einestages

Armut in den USA

In Lumpen aufs Baumwollfeld

Spaten und Hacke statt Spielzeug - Tausende Kinder mussten auf Farmen schuften, als die USA in den Dreißigern in der Krise steckten. Herausragende Fotografen zeigten das ländliche Elend.

Library of Congress/ Dorothea Lange
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Freitag, 17.06.2016   11:04 Uhr

Aus ihrem leeren Blick sprach die schiere Verzweiflung. Als sogenannte Migrant Mother wurde Florence Owens Thompson während der Wirtschaftskrise in den USA der Dreißigerjahre zur Ikone. Auf dem Schoß hatte die verhärmte Frau, 32 Jahre alt, ihr Baby. Zwei ältere Kinder schmiegten sich an sie, die Gesichter aus Scham verborgen.

Library of Congress/ Dorothea Lange

Florence Owens Thompson

Thompson gehörte zu den Tausenden Amerikanern, die durch die Große Depression infolge des New Yorker Börsenkrachs von 1929 zu Arbeitsmigranten wurden. Als ihr Mann 1933 starb, musste sie sechs Kinder zunächst allein durchbringen. Die Aufnahme machte Dorothea Lange 1936 in einem kalifornischen Obdachlosencamp. Die Fotografin erfuhr von Thompson, dass die Familie im Winter gefrorenes Gemüse von den Feldern klaute und außerdem wilde Vögel aß, von den Kindern selbst getötet.

Als das Porträt der Migrant Mother in der Zeitung "San Francisco News" erschien, wurde Lange rasch weltbekannt. Gemeinsam mit anderen renommierten Fotografen wie Walker Evans, Arthur Rothstein, Jack Delano oder Gordon Parks hatte sie von der Regierung den Auftrag bekommen, die schwierigen Lebensbedingungen in ländlichen Regionen und Städten zu dokumentieren.

Stundenlang anstehen für einen Sack Möhren

Hintergedanke war offenbar, in der Bevölkerung eine Welle der Solidarität auszulösen. Präsident Franklin Delano Roosevelt, der damals unter der Losung "New Deal" Wirtschafts- und Sozialreformen vorantrieb, erhoffte sich davon Popularität als Wohltäter der Nation. Zwischen 1935 und 1944 entstanden so rund 250.000 Fotos, davon wurden 175.000 Schwarz-Weiß-Aufnahmen und 1600 Farbdias entwickelt. Besonders eindrucksvoll: Bilder mit Kindern.

William Elwood Wight war elf, als die Große Depression 1929 das Land traf. Und seine Eltern hatten sich gerade getrennt. "Mein Dad verschwand für mehrere Jahre, wir hatten Mühe, genug auf den Tisch zu bringen. Stundenlang standen wir für einen Sack Möhren oder Mehl an", erinnerte sich Wight später.

In Phoenix (Arizona) lebten sie in einer schäbigen Hütte nahe den Eisenbahnschienen. Der Leidensweg der Familie hatte bereits 1923 begonnen, als wegen der Dürre etwa 500 Rinder auf ihrer Farm im Osten Arizonas verdursteten. Die Wights zogen in die Kleinstadt Globe, der Vater schuftete in einem Bergwerk. "Ich war der älteste Junge in der Familie", so William Elwood Wight. "Mit 13 habe ich die Schule abgebrochen und seitdem immer gearbeitet. Bis ich 15 war, lief ich barfuß herum. Unsere Kleidung war zerlumpt, aber sauber."

Flucht aus der Staubschüssel

Viele "Kinder der Depression" mussten täglich zwölf Stunden auf Baumwollfeldern arbeiten. Ihre Familien hatten jeden zusätzlichen Cent bitter nötig, beschreibt der Historiker Milton Meltzer diese Zeit in seinem Buch "Brother, Can You Spare a Dime?" (Bruder, hast du mal zehn Cent?). Viele Amerikaner waren vor der anhaltenden Dürre aus dem Dust Bowl geflohen, aus einer als "Staubschüssel" bekannten Region im Zentrum und Südwesten der USA.


Über dem Text die Schwarz-Weiß-Fotos - und hier die besten Farbaufnahmen:

Fotostrecke

Landleben in den Dreißigern: Eine Farce in Farbe

In den Städten standen Obdachlose Schlange vor Suppenküchen und campierten in Elendslagern, den nach Roosevelts Vorgänger Herbert Hoover benannten Hoovervilles. Um ihren Eltern nicht zur Last zu fallen, zogen Heerscharen von Jugendlichen auf der Suche nach Arbeit durchs Land. Das Children's Bureau schätzte, dass Ende 1932 etwa 250.000 Minderjährige unter 21 Jahren allein in den USA unterwegs waren.

An der staatlichen Bilderoffensive gab es Kritik, weil dahinter auch politische Absichten steckten und die renommierten Fotografen offenbar in ihrer Kreativität beschnitten wurden. Von der Farm Security Administration (FSA) sollen sie Regieanweisungen für die Gestaltung der Fotos bekommen haben - vor allem als sich die wirtschaftliche Situation der USA zum Ende der Dreißigerjahre weiter verschlechterte und die Hilfsgelder schwanden: Jetzt bitte mehr der Schönheit der Landschaft widmen - Idylle kennt keine Krise.

"Trotzdem hatten wir auch Spaß"

Nicht allen Amerikanern ging es so schlecht wie Florence Owens Thompson, der alleinerziehenden Mutter von sechs Kindern. Die Bilder des Fotografenteams zeigen auch Kinder, die trotz materieller Not noch lachen konnten.

"Es war keine angenehme Zeit, aber wir hatten Spaß", sagte Wight. "Die Familie hielt zusammen. Wir aßen gemeinsam, auch wenn es nicht viel gab." Längst nicht alle mussten hungern. Manche Familien hatten immerhin kleine Farmen mit einigen Kühen und Hühnern. "Wir waren pleite, aber nicht arm", erinnerte sich Joe Gentry, ein anderer Zeitzeuge.

Im Gegensatz zu vielen anderen Kindern konnte Gentry in Beaver im Bundesstaat Utah zur Schule gehen und mit Unterstützung der Roosevelt-Regierung sogar ein College besuchen. Verla Breinholts Familie lebte ebenfalls in Utah und hatte stets ein Auto. Benzin gab es jedoch nur auf Marken. "Wir Kinder hatten nur ein gutes Paar Schuhe", so Breinholt. Erst mit 16 kauften ihr die Eltern einen Mantel, vorher musste sie die Kleidung ihrer älteren Stiefschwestern auftragen.

Zu Weihnachten gab es für die Kinder oft nur Obst und Nüsse. "Merry Christmas, hier ist deine Orange", hätten seine Eltern gesagt, erzählte Richard Grondin, der auf einem Bauernhof in Michigan aufwuchs. "Eine Orange war damals etwas Kostbares, das wir uns normalerweise nicht leisten konnten. Solange man überhaupt etwas zu essen hatte und einen Platz zum Schlafen, konnte man dankbar sein. Heute ist das völlig anders."

insgesamt 21 Beiträge
axel SCHNEIDENBACH 17.06.2016
1. the bitter years
ausstellungs-tipp zum artikel: wer einen teil der aufnahmen im original sehen möchte, kann dies in der sammlung THE BITTER YEARS von Edward Steichen (dauerausstellung) im wasserturm in dudelange/luxembourg tun... [...]
ausstellungs-tipp zum artikel: wer einen teil der aufnahmen im original sehen möchte, kann dies in der sammlung THE BITTER YEARS von Edward Steichen (dauerausstellung) im wasserturm in dudelange/luxembourg tun... www.steichencollections.lu/de/the-bitter-years. sehr empfehlenswert - schon wegen dem ausstellungsort!
Roland Jassenburg 17.06.2016
2. Zu dem Thema gibt es einen bekannten Film
Zum Thema der Jugendlichen in den USA während der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre gibt es auch einen sehenswerten Film, nämlich "Kinder auf den Straßen" ("Wild Boys of the Road") aus dem Jahr 1933: [...]
Zum Thema der Jugendlichen in den USA während der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre gibt es auch einen sehenswerten Film, nämlich "Kinder auf den Straßen" ("Wild Boys of the Road") aus dem Jahr 1933: https://de.wikipedia.org/wiki/Kinder_auf_den_Straßen
Richard Jas 17.06.2016
3. Früchte des Zorns : Geschichte wiederholt sich ?
Den Eindruck kann man bekommen wenn man das Buch kennt und die aktuelle Entwicklung auch der westlichen Welt sieht.
Den Eindruck kann man bekommen wenn man das Buch kennt und die aktuelle Entwicklung auch der westlichen Welt sieht.
Arnold Micko 17.06.2016
4. es sieht heute auch nicht viel anders aus
schöne wertefreie Reisebeschreibung von Paul Theroux: Tief im Süden
schöne wertefreie Reisebeschreibung von Paul Theroux: Tief im Süden
Haenschen Klein 17.06.2016
5.
Das Thema wird immer wieder rausgekramt, wenn man gegen das boese Amerika und den boesen "Kapitalismus" argumentieren will. Dabei ist an der Darstellung dessen, was damals gross angelegte staatliche Propaganda der FDR [...]
Das Thema wird immer wieder rausgekramt, wenn man gegen das boese Amerika und den boesen "Kapitalismus" argumentieren will. Dabei ist an der Darstellung dessen, was damals gross angelegte staatliche Propaganda der FDR Leute war, mehr als fraglich, was den Ablauf der Fakten betrifft. Gaensehuat darf man auch bekommen, wenn man bedenkt wie sehr FDR zu dem Zeitpunkt noch von Faschismus und Nationalsozialismus fasziniert war. Zum gleichen Zeitpunkt haben deutsche Kinder uebrigens auch auf Feldern gearbeitet - ich habe da an den Erzaehlungen meiner Grosseltern keinen Zweifel - und das bevor sie dann in HJ und BDM verfrachtet wurden (oder schlimmeres). Mein Vater hat mit 14 angefangen zu arbeiten. Und das war nach dem Krieg.

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