lagen noch keine Übersetzungen der Urkunden vor. Dafür konnte man in aller Ruhe am 06.08.45 erst mal Hiroshima und am 09.08.45 auch noch Nagasaki bombardieren und damit zwei verschiedene Bombentypen unter "realistischen" Bedingungen "testen".
Claus Kleber 07.12.2011
3.
und war hätte es für möglich gehalten: seit 9/11 genau das selbe - nur hundertfach blutiger.
und war hätte es für möglich gehalten: seit 9/11 genau das selbe - nur hundertfach blutiger.
Roland Machatschke 07.12.2011
4.
Diese Hysterie und Paranoia wurden wunderbar eingefangen von Steven Spielberg in seinem Film "1941", von dem ich mir vorstellen kann, dass er in God's own country nicht sehr populär ist. In diesem Film macht er sich [...]
Diese Hysterie und Paranoia wurden wunderbar eingefangen von Steven Spielberg in seinem Film "1941", von dem ich mir vorstellen kann, dass er in God's own country nicht sehr populär ist. In diesem Film macht er sich über alle lustig - die wahnsinnigen Jagdfliegerpiloten, die Hurra-Patrioten, die dummen Militärchargen und den American Way of Live der 40er-Jahre, aber auch über die andere Seite. Wunderbar, wie Christopher Lee als deutscher Verbindungsoffizier von Kleinschmitt den japanischen U-Boot-Kommandanten Toshiro Mifune nervt, bis er über Bord gekippt wird.
Harald Kucharek 07.12.2011
5.
Steven Speilberg hat 1979 über diese Geschehnisse die Satire "1941 ? Wo bitte geht?s nach Hollywood" gedreht, welche beim amerikanischen Publikum ziemlich durchfiel.
Steven Speilberg hat 1979 über diese Geschehnisse die Satire "1941 ? Wo bitte geht?s nach Hollywood" gedreht, welche beim amerikanischen Publikum ziemlich durchfiel.

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