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Sponti-Hauptstadt West-Berlin

Keine Macht für niemand

3. Teil: "Arm, aber sexy"

Udo Schewietzek
Freitag, 05.10.2012   15:28 Uhr

3. Teil: "Arm, aber sexy"

Den Soundtrack für die Freiheit und das Abenteuer dieser Jahre produzierte die damals beste deutsche Rockband Ton, Steine, Scherben. Sie sangen "Keine Macht für Niemand" oder "Allein machen sie dich ein" und vor allem die inoffizielle West-Berliner Stadt-Hymne, den "Rauch-Haus-Song": "Der Mariannenplatz war blau, so viel Bullen waren da..."

Offiziell studierten wir, streikten aber lieber gegen den angeblichen "Prüfungsterror" an der Universität. Wichtiger als Seminare und Vorlesungen war uns ohnehin die "politische Arbeit". Wir engagierten uns in der Stadtteilarbeit, fuhren nach Gorleben, arbeiteten für die "taz".

Der einzigartige Reiz West-Berlins waren die vielen Freiräume. Ende der siebziger Jahre hatten sozialdemokratische Politiker Hunderte Häuser entmieten lassen, damit Spekulanten und Wohnungsbaugesellschaften sie - und sich selbst - mit Steuermitteln sanieren konnten. Dieser leeren Räume bemächtigten sich Freaks, Punks und Alternative, die von "befreiten Zonen" träumten und meinten, sie könnten die Eigentümer der von ihnen besetzten Häuser expropriieren und den Kapitalismus mal eben abschaffen.

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Sponti-Hauptstadt West-Berlin: Tunix mit Schädel

Was die eigentlichen Herren der Halbstadt, die Alliierten, von diesen Ideen hielten, interessierte uns nicht. Das Surreale der geteilten Stadt - wir fuhren zum Beispiel morgens mit der West-Berliner U-Bahn unter Ost-Berlin hindurch zur "taz"-Redaktion - hatte auf uns abgefärbt. Unsere politischen Ideen und Forderungen hatten auch etwas ziemlich Surreales.

Schon damals galt für die Berliner Szene, was Klaus Wowereit 20 Jahre später zum Slogan für die gesamte Stadt erhob: arm, aber sexy. Der Soundtrack kam jetzt von den Einstürzenden Neubauten; David Bowie, Iggy Pop, Nick Cave und andere coole Musiker lebten in West-Berlin.

In den wilden Tagen der Straßenschlachten Anfang der achtziger Jahre, unter dem Motto "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran", tat sich eine Ethnie hervor, die bis heute bei eingeborenen oder altgedienten Berlinern nicht wirklich beliebt ist: die Schwaben, unterstützt von Bayern.

Kaum ein paar Monate in der Stadt, erklärten sie einem, wie das alles gehe im Kiez und mit der Revolution und überhaupt. Aus stickigen Kleinstädten voll selbstgerechter Süddeutscher nach Berlin entkommen, schlugen sie erst einmal furchtbar über die Stränge - bis sie, oft schneller als alle anderen, wieder die Kurve kratzten und bürgerliche Karrieren einschlugen.

Der Fall der Mauer brachte mit einer Welle von Hausbesetzungen und illegalen Clubs noch einmal eine Blüte des subversiven Berlins hervor, die bislang letzte. In von Kerzen erleuchteten Kellern in Mitte mixten Brasilianer Caipirinhas. Im "Tresor" und anderen Clubs hämmerte Techno. Die Autonomen waren noch stark genug, um die unsinnige Olympia-Bewerbung des Senats für das Jahr 2000 erfolgreich zu sabotieren.

Doch mit dem Fall der Mauer setzte eine Normalisierung ein, die den schleichenden Tod für den wilden Westen und die DDR-Opposition im Osten gleichermaßen bedeutete. Die Karrieristen, die einst aus West-Berlin geflüchtet waren, strömten nun zuhauf in die Stadt. Die nachwachsenden Straßenkämpfer reduzierten die Randale auf ein absurdes Ritual am 1. Mai. Die Grünen, die dank der Hausbesetzerbewegung Anfang der achtziger Jahre ins Landesparlament gespült worden waren, mutierten zu einer bürgerlichen Partei.

In der Straße in Prenzlauer Berg, in der ich zwar immer noch in einer großen Wohnung, aber schon lange mit Familie lebe, stand neulich ein schwarzer Ferrari vor der Tür. Wie langweilig.

insgesamt 12 Beiträge
Volker Altmann 07.10.2012
1.
Es ist Ost wie West das gleiche Phänomen. Die Berliner ? und sonderbarerweise auch die Landflüchtigen, die die Berliner Insel der Glückseligen zu Ihrer neuen Heimat gemacht haben - hielten sich schon immer für den Nabel der [...]
Es ist Ost wie West das gleiche Phänomen. Die Berliner ? und sonderbarerweise auch die Landflüchtigen, die die Berliner Insel der Glückseligen zu Ihrer neuen Heimat gemacht haben - hielten sich schon immer für den Nabel der Welt. Schmähungen über die Restrepublik ? ob DDR oder BRD - gehörten schon immer zum guten Ton. Vielleicht liegt darin auch die geradezu legendäre ?Freundlichkeit? der Berliner begründet? ?In den wilden Tagen der Straßenschlachten Anfang der achtziger Jahre, unter dem Motto "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran", tat sich eine Ethnie hervor, die bis heute bei eingeborenen oder altgedienten Berlinern nicht wirklich beliebt ist: die Schwaben, unterstützt von Bayern.? Dies gilt offenbar nicht für den Autor selbst. Wie war das mit der Flucht vor dem Kreiswehrersatzamt München? Soll man das jetzt als gelungene Integration sehen (?Ich bin ein 'altgedienter' Berliner?) oder schlicht und ergreifend als ein Verleugnen der eigenen Wurzeln?
Siegfried Wittenburg 09.10.2012
2.
Ach, Herr Altmann, bitte die Präsent-20-Hose nicht so exakt bügeln. Jede Generation hat ihre Aufgabe. Mir ist dieses Über die Stränge schlagen lieber als sich brav irgendwelchen Feldwebeln unterzuordnen und ohne [...]
Ach, Herr Altmann, bitte die Präsent-20-Hose nicht so exakt bügeln. Jede Generation hat ihre Aufgabe. Mir ist dieses Über die Stränge schlagen lieber als sich brav irgendwelchen Feldwebeln unterzuordnen und ohne nachzudenken die Waffe gegen den bösen Osten zu richten. Im Osten gab es auch welche, die sich verweigert haben. Was wäre heute, wenn sich diese Jugen nicht in ihrer Zeit für den Nabel der Welt gehalten hätte? "Aus stickigen Kleinstädten voll selbstgerechter Süddeutscher nach Berlin entkommen, schlugen sie erst einmal furchtbar über die Stränge - bis sie, oft schneller als alle anderen, wieder die Kurve kratzten und bürgerliche Karrieren einschlugen." Völlig in Ordnung. Man nennt es auch Pubertät.
Hartmut Wolf 10.10.2012
3.
Was heißt "Berlin"? Das war zu der Zeit z. B. in Frankfurt auch nicht anders. Und außerdem gab und gibt es keine "Wehrdienstverweigerer". Die offizielle und korrekte Bezeichnung ist Kriegsdienstverweigerer, [...]
Was heißt "Berlin"? Das war zu der Zeit z. B. in Frankfurt auch nicht anders. Und außerdem gab und gibt es keine "Wehrdienstverweigerer". Die offizielle und korrekte Bezeichnung ist Kriegsdienstverweigerer, was der Sache und den Menschen auch gerecht wurde/wird. Leider habe auch ich vermehrt den Eindruck, dass bei SPON immer mehr Leute mit dürftigem Allgemeinwissen schreibseln.
Olaf Nyksund 10.10.2012
4.
Die Frage, die mir damals niemand beantworten konnte (wollte?) und die daher bis heute offen bleibt, lautet: Warum sind diese Menschen nicht in den Osten der Stadt gegangen, um dort ein neues Leben nach den Prinzipien zu [...]
Die Frage, die mir damals niemand beantworten konnte (wollte?) und die daher bis heute offen bleibt, lautet: Warum sind diese Menschen nicht in den Osten der Stadt gegangen, um dort ein neues Leben nach den Prinzipien zu beginnen, die sie so liebten? Gerade in den 1980er?
Volker Altmann 10.10.2012
5.
Herr Wittenburg, offenbar haben Sie meinen Kommentar nicht richtig erfasst. Ich habe mich niemals gegen die 68er-Bewegung ausgesprochen. Und was das Recht der Jugend betrifft, auf der Suche nach neuen Wegen auch mal über die [...]
Herr Wittenburg, offenbar haben Sie meinen Kommentar nicht richtig erfasst. Ich habe mich niemals gegen die 68er-Bewegung ausgesprochen. Und was das Recht der Jugend betrifft, auf der Suche nach neuen Wegen auch mal über die Stränge zu schlagen, rennen Sie bei mir offene Türen ein. Ich war der Meinung, dass meine Haltung hierzu, schon an anderer Stelle sehr deutlich gemacht wurde in meinen Kommentaren. Mein Kommentar hier galt dem Verhältnis von Berlin zur Restrepublik im Allgemeinen - zu allen Zeiten. Herr Nyksund, viele Kritiker haben damals den Protest gegen das Wettrüsten gerne mit der Empfehlung versehen ?Geh doch nach drüben?. Aber zum Einen gilt hier der Spruch ?Hierbleiben, Widerstehen? und zum Anderen galt die DDR für die meisten Protestler keineswegs als Musterstaat. Sich für die Friedensbewegung einzusetzen oder von einer gerechteren Gesellschaftsform zu träumen, hieß für die große Masse niemals, dass man staatliche Repression, Abschaffung der Meinungsfreiheit, Kerkerhaft aus politischen Gründen oder den Schießbefehl für hinnehmbar hielt. Ich hoffe, ich konnte Ihre Frage hiermit ausreichend beantworten.

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