einestages

Alptraum Mauerbau

Mutter und die Eisenfaust

Nach Monaten des Bangens gelang der schwangeren 18-jährigen Ursula Bach 1961 mit ihrer Familie endlich die Flucht in den Westen. Im Notaufnahmelager Marienfelde schmiedeten sie hoffnungsvoll Pläne für ihr neues Leben. Doch schon bald wurden die schlimmsten Befürchtungen der jungen Frau wahr.

Ursula Bach-Puyplat
Donnerstag, 28.07.2011   18:05 Uhr

Am 13. August 1961 befand ich mich im Westen. Gemeinsam mit meiner Mutter war es mir gelungen, aus der DDR zu entkommen. Nun lebten wir in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Erlangen. Ich war im sechsten Monat schwanger, von meinem Verlobten Jörg, einem überzeugten Kommunisten, den ich im Osten zurücklassen musste. Ob ich von ihm in dieser schwierigen Situation nach unserer Flucht noch Unterstützung erwarten konnte, schien ungewiss.

Es war ein Sommerwochenende, und ich wollte mir gemeinsam mit meiner Mutter Eva einen faulen Sonntag machen. Wir hatten uns vorgenommen, durch die malerische Landschaft bis in einen der Nachbarorte zu wandern und uns dort in einem Gartencafé zu verwöhnen. Vorausgesetzt, das Wetter würde halten.

Meine Großmutter war mit Onkel Rudi und Tante Lina in die Berge gefahren, wo sie nach 16 Jahren ihre Reichenberger Verwandten wiedersehen wollte. Ich schlief noch, und meine Mutter versuchte, möglichst wenig Lärm zu machen, um mir meinen erholsamen Schlaf zu lassen. Als ich schließlich aufwachte, war es bereits kurz vor zehn. Jetzt erst schaltete meine Mutter das Radio, einen Nordmende-Turandot, ihre neueste Errungenschaft, ein.

Ernst und getragen erklang die Stimme des Nachrichtensprechers: "Es ist Sonntag, der 13. August 1961, Sie hören Nachrichten vom Bayerischen Rundfunk. Heute in den frühen Morgenstunden haben in Berlin Grenzpolizisten und Angehörige der Betriebskampftruppen damit begonnen, zwischen dem östlichen Sektor der Stadt und den Westsektoren Stacheldraht und Sperrzäune zu errichten. 69 der 81 Übergangsstellen sind bereits geschlossen worden. Bewohner der DDR und Ost-Berlins dürfen sie nur noch mit besonderer Genehmigung passieren. Der S-Bahn-Verkehr ist seit heute Nacht eingestellt..." Die weiteren Nachrichten gingen unter in meinem Aufschrei: "Nein, nein, nein, nein!!!"

Meine Mutter erstarrte vollkommen, wie gewöhnlich beim Empfang von Schreckensnachrichten. Doch sie fasst sich auch als Erste wieder, um mir beizustehen. Ich aber war nicht mehr zu beruhigen. Augenblicklich wusste ich, dass alle meine Hoffnungen, meinen Verlobten Jörg wiederzusehen, zerschlagen waren. Ich spürte etwas, das sich anfühlte wie ein Hieb auf meinen Kopf, durch den Körper bis hin zu den Fußspitzen, und ich fühlte mich für alle Zeit verloren.

Urplötzlich erlebte ich deutlich noch einmal den Albtraum, den ich in der Nacht vor meiner Flucht bei meiner Tante Gretel geträumt hatte: Eine riesengroße, schwarze Eisenfaust spaltete meiner Mutter mit einem Beil Schädel und Rumpf. Ich rief: "Die Mutter, das war Deutschland! Es ist die brutale Spaltung Deutschlands, die ich vorausgeträumt habe." Ich warf mich auf mein Bett und vergrub mein Gesicht im Kopfkissen, damit mein Schluchzen nicht zu hören war. Allmählich ging es in ein unaufhörliches, leises Wimmern über...

Ursula Bach-Puyplat hat ihre Kindheits- und Jugenderlebnisse im Roman "Im Westen" verarbeitet, erschienen im September 2008 im Goethe Literaturverlag Frankfurt.

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