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Der Hütchenspieler

Beim Sonnenbaden kam Charles L. Langs eine Idee: Er erfand einen sehr speziellen Minibikini. Ein Bild und seine Geschichte.

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Dienstag, 29.01.2019   09:33 Uhr
Nina Leen/ The LIFE Picture Collection/ Getty Images

Der Mann will seiner Frau eine Freude machen. Charles L. Langs sitzt am Tisch und bastelt. Mit einem Pinselchen streicht er sorgfältig Klebstoff auf den Rand der farbigen und gemusterten Stoffhütchen. Die Kegelchen sollen schließlich gut halten - an seiner Frau.

Am 28. Juli 1948 meldete der Unternehmer aus Detroit seine Rüschenbecher zum Patent an - als "Breast cover", trägerlose, rückenfreie Büstenhalter, die von nichts als Kleber auf der Haut gehalten würden. Keine Riemchen, kein Draht, kein Gummiband.

Die Idee sei ihm gekommen, so erzählte Langs 1949 dem "Life"-Magazin, als er seine Frau Mary beim Sonnenbaden in Florida beobachtete, wie sie die Träger ihres Badeanzugs verschob, um gleichmäßige Bräune zu erreichen.

Erst wenige Jahre zuvor, 1946, hatte der gelernte Maschinenbauingenieur und spät berufene Bademodendesigner Louis Réard in Paris seine neueste Kreation präsentiert: den Bikini, bestehend nur aus vier winzigen Stoffdreiecken.

Langs hatte für einen Bikini-Designer einen ähnlich ungewöhnlichen Werdegang. Mit Frontpartien immerhin kannte er sich aus: Als Absolvent der renommierten Yale-Universität verdiente er sein Geld in der Automobilindustrie - mit verchromten Kühlergrills für Cadillac und Ford. Die Patentskizze erinnert auch verblüffend an einen Autoscheinwerfer, aber das war wohl nur Zufall. Viel wichtiger: Die Abdeckungen wurden nicht geschraubt, sondern eben geklebt.

Hilfe holte er sich dafür bei einem befreundeten Chemiker: Charles Walton war Leiter der Produktentwicklung des Reifenherstellers Goodyear und arbeitete ab 1947 bei Minnesota Mining and Manufacturing, kurz: 3M, dem Klebemittelhersteller, der später für die gelben "Post-its" bekannt wurde.

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Hütchen-Bikini: Der Mann, der an seiner Frau klebte

Walton sollte einen Kleber entwickeln, der sich schmerz- und rückstandsfrei entfernen ließ, was ihm offenbar auch weitgehend gelang. Denn während sich der Patentantrag ursprünglich auf einen Wegwerf-Bikini aus "billigem Material" bezog, besserte Charles L. Langs am 14. Februar 1949 mit einem zweiten Patentantrag nach: Die Brustabdeckungen waren nun wiederverwendbar, indem man einen neuen klebebeschichteten Ring auf dem Rand aufbrachte.

Großes Geschäft mit Kleinstkleidung

Langs nannte seine Brusthütchen "Poses", geschrieben mit einem Makron, also einem Längsstrich über dem e, sodass sie "pose-ease" ausgesprochen werden sollten, im Sinne von: leicht anzubringen. Dabei säßen die Rüschenkegel so fest und sicher, behauptete Langs, dass sie in Position blieben, selbst wenn ihre Trägerin vom Dreimeterbrett springe.

Gewohnt, in der Größenordnung von Autoproduktionen zu denken, plane Langs, 200.000 Poses täglich zu produzieren, schrieb "Life". Die Marketing-Kampagne einschließlich großer "Life"-Fotostrecke mit dem Erfinder beim Kleben und Models beim Sport zeitigte Erfolg: Langs konnte sich vor Bestellungen kaum retten.

"Kopfzerbrechen bereitet ihm eher, wie er die Nachfrage befriedigen soll", meldete ein paar Wochen später die "Business Week". Das Geschäft mit der Kleinstkleidung war für den 36-Jährigen schnell zu groß geworden. Längst konnte Langs nicht mehr alle Hütchen selbst basteln, per Anzeige im "Wall Street Journal" suchte er "eine Person oder ein Unternehmen, das sich um Verkauf und Produktion kümmert".

Noch im selben Jahr meldete das "Time"-Magazin den Verkauf von Langs' Firma an den US-Mischkonzern Textron Inc. Für 70.000 US-Dollar in bar und die Aussicht auf weitere Lizenzgebühren trennte sich Langs von seinen Klebe-Bikinis und überließ den Ärger dem neuen Eigentümer: Kundinnen beschwerten sich über schlampige Verarbeitung und die Nichtlieferung ihrer Bestellungen.

Als die Patente Anfang der Fünfzigerjahre erteilt wurden, hatten die Poses ihre beste Zeit bereits hinter sich. Der Hype war vorbei. Selbst mehr als ein halbes Jahrhundert später galten trägerlose BH noch immer als unvollkommene Erfindung in der Geschichte der Bademode, weil sie entweder unangenehm zu tragen waren oder nicht blieben, wo sie hingehörten. Von Langs kessen Kegeln sah man nichts mehr.

Patrice Habans/ Paris Match/ Getty Images

Patrick Smith/ Getty Images

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