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Architektur

Fassaden im Farbenrausch

Weite Grünflächen, lichtdurchflutete Wohnungen und ein Klo für jeden Mieter: Mit dem Konzept des "Neuen Bauens" revolutionierten Architekten und Politiker im Berlin der Zwanzigerjahre die Vorstellung vom Wohnungsbau. Bis heute sind die Siedlungen der "Berliner Moderne" ein grandioser Blickfang.

Braun Publishing / Siedlungen der Berliner Moderne
Von Ariane Stürmer
Freitag, 16.10.2009   14:28 Uhr

Berlin, 1925: Die Not ist groß. Die Menschen hausen in Kellern, ohne Fenster, ohne fließendes Wasser, ohne Bad, ohne WC in feuchten Hinterhauswohnungen, sechs Menschen pro Zimmer. Manche Familien vermieten ihre Betten tagsüber an Arbeiter, die nachts schuften und am Tag schlafen. Die hygienischen Zustände sind stellenweise unerträglich, Tuberkulose grassiert. Wohnen in Berlin, das ist Anfang des 20. Jahrhunderts kein Spaß. Denn mit der Industrialisierung zogen immer mehr Menschen in die Städte, und mit dem Massenandrang kam die Wohnungsnot. Nach dem Ersten Weltkrieg fehlten 130.000 Wohnungen.

Die Politik konnte die katastrophalen Zustände nicht länger ignorieren. Und so schrieb die Weimarer Verfassung 1919 in Artikel 155 schließlich vor, "jedem Deutschen eine gesunde Wohnung" zu ermöglichen. Allerdings fehlten für das idealistische Vorhaben die wichtigsten Voraussetzungen: Bauflächen. Das änderte sich 1920, als zahlreiche Randgebiete Berlins eingemeindet wurden. Ab 1924 erhob die Stadt außerdem eine Steuer auf alle vor Mitte 1918 entstandenen Gebäude. Das Geld aus der sogenannten Hauszinssteuer wurde verwendet, um den Bau von neuen Wohnungen zu subventionieren. Sechs Jahre nachdem der Staat das Recht auf menschenwürdiges Wohnen in der Verfassung verankert hatte, standen sich zwei Baugenossenschaften zu einem Architektur-Duell gegenüber.

Die Deutsche Gesellschaft zur Förderung des Wohnungsbaues DeGeWo und die Gemeinnützige Heimstätten-Aktiengesellschaft Gehag hatten das Bauland rund um das ehemalige Rittergut in Britz gekauft. 1925 begannen sie mit dem Bau zweier Siedlungen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Das Gelände ist bis heute durch eine breite Straße geteilt. Östlich davon baute die DeGeWo, westlich die Gehag. Während die DeGeWo sich für eine traditionelle Architektur mit hübschen Fassaden und klassischen Satteldächern entschied, baute die Gehag eine Siedlung nach den Grundsätzen des Neuen Bauens, einer radikal neuen Sichtweise darauf, wie Wohnhäuser zu gestalten seien. Am klarsten werden diese unterschiedlichen Ansichten dort, wo sich die Häuser der Kontrahenten direkt gegenüberstehen.

Gegen die Plüschsofaherrlichkeit!

Das "Neue Bauen" war die Architektur gewordene Vorstellung des Bauhauses: kubische Formen, Flachdächer und Fassaden so farbig wie ein expressionistisches Gemälde. Außerdem: Licht und Luft für die Bewohner, Fenster an mehreren Seiten, die einen ordentlichen Durchzug ermöglichten, Balkon oder Loggia, dazu Grünflächen zwischen den Häusern, die zum nachbarlichen Schwatz und zur Bewegung an der frischen Luft einluden.

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"Berliner Moderne": Wohnen in Bonbonfarben

Für den Chefarchitekten der Gehag, Bruno Taut, war die perfekte Wohnung lichtdurchflutet und das Mobiliar beschränkt auf die essentiellen Sachen. Er verbat sich die biedere Gemütlichkeit der wilhelminischen Zeit mit Gardinen, Spiegeln, Bildern, Fotos "an jeder freien Stelle an den Wänden", Kissen, Teppichen, gehäkelten Deckchen, Nippes, Souvenirs. Taut wollte den Purismus. Also ließ er in den Wohnungen zum Beispiel ein Zimmer grün, das andere rot streichen. Wer braucht schließlich schon Bilder und Zierrat und Krimskrams, wenn die Farbe des Raumes doch Dekor genug sein kann.

Das allerdings sahen die Mieter ganz anders. Sie hängten die Fenster mit Gardinen zu, Bilder an die Wände und verzierten ihre Wohnungen mit "Plüschsofaherrlichkeit" und dem "ganzen Mottenkrimskrams" - so Taut. Mit der Zeit emanzipierten sie sich gar so weit, dass sie es wagten, die Wände der Zimmer weiß zu tünchen. Die strenge, farbige Gliederung des Neuen Bauens - aus der Sicht der breiten Massen war sie kein erstrebenswertes Ideal.

Endlich ein Klo für jeden

Stattdessen waren sie begeistert vom Raumangebot der neuen Wohnungen. Ein eigenes Bad, eine eigene Toilette, eine eigene Küche, meist sogar nicht nur fließendes, sondern sogar warmes Wasser aus der Leitung und Zentralheizungen. Vielen Arbeiterfamilien muss die Architektur mit ihrem sozialdemokratischen Leitgedanken wie ein Traum erschienen sein.

Ein Mann war für den Großteil der neuentstehenden Massensiedlungen Berlins verantwortlich: Martin Wagner, überzeugter Sozialdemokrat und Architekt, von 1924 bis 1926 Leiter der Gehag und anschließend Stadtbaurat in der zentralen Baubehörde Berlins. Er arbeitete mit den besten Architekten des Neuen Bauens zusammen, unter ihnen Hans Scharoun, Walter Gropius, Hugo Häring und Bruno Taut. Sechs der unter seiner Ägide gebauten Siedlungen wurden im Juli 2008 in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen: die Weiße Stadt, die Ringsiedlung Siemensstadt, der Schillerpark, die Wohnsiedlung Carl Legien, die Gartenstadt Falkenberg und auch jenes Projekt der Gehag in Britz, das der traditionelleren DeGeWo-Siedlung Paroli bieten sollte.

Die "Großsiedlung Britz" war die erste deutsche Siedlung mit mehr als tausend Wohnungen. Von 1925 bis 1930 entstanden laut dem als Buch veröffentlichten Nominierungsantrag "Siedlungen der Berliner Moderne" knapp 2000 neue Heime für rund 5000 Bewohner, größtenteils finanziert durch die Hauszinssteuer.

Renitente Massensiedler

Bereits von 1913 bis 1916 war im Südosten Berlins eine Siedlung entstanden, mit der Architekt Taut nicht nur die Grenzen der bisher verwendeten Farbskalen, sondern ganz allgemein die Vorstellung von sozialem Wohnungsbau sprengte. Die Gartenstadt Falkenberg vereinte die Charakteristika einer großstädtischen Massensiedlung mit dem idyllischen Flair eines Dorfes.

Gigantische Blöcke wie die Britzer "rote Front" mit Hunderten von Wohnungen gibt es in der Gartenstadt nicht, im Vergleich wirken die Häuser dort wie die Modelle einer Eisenbahnlandschaft. Maximal zweigeschossige Mehrfamilienhäuser umrahmen einen mit Akazien bepflanzten Hof, kleine Häuschen stehen entlang einer hügeligen Straße. Die Gartenstadt war das Gegenteil zur teils bedrohlich wirkenden, an spätere Plattenbausiedlungen erinnernde Masse der Britzer Siedlung.

Zu jeder Wohnung gehörte ein Garten - freilich nicht, um darin zu grillen, Kaffee zu trinken oder sich zu sonnen, sondern um sich mit Obst und Gemüse selbst zu versorgen. Es waren Nutzgärten, deren Hecken geschnitten und deren Beete gepflegt werden mussten. Der Gartenarchitekt Ludwig Lesser hielt sogar Vorträge über die aus seiner Sicht richtige Pflanzenwahl. Doch Lesser erging es kaum besser als Taut mit seinen farbigen Zimmern: Die Vorstellungen der Architekten waren die eine Sache, die der Mieter eine ganz andere. Im Laufe der Jahre unterwanderten die das Bepflanzungskonzept und brachten in die Erde, was ihnen gerade in den Sinn kam.

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Ebenso unverständlich reagierten sie, als sie das Ergebnis der Bauarbeiten in der Gartenstadt Falkenberg sahen: Jedes Haus hatte eine andere Farbe: Grün, Gelb, Blau, Rot, Ocker, Orange, Weiß, Grau - ja sogar Schwarz. Die bis dato übliche Verzierung der Fassaden mit Ornamenten war mit der Architektur des Neuen Bauens passé. Die neue Verzierung hieß Farbe. Das i-Tüpfelchen der modernen Unverschämtheit aber waren aus traditioneller Sicht die Details: rote Dachziegel, weiße Schornsteine, bunte Türen und Fenster.

So unterschiedlich die Siedlungen der Berliner Moderne, so identisch ihre Grundsätze: Sie waren für die Masse konstruiert und boten doch jedem Einzelnen lebenswerten Wohnraum. Und sie waren eine Revolution. Vor allem die "rote Front" der Britzer Siedlung kam einer sanften Kriegserklärung an das Althergebrachte gleich. Wer den Krieg gewonnen hat, zeigen die Bauten heutiger Architekten.

insgesamt 8 Beiträge
Thomas Glöckner 19.10.2009
1.
Klare, einfache Formen, die sich doch in ihrer Gesamtheit zu komplizierten Strukturen verbinden, welche die Funktionalität der Häuser nach außen hin präsentieren. Das wahre Geheimnis ist jedoch das Scheinen der unendlichen [...]
Klare, einfache Formen, die sich doch in ihrer Gesamtheit zu komplizierten Strukturen verbinden, welche die Funktionalität der Häuser nach außen hin präsentieren. Das wahre Geheimnis ist jedoch das Scheinen der unendlichen Idee als Schönheit, hinter diesen Formen, ausgeführt durch den jeweiligen Architekten, wobei in dieser Idee theoretische Anschauung und praktische Anschauung, die seinerseits auf den Nutzen, nämlich der konkreten Verbesserung der Wohnungssituation vieler Menschen, abzielt, vereinigt wird.
Maren Eva Zimmermann 29.07.2015
2. Ach, SPON!
Sie schreiben "... ein Klo für jeden Mieter." Dann hätte bei 2000 Wohnungen für 5000 Personen jede Wohnung zwei bis drei Toiletten gehabt. Sind Sie sich da wirklich ganz sicher?
Sie schreiben "... ein Klo für jeden Mieter." Dann hätte bei 2000 Wohnungen für 5000 Personen jede Wohnung zwei bis drei Toiletten gehabt. Sind Sie sich da wirklich ganz sicher?
Michael Kaiser 31.03.2016
3. Architektonische Perlen!
Die hier gezeigten Siedlungen waren radikale und mutige Gegenentwürfe zum damals üblichen, die bis heute ihre Ausstrahlung bewährt haben. Leider waren sie auch die Vorgänger der sehr viel liebloseren und das menschliche Maß [...]
Die hier gezeigten Siedlungen waren radikale und mutige Gegenentwürfe zum damals üblichen, die bis heute ihre Ausstrahlung bewährt haben. Leider waren sie auch die Vorgänger der sehr viel liebloseren und das menschliche Maß sprengenden 70er Jahre Plattensiedlungen.
Thomas E. Denell 29.01.2017
4. Das mit dem Klo ...
... für jeden hat mich auch gewundert. Gemeint ist wohl ein Klo für jede Wohnung. Wer mal wie ich Ende der 1970er Jahre in Berlin-Neukölln Ofenheizung und Außenklo auf halber Treppe erlebt hat, weiß die Vorzüge von Bad mit [...]
... für jeden hat mich auch gewundert. Gemeint ist wohl ein Klo für jede Wohnung. Wer mal wie ich Ende der 1970er Jahre in Berlin-Neukölln Ofenheizung und Außenklo auf halber Treppe erlebt hat, weiß die Vorzüge von Bad mit WC wohl zu schätzen. Noch was zur farbigen Hausfassade: In der Stresemannstraße in Hamburg-Altona, in deren Nähe ich seit nunmehr 15 Jahren wohne, hat eine Hausbesitzerin ihre Mietshäuser aus dem Ende des 19. Jahrhunderts vor ein paar Jahren in knalligen Farben streichen lassen. Das sieht prächtig aus und ist zur Nachahmung sehr zu empfehlen.
Lutz Holzapfel 30.01.2017
5. Interessanter Artikel, aber bitte beim
nächsten Mal weniger an der Farbverstärkung der Bilder schrauben, das tut ja dem Auge weh..... ich kenne die Siedlungen im Original...trotzdem danke für den kostenlosen Artikel
nächsten Mal weniger an der Farbverstärkung der Bilder schrauben, das tut ja dem Auge weh..... ich kenne die Siedlungen im Original...trotzdem danke für den kostenlosen Artikel

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