einestages

Abchasien

"Wo ist Krieg? Hier nicht!"

Die Ruhe vor dem Sturm: Kristin Lindemann wollte raus aus dem regnerischen Sankt Petersburg und machte Urlaub in Abchasien - kurz bevor dort der Krieg ausbrach. Ihre Reise führte sie durch ein idyllisches Land mit stoischen Kühen und Nüsse sammelnden Managern.

Kristin Lindemann
Montag, 01.09.2008   17:48 Uhr

Es war ein kalter Sommer dieses Jahr in Sankt Petersburg, wo ich seit einem Semester studierte. Viel Regen, wenig Sonne. Meine Freundin Svetlana schlug daher vor, ans Schwarze Meer nach Abchasien zu fahren. Allerdings hatte ich von diesem grünen, bergigen Land noch nie gehört.

Sechs Wochen und 48 Stunden Zugfahrt im russischen Schlafwagenzug später war ich da. Die Ausreise aus Russland erlebte ich als bürokratisch, langwierig und irgendwie zu ernst - im Gegenteil zur Einreise nach Abchasien: Ein Mann saß auf einem Klappstuhl, kontrollierte den einen oder anderen Pass, grüßte freundlich jeden Neuankömmling, schrieb meinen Namen mit einem Kugelschreiber in ein großes Buch und sagte: "Willkommen." Er hatte Deutsch in der Schule gelernt.

Natürlich hatten wir uns zuvor Gedanken über die politische Situation in Abchasien gemacht. Die Explosionen in zwei abchasischen Städten beherrschten schon vorher die russischen Nachrichten. Daher versprachen meine Freundin und ich unseren Eltern, in der Nähe der russischen Grenze zu bleiben. Wir redeten uns ein, die Situation würde schon nicht ausgerechnet jetzt eskalieren.

Absurdität der langen Uniformen

Tatsächlich schien die einzige Gefahr in Abchasien der Straßenverkehr zu sein. Sämtliche Tiere liefen frei herum. Nur die Maisfelder wurden eingezäunt. So scherzte unser Busfahrer, als er zum wiederholten Mal einer Gruppe Kühe auswich: "Wir sind hier in Indien." Selbst als wir mit 80 Stundenkilometern auf die Tiere zurasten, drehten sie nicht mal den Kopf. Eine Herde Pferde legte, als wir sie anhupten, wenigstens genervt die Ohren an.

Als wir mein Visum beantragten, trafen wir den abchasischen Außenminister Sergej Schamba. Er grüßte uns persönlich, und während mein Visum ausgestellt wurde, saßen wir auf weichen Sofas und tranken türkischen Kaffee. Für uns eine Erholung nach all der russischen Bürokratie.

In diesem Jahr sind weniger Visa als sonst ausgestellt worden. Eine alte Frau, die das Plumpsklo-Häuschen am Strand kurz vor der russischen Grenze betreut, sagte uns: "Alle sagen, dass es bald Krieg geben wird. Und deswegen sind dieses Jahr viel weniger Touristen als sonst gekommen. Doch habt keine Angst. Ihr seid hier sicher." Und sicher haben wir uns wirklich gefühlt. Über dem ganzen Land lag eine solche Entspanntheit, eine solche Lebensfreude, ein solcher Frieden, eine solche Hitze, dass die Vorstellung, jemand könnte sich eine langärmlige Uniform anziehen, schwere Waffen in die Hände nehmen und freiwillig weiter als zum Strand und zurück gehen, überaus absurd erschien.

Angst vor dem Visumklau

Als ein Polizist meiner Freundin im Bus erzählte, er komme gerade von der georgischen Grenze und nächste Woche werde der Krieg ausbrechen, glaubte sie ihm nicht. Krieg? Das schien in eine andere Welt zu gehören.

Uns beschäftigten andere Probleme: Zum Beispiel die ständige Angst, meine Handtasche mit dem russischen Visum könnte geklaut werden. Die Grenze nach Georgien war geschlossen. Und es gab in Abchasien ja keine Botschaften, um im Notfall ein neues Visum für Russland zu beantragen.

Eine Wirtschaft scheint es in Abchasien übrigens nicht zu geben. Keine Firmen, kaum Fabriken, ein wenig Tourismus, viele alte Frauen mit ein paar Schalen voller Beeren oder Kräutern. Der Sohn unserer Gastgeberin hat Management studiert. Jetzt sammelt er Nüsse. Die Tochter hat gerade ihre Aufnahmeprüfung für Psychologie bestanden. "Was soll sie denn hier damit machen?" fragte mich ihre Mutter. "Aber kann ich es ihr verbieten, nur weil es in unserem Land keine Arbeit, keine Zukunft gibt?" Wir nickten, mitfühlend, und konnten es, ganz die moderne EU-Generation, doch nicht nachvollziehen.

Abchasische Fotomontage

So machten wir weiter Ausflüge durch das Land, sahen Klöster, Tropfsteinhöhlen, heiße Quellen, Seen, Stalins Datscha und gingen abends am Strand essen. Natürlich hörten wir keine Nachrichten und lasen keine Zeitung. Wir waren ja im Urlaub. Erst als wir wieder die russische Grenze überquert hatten, erreichten uns die ersten Nachrichten und SMS unserer Familien: Er herrsche Krieg in Georgien, wo wir seien, ob es uns gut gehe. "Ja", antworteten wir und fragte, wo Krieg sei. Hier nicht.

48 Stunden später, zurück in Sankt Petersburg, realisierten wir die Situation. Schiffe mit 6000 russischen Soldaten sollten vor der abchasischen Küste liegen. Die Soldaten seien bereit, an Land zu gehen. Die Männer aus "unserer" abchasischen Familie wurden aufgefordert, sich bereit zu halten.

Krieg? In Abchasien? Mir kam das so unwirklich vor, dass ich die nächsten Tage nichts weiter tat, als die Nachrichten im Fernsehen zu verfolgen. Ich sah den Außenminister, wie er mit Reportern sprach. Nur wenige Tage zuvor hatte ich ihn mit offenem Sakko und einem freundlichem Lächeln in sein Büro gehen sehen. Jetzt rollten russische Panzer auf der Straße an den Kühen vorbei, die auch dann nicht den Kopf hoben. Soldaten schwitzten in der Sonne.

Vor dem Krieg ist nach dem Krieg in Abchasien. Die nie wieder aufgebauten Häuserruinen im ganzen Land zeugen davon. Fast glaubte ich, es müsse eine Fotomontage sein, war Abchasien für mich doch Inbegriff von Entspannung, Ruhe und Sorglosigkeit.

Sagen Sie Ihre Meinung!

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP