einestages

Kriegskünstler Anthony Gross

D-Day, getuscht

Er zeichnete um sein Leben: Im Auftrag der britischen Regierung skizzierte Anthony Gross während des Zweiten Weltkriegs den Alltag der Soldaten. Am 6. Juni 1944 landete er mit den Alliierten in der Normandie - und entwarf ein lebendiges Tableau der Invasion.

IWM London
Von
Mittwoch, 04.06.2014   13:23 Uhr

Eine gigantische Panzerkolonne rollt von der Küste landeinwärts. Einer nach dem anderen kämpfen sich Soldaten an den Strand, draußen auf dem Meer drängen sich Schiffe, dicht an dicht. Ein bleierner Himmel wölbt sich über der gespenstigen Szenerie.

Mit lebhaften, schnörkeligen Strichen skizzierte Anthony Gross in Werken wie diesem die wichtigste Landungsoperation in der Geschichte des modernen Krieges: die Invasion der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944. In Dutzenden aquarellierten Federzeichnungen verewigte der britische Künstler das berühmte Militärmanöver - von den Planungen und Übungen im Vorfeld bis hin zur Landung, dem Vorrücken der Truppen und der Befreiung französischer Städte.

Zerstörte Straßenzüge, uniformierte Männer, Kampfgerät: Anthony Gross zeichnete nicht, weil er Lust dazu hatte, sondern weil er dafür bezahlt wurde. Der hagere Mann mit dem Schnurrbart zeichnete, um nicht als Soldat an die Front geschickt zu werden - und dort zu sterben.

"Die Kamera kann nicht interpretieren"

Die britische Regierung hatte zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ein spezielles Programm ins Leben gerufen, um den Konflikt künstlerisch festzuhalten: das "War Artists Scheme", eine Kunst- und Propaganda-Einrichtung, die direkt dem britischen Informationsministerium unterstellt war. Maler wie Anthony Gross, aber auch Edward Ardizzone, Leslie Cole und Henry Carr wurden von der Regierung gesponsert, um den Krieg künstlerisch zu dokumentieren.

Zwar war die Fotografie während des Zweiten Weltkriegs längst weit verbreitet, professionelle Berichterstatter lichteten Kampf, Elend und Zerstörung genauso ab, wie die einfachen Soldaten es taten. Trotzdem wollte die britische Regierung auf die traditionelle Schlachtenmalerei nicht verzichten.

"Die Kamera kann nicht interpretieren", sagte Kenneth Clark, Direktor der Londoner National Gallery und Chef des "War Artists Scheme": Und der Krieg, so Clark, "ist so episch, so komplex und detailliert, dass er von den Künstlern interpretiert und für die Nachwelt festgehalten werden muss."

6000 Bilder von 400 Kriegskünstlern

Offiziell sollten die Gemälde vom Krieg die britischen liberalen Werte hochhalten und ein Gegengewicht zu der sterilen Nazi-Ästhetik bilden. Insgeheim jedoch soll Clark auch gehofft haben, mithilfe des Kriegskunst-Projekts eine ganze Generation britischer Künstler vor dem Soldatentod an der Front zu beschützen.

Der Output der staatlich engagierten Künstler war beachtlich: Am Ende des Zweiten Weltkriegs existierten rund 6000 Werke, die den Konflikt thematisierten - erschaffen von mehr als 400 britischen Künstlern.

Fotostrecke

D-Day in Wasserfarben: Der Schrecken gemalt

Um den Kriegsalltag zu dokumentieren, verschickte Clarks Komitee die Künstler in alle Regionen der Welt. Als "fliegenden Teppich der Regierung" bezeichnete Anthony Gross das dichte Netz der staatlich entsandten Maler.

Auf Kriegsschauplätzen rund um den Globus

In diesem fliegenden Teppich war Anthony Gross ein immer wiederkehrendes Muster: Er gehörte zu den ersten Künstlern, die das britische Informationsministerium in Dienst genommen hatte, und war einer der am längsten dort Beschäftigten. Mehr als 350 Zeichnungen fertigte Anthony Gross zwischen 1940 und 1945 an - die Sammlung ist heute im Besitz des britischen "Imperial War Museum".

Irak, Norwegen und Libanon, Ägypten, Indien und Syrien: Gross tummelte sich auf zahlreichen Kriegsschauplätzen rund um den Globus. Er zeichnete das Grauen des "London Blitz", die Angriffsserie der deutschen Luftwaffe auf Großbritannien, begleitete die 8. Armee auf ihrem Feldzug in Nordafrika und griff zum Pinsel, als die Japaner die britischen Truppen in Burma aus der Luft attackierten.

Jahrelang lebte Gross fern von seiner Frau und den zwei kleinen Kindern. Dass er einmal das Grauen des Krieges in Bildern einfangen sollte, hätte der Künstler zu Beginn seiner Karriere wohl kaum für möglich gehalten.

Kostüme fürs Ballett, Zeichentrickfilme

1905 in London als Sohn des ungarischen Kartenzeichners Alexander Gross und der Frauenrechtlerin Isabelle Crowley geboren, hatte Gross in London, Paris und Madrid Kunst studiert. Er war als Buchillustrator für den Schriftsteller Jean Cocteau tätig, entwarf Kostüme fürs Ballett und wirkte an Zeichentrickfilmen mit - etwa an dem bekannten Kurzfilm "Die Lebensfreude" von 1934.

Erst nach Kriegsausbruch kehrte Gross in seine Heimat London zurück. Die Regierung schätzte die Art, wie der Künstler arbeitete, und instrumentalisierte ihn für ihre Zwecke. "Gross ist geschwätzig, ein toller Erzähler. Seine Zeichnungen gleichen Brieffragmenten aus dem Ausland, niedergeschrieben von einem Mann, der vor Erlebnissen nur so sprudelt", urteilte der Kunstkritiker Eric Newton im Jahr 1943.

Wie schwer sich Gross indes mit seinem Leben als Kriegsmaler tat, beschreibt der britische Historiker Richard Knott in seinem Buch "The Sketchbook War" (History Press, 2013). Laut Knott stand Gross in offenem Konflikt mit den Autoritäten in London, die ihn willkürlich durch die Weltgeschichte scheuchten.

"Je weiter man weg vom Hauptquartier ist, desto netter werden die Menschen", klagte der Künstler laut Knott. Doch Gross musste sich den Befehlen Londons fügen - die Alternative wäre gewesen, sein Leben an der Front zu riskieren.

Mit Skizzenblock und Farben durchs Meer

1944 beorderte die Regierung Anthony Gross zurück nach Europa - der Maler sollte die Invasion der Alliierten in der Normandie begleiten. Gemeinsam mit der 50. britischen Infanteriedivision setzte Gross in der Nacht zum 6. Juni von Großbritannien nach Frankreich über.

Sobald der Brückenkopf gesichert war, watete Gross durchs Meer und betrat auf der Höhe von Arromanches den Küstenabschnitt Gold Beach. Um Skizzenblock und Aquarellfarben vor dem Wasser zu schützen, balancierte der Künstler seine Utensilien mit beiden Händen über dem Kopf, wie sich Journalist und Zeitgenosse Colin Coote erinnerte.

Den ganzen Monat Juni hielt sich Gross in der Brückenkopf-Region auf, gemeinsam mit Künstlerkollege Edward Ardizzone verewigte er die Ankunft Tausender alliierter Soldaten in der Normandie. Später folgte er den Truppen landeinwärts. Gross fing mit seinem Skizzenblick etwa die Zerstörung von Bayeux und Caen ein, begleitete die Soldaten bis nach Paris - und von dort aus weiter nach Deutschland.

Dort, wenige Tage vor der Kapitulation der Deutschen, sollte Gross eine seiner letzten bedeutenden Kriegszeichnungen anfertigen. Sie stammt vom 26. April 1945 und zeigt die historische Begegnung russischer und amerikanischer Truppen an der Elbe im sächsischen Torgau.

Die großen Schlachten waren geschlagen, die Mission des Anthony Gross war erfüllt. Der Künstler kehrte nach London zurück - fortan suchte er sich seine Motive wieder selbst aus.

insgesamt 2 Beiträge
Markus Preis 04.06.2014
1. Gesellschaft
Man musste ja damit rechnen, das zum Datum der Landung, dem sogenannten D-Day, sich wieder alles nur um die US-Soldaten und ihre Verbündeten dreht. Hier halt um Engländer. Ich frage mich nur und das schon seit Jahren, wie es ein [...]
Man musste ja damit rechnen, das zum Datum der Landung, dem sogenannten D-Day, sich wieder alles nur um die US-Soldaten und ihre Verbündeten dreht. Hier halt um Engländer. Ich frage mich nur und das schon seit Jahren, wie es ein kann das unsere Gesellschaft ihre eigenen Vorfahren dermaßen ignoriert, sie leugnet. Selbstverständlich haben die Allierten Europa von einem tödlichen Regime befreit. Selbstvertsändlich haben die Soldaten dafür einen hohen Preis bezahlt. Aber ist das alles eine Entschuldigung die eigenen Großväter, Väter, Söhne, Enkel Freunde, Vereinskameraden etc zu vergessen? Zu ignorieren? Haben sie es alle verdient während der Landung erschossen, erschlagen, verbrannt, erstochen zu werden? Verstümmelt zu werden. Hat um sie niemand geweint? Wenn unsere Gesellschaft ausschließlich immer nur die Gegenseite beachtet und bedauert aber ihre eigenen Leute verleugnet hat sie Rückrat und nur eine beschränkte Zukunft. Schade. Mal ein Tip. In den momentan laufenden Sendungen und Repoprtagen zu dem Thema findet man in diversen Interview mit ehemaligen US-Soldaten etc. mehr Respekt und Gedenken an ihre ehemaligen Gegner, unsere Großväter, als in allen deutschen Medien zusammen. Die US-Soldaten waren halt Soldaten und ihre Gegner auch.
Markus Preis 04.06.2014
2. Gesellschaft
Man musste ja damit rechnen, das zum Datum der Landung, dem sogenannten D-Day, sich wieder alles nur um die US-Soldaten und ihre Verbündeten dreht. Hier halt um Engländer. Ich frage mich nur und das schon seit Jahren, wie es ein [...]
Man musste ja damit rechnen, das zum Datum der Landung, dem sogenannten D-Day, sich wieder alles nur um die US-Soldaten und ihre Verbündeten dreht. Hier halt um Engländer. Ich frage mich nur und das schon seit Jahren, wie es ein kann das unsere Gesellschaft ihre eigenen Vorfahren dermaßen ignoriert, sie leugnet. Selbstverständlich haben die Allierten Europa von einem tödlichen Regime befreit. Selbstvertsändlich haben die Soldaten dafür einen hohen Preis bezahlt. Aber ist das alles eine Entschuldigung die eigenen Großväter, Väter, Söhne, Enkel Freunde, Vereinskameraden etc zu vergessen? Zu ignorieren? Haben sie es alle verdient während der Landung erschossen, erschlagen, verbrannt, erstochen zu werden? Verstümmelt zu werden. Hat um sie niemand geweint? Wenn unsere Gesellschaft ausschließlich immer nur die Gegenseite beachtet und bedauert aber ihre eigenen Leute verleugnet hat sie Rückrat und nur eine beschränkte Zukunft. Schade. Mal ein Tip. In den momentan laufenden Sendungen und Repoprtagen zu dem Thema findet man in diversen Interview mit ehemaligen US-Soldaten etc. mehr Respekt und Gedenken an ihre ehemaligen Gegner, unsere Großväter, als in allen deutschen Medien zusammen. Die US-Soldaten waren halt Soldaten und ihre Gegner auch.

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