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Mythos Beate Uhse

"Ich bin nicht Jesus, sondern Unternehmer"

Sie bescherte den Deutschen multiple Höhepunkte und wurde damit reich: Vor 100 Jahren wurde Erotik-Königin Beate Uhse geboren. Eine neue Biografie kratzt an der Legende von der vermeintlichen Feministin.

Jay Ullal/ action press
Von Danielle Dörsing
Freitag, 25.10.2019   15:29 Uhr

Das Sex-Imperium startete mit einem erfolglosen Haarwuchsmittel. Niemand wollte die Substanz kaufen, die Beate Uhse mit ihrem Mann Ernst-Walter ("Ewe") Rothermund nach dem Krieg auf den Markt brachte. Also schrieb sie 1947 die berühmte "Schrift X". In der kleinen Broschüre breitete Uhse Grundwissen über Zyklus und Periode aus, zudem erläuterte sie die "Knaus-Ogino-Methode", damals auch bespöttelt als "vatikanisches Roulette".

"Es sollte das selbstverständliche Recht jedes Menschen sein, die Größe seiner Familie je nach seinen sozialen Verhältnissen zu bestimmen", schrieb Uhse. Ihre "Schrift X" geriet zum Kassenschlager: Das Duo Uhse-Rothermund verkaufte im ersten Jahr 32.000 Abschriften und verschickte sie für zwei Mark und 70 Pfennige an Privathäuser.

Bald gierten die Menschen nach mehr. Mehr Informationen und Einblicke, mehr Möglichkeiten zur Empfängnisverhütung. So begann das Ehepaar, Kontrazeptiva zu verkaufen. Es folgten Lustspender wie "Kraft Bonbons" und Erotin-Dragees", der Dildo "Sorgenfrei" oder das Negligé "Paola". 1962 öffnete dann unter dem Namen "Beate Uhse - Fachgeschäft für Ehehygiene" in Flensburg der erste Sex-Shop der Welt.

Keine Frage: Beate Uhse hatte eine Revolution in den Schlafgemächern der Nachkriegszeit angezettelt. Doch war sie deshalb eine Vorkämpferin des Feminismus, wie vielfach behauptet? Mitnichten, lautet das Fazit der Journalistin und Bloggerin Katrin Rönicke in ihrer lesenswerten neuen Biografie "Beate Uhse. Ein Leben gegen Tabus".

Puppen ertränkte sie in der Badewanne

Rönicke betont: "Je länger ich mich mit Beate und der Geschichte der Firma Beate Uhse befasste, desto klarer wurde mir: Das ist hier alles andere als die Emanzipationsgeschichte einer Frau nach 1945, die für die sexuelle Freiheit und das Glück der Menschen kämpft."

Uhse war in erster Linie eine knallharte Geschäftsfrau, schreibt Rönicke. Und die "Schrift X" weniger ein befreiendes Manifest denn eine Möglichkeit, die von Hunger und Armut gebeutelte Familie zu ernähren.

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Beate Uhse: Pilotin, Unternehmerin, Sauberfrau des Sex

Uhse, am 25. Oktober 1919 als Beate Köstlin in Ostpreußen geboren, war eine sehr eigensinnige Persönlichkeit. Sie wuchs auf einem preußischen Gutshof auf und hatte zwei Geschwister, die Mutter war Ärztin, der Vater Landwirt. Die Eltern glaubten an Fortschritt und Eigenständigkeit - für beide war Beates ungewöhnlicher Berufswunsch, Pilotin zu werden, kein Problem.

Schon früh wehrte sie sich gegen Konventionen, mit denen sie nichts anfangen konnte. Als ihre Schwester die kleine Beate im Bad einsperrte, damit sie "wie ein richtiges Mädchen" anfangen sollte, mit Puppen zu spielen, statt vom Fliegen zu träumen, ertränkte das Mädchen die "Scheißpuppen" in der Badewanne.

Mit Durchsetzungskraft und großem Selbstbewusstsein startete sie in ihre Fliegerlaufbahn. In der Flugschule lernte Beate ihren ersten Mann Hans-Jürgen Uhse kennen. Im Zweiten Weltkrieg flog sie für die deutsche Luftwaffe und überführte Kriegsflugzeuge an Einsatzstützpunkte.

Als Mutter hätte Beate Uhse nicht fliegen müssen, wollte es aber. Obwohl sie sich nie öffentlich zu Hitler bekannte und kein Parteimitglied war, wirkte sie doch an der Maschinerie des Regimes mit: Die Pilotin stand für Propagandafilme vor der Kamera und doubelte bekannte Schauspieler wie René Deltgen in gefährlichen Stuntszenen.

Uhse strickte den Mythos selbst

Zum Kriegsende kam sie für sechs Wochen in britische Kriegsgefangenschaft - und tippte kurz danach die erste "Schrift X". Uhse verklärte sie zur emanzipatorischen Proklamation, verfasst von einer Frau, der es primär um Gleichberechtigung und Aufklärung gehe. Katrin Rönicke indes sieht darin eine "reine Geschäftsidee (...), vielleicht sogar regelrecht Wucher".

Alle aus Beate Uhses Umfeld, mit denen Rönicke bei der Recherche sprach, hätten ihr erzählt, dass die Unternehmerin für Frauen nie viel übriggehabt habe. "Warum also die eigenen Möglichkeiten, Geld zu verdienen, einschränken für ein paar Angehörige des Geschlechts, das Beate ohnehin nicht allzu sehr respektierte?", fragt Rönicke. Uhse sei es schlicht um Umsatz gegangen - und um ein gutes Bild in den Medien.

Besonders in den ersten beiden Firmenjahrzehnten inszenierte Beate Uhse die Frau als neuen, wichtigen Bestandteil der sexuellen Debatte der jungen Bundesrepublik. Sie betonte in ihren Katalogen: "Sicher können Sie sich denken, dass es mir als Frau nicht möglich ist, ohne großen Idealismus auf diese Weise für das Glück der Frauen und die Erhaltung der Ehe zu werben." Ein neues feministische Zeitalter schien angebrochen, an der Spitze: die Erotik-Königin.

Preisabfragezeitpunkt:
14.12.2019, 16:54 Uhr
Ohne Gewähr

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Katrin Rönicke
Beate Uhse: Ein Leben gegen Tabus

Verlag:
Residenz
Seiten:
208
Preis:
22,00 €

Manche Medien sprachen sogar von der "Stunde der Frau" - für Uhse ideal, denn nun konnte sie ihre Werbestrategie auch in der Medienlandschaft weiterentwickeln, nicht nur in ihren Katalogen. Das Unternehmen verteilte bereits ab den Fünfzigerjahren ihre Lebensgeschichte an Journalisten - die schluckten die Geschichte bereitwillig.

Ein erfülltes Ehe- und Sexleben galt laut US-Historikerin Elizabeth Heineman in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in der deutschen Medienöffentlichkeit als probates Mittel im Kampf gegen den Totalitarismus. Uhse trug diese Idee nach vorn, ohne gefühlskalt zu wirken; laut Eigenwerbung ging es der Unternehmerin vor allem darum, das gesellschaftliche Gemeinwohl zu wahren.

Dazu war sie noch eine Frau und in der Lage, sich abgekoppelt von ihrer NS-Vergangenheit zu inszenieren. Dieser "Beate-Uhse-Mythos" erlaubte der westdeutschen Öffentlichkeit, so Heineman, den beschwerlichen Weg einer vom Krieg gebeutelten Nation beispielhaft zu erzählen.

"Frau Saubermann des deutschen Sexgeschäfts"

Zahlreiche Gerichtsverfahren führten dazu, dass das öffentliche Interesse an Beate Uhse konstant stieg und der Mythos sich weiter festigen konnte. Allein in den ersten zehn Firmenjahren stand sie über 25 Mal vor Gericht. Insgesamt führte die Justiz rund 400 Strafverfahren gegen Uhses Imperium, zumeist wegen "Beihilfe zur Unzucht" nach einem Strafparagraphen von 1919.

Die aufklärerische Inszenierung rückte mit der Zeit jedoch in den Hintergrund, bis sie schließlich, zumindest was die Praktiken des Unternehmens anging, ganz verschwand. Zuvor begeisterte Medien äußerten sich nun deutlich kritischer. Uhses Werbeabteilung sei darauf gedrillt, "sie als eine Art Frau Saubermann des deutschen Sexgeschäfts vorzustellen", schrieb der SPIEGEL 1971, "doch das Bild, das Beate Uhse von sich entwerfen lässt, ist retuschiert."

Das Unternehmen, das sich mittlerweile ganz dem Filmgeschäft verschrieben hatte, kommentierte lakonisch: "Den neuen Bedürfnissen der Kunden konnten wir uns nicht verschließen." Mit den Kunden war die mittlerweile fast rein männliche Zielgruppe gemeint, die inszenierte Schmuddelfilme wünschte, teils voller Gewalt. Frauen wurden in diesen Streifen immer mehr Mittel zum Zweck - für die Firma jedoch lohnend: 1974 war für Beate Uhse ein herausragendes Geschäftsjahr und eine Bestätigung, auf dem richtigen Kurs zu sein.

Feministinnen protestierten, insbesondere Alice Schwarzer. Mit der 1987 von der Zeitschrift "Emma" inszenierten Kampagne "PorNo" versuchten sie, ein Gesetz gegen gewaltverherrlichende und frauenfeindliche Pornografie zu erwirken, jedoch ohne Erfolg. Beate Uhse wurde vorgeworfen, ihr eigenes Geschlecht zugunsten des Profits zu verraten.

2001 starb sie im Alter von 81 Jahren und erlebte nicht mehr, wie ihre Firma 2017 in die Insolvenz steuerte. Die Kritik war an Beate Uhse immer abgeprallt - auch weil sie sich selbst nie als die Idealistin verstand, zu der sie zeitlebens von Werbeabteilung und Medien stilisiert wurde. "Dass sie Geschäfte mit Sex macht, von Feministinnen hart attackiert wird, die ihr Frauenfeindlichkeit und die Degradierung der Frau zum Lustobjekt vorwerfen, sieht sie ganz unverkrampft", resümierte die "Zeit" 1985. Denn sie bekenne ganz freimütig: "Ich bin nicht Jesus, sondern Unternehmer."

insgesamt 15 Beiträge
Hennes Strawinski 25.10.2019
1.
In die Kategorie "Feminismus" hat Beate Uhse nie gepasst. Sie hat auch ohne Geschlechterkampf stets durchgesetzt, was sie wollte und dabei die Sexindustrie in Deutschland geprägt wie niemand anderes. Der Begriff [...]
In die Kategorie "Feminismus" hat Beate Uhse nie gepasst. Sie hat auch ohne Geschlechterkampf stets durchgesetzt, was sie wollte und dabei die Sexindustrie in Deutschland geprägt wie niemand anderes. Der Begriff "Beate Uhse Shop" stand jahrzentelang so stellvertrend für alle Sex Läden wie "Tempo Tücher" für Papiertaschentücher. Das muss man erst mal schaffen.
Katja Schweizer 25.10.2019
2.
Ich finde, dass Beate Uhse sehr wohl alle Kriterien erfüllt, die man allgemein an eine Feministin und Emanzipierte anlegt. Sie unterwarf sich nicht traditionellen Rollenbildern, übte gegen gesellschaftliche Konvention einen [...]
Ich finde, dass Beate Uhse sehr wohl alle Kriterien erfüllt, die man allgemein an eine Feministin und Emanzipierte anlegt. Sie unterwarf sich nicht traditionellen Rollenbildern, übte gegen gesellschaftliche Konvention einen "Männerberuf" aus, wurde Unternehmerin, ernährte die Familie, hatte Erfolg, setzte sich über Forderungen hinweg, die andere an ihr Verhalten stellten, agierte sexuell befreit. Sie war unabhängig und frei im Geist, unterwarf sich keiner Konvention und keinem Druck. Ja, die Pornos stören im Bild der Feministin, aber niemand ist eben 100 Prozent geradeaus. Da war die Gier halt größer. Aber grundsätzlich finde ich schon, dass sie unabhängig von der Branche, doch sehr zum feministischen Vorbild taugt. Zumindest zum Emanzipatorischen jedenfalls.
Andreas Doetz 25.10.2019
3.
Die Flugzeuge, die sie vom Flugplatz Barth an die Front geflogen hat wurden von Frauen des größten Frauenlagers im 1000-jährigen Reich KZ-Ravensbrück Außenstelle Barth gebaut. Über 600 Frauen des KZ-Ravensbrück mußten in [...]
Die Flugzeuge, die sie vom Flugplatz Barth an die Front geflogen hat wurden von Frauen des größten Frauenlagers im 1000-jährigen Reich KZ-Ravensbrück Außenstelle Barth gebaut. Über 600 Frauen des KZ-Ravensbrück mußten in Barth Flugzeuge zusammenbauen. Davon hat sie anscheinend nichts mitbekommen. Ihr Name/Dienstgrad Hauptmann wurde in den Start und Landebüchern des Flugplatzes gefunden. Sie liegen im Archiv der Stadt Barth. Von den halb verhungerten Häftlingen die dort zu Hunderten herumwankten und den SS-Wachmannschaften hat sie nichts bemerkt. Sie hat sich auch stets sehr bedeckt über ihre NS-Vergangenheit gehalten.
Susanne Zenner 25.10.2019
4. Und doch !
Beate Uhse wollte ihr Ding durchziehen und zwar für sich selbst, nicht für andere. Eine Feministin in dem Sinne - eine Vorkämpferin für Frauenrechte - war sie nicht . Aber dennoch ist diese Selbstständigkeit im Handeln so [...]
Beate Uhse wollte ihr Ding durchziehen und zwar für sich selbst, nicht für andere. Eine Feministin in dem Sinne - eine Vorkämpferin für Frauenrechte - war sie nicht . Aber dennoch ist diese Selbstständigkeit im Handeln so etwas wie eine "Revolution der Tat " , in dem Sinne ist Beate Uhse eher eine Alexandra David-Néel und keine Clara Zetkin - aber gerade durch ihr nicht-solidarisches Verhalten ein Rollenvorbild .
V. B. 25.10.2019
5. Und?
Die heutigen "Feminist*innen" verkaufen ihre Ideologie auch nur für die Macht irgendeiner "marginalisierten Minderheit" (i.e. vor allem für die eigene) und meinen zudem, dass sie eine moralische Deutungshoheit haben.
Die heutigen "Feminist*innen" verkaufen ihre Ideologie auch nur für die Macht irgendeiner "marginalisierten Minderheit" (i.e. vor allem für die eigene) und meinen zudem, dass sie eine moralische Deutungshoheit haben.

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