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Warum Männer einen Mercedes durch Nepal schleppten

Autos sollen Menschen befördern, doch in Nepal war es lange umgekehrt: Einst schleppten Dutzende Männer einen prächtigen Mercedes durchs Land - war's ein Geschenk Hitlers?

National Geographic
Von
Freitag, 28.06.2019   15:36 Uhr

Mit 17 Jahren trug Dhan Bahadur Gole zum ersten Mal ein Auto. Von Bhimphedi nach Thankot, im nepalesischen Vorgebirge des Himalaja. Heute sind das gut 43 Straßenkilometer. Eine Straße gab es aber damals noch nicht. Es dauerte acht Tage.

Als erstes Auto habe er einen Daimler getragen, erzählte Gole der "Nepali Times" 2014, zwei Jahre vor seinem Tod. Vorher hatte er noch nie eins gesehen. "Die Modelle der Wagen kannten wir nicht und nannten sie einfach 32, 64, 96 - nach der Zahl der Menschen, die sie trugen." Der Daimler war ein 64.

Erst 1956 wurde der 115 Kilometer lange Tribhuvan Rajmarg eröffnet, die erste Fernstraße Nepals von der indischen Grenze im Süden durch das Gebirge bis ins Katmandu-Tal. Zuvor konnten Autos nur zu Fuß dorthin gelangen - kräftige Kerle in Strohpantoffeln, die rasch verschlissen, schleppten sie über schmale Pfade, ausgelatschte Steintreppen, Geröll und steile Pässe. Befestigte Straßen gab es allein in der Hauptstadt.

Nepals Regenten waren bekannt für ihre Vorliebe für Luxusautos. Dem damaligen König Tribhuvan soll Adolf Hitler 1940 einen Mercedes-Benz geschenkt haben, im Bemühen um Einfluss auf Katmandu.

Mit Gesang über Trampelpfade

Ein eindrucksvolles Farbfoto zeigt Männer, die einen Mercedes auf langen Bambusstangen über einen Fluss tragen. Die Aufnahme kursiert im Netz und wird häufig mit Hitlers Geschenk in Zusammenhang gebracht. Aber war es tatsächlich die Gabe des deutschen Diktators, unter der die Nepalesen auf diesem Bild buckelten?

Das Foto erschien im Januar 1950 in der Titelgeschichte "Peerless Nepal - A Naturalist's Paradise" im "National Geographic Magazine". Der US-amerikanische Ornithologe Sidney Dillon Ripley beschreibt darin seine viermonatige Expedition durch das Land, das bis Ende des Zweiten Weltkriegs Ausländern weitgehend verschlossen geblieben war.

Fotostrecke

Abgeschleppt: Männer, die Autos tragen

Aufgebrochen war Ripley im Oktober 1948. Ihn begleitete Fotograf Volkmar Wentzel, 1915 in Dresden geboren und in den USA aufgewachsen. Wentzel schoss das wohl bekannteste Bild der Nepal-Expedition.

Auch Ripley beeindruckte die Szene: "Der spektakulärste Anblick auf der Straße nach Katmandu ist ein Auto, das von 60 bis 120 Kulis transportiert wird", schrieb er. "Ohne Räder und Stoßfänger wurde das Auto auf einen Rahmen von Stangen gesetzt und darüber ein Tuch zum Schutz vor Staub geworfen. Dann bücken sich die Träger, heben das Ganze auf ihre Schultern und beginnen zu singen und langsam im Takt zu gehen."

In der Bildunterschrift heißt es: "Statt Autos, die Arbeiter befördern, befördern in Nepal Arbeiter Autos auf dem felsigen, hügeligen Pfad von Katmandu. (…...) Dieser alte, in Deutschland gefertigte Mercedes geht zur Inzahlungnahme für ein glänzendes amerikanisches Modell nach Indien."

Auto als Ausstellungsattraktion

Sahen der US-Vogelkundler und der Fotograf tatsächlich das Geschenk Hitlers? Im wörtlichen Sinne ein Auslaufmodell, das gerade das Land auf eben jene Weise verließ, auf die es einst gekommen war?

Eine Nachfrage im Archiv von Mercedes-Benz Classic: "Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" handele es sich um einen "Mercedes-Benz 230 Pullman-Landaulet aus dem Bauzeitraum 1937-1939", der einen "äußerlich sehr ordentlichen Eindruck" mache, fanden die Experten heraus. Filmaufnahmen aus Ripleys Nachlass zeigten "dasselbe Fahrzeug bei demselben Transport - auch wenn es auf dem Foto dunkelgrün und im Film eher dunkelblau erscheint" (siehe Video).

Als Nepal 2008 die Monarchie abschaffte, verkündete ein hochrangiger Beamter, dass der von Hitler verschenkte Mercedes-Benz, Baujahr 1939, künftig im zum Museum umgewidmeten Königspalast von Katmandu ausgestellt werde. "Das Auto wird dort eine große Attraktion sein", zitierte ihn die Nachrichtenagentur Reuters.

Den Wagen, hieß es weiter, habe eine Ingenieurschule in Katmandu nach dem Tod des Königs in den Fünfzigerjahren zur Mechanikerausbildung verwendet. Da es an Geld wie Ersatzteilen fehlte, rostete er zuletzt jahrelang vor sich hin. Reuters veröffentlichte dazu Archivbilder aus dem Jahr 2000 mit Menschen, die an einem verstaubten Oldtimer hantieren.

REUTERS

Mercedes-Oldtimer in Katmandu (im Jahr 2000): Nepalesische Mechaniker bei der Arbeit

Anhand dieser Bilder lasse sich das Fahrzeug nicht eindeutig identifizieren, stamme aber zweifellos aus den Dreißigerjahren, so Gerhard Heidbrink vom Mercedes-Benz Classic Archiv. Anders als auf Wentzels altem Foto handele es sich allerdings um ein offenes Modell, um einen Tourenwagen oder ein Cabriolet.

Kurz nach der Präsentation widersprach eine Tochter des früheren Premierministers Juddha Shumsher Rana: Der geschenkte Wagen befinde sich in Indien, nicht in Katmandu, sagte die damals 92-Jährige der "Kathmandu Post". Hitler habe den olivgrünen Daimler-Benz nicht König Tribhuvan, sondern dem Premierminister der Rana-Dynastie spendiert - um die Gurkha-Soldaten im Zweiten Weltkrieg auf seine Seite zu bringen.

Das Auto rottete vor sich hin

Gurkhas sind gefürchtete nepalesische Kämpfer im Dienst der britischen Armee. In Nepal rangen damals zwei Dynastien um die Macht: Die Shah-Dynastie führte den Königstitel, während die Rana den Posten des Regierungschefs vererbten.

1945 vermachte Juddha Shumsher Rana das Premierministeramt seinem Neffen und verließ 1948 Nepal. Ihr Vater habe das Auto nach Indien mitgenommen, erklärte die Tochter. Später habe sie den Wagen geerbt und 1966 ihrem Bruder überlassen; offiziell sei aber immer noch sie selbst die Besitzerin, so die betagte Dame 2008.

Dennoch erklärte ein nepalesischer Regierungsbeamter im September 2010, dass man das Hitler-Präsent nun reparieren und fortan damit Besucher übers Palastgelände chauffieren werde - um "den Menschen ein Gefühl für den politischen Wandel zu vermitteln, den das Land erlebt hat".

Die "Kathmandu Post" erklärte das Projekt im Jahr darauf für vorerst gescheitert. Es fehle an Geld; diverse Fahrzeuge der Königsfamilie würden weiter auf dem Museumsgelände verrotten, darunter das Geschenk aus Deutschland.

Hitlers Auto! Jubel in Indien

Indische Medien feierten unterdessen die Nachricht, dass Hitlers Auto sich in Indien befinde. Die "Nepali Times" sah den bizarren Streit darum im Zusammenhang mit der kruden Bewunderung für den deutschen Diktator und der Begeisterung für seine Hetzschrift "Mein Kampf", die es sowohl in Nepal als auch in Indien gebe. Die Zeitung beschrieb das 2010 als "Götzenverehrung aus purer Unwissenheit"; es fehle am Verständnis grundlegender historischer Tatsachen.

Seitdem gibt es vom rostigen Oldtimer keine neuen Nachrichten mehr. Unklar blieb, welches Modell der Diktator nun tatsächlich nach Nepal geschickt hatte. Und ob er das selbst veranlasste oder es sich schlicht um einen von vielen diplomatischen Annäherungsversuchen des "Dritten Reiches" handelte.

Da musste auch das emsige Daimler-Archiv passen: "Uns liegen leider keinerlei Informationen vor - weder zum angeblichen Geschenk Hitlers noch zur Lieferung nach Nepal oder zur Verbringung nach Indien." Quellen aus dem Archiv gäben dazu jedenfalls keinen Aufschluss.

Gut möglich, dass das Deutsche Reich mehr als nur ein Auto springen ließ - und im Gerangel der nepalesischen Dynastien gleich beide beschenkte. Genützt hat es jedenfalls nichts: Sowohl in Nordafrika als auch in Griechenland und Italien trafen deutsche Truppen auf Gurkhas. Denn Premier Rana hatte sich nach Kriegsbeginn umgehend auf die Seite der Briten gestellt und ihnen seine unverbrüchliche Treue versichert.

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insgesamt 6 Beiträge
Burkhardt Leiverkus 28.06.2019
1. Anmerkung zum Bild Nr. 6 ...
... der Fotostrecke. Der Kleinschnittker F125 lud mit seinen 167 Kg Leergewicht schon zum Tragen ein. Wird wohl selten und wenn dann nur zu Demonstrationszwecken wie im Foto geschehen sein, aber im Alltag war ein Anheben des [...]
... der Fotostrecke. Der Kleinschnittker F125 lud mit seinen 167 Kg Leergewicht schon zum Tragen ein. Wird wohl selten und wenn dann nur zu Demonstrationszwecken wie im Foto geschehen sein, aber im Alltag war ein Anheben des Fahrzeughecks schon notwendig, denn einen Rückwärtsgang besaß das Fahrzeug nicht. Also anheben , drehen, bis das Fahrzeug in die richtige Richtung zeigt und wieder absetzen.
Norbert Szameitat 28.06.2019
2. Leider kein Foto mehr da...
...wie wir früher unsere Kastenente einparkten wenn es eng war: vorwärts schräg rein und dann hinten an dem Stoßstangenbügel zugepackt und rübergewuppt- gab nicht selten mächtig Beifallsbekundungen!
...wie wir früher unsere Kastenente einparkten wenn es eng war: vorwärts schräg rein und dann hinten an dem Stoßstangenbügel zugepackt und rübergewuppt- gab nicht selten mächtig Beifallsbekundungen!
Bernhard Tiedemann 28.06.2019
3. Ein Kleinschnittger
ist das Auto, das da von 2 Männern in Österreich getragen wird.Gebaut in Arnsberg Westfalen 1950-1957, 70 km/h schnell, mit Seilzugstarter wie ein Rasenmäher und ohne Rückwärtsgang.
ist das Auto, das da von 2 Männern in Österreich getragen wird.Gebaut in Arnsberg Westfalen 1950-1957, 70 km/h schnell, mit Seilzugstarter wie ein Rasenmäher und ohne Rückwärtsgang.
Joe Schaefer 28.06.2019
4. Die abgebildeten Fahrzeuge erscheinen mir unterschiedlich
Auf dem Video und dem Foto 2/13 der Bildserei hat der Mercedes eine oben abgerundete Frontscheibe, auf Foto 3/13 mit dem verstaubten Mercedes ist die Frontscheibe oben eckig. Es sind demnach wohl verschiedene Fahrzeuge.
Auf dem Video und dem Foto 2/13 der Bildserei hat der Mercedes eine oben abgerundete Frontscheibe, auf Foto 3/13 mit dem verstaubten Mercedes ist die Frontscheibe oben eckig. Es sind demnach wohl verschiedene Fahrzeuge.
Günter Vrauer 01.07.2019
5. Nochmal
zu Bild #6. Ich möchte im Sinne eines wirklich ordentlichen Journalismus darum bitten das nicht immer wieder, sobald sich etwas um Autos dreht, der Einwurf von "panzerartigen SUV" kommt. Panzer kommt von gepanzert und [...]
zu Bild #6. Ich möchte im Sinne eines wirklich ordentlichen Journalismus darum bitten das nicht immer wieder, sobald sich etwas um Autos dreht, der Einwurf von "panzerartigen SUV" kommt. Panzer kommt von gepanzert und "panzerartig" können auch die komischen Gummidinger der Amerikaner im 2. Weltkrieg gewesen sein. Der Durchschnitts-SUV hat die Ausmaße die zwischen einem 3er und 5er BWM liegen. Ist ein 5er BMW jetzt auch "panzerartig"? Seriöse Pressearbeit geht anders. Das herum hacken auf dem Autotyp SUV grenzt langsam an Diffamierung. Manchen Journalisten wäre eine Reflektion ihres Schreibstils sehr angeraten. The Beast ist übrigens gepanzert aber kein SUV. Bringt mich jetzt in eine Deutungszwickmühle. Soviel zu "Wir schreiben nur über Fakten"

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