einestages

Anti-Universität

Ausflippen als Hauptfach

Alles ging - selbst LSD-Trips im Dienste der Wissenschaft: Die Londoner Anti-University war Ende der sechziger Jahre Epizentrum pädagogischer Experimentierfreude. Auch Peter Münder studierte voller Begeisterung an der Anarcho-Hochschule. Sein Lieblingsthema: die Sex-Therapie.

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Dienstag, 24.02.2009   17:31 Uhr

Aus dem Dachgeschoss dröhnten die "Kinks", die der verrückte Däne Lars den lieben langen Tag auf seinem Plattenspieler kreisen ließ. In den unteren sechs Räumen des alten Lagerhauses im heruntergekommenen Londoner Viertel Shoreditch versammelten sich derweil Gesprächsgruppen, um Themenbereiche wie Anti-Psychiatrie oder den faschistoiden Charakter bürgerlicher Kleinfamilien leidenschaftlich auszudiskutieren.

So sah er aus, der Alltag an der anarchischen Londoner Anti-Universität, die im Sommer 1968 in einem schmuddeligen Eckhaus in der Rivington Street 49 residierte. Deren Gründer Allen Krebs und Joseph Berke hielten sich konsequent an die Weitwinkelphilosophien des anarchistischen Wiener Erkenntnistheoretikers Paul Feyerabend (1924-94). Sein zentraler Leitsatz: "Anything Goes". Aber auch überzeugende Thesen wie "Ohne Chaos keine Erkenntnis, ohne häufige Beurlaubung der Vernunft kein Fortschritt" wurden an der Anti-University mit großem Eifer gelebt, genau wie sein Motto "Um ein wahrer Dadaist zu sein, muss man auch Anti-Dadaist sein."

Das lief dann im Kurs über "politisches Engagement bei John Dos Passos" etwa so ab: "Diese Ellen Thatcher fand ich total unsympathisch - und außerdem, was für ein tristes Leben dieser Frauen", meinte Betty, die im blumenbestickten, langen Kleid auf dem Boden im Kellerraum der Anti-University hockte und David Caute, den Leiter des Kurses, mit großen Augen ansah. Wie immer, wurde sie sofort von ihrer eloquenten Busenfreundin Catherine unterstützt, die betonte: "Außerdem sind da viel zu viele Charaktere, der Plot ist zu diffus, und es gibt zu viele Abschweifungen." Aus diesen Gründen habe sie den amerikanischen Klassiker "Manhattan Transfer" auch nicht zu Ende gelesen, bekannte sie offenherzig.

Neue Erkenntnisse dank LSD

Kein Problem für David Caute, der seinen Lehrstuhl für Englische Literatur am berühmten All Souls College in Oxford an den Nagel gehängt hatte, um hier an der Londoner Anti-University im Frühjahr 1968 den fröhlich-anarchistischen Methoden-Pluralismus zu genießen. Er wollte nicht als autoritäre Oberlehrerinstanz intervenieren. Also ließ er die beiden Studentinnen ausführlich Fragen kommentieren, die gar nicht gestellt waren, und bot ihren umständlichen Abschweifungen, die mit Anmerkungen über ihre eigenen Vorlieben garniert waren und das Thema meistens total verfehlten, keinen Einhalt - wie uns anderen auch nicht.

Wir 20 Kursteilnehmer, darunter auch einige herumwieselnde Kleinkinder mit ihren wissbegierigen jungen Müttern, waren zufrieden. Vor allem der gutmütige Jack, dessen Baskenmütze ebenso unübersehbar war wie seine Dauerbrennerpfeife und die Nelke im Knopfloch des abgewetzten Jacketts. Er fragte alle zehn Minuten: "Und wie steht es nun um die Sexualität der Fische?"

Keine Frage, wir waren hier nicht im Oberseminar einer traditionellen Uni, hier spürte man überall den fröhlichen Schwung anarchistischer Umtriebe, vor allem aber den "Anti"-Impetus: Ronald Laing, der schottische Begründer der Anti-Psychiatrie, der die konservativen Freudianer verachtete und die Zwangsjacke kleinbürgerlicher Familienstrukturen für schizoide und hochneurotische Verhaltensmuster verantwortlich machte, hatte in seinen Seminaren und Vorträgen den größten Zulauf: Er sprach meistens in einem großen Gemeindesaal, der Platz für rund 400 Teilnehmer bot. Laing propagierte auch den Einsatz von LSD bei seiner neuartigen Therapie, um beim Nacherleben traumatischer Erfahrungen an deren Wurzeln zu gelangen.

Abtauchen in die Sex-Therapie

In einer Diskussionsrunde nach einem dieser Vorträge traf ich den exzentrischen Fred, einen Oxford-Absolventen, der in einem riesigen geerbten Haus in schönster Lage mitten in Kensington residierte. Fred hatte sich bei Laing unter LSD therapieren lassen und teilte mir gleich beim ersten Gespräch begeistert mit "Ich habe dabei nacherlebt, wie meine Mutter mich damals abtreiben wollte - jetzt verstehe ich vieles besser".

Einige Tage und etliche Diskussionen später hatte Fred auch mir die Vorzüge der Sex-Therapie von Wilhelm Reich nähergebracht. Wir verstanden uns prächtig, weil wir uns für alle Themen und Diskussionen interessierten. Auch wenn Fred meistens mit einer obsessiven Monomanie nur über sich und seine Probleme sprach oder schrieb. Er hatte als reicher Erbe noch nie gearbeitet und konnte sich so in Muße allen Anti-Disziplinen dieser Welt widmen, während ich nebenbei als Lieferwagenfahrer für einen TV-Repair Shop in Notting Hill halbtags jobbte und an meiner Dissertation über Harold Pinter im Lesesaal des Britischen Museums tüftelte.

Wir tauchten natürlich auch ein ins Londoner Kulturtreiben und sahen uns neben Underground-Exzessen wie Andy Warhols achtstündigem Mauer-Memorial "The Wall" oder den pseudo-politischen Installationen im Kunstlabor ICA auch die neuesten Inszenierungen von Peter Hall im Westend an. Leider hatte sich Fred nach einigen Monaten so intensiv auf Wilhelm Reichs Sex-Therapie kapriziert, dass er sich mit einer norwegischen Therapeutin zusammentat und mich wieder in den Untergrund entließ. Ich zog zum Dänen unters Dach der Anti-U, wo noch eine Matratze lag. Bald konnte ich die stundenlang abgenudelten "Kinks"-Texte auswendig und fütterte morgens um 7 Uhr die von Lars domestizierten Mäuse, die aus irgendeinem Grund und genau um diese Zeit ihre Ration Cornflakes haben wollten.

Demonstrationen wie im Slapstick-Film

Am schönsten war es aber, nach den Diskussionsrunden mit David Caute noch beim Bier im Pub zu sitzen und über Dos Passos, Samuel Beckett und die schöne neue Anti-Welt zu palavern. Bei diesen Diskussionen im Pub wurden dann auch die für britische Verhältnisse brutalen Exzesse im März '68 während der großen Vietnam-Demo vor der US-Botschaft am Grosvenor Square angesprochen. Als deutscher Beobachter konnte man da über die Naivität der Demonstranten nur staunen. Der Schock über die berittenen Polizisten, die mit ihren Pferden skrupellos in demonstrierende Aktivisten gejagt waren, rührte vor allem vom harmlosen Pfadfinder-Image der Bobbys, denen gewalttätiges Vorgehen schlicht nicht zugetraut wurde.

Eine Demo direkt am amerikanischen Airforce-Stützpunkt im nordenglischen Huntingdon, die wir Anti-U-Aktivisten damals organisierten, bestätigte diese Vermutung: Sie verlief wie ein grotesker Slapstick-Film. Nach stundenlanger Anfahrt im roten Doppeldeckerbus hatten wir uns vor dem riesigen Stacheldrahtzaun am US-Stützpunkt auf die Betonbahn gelegt. Bobbys mit Bluthunden spazierten vor dem Zaun herum, trugen uns dann, immer zu zweit, an Händen und Füßen einige Meter weit weg. Wir standen wieder auf und dann ging das Protest-Ritual in die nächste Runde.

Und während die US-Militärpolizei hektisch hinter dem Zaun vor den schwerbewaffneten Starfightern herumwieselte, die offenbar für den Einsatz in Vietnam vorbereitet und mit Raketen bestückt wurden, gab es den Anti-Klimax: "Wir wollen jetzt die amerikanische Fahne von ihrem Blut reinwaschen", verkündete einer der Organisatoren, tauchte die US-Fahne in einen mit Seifenlauge gefüllten Eimer. Dann wrangen mehrere Demonstranten an den Stars and Stripes herum - Hurra!

Wohnen und telefonieren - alles gratis

Leider existierte die Anti-U nur ein Jahr lang, dann drehte die Bertrand Russell Peace Foundation, die diesen Hort herrschaftsfreier Kommunikation finanziell unterstützt hatte, den Geldhahn zu und schloss das Haus in der Rivington Street Anfang 1969. Wahrscheinlich hatten allein schon die anfallenden Telefonkosten die Hälfte des Etats aufgefressen: Der gesprächige Däne Lars hatte nämlich mehrere Stunden täglich mit Kopenhagen telefoniert - denn wir konnten damals in der Anti-U nicht nur frei schalten, walten und gratis wohnen, sondern auch nach Herzenslust telefonieren.

Diese "Anything Goes"-Impressionen aus einer Epoche, in der die fröhliche Wissenschaft noch vital, bunt und anarchistisch und das Erkenntnisinteresse wissbegieriger Studenten noch nicht in staubtrockenen Kanälen versandet war, mögen heute ziemlich verrückt anmuten - aber seien wir ehrlich: Sind wir nicht alle ein bisschen gaga, pardon, Dada?

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