einestages

Als Luftwaffenhelfer in Berlin

Sachsenkinder für die "Reichshauptstadt"

Ein Jahr vor Kriegsende musste er die "Heimat" verteidigen: Noch nicht 16-jährig wurde Wolfgang Waldhauer als Luftwaffenhelfer eingezogen. Er erlebte die Bombenangriffe auf Berlin - und traf auf Nazi-Prominenz in Untergangsstimmung.

Dienstag, 16.10.2007   15:50 Uhr

Wir Schüler des Jahrgangs 1928 wurden zu Beginn des Jahres 1944 als Luftwaffenhelfer eingezogen und folgten damit den 1926 und 1927 Geborenen, die schon seit 1943 an Flakwaffen und Scheinwerfern Dienst getan hatten. Sie sollten die Soldaten ersetzen, die die Wehrmacht so dringend an der Front brauchte.

Wir, alle noch keine 16 Jahre alt, wurden aus Sachsen nach Berlin geschickt und erhielten auf dem Flak-Geschützturm Humboldthain eine Grundausbildung an den leichten 2-cm-Flakgeschützen auf den umlaufenden Balkonen des riesigen Betonklotzes. Da die Nordhälfte dieses Flakturms nach dem Krieg erhalten geblieben ist, kann man heute noch den runden Beton-Sockel "meines" Geschützes sehen und sogar in das Innere des Turms gelangen, nachdem der Verein "Berliner Unterwelten" sich dort erfolgreich um die teilweise Restaurierung des Turmrestes bemüht hat.

Hier erlebten wir - als Zuschauer, denn schießen sollten wir mit unserer Waffe dort nie - die ersten Tagesangriffe der US Air Force auf die "Reichshauptstadt". Anfang Mai 1944 wurde unsere Einheit in den Flakturm Zoo verlegt und dort mit 3.7 cm-Kanonen ausgerüstet.

"Und die Wunderwaffen?"

Auch dorthin begleitete uns ein Betreuungslehrer aus unserer heimatlichen Schule, der sich bemühte, wenigstens einen provisorischen Unterricht aufrecht zu erhalten. Den unterbrachen freilich zunehmend die ständigen Fliegeralarme.

Als wir nach Beginn der alliierten Invasion an der Kanalküste im Juni 1944 von unserem Lehrer das Aufsatzthema gestellt bekamen "Worauf begründen wir unsere Siegeshoffnungen?", saß ich verstört vor dem linierten Papier und wusste zum ersten Mal in meinem Schülerdasein nicht, was ich schreiben sollte. Prompt erhielt ich dafür eine drei minus - sonst an viele Aufsatz-Einsen gewöhnt. Der Lehrer hatte rot an den Rand geschrieben: "Und die Wunderwaffen?" Die hatte ich nicht erwähnt.

Einen sozusagen endgültigen Schock erlebte ich, was solche "Siegeshoffnungen" anbelangt, im August, als ich gerade Fahrstuhl-Dienst hatte: Begleitet von gewaltigem Hackenknallen erschien "Reichsmarschall" Hermann Göring im Turmeingang. Gleichzeitig tauchte allerdings auch die Fahrstuhlführerin auf: "Komm, hau ab, den Hermann muss ick selba fahn!" Nämlich hinauf in das Prominenten-Lazarett zu seinem Adjutanten Karl-Heinrich Bodenschatz, der bei dem Attentat am 20. Juli an beiden Händen und Armen Verbrennungen erlitten hatte.

Hermann Göring mit düsterem Blick

Aber ich sah doch für Sekunden Görings gesenktes, düsteres Gesicht, ein völlig anderes als jenes auf dem Balkon der Reichskanzlei nach dem siegreichen Frankreichfeldzug, angesichts der jubelnden Massen im Sommer 1940. Das hatte ich damals in der Wochenschau gesehen.

Ich ließ Fahrstuhl Fahrstuhl sein und hastete hinauf in unsere Unterkunft im vierten Stock, wo die Kameraden natürlich beim Skat hockten, und einer gerade am Ansagen war. Aufgeregt sprudelte ich los: "Wisst Ihr was? Ich habe eben den Göring gesehen, mit soonem Gesicht ... D e n Krieg hamm wa verlorn!" Helmut S. respondierte noch ungerührt auf 24-27 - mit "passe" und drehte sich dann lässig zu mir: "Na, wenn de das j e t z erschd märgst ...!"

Dem Fahrstuhldienst verdanke ich noch ein weiteres Erlebnis mit Prominenten jener Jahre, das aber nicht gerade zu meinem Ruhm ausging: Es betraten einmal der hoch dekorierte Jagdflieger Adolf Galland und ein SS-General mit Ritterkreuz den Fahrstuhl und verlangten, zum Lazarett hinaufgefahren zu werden. Während ich da mit meiner Kurbel hantierte, fragte mich der berühmte Galland etwas gönnerhaft: "Na, mein Junge, Du willst doch sicher auch mal Jagdflieger werden...?" Und ich, vollkommen ehrlich und ihn richtig titulierend, antwortete zackig: "Nein, Herr Generalinspekteur, ich bleibe bei der Flak!" Er drehte mir daraufhin gekränkt den Rücken zu, der SS-General aber grinste, offensichtlich schadenfroh.

Freiwillig bei der Flak

Tatsächlich hatte ich mich wenige Tage zuvor schriftlich bei der Luftwaffen-Flak als Reserveoffiziersanwärter beworben. Nahezu jeder von uns tat dies auch bei anderen Waffengattungen wegen der verkürzten Grundausbildungszeit und in der Hoffnung, später einmal nicht sofort an der Front verheizt zu werden. Beeindruckt von den Flak-Waffen hatte ich mich dazu entschlossen.

Meist während der Mahlzeiten im Kasino des Flakturms trafen wir auf Luftwaffenhelfer aus Berliner Schulen, die aber ihren Dienst vorwiegend an den großen 12.8cm-Doppelrohr-Geschützen auf der oberen Plattform taten. Nicht nur deswegen sahen sie auf uns Sachsen auf den umlaufenden Balkonen mit unseren leichten Tiefflieger-Abwehrwaffen herab. Mehrfach titulierten sie uns als "sture Sachsen", womit sie wohl meinten, dass wir im Vergleich zu ihnen viel zu brav und gehorsam alle Vorschriften zu befolgen schienen, während sie als Einheimische das Ganze deutlich lockerer sahen.

Aber so brav waren wir Sachsen gar nicht: Mit uns war eine etwa gleiche Anzahl Schüler einer Oberschule unserer Heimatstadt nach Berlin gekommen, die dann zusammen mit uns Gymnasiasten auch in den gleichen Unterkünften wohnten. Erstaunt stellten wir fest, dass deren Redeweise häufig mit ungeniert regimekritischen Ausdrücken gespickt war und sie über einen erheblichen Fundus an so genannten "Flüsterwitzen" verfügten.

Flüsterwitze auf der Stube

So spielten zwei von ihnen gern "Hitler und Mussolini treffen sich am Brenner", indem der eine, oben auf einem Doppelstockbett hockend, den Duce mimte, mit römischem Gruß und drohend nach vorn gerecktem Kinn (sein italienischer Spitzname war ja "Die Kinnlade"!). Vor dem Bett, ihm zugewandt, stand der andere, sich einen Kamm unter die Nase haltend, mit der anderen Hand grüßte er mit nach hinten über die Schulter gebogenem Arm, um den "Führer" darzustellen.

Ein anderer war Meister in der Imitation des "Reichspropagandaministers" Joseph Goebbels: Er trat hinkend nach vorn und intonierte genau in dessen westrheinischer Sprachfärbung: "Und wiiiiieder (das r als ch gesprochen wie in Rache) haben wiiir viiier Tonnnnän Viiiierfruchtmarmelaaade an die Ost-Front ge-wor-fännn." Wir lachten und staunten - dass es so etwas gab, elf Jahre nach der "Machter-grrreifung", wie Hitler seine Ernennung zum Reichskanzler 1933 zu bezeichnen pflegte. Er wurde allerdings auch unter uns mit dem Ausspruch zitiert: "Die Deutsche Frau rrraucht nicht!" Wenn einer einen Kameraden beim heimlichen Rauchen ertappte, was uns Luftwaffenhelfern ja streng verboten war, hieß es: "Derrr doitsche Luftwaffenhelferrr rrraucht nicht...!"

Freilich waren wir Luftwaffenhelfer ohnehin nicht gerade eine positive Auslese im Sinne der herrschenden Ideologie: Die höheren Chargen der Jungvolk- und Hitlerjugendführer unseres Jahrgangs waren nicht mit zum Luftwaffenhelfer-Dienst eingezogen wurden, weil sonst diese Jugendorganisation führerlos geworden wäre. Allenfalls unter ihnen hätte man 1944 noch hinreichend viele ideologisch überzeugte und Endsieg-gläubige Jugendliche finden können.

Immer brav gehorchen

Dabei taten wir damals 16-Jährigen aber - gewohnt, Befehlen zu gehorchen und seit unserem 10. Geburtstag Angehörige des Jungvolks und später der Hitlerjugend - durchaus unseren Dienst. Dabei bemühten wir uns sehr nicht "aufzufallen", vor allem, um den uns alle vier Wochen zustehenden Kurzurlaub Zuhause nicht zu gefährden und Strafexerzieren zu vermeiden.

Und auch der gerade in Berlin immer sichtbarer werdende Umstand, dass die "Terrorbomber" deutsche Städte sinnlos zerstörten, war für uns eine fühlbare Motivation, sich als berechtigte Verteidiger der Heimat zu fühlen. Noch immer waren wir ohne die viel spätere Einsicht, dass auch diese Bomben eine Folge von Hitlers einstigem Überfall auf Polen waren. So sahen wir von unserem Turm aus am 21. Juni 1944 nach einem Tagesangriff auf das Regierungszentrum entsetzt die Kuppel des Berliner Domes verbrennen, mit einer grünlichen Flamme, verursacht durch die verglühenden Kupferplatten.

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