einestages

Architektur-Luftschlösser

Die irrsten Gebäude, die nie errichtet wurden

Eine Kuppel über Manhattan, eine Totenpyramide für London, ein wanderndes Stadt-Insekt: Die spannendsten Gebäude der Weltgeschichte wurden nie errichtet. Absurde Beinahebauten - und was heute an ihrer Stelle steht.

Ron Herron Archive
Von
Freitag, 04.01.2019   06:11 Uhr

In den Kirchhöfen stapeln sich die Särge übereinander. Regelmäßig buddeln Totengräber halb verweste Leichen aus, um Platz für frische zu machen. Die alten Särge werden zerlegt und als Feuerholz an die Armen verkauft. Vergessene Knochen liegen verstreut auf dem Boden, ein süßlich-fauler Geruch liegt in der Luft.

So weit die makabre Beerdigungsrealität in London Anfang des 19. Jahrhunderts. In keiner anderen Stadt wurde damals so viel gestorben wie in der Hauptstadt des British Empire - erste Millionen-Metropole der Welt. Im Zuge der Industrialisierung schnellte die Bevölkerungszahl bis 1835 auf zwei Millionen, um 1900 lebten in London 6,7 Millionen. Die Feuerbestattung kam für die meisten nicht infrage - eine Lösung musste her für das Toten-Problem der Stadt.

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Architektur-Luftschlösser: Höher, toller, doch nix

Die radikalste stammt von Thomas Willson: 1829 präsentierte der Architekt seine Vision einer gigantischen Pyramide, die Platz für bis zu fünf Millionen Leichen bot. Laut Willson sollte das 500 Meter hohe, von Obelisk und Sternwarte gekrönte Monstrum auf dem Primerose Hill stehen, einem der schönsten Aussichtspunkte Londons. Mietpreis pro Grabkammer: 50 Pfund.

Paradies unter die Kuppel

Als "praktisch, billig und lukrativ" bewarb Willson seine Erfindung und versprach den Investoren der "Pyramid General Cemetery Company" eine Traumrendite von fünf Prozent jährlich. Allein: Das Parlament war nicht überzeugt von Willsons "Metropolitan Sepulchre". 1832 erließ es ein Gesetz, dass den Weg freimachte für Parkfriedhöfe in der Londoner Umgebung.

Willson wurde von seinen Zeitgenossen als Spinner verlacht - obwohl es genau solcher Querdenker bedarf, um Antworten auf drängende Fragen zu finden und die Architektur voranzubringen. Kreative Visionäre wie El Lissitzky, der das Leben in die Luft verlegen wollte: 1924 stellte der russische Avantgardist seine schwebenden Hochhäuser vor, die sogenannten Wolkenbügel.

Heritage Images/ Getty Images

Leben im quergelegten Hochhaus: "Wolkenbügel" des russischen Avantgardisten El Lissitzky (1924)

Oder Universalgenie Richard Buckminster Fuller, der 1968 Manhattans Stadtzentrum unter eine gigantische Glaskuppel packen wollte, um den Energieverbrauch zu reduzieren und die Stadt vor Hitze, Kälte, Staub zu schützen. Nie mehr Schnee schippen, fantasierte "Bucky" und wollte Mid Town Manhattan "in ein Paradies verwandeln", wie er schrieb.

Rem Kohlhaas wiederum dachte sich 1996 das "Bangkok Hyperbuilding" aus, ein 1000 Meter hohes Monstrum, in dem 120.000 Menschen leben sollten. "Die Vergangenheit ist zu klein, um darin zu leben", proklamierte der niederländische Architekt - setzte sich damit aber ebenso wenig durch wie Bucky mit seinem "Manhattan Dome" oder Lissitzky mit seinen "Wolkenbügeln".

Ihre Ideen gehören zum Kanon wundervoller Architektur-Luftschlösser, versammelt in dem jetzt auf Deutsch erschienenen "Atlas der nie gebauten Bauwerke" (dtv). Autor Philip Wilkinson erzählt die Geschichte von 50 Beinah-Bauten, die aus den unterschiedlichsten Gründen gescheitert sind.

Hans Werlemann/ OMA/ DACS

120.000-Menschen-Monstrum: Das Bangkok-Hyperbuilding von Rem Koolhaas (1996)

Mal ging die Baugesellschaft pleite - so im Fall des 1892 begonnenen Londoner Eiffelturms, Spleen des exzentrischen Eisenbahnmanagers Sir Edward Watkin. Mal gewann ein anderer Entwurf den Ideenwettbewerb. So konnte sich der deutsche Architekt Ludwig Mies van der Rohe 1921 nicht durchsetzen mit seinem grandiosen Glashochhaus am Spreedreieck in Berlin - stattdessen prangt dort seit 2009 ein Bürogebäude, das aussieht, "als sei der Grundriss zwei ineinander verkeilten Currywürsten nachempfunden", so die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Andere Architekturikonen kamen nie übers Reißbrettstadium hinaus, weil sie mit den damaligen Mitteln schlicht nicht realisierbar waren. Bauten wie das Monument der III. Internationale etwa: ein schräg aufsteigender Spiralkoloss aus Stahl mit rotierenden Glaselementen, in denen sich die einzelnen Organe der Kommunistischen Internationale versammeln sollten.

Mit 400 Metern wäre das Denkmal um einiges höher gewesen als das damals höchste Bauwerk Europas, der Eiffelturm. Ganz oben sollte ein Radiosender in einer Halbkugel thronen, die sich stündlich um sich selbst drehte.

In Stein zu meißelnder Größenwahnsinn

Erdacht 1919 vom russischen Künstler Wladimir Tatlin, avancierte das Monument zum weithin sichtbaren Symbol der Revolution: Voller Ehrfurcht schleppten die Genossen ein sperriges Modell des Turms bei 1.-Mai-Demonstrationen durch die Straßen.

Getty Images

Große Revolution, unhandliches Monument: Modell des Tatlin-Turms (1925)

Nur verwirklichen ließ sich das Revoluzzer-Denkmal nicht - genauso wenig wie die Vereinigung der Proletarier aller Länder. Es blieb eine Kopfgeburt, in ihren bombastischen Ausmaßen vergleichbar mit Boris Iofans "Palast der Sowjets" für Diktator Josef Stalin oder der Nazi-Vision einer "Welthauptstadt Germania": in Stein zu meißelnder Größenwahn mitten in Berlin.

Furchteinflößende Klötze - aber längst nicht so spannend wie solche Fantasiegebilde, die realen Ängsten Rechnung trugen. Der vor einem Atomschlag etwa. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges stellte der britische "Archigram"-Visionär Ron Herron 1964 sein Modell der "Walking City" vor: ein 50-stöckiges U-Boot-Ei, das sich auf riesigen Spinnenbeinen überall dorthin bewegen könnte, wo es gerade gebraucht wird.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:54 Uhr
Ohne Gewähr

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Philip Wilkinson
Atlas der nie gebauten Bauwerke: Eine Geschichte großer Visionen

Verlag:
dtv Verlagsgesellschaft
Seiten:
256
Preis:
EUR 30,00

Weg aus Landstrichen, die durch atomaren Beschuss oder Umweltzerstörung verwüstet worden sind - hin zu sicheren Regionen, in denen die Wirtschaft brummt. Einsetzbar wäre die Wander-Stadt für den globalen Arbeitsnomaden, aber auch als Auffanglager bei Kriegen und Krisen; vor Raketen könnte sie blitzschnell davonkrabbeln, zur Not bis auf den Mond.

Eine Science-Fiction-Spielerei, beseelt von Zukunftsangst wie Technikeuphorie, die Architekten bis heute inspiriert. Weil sie wegweisende Fragen stellt, so Buchautor Wilkinson: Muss die Stadt der Zukunft zwangsläufig ortsfest sein, aus rechten Winkeln bestehen, in die Höhe ragen?

Oder darf sie - je nach Bedarf - auch auf dem Meeresgrund schlummern? Als die Querdenker der britischen Architektengruppe "Archigram" vor 50 Jahren ihre Idee einer "Underwater City" präsentierten, glaubte niemand an seine Umsetzbarkeit. Heute scheint ein modernes Atlantis in greifbarer Nähe. Zumindest wenn es nach der japanischen Baufirma Shimizu geht.

"Ocean Spiral" heißt ihre Vision einer Unterwassersiedlung, in der bis zu 5000 Menschen in einer Acrylglas-Kapsel wohnen, arbeiten, sich amüsieren. Geschätzte Baukosten: 23 Milliarden Euro. "Der Ozean bietet unendliche Möglichkeiten", so Shimizu 2014 bei der Präsentation. Oder, wie es Kapitän Nemo in Jules Vernes Sci-Fi-Roman "20.000 Meilen unter dem Meer" formulierte: "Ich sehe Hoffnung für spätere Zeiten, wenn die Menschheit reif ist, für ein neues, besseres Leben."

Vom begehbaren Elefanten über den Akropolis-Palast bis zum Endlos-Turm: Klicken Sie sich mit einestages durch die schönsten Architektur-Luftschlösser der Geschichte!

insgesamt 5 Beiträge
Matthias Heuwinkel 04.01.2019
1. Die
Köln am Rhein - soo verrückt scheint der Entwurf garnicht gewesen zu sein
Köln am Rhein - soo verrückt scheint der Entwurf garnicht gewesen zu sein
Alexander Engel 04.01.2019
2.
"Die spannendsten Gebäude der Weltgeschichte wurden nie errichtet..." Na ja, inzwischen stehen ja leider eine ganze Reihe wahnsinnig "spannender" Teile herum, und ein paar Städte, wie London (ArcelorMittal [...]
"Die spannendsten Gebäude der Weltgeschichte wurden nie errichtet..." Na ja, inzwischen stehen ja leider eine ganze Reihe wahnsinnig "spannender" Teile herum, und ein paar Städte, wie London (ArcelorMittal Orbit, oder Walkie Talkie, usw. usw.) oder Rotterdam (Markthalle, Kubushaus, usw. usw.) sammeln solche Gebäude auch noch. Rem Kooolhaas hat irgendwie besonderes Pech: Manchmal gelingt ihm ja beinahe auch etwas mit ästhetischen Anspruch, nur wird das dann nie realisiert. Das, was gebaut wird, ist vielleicht "spannend", aber im Grunde nur entstetzlich. Coop Himmelblau bauen auch gerne mal "Unfälle". Und zu den Katastrophen würde ich auch - in einem etwas anderen Stil - Ricardo Bofill zählen. Die Espaces d'Abraxas z.B sind einfach grandios - kaum zu übertreffen. Le Corbusiers ist ja glücklicherweise mit seinem Plan Voisin - auch so eine "totalitäre" Architektur - noch rechtzeitig gebremst worden. So fasinierend ich moderne Architektur auch finde, so schrecklich ist das, was dann meist gebaut wird - und ich rede gar nicht erst von dem, was in den Vororten angerichtet wurde. Aber selbst die Skyline von London schaut heute wie "hingerozt" aus (mir fällt leider gerade kein besseres Wort ein).
Manfred Raida 04.01.2019
3. Ein Überrest der Nazi Architektur
Kann man in Berlin bewundern - ein Schwerbelastungskoerper, als Denkmal noch vorhanden, Sprengung wäre zu gefährlich gewesen. Bedrückend, aber irgendwie beachtlich. Damit sollte der Untergrund fuer die Riesenbauten getestet [...]
Kann man in Berlin bewundern - ein Schwerbelastungskoerper, als Denkmal noch vorhanden, Sprengung wäre zu gefährlich gewesen. Bedrückend, aber irgendwie beachtlich. Damit sollte der Untergrund fuer die Riesenbauten getestet werden. Die grosse Halle zeigt (zum Glück nur im Modell oder Bild) eine kleine, niedliche Säulenhalle davor - die in Original so gross wie das Brandenburger Tor gewesen waere. Heute hört man das Ganze haette nie stabil gehalten - Größenwahnsinn... wie viele andere gezeigten Gebäude, aber es wird ja bald die 1000 m Grenze durchbrochen
Dieter Bürkel 04.01.2019
4.
"Atlantis 2.0: Willkommen in der Wohnkugel! Bis zu 5000 Menschen sollen in diesen Unterwasser-Kapseln aus Acrylglas leben, arbeiten und sich vergnügen. Mit dem "Ocean Spiral"-Entwurf sorgte die japanische Baufirma [...]
"Atlantis 2.0: Willkommen in der Wohnkugel! Bis zu 5000 Menschen sollen in diesen Unterwasser-Kapseln aus Acrylglas leben, arbeiten und sich vergnügen. Mit dem "Ocean Spiral"-Entwurf sorgte die japanische Baufirma Shimizu 2014 für Aufsehen. Geschätzte Kosten pro Kapsel: gut 20 Milliarden Euro." Mehr als 4 Millionen Euro pro Nutzer? Laut Kalkulation, was dann daraus wird, wenn man es zu bauen versucht . . . Ist ja wohl etwas schwieriger als einen Flughafen auf ebenes Land zu setzen - und die Deutschen schaffen ja nicht einmal dieses.
Peter Boots 08.01.2019
5. Ist ja nur gut dass seit 1940 Hängebrücken nicht mehr gebaut werden.
Die leiden ja alle, wie bei Bild 17 beschrieben, an der Tacoma-Narrows-Bridge-Hängebrückeneinsturzanfälligskeitkrankheit.
Die leiden ja alle, wie bei Bild 17 beschrieben, an der Tacoma-Narrows-Bridge-Hängebrückeneinsturzanfälligskeitkrankheit.

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