einestages

Bescheidene Emanzipation

Die Träume meiner Mutter

Wenn eine Frau erst ihren Mann fragen muss: Noch bis weit in die siebziger Jahre regelte die Bundesrepublik die Aufgabenverteilung in der Ehe. Karl Wilhelm Meier erinnert sich an seine Mutter, die sich auf anspruchslose Art emanzipierte - trotz eines altmodischen Ehemanns.

Karl Wilhelm Meier

Karl Wilhelm Meiers Mutter hat sich im Alter nicht mehr gerne fotografieren lassen.

Montag, 08.06.2009   16:57 Uhr

Meine Mutter hat nie viel von sich erzählt. Entweder ich habe nicht nachdrücklich genug gefragt, oder sie zog es vor, diskret zu bleiben, was die eigene Lebensgeschichte und ihre Gefühle anging. Die Zeit, in die sie 1921 in einer mitteldeutschen Kleinstadt geboren wurde, war jedenfalls eine von Männern dominierte Zeit, und das Leben der Frauen war das verlängerte Leben der Männer. Sie entschieden, ob ihre Frauen arbeiten durften und verfügten sogar über das Vermögen, das die Frauen mit in die Ehe gebracht hatte. In der BRD hatte dieser Zustand erst 1977 formal ein Ende. Damals wurde die gesetzlich vorgeschrieben Aufgabenteilung in der Ehe aufgehoben.

Als der Krieg begann, wohnte meine Mutter bei ihren Eltern. Sie hatte, wie damals üblich, nach der Schule keinen Beruf erlernt, obgleich sie Krankenschwester habe werden wollen, wie meine Großmutter erzählte. Der Krieg war immer weit weg und deshalb zu ertragen. Da er aber die Männer verschlang, waren in der Rüstungsindustrie Frauen die treibende Kraft. Meine Mutter bekam Arbeit bei den Magdeburger Flugzeugwerken. Zunächst eine schöne Zeit. Sie hatte eine Aufgabe, Arbeitskolleginnen und eigenes Geld, auch wenn sie den größten Teil ihres Verdienstes bei ihren Eltern abgeben musste. Aber viel wichtiger: Sie kam endlich raus aus der engen Kleinstadt.

Der Krieg kam näher und näher. Die Alliierten bombardierten die Flugzeugwerke. Zum Ende hin gab es nicht einmal mehr Bunker, in denen die Menschen Schutz finden konnten. Bei Fliegerangriff wurden sie aus der Fabrik einfach auf das freie Feld geschickt. Dort hofften sie dann, dass die Bombe sie nicht treffen würde. "In dem Moment", sagte meine Mutter, "da hofft man nur, dass es bald vorbei ist." Das Zischen der abgeworfenen Bomben verglich sie mit dem einer Dampflokomotive.

Ende einer klaren Aufgabenteilung

Über Umwege hatte meine Mutter noch während des Krieges von einem Soldaten erfahren, der seinen Dienst wieder aufnehmen musste, obwohl seine ganze Familie bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen war. Sie begann, ihm Briefe zu schreiben. Nach dem Krieg lud er sie nach Bremen ein. Sie schmissen zusammen, was sie nicht hatten: Er kein Haus mehr und keine Familie, sie keine Zuzugsberechtigung und keine Lebensmittelmarken.

Nach und nach erblickten meine drei Geschwister und ich das Licht der Welt. Unser Vater arbeitete, und meine Mutter hatte mit uns alle Hände voll zu tun. Irgendwie schafften es meine Eltern sogar, sich ein kleines Haus zu kaufen, das eines Tages von uns Kindern übernommen werden sollte. Je älter wir wurden, umso lieber wollte meine Mutter wieder arbeiten. Um etwas zu tun zu haben, um Geld zu verdienen. Mein Vater war strikt dagegen. Für ihn war von größter Wichtigkeit, dass das Mittagessen um Punkt 12 Uhr auf dem Tisch stand und die Frau sich um die Kinder kümmerte. Sonst nichts. Ich spürte damals, dass meine Mutter damit nicht einverstanden war. Aber durchsetzen konnte sie sich gegen meinen alten Herren nicht.

Anfang der siebziger Jahre, in einer Zeit also, in der streng genommen jede Frau noch immer ihren Mann um Erlaubnis bitten musste, wenn sie arbeiten wollte, änderte sich das: Die örtliche Fliesenfabrik suchte Packerinnen. Wie meine Mutter sich gegen meinen Vater durchsetzte, weiß ich nicht. Es ist naheliegend, dass sie es mir nicht verriet. Trotz allem war sie noch immer eine loyale Ehefrau.

Unerfüllter Traum

Meine Mutter blühte auf. Sie hatte eine Aufgabe, sie hatte Kolleginnen, sie hatte ihre eigene Welt. Man fuhr gemeinsam zur Arbeit, feierte zusammen Geburtstag und unternahm auch hin und wieder etwas. Die Sache mit dem Geld allerdings änderte sich kaum. Mein Vater war der Kontoinhaber, und meine Mutter bekam auch weiterhin keine Vollmacht dafür. Als die Halbtagsstellen zu Ganztagsstellen wurden, arbeitete meine Mutter trotzdem weiter.

Mein Vater ging unterdessen wegen seines Asthmas in Frührente. Nun störte es ihn noch mehr, dass seine Frau arbeiten ging. Kam meine Mutter fünf Minuten später als üblich, dann stand er schon auf der Straße. Acht Stunden alleine sein, das konnte er nicht. Vermutlich hat er meine Mutter gedrängt zu kündigen. Sie hat darüber nie ein Wort verloren. So etwas gehörte sich schließlich nicht.

Ohne zu klagen, hat sie meinen Vater betreut und gepflegt, und nie habe ich ein böses Wort von ihr gehört. Sie blieb immer sehr aktiv, bastelte, häkelte, machte Ketten. Als sie starb, war sie 88 Jahre alt und auf dem Weg, eines ihrer Bastelsets umzutauschen. Bei ihrer Beerdigung traf ich auf viele ihrer Freundinnen und Kolleginnen zum ersten Mal. Noch heute habe ich den Eindruck, meine Mutter nur unzureichend kennengelernt zu haben. Wir Kinder haben mittlerweile alle selbst ein Haus. Der Traum meiner Mutter, das Haus innerhalb der Familie weiterzugeben, hat sich nicht erfüllt.

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