einestages

40 Jahre Seenotrettung mit der "Cap Anamur"

"Dieselben Bilder, dasselbe Drama, so viele Jahre danach"

1979 trat das Rettungsschiff "Cap Anamur" in den Dienst - Tausende Flüchtlinge verdanken den Helfern um Christel und Rupert Neudeck ihr Leben. Hier spricht die Gründerin über Mut und Hass, Böll und Rackete.

Scharsich/ DPA
Ein Interview von
Dienstag, 13.08.2019   17:06 Uhr

Günter Grass schilderte es so: "Wir haben in diesem Fall mit Idealisten zu tun, die sich einen Dreck um bestehende Vorschriften, Richtlinien und so weiter kümmern. Vielmehr sind sie, wie diese gute Frau in ihrem Reihenhaus, felsenfest davon überzeugt, die Welt bewegen zu können", schrieb er staunend über Christel Neudeck in seinem Erzählband "Mein Jahrhundert".

Gemeinsam mit ihrem Mann Rupert und prominenten Freunden wie dem Schriftsteller Heinrich Böll initiierte Christel Neudeck 1979 das Hilfsprojekt "Ein Schiff für Vietnam" inmitten der humanitären Katastrophe im Südchinesischen Meer. Vier Jahre zuvor hatte der Vietnamkrieg mit dem Sieg des kommunistischen Nordens geendet, ein Terrorregime folgte. Vor willkürlichen Verhaftungen und Umerziehungslagern, vor Folter und Mord flohen etwa 1,5 Millionen Menschen mit oft seeuntauglichen Booten übers Meer.

Henning Kaiser/ DPA

Christel Neudeck, 2018 bei der Einweihung des Denkmals für ihren Mann Rupert

Der legendäre Frachter "Cap Anamur" nahm sogenannte Boatpeople auf und war der Auftakt einer ganzen Reihe von Rettungsaktionen in Krisenregionen weltweit. Später gründeten Christel und Rupert Neudeck, der 2016 starb, das Hilfs- und Wiederaufbauprojekt Grünhelme. Die 1942 geborene Mutter von drei Kindern lebt heute im rheinischen Troisdorf - wo auch das Denkmal für ihren Mann steht, das frühere vietnamesische Boatpeople nach seinem Tod errichten ließen.

einestages: Frau Neudeck, 40 Jahre nach der Jungfernfahrt der "Cap Anamur" ertrinken noch immer Menschen auf der Flucht. Wie geht es Ihnen damit?

Neudeck: Ich werde nie den Anblick vergessen, wie Rupert 2015 auf einer seiner letzten Reisen in Lampedusa am Mittelmeer stand und ganz langsam den Kopf schüttelte. Dieselben Bilder, dasselbe Drama, so viele Jahre danach. Heinrich Böll hat das 20. Jahrhundert mal als das "Jahrhundert der Flüchtlinge" bezeichnet - und dann kam das 21. Jahrhundert, es hat sich nichts daran geändert. Aber ich halte mich an den positiven Dingen fest, sonst könnte ich nachts nicht schlafen.

einestages: Zum Beispiel an Nachfolgern wie der "Sea-Watch"-Kapitänin Carola Rackete?

Neudeck: Diese Frau hat so viel Energie, wirkt so professionell und kommt dabei so bescheiden rüber: Für mich ist sie eine humanitäre Rakete. Ich wünsche ihr so gute Freunde und Unterstützer, wie wir es all die Jahre hatten - sonst geht selbst der stärkste Helfer irgendwann unter. Aber nicht nur Frau Rackete inspiriert mich, auch die Power der "Fridays for Future"-Bewegung oder die Tatsache, dass Deutschland in der EU die meisten Flüchtlinge aufnimmt. Da muss ich an den Brief eines Kambodschaners bei unserem ersten Landprojekt im Herbst 1979 denken. Er schrieb: "Deutschland war für mich bislang Hitler und Nazis. Jetzt schickt ihr Mediziner, die einfach nur kommen, um uns zu helfen. Euer Land muss sich ganz schön geändert haben."

einestages: Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem August 1979, als die "Cap Anamur" erstmals in See stach?

Neudeck: Am 9. August, vier Tage bevor das Schiff die südchinesischen Gewässer erreichte, saß ich gebannt vor dem Fernseher und konzentrierte mich auf den Flaggenmast. Die Aufnahme und Unterbringung von Geretteten in Deutschland war an die Bedingung geknüpft, dass die "Cap Anamur" unter deutscher Flagge fuhr. Zum Glück flatterte die Fahne im Wind. Es konnte endlich losgehen.

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40 Jahre "Cap Anamur": "Euer Land muss sich ganz schön geändert haben"

einestages: Sie und Ihr Mann Rupert waren die Initiatoren dieser ehrenamtlichen Seenotrettung, die der spätere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse einmal als den Beginn einer "familiären Hilfsorganisation" bezeichnet hat. Wie kam es dazu?

Neudeck: Wie Millionen andere Deutsche verfolgten wir in den späteren Siebzigern das Schicksal der Südvietnamesen, die auf der Flucht vor dem Ho-Chi-Minh-Regime im Meer ertranken oder von Piraten ausgeraubt und vergewaltigt wurden. Rupert arbeitete als politischer Redakteur für den Deutschlandfunk und promovierte über Jean-Paul Sartre und Albert Camus. Im Februar 1979 bekam er die Chance, Sartre zu interviewen, und traf sich dafür auch mit dem französischen Philosophen André Glucksmann. Die Franzosen wollten sich das Drama in Vietnam nicht nur hilflos anschauen, sondern selbst aktiv werden. Sie hatten sogar schon ein Schiff gechartert. Aber es fehlte ihnen an Geld.

einestages: Wie konnte Ihr Mann dabei helfen?

Neudeck: Er wusste, dass man für so eine Aktion prominente Unterstützung braucht, und schrieb einen Brief an Heinrich Böll, den er kurz zuvor interviewt hatte. Zwei Tage später rief Böll im Deutschlandfunk an: "Neudeck, das müssen wir machen, ich bin dabei." Ich verehrte Böll dafür, dass er immer nur das sagte und tat, woran er auch wirklich glaubte. In diesem Punkt war er meinem Mann sehr ähnlich. Mit der öffentlichen Unterstützung von Böll im Rücken berichtete Rupert als Gast in der Fernsehsendung "Report" von der geplanten Hilfe für die Flüchtlinge. In kürzester Zeit kamen 1,3 Millionen Mark an Spendengeldern zusammen, der Zuspruch war überwältigend. So kamen wir auf die Idee, den Verein "Ein Schiff für Vietnam" zu gründen und selbst ein Boot zu chartern.

einestages: Das klingt sehr idealistisch, aber - Verzeihung - auch ein wenig naiv.

Neudeck: Das war es auch! Wir hatten von nichts eine Ahnung. Das führte zu vielen kuriosen Begegnungen. Einmal wurde Rupert im Auswärtigen Amt gefragt: "Wer ist denn Ihr Seerechtsexperte?" Bis dahin wussten wir gar nicht, dass wir einen solchen Experten benötigten. Rupert war so voller Energie und der festen Überzeugung, dass alles schon irgendwie klappen würde. Seine Tätigkeit als Journalist war damals sehr hilfreich. Viele Politiker wussten: Wenn wir dem jetzt zu viele Steine in den Weg legen, steht das vielleicht morgen im SPIEGEL.

Video: Seenotrettung in Zahlen

Foto: REUTERS

einestages: Tatsächlich wurden die von der "Cap Anamur" Geretteten als sogenannte Kontingentflüchtlinge eingestuft und mussten daher in Deutschland kein Asyl beantragen. Wie haben Sie das geschafft?

Neudeck: Auch durch den Einsatz von Politikern wie Ernst Albrecht, der sich damals als Ministerpräsident von Niedersachsen besonders für die Rettung der vietnamesischen Boatpeople einsetzte. Als er einmal bei einem Auftritt verkündete, auch die nächste Gruppe aufzunehmen, steckte ihm ein Mitarbeiter einen Zettel zu: "Wir haben keine Plätze mehr." Albrecht schrieb drunter: "Dann schaffen Sie welche."

einestages: Die allererste Fahrt der "Cap Anamur" war jedoch wenig erfolgreich.

Neudeck: Rupert hat es später als seinen größten Fehler bezeichnet, bei dieser Fahrt Journalisten mit an Bord zu nehmen. Eine Woche lang kreuzte das Schiff durch die Gegend, ohne einen einzigen Flüchtling aufzunehmen. Die Journalisten bezeichneten unser Projekt als komplett gescheiterten "Kinderkreuzzug". Ich rechnete fest damit, dass Spender uns nun mit wütenden Nachrichten überschütten würden. Doch der erste Anrufer - ein Arzt, der später auf der "Cap Anamur" arbeitete - sagte: "Frau Neudeck, geben Sie bloß nicht auf!" Das hat mir unglaublich gutgetan.

einestages: Tatsächlich wurden allein durch die "Cap Anamur" I, II und III in den folgenden Jahren 11.300 Menschen gerettet und weltweit Dutzende weitere Hilfsprojekte in Krisenregionen ins Leben gerufen. Als Kopf des Ganzen galt stets Ihr Mann. Der aber sagte: "Die Heldin unseres radikalen Lebens war Christel Neudeck, nicht etwa ich. Alles spielte sich in unserem Wohnzimmer ab, Christel hat alles gemanagt."

Neudeck: Ich habe meine Rolle immer viel bescheidener wahrgenommen. Rupert war der Radikalere und vor allem Mutigere von uns beiden: Er hat nie Helfer an einen Ort geschickt, den er zuvor nicht selbst besucht hatte. Und wenn er nicht gerade auf der "Cap Anamur" oder in einem somalischen Zeltlager war, traf er sich mit deutschen Politikern, um für Aufenthaltsgenehmigungen und finanzielle Unterstützung zu kämpfen. Aber ich war sicherlich eine gute zweite Frau - und recht talentiert darin, Rupert auf dem Boden zu halten. Außerdem hatte ich die dankbare Aufgabe, immer als Erste in Deutschland davon zu erfahren, wenn Menschen gerettet worden waren: Dann ratterte das Telex in unserer Troisdorfer Wohnung, und ich wusste, dass sich all der Aufwand und die Energie wieder gelohnt hatten.

einestages: Im Rückblick sind die "Cap Anamur" und alle anderen Hilfsprojekte große Erfolge. Mit welchen Widerständen hatten Sie damals zu kämpfen?

Neudeck: Oh, mit sehr vielen. Über schlechte Presse konnte ich mich fürchterlich aufregen, mit dem Hass Einzelner bin ich viel entspannter umgegangen. Einmal schickte uns jemand per Post ein Kondom mit einem schwarz umrandeten Brief: "Ratten sollen sich nicht vermehren." Rupert und ich haben herzlich gelacht. Leicht war es trotzdem nicht immer. Heute gilt die "Cap Anamur" als Erfolgsgeschichte, damals war es ein stetiger Kampf um Aufnahmeplätze und die Finanzierung. Ich erinnere mich, dass wir einmal sogar kurz davor waren, einen Hungerstreik durchzuziehen, weil sich mal wieder Politiker dagegen sträubten, Gerettete aufzunehmen.

einestages: Warum haben Sie sich das alles angetan?

Neudeck: Die Frage verstehe ich nicht. Ich hätte mir keine schönere Aufgabe vorstellen können. Ich habe mich auch nie aufopfern müssen, es hat mein Leben unglaublich aufregend und spannend gemacht, gemeinsam mit Freunden anderen Menschen zu helfen. Wenn Sie eine Brücke in Afghanistan bauen und die Nachricht bekommen, dass die ersten Lkw drübergefahren sind, dann ist das wie Weihnachten.

einestages: Sie haben sechs Monate vor dem Tod Ihres Mannes am 31. Mai 2016 einen afghanischen Jugendlichen bei sich aufgenommen. Was haben Sie ihm mit auf den Weg gegeben?

Neudeck: Dass er so schnell wie möglich Deutsch lernt. Dass er zwingend das deutsche Grundgesetz respektiert. Ich sage ihm wie allen Flüchtlingen: Ihr seid zu uns gekommen, nicht wir zu euch. Von allen, die psychisch und physisch gesund sind, erwarte ich, dass sie sich anstrengen. Deshalb finde ich, dass es geradezu seine Pflicht ist, etwas aus seinem Leben zu machen. Er hat die Mühen und Qualen einer Flucht auf sich genommen - das kann doch nicht umsonst gewesen sein! Er ist auf einem guten Weg. Neulich kam er zu mir, zeigte mir seine Gehaltsabrechnung und sagte: "Schau, ich zahle jetzt Steuern!" Ich antwortete: "Und da kannst du stolz drauf sein."

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