einestages

"Life"-Magazin

Das Heft, das es den Lesern zeigte

Voll das Leben! 1936 erschien die erste Ausgabe von "Life" - und überraschte seine Leser fortan immer wieder mit sonderbaren Covern: Warum machte ein GI den Hitlergruß? Woher hatte die Sphinx einen Kropf? einestages präsentiert die schrägsten Titelbilder - und erklärt, was hinter ihnen steckt.

Von und
Dienstag, 22.11.2011   10:35 Uhr

Das Baby schreit seinen ersten Schrei. Der Arzt hält das nackte Neugeborene kopfüber. Hinter dem Doktor beseitigt eine Schwester die Spuren der Geburt, auf einem Tisch neben ihm schwappt noch blutiges Wasser in der Schüssel. Unter dem Foto aus dem Kreißsaal, das beinahe die gesamte Seite des Heftes ausfüllt, steht: "Life Begins".

Am 23. November 1936 feierte "Life" seine Premiere an den Zeitungskiosken Amerikas. Das Bild mit dem Baby war damals das erste, was die Leser sahen, als sie das neue Magazin aufschlugen. Eine Unverschämtheit - weil sie aller Welt einen Einblick in einen äußerst intimen Moment verschaffte. Und Programm. Denn mit überraschenden Bildern wie diesem sollte "Life" über die nächsten Jahrzehnte für Millionen Amerikaner zum Fenster zur Welt werden.

Das Konzept ist eine Erfolgsgeschichte, die den Journalismus verändern sollte. Statt Reporter endlose Bleiwüsten verfassen zu lassen, die manchmal mit kleinen Bilder aufgelockert werden, erzählte das Magazin seine Geschichten über die Fotos - die Texte waren oftmals kaum mehr als Bildunterschriften. Seine Fotoreporter, zu denen Schwergewichte wie Robert Capa, Margaret Bourke-White und Andreas Feininger zählten, stürmten am D-Day mit an Land, fotografierten Eingeborene im brasilianischen Dschungel, Künstler in ihren Ateliers und Filmstars backstage bei den Oscars.

"Sonderbare Dinge sehen - Maschinen, Armeen, Massen"

Schon in seiner Ankündigung zur neuen Publikation verkündete der Herausgeber Henry R. Luce großspurig, "Life"-Leser würden "Augenzeuge großer Ereignisse werden". Er versprach, sie würden "sonderbare Dinge sehen - Maschinen, Armeen, Massen, Schatten im Dschungel und auf dem Mond; die Werke des Menschen sehen - seine Gemälde, Türme und Entdeckungen; Dinge sehen, die Tausende Meilen entfernt sind, Dinge, die hinter Mauern und in Räumen versteckt sind, Dinge, denen man sich besser nicht nähert". Und "Life" hielt, was Luce versprach.

Das Wochenmagazin mit den großen Bildern aus aller Welt war so beliebt, dass es innerhalb von nur vier Monaten seine Auflage von 380.000 auf eine Million steigern konnte. Zu seinen besten Zeiten verkaufte "Life" 13,5 Millionen Hefte pro Woche.

Erst in den sechziger Jahren begann der langsame Niedergang - als immer mehr Amerikaner ein anderes Fenster zur Welt entdeckten: den Fernseher. Gegen die bewegten Bilder, die kostenlos direkt in die Wohnzimmer der Menschen flimmerten, kam "Life" nicht an - und starb einen langsamen Tod. 1971 wurde das Magazin zum ersten Mal eingestellt. Um den klangvollen Namen am Leben zu erhalten, wurde immer wieder versucht, das Heft zu reanimieren. Ein trauriger Untergang. Die letzte Ausgabe erschien am 24. März 2007 - und war nicht mehr als eine kostenlose Beilage in Tageszeitungen wie der "Washington Post" und der "Los Angeles Times".

Heute lebt "Life" ein zweites Leben im Internet. 2008 stellte Google alle Ausgaben des Magazins in einem Online-Archiv zur Verfügung, seit 2009 gibt es eine "Life"-Website, auf der Interessierte den Bilderschatz des Fotomagazins durchstöbern können.

Die Bilder des "Life"-Magazins erstaunen und berühren heute noch genau so, wie Herausgeber Luce es sich einst erhofft hatte. Ein besonderes Abenteuer sind dabei die Cover einiger Ausgaben. Diese lassen den Betrachter oftmals mit einem ratlosen Schmunzeln zurück. Eines etwa zeigt einen Mann mit einem Outfit, das auf jeder Fetischparty Eindruck schinden würde, ein anderes Chruschtschow, wie er kämpferisch einen Maiskolben schwingt. Auf einem weiteren ist die berühmte Sphinx von Gizeh abgebildet - doch sie sieht aus, als hätten die Ägypter ihrem steinernen Koloss einen Kropf unter das Kinn gemauert.

Manche dieser Motive haben überraschend ernste Hintergründe, andere offenbaren die Themenfülle, die "Life" seinen Lesern präsentierte. Fast immer stecken hinter diesen schrägen Titelmotiven spannende Geschichten. Zum 75. Geburtstag von "Life" zeigt einestages die merkwürdigsten, erstaunlichsten und absurdesten Cover - und verrät, was sie zeigen.

Fotostrecke

"Life"-Magazin: Das Heft, das es den Lesern zeigte

insgesamt 3 Beiträge
Ralf Bülow 22.11.2011
1.
"Life" ist als Zeitdokument bis heute lesenswert, doch sollte man die Querverbindungen zur US-Regierung und der CIA nicht vergessen, Stichwort "Operation Mockingbird". Die Nordvietnam-Reportage kann nicht [...]
"Life" ist als Zeitdokument bis heute lesenswert, doch sollte man die Querverbindungen zur US-Regierung und der CIA nicht vergessen, Stichwort "Operation Mockingbird". Die Nordvietnam-Reportage kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Life" den Vietnamkrieg lange unterstützte, siehe z.B. das Lob von Präsident Johnson in der Ausgabe vom 14.11.1966. Aufgewacht ist die Redaktion wohl erst 1968 nach der Tet-Offensive.
Gerhard Dünnhaupt 22.11.2011
2.
Irrtum von "eines tages": Black Friday ist der Tag nach Thanksgiving mit den meisten Fluggästen des Jahres (übrigens der kommende Freitag, 25.11.2011). Auch "Life" brachte Irrtümer. So zeigten sie eine [...]
Irrtum von "eines tages": Black Friday ist der Tag nach Thanksgiving mit den meisten Fluggästen des Jahres (übrigens der kommende Freitag, 25.11.2011). Auch "Life" brachte Irrtümer. So zeigten sie eine deutsche Schulklasse bei Gymnastikübungen und behaupteten, so tief müssten sich deutsche Schüler vor dem Lehrer verbeugen.
Mattias Klein 28.11.2011
3.
>Irrtum von "eines tages": Black Friday ist der Tag nach Thanksgiving mit den meisten Fluggästen des Jahres. > Da liegen Sie leider falsch: Black Friday ist der Tag vor Thanksgiving. Er heisst Black Friday [...]
>Irrtum von "eines tages": Black Friday ist der Tag nach Thanksgiving mit den meisten Fluggästen des Jahres. > Da liegen Sie leider falsch: Black Friday ist der Tag vor Thanksgiving. Er heisst Black Friday weil dort für Weihnachten soviel konsumiert wird das der Handel eine schwarze Null schreibt

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