einestages
Ausgabe
1/2017

Leitartikel zum Jubiläum

Die Aufgabe des SPIEGEL - damals wie heute

Augsteins Auftrag, unser Erbe: Worum es bei der Gründung vor 70 Jahren ging, worum es heute geht. Eine Bestandsaufnahme zum Jubiläum des SPIEGEL.

DPA
Von Chefredakteur
Freitag, 30.12.2016   18:00 Uhr

Es ging, damals, um alles: die Freiheit, die Aufklärung, die Demokratie. Drei britische Offiziere hatten in Hannover die Idee gehabt, den besiegten Deutschen aus erzieherischen Gründen ein "News Magazine" vorzusetzen. Was denn das sei, fragte Rudolf Augstein, 23. Eben ein Nachrichten-Magazin, sagten sie und zeigten Augstein die britische "News Review": Nachrichten, lesbar gemacht durch Handlung und so redigiert, als wären alle Texte von ein und demselben Erzähler verfasst. "Und unter besonderer Betonung des Persönlichen: Alter, Schlips, Haarfarbe", so erinnerte sich Rudolf Augstein später, "so fingen wir an, so wurden wir angefangen."

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 1/2017
70 Jahre SPIEGEL
Wut kann man sich erarbeiten

Die Zeitschrift DIESE WOCHE erschien Ende 1946 fünfmal und nahm ihren Auftrag ernst. Deutschland sollte ein anderes Land werden, ein befreites, waches, demokratisiertes; und Augstein und seine Kollegen schrieben über alles, auch die miserable Versorgungslage. Die Briten wollten diese allzu obrigkeitskritische Wochenschrift bald nicht mehr herausgeben und boten Augstein die Lizenz an. Der fragte seinen Vater Friedrich, einen Fotokaufmann, wie das Blatt heißen solle. "Das Echo"? "Der Spiegel"? "Der Spiegel", sagte der Alte.

Foto: SPIEGEL TV

"Für unsere kleine Truppe", so Augstein, "galt der Satz: ,Wir wollen das schreiben, was wir, hätten wir dieses Blatt nicht, anderswo lesen wollten.' Bei uns allen stand die politische Überzeugung im Vordergrund. Sie fächerte sich im Laufe der Jahre naturnotwendig auf. Eisern aber blieb der Grundsatz, vor keiner Autorität, nicht einmal vor einer befreundeten, zu kuschen." Am 4. Januar 1947 erschien die Nummer 1.

70 Jahre, das sind 3650 SPIEGEL-Ausgaben, und darin standen 378000 Artikel, die von rund 2000 Redakteuren verfasst, von rund 500 Dokumentaren verifiziert und von 27 Chefredakteuren verantwortet wurden. 70 Jahre: Adenauer; die Kennedys; Armstrong und Aldrin auf dem Mond; die Schüsse auf Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke; Ulrike Meinhof und die RAF; Tschernobyl; Brandt, Schmidt, Kohl; Schabowskis Zettel; Mohammed Atta; Lehman Brothers; Fukushima; das Klima; Flucht und Migration. 70 Jahre, das sind die Affären der Bundesrepublik: "Bedingt abwehrbereit" und der Fall Strauß; Flick; Neue Heimat; Barschel; die Parteispenden; WikiLeaks und die Botschaftsdepeschen; Edward Snowden, die NSA und das abgehörte Telefon der Kanzlerin; Franz Beckenbauer und das zerstörte Sommermärchen; zuletzt Football Leaks.

SPIEGEL-Quiz "7 mal 10"

Es geht heute um Freiheit, Aufklärung, Demokratie, es geht wieder oder noch immer um alles. In den USA hat sich Donald Trump über Behinderte und über Eltern, deren Sohn im Krieg gefallen war, lustig gemacht; er hat Muslime, Mexikaner und eigentlich alle Minderheiten des Landes diffamiert und bedroht. Trump hat sich am Telefon als sein eigener Pressesprecher ausgegeben und Journalisten von Trumps Affären mit Carla Bruni und anderen schönen Frauen erzählt, was Lügen waren. Trumps Stiftung hat eine Staatsanwältin in Florida, die ein Betrugsverfahren gegen seine Trump University einleiten wollte, mit einer Spende von über 25000 Dollar beglückt, und die Staatsanwältin eröffnete kein Verfahren. Donald Trump gewann die Wahl trotz allem, denn er hat 18 Millionen Follower auf Twitter und 17 Millionen auf Facebook.

Dort erzeugt Trump seine eigene Wirklichkeit und unterstellt denen, die ihn seiner Lügen überführen, dass sie Lügner seien. Er ist Vorbild für viele. Längst nennen Lügner eine Presse, die Wahrheiten sucht, "Lügenpresse". Die Türkei lässt Journalisten verhaften. Und die Verfasser von Fake News, Falschmeldungen, bezeichnen Nachrichten, die ihnen nicht passen, exakt so: "Fake News!"

Postfaktisch wird die Gegenwart genannt, da für viele Menschen Lügen so unterhaltsam und bald so wahr sind wie die Wahrheit. Wenn Algorithmen zu Chefredakteuren werden, werden Menschen, die rassistische Texte lesen wollen, mit rassistischen Texten beliefert. So wird die Welt endlich logisch und der Rassist endlich mächtig. Platon schrieb: "Wenn einer demokratischen, nach Freiheit durstigen Stadt schlechte Mundschenken vorstehen und sie sich über die Gebühr in ihrem starken Wein berauscht: so wird sie ihre Obrigkeiten ... zur Strafe ziehen, indem sie ihnen Schuld gibt, bösartig und oligarchisch zu sein." Die besten Philosophen sind gute Propheten.

Wichtige Zeiten für den SPIEGEL sind dies, Zeiten nämlich, die Medien wie den SPIEGEL brauchen. Lügner müssen Lügner genannt werden. Rassisten sind zu entlarven als das, was sie sind. Auch Facebook und Twitter sind zu beschreiben: als manipulative Medienkonzerne, die Verantwortung tragen für das, was sie verbreiten.

All das sollten wir nicht unterschätzen. Unsere Art zu leben, die Pressefreiheit, viele andere Freiheiten und die Demokratien des Westens stehen auf dem Spiel.

insgesamt 56 Beiträge
Holger Poppendieck 04.01.2017
1. dennoch Glückwunsch
aus z.Zt. Brasilien. Über viele Jahre bin ich dem Spiegel hinterhergelaufen für viel Geld im Ausland was man damals Dritte Welt nannte. Nach vielen Jahrzehnten ist die Ehe nun geschieden. Aber sie hat meinen Verstand geschliffen [...]
aus z.Zt. Brasilien. Über viele Jahre bin ich dem Spiegel hinterhergelaufen für viel Geld im Ausland was man damals Dritte Welt nannte. Nach vielen Jahrzehnten ist die Ehe nun geschieden. Aber sie hat meinen Verstand geschliffen und mich ausdrucksstark gemacht. Mal schauen wer von uns nun älter wird.Ich strenge mich an, sie bitte auch.
wolfgang decker 04.01.2017
2. 70 Jahre
Zum Glueck gibt es den Spiegel
Zum Glueck gibt es den Spiegel
Raymond Del Tondo 04.01.2017
3.
"Auch Facebook und Twitter sind zu beschreiben: als manipulative Medienkonzerne, die Verantwortung tragen für das, was sie verbreiten." - Soso, Verantwortung. Und in die Reihe der "manipulativen [...]
"Auch Facebook und Twitter sind zu beschreiben: als manipulative Medienkonzerne, die Verantwortung tragen für das, was sie verbreiten." - Soso, Verantwortung. Und in die Reihe der "manipulativen Medienkonzerne" will sich der Spiegel-Verlag nicht einreihen?
Uwe Schwiderski 04.01.2017
4. Die Schwäche des Spiegel bleibt,
die Unfähigkeit, einzelne journalistische Fehltritte auch klar als solche zu benennen. Ullrich Fichtner lieferte nach der Abwahl Christian Wulffs mal so einen halbherzigen Entschuldigungsartikel über die negative Rolle der [...]
die Unfähigkeit, einzelne journalistische Fehltritte auch klar als solche zu benennen. Ullrich Fichtner lieferte nach der Abwahl Christian Wulffs mal so einen halbherzigen Entschuldigungsartikel über die negative Rolle der Medien bei dieser Geschichte. Dass der Spiegel an der Hysterie beteiligt war, blieb eine Randnotiz. Das Sommermärchen (Fußball-WM 2006 in Deutschland) bleibt bis heute eins. Der Spiegel konnte keinen Nachweis über eine verschobene WM-Vergabe erbringen. Alle belegten und sicher auch zu Recht aufgedeckten Finanzschiebereien im Herbst 2015 erfolgten deutlich nach der WM-Vergabe an Deutschland. Nicht immer heiligt der Zweck die Mittel. Ich wünsche dem Spiegel zukünftig mehr Gelassenheit und weniger Aufgeregtheit. Zum Thema Wahrheit nur soviel: Es gibt keine absolute Wahrheit! Insofern ist der Anspruch des "Spiegel" bei allem Respekt für den zu erbringenden Aufwand seiner Wahrheit doch sehr vermessen.
Christian Giltmann 04.01.2017
5. Glückwunsch zum
70. Jubiläum. Ich wünsche mir, dass der Spiegel wieder zu alter Stärke, die gleichzeitig sein Ursprung waren, zurückfindet: Unbequem, unangepasst, investigativ und ein wichtiger politischer Analytiker. Ganz im Sinne seines [...]
70. Jubiläum. Ich wünsche mir, dass der Spiegel wieder zu alter Stärke, die gleichzeitig sein Ursprung waren, zurückfindet: Unbequem, unangepasst, investigativ und ein wichtiger politischer Analytiker. Ganz im Sinne seines Gründers Rudolf Augsteins. Auf SPON würde ich mir eine deitlich reduzierte Werbefrequenz wünschen - auch wenn ich die ökonomischen Uwänge dahinter nachvollziehen kann.

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