einestages

D-Day-Veteran aus den USA

"Die Normandie war die Hölle"

Im Juni 1944 landeten die Alliierten in der Normandie. Der D-Day ebnete den Weg zum Sieg über Hitler, doch Zehntausende Soldaten starben. US-Offizier John Raaen überlebte - und erinnert sich heute noch an jedes Detail.

privat
Aufgezeichnet von , Winter Park, Florida
Donnerstag, 06.06.2019   13:31 Uhr

John Raaen hat sich mit der Vergangenheit umgeben. Vor seiner Tür steht ein Tisch, mit einem Sternenbanner dekoriert, darauf buchstabieren Glasperlen "Yea Army". Drinnen überall militärische Memorabilia: Vitrinen mit Orden, Fotos seiner Weltkriegseinheit, des legendären 5th Ranger Batallions. Eine Plakette, die seine spätere Zeit im geteilten Berlin würdigt, ein Brocken der Berliner Mauer, eine Skulptur des Brandenburger Tores.

Raaen, 97, ist der wohl letzte noch lebende US-Offizier, der 1944 an der Invasion in der Normandie teilnahm. So bestätigt es jedenfalls das National WWII Museum in New Orleans, das solche Dinge akribisch dokumentiert. Raaen setzt freilich einen Vorbehalt dazu: "Wir waren so viele, wer weiß, wo die alle sind."

Heute lebt Raaen in einer betreuten Wohngemeinschaft in Florida. Eine idyllische Anlage unter Palmen, in der Lobby wachen Betreuerinnen, im Auditorium probt ein Chor, für den Raaen manchmal Orgel spielt. Seine Frau ist längst gestorben; Raaen ist noch klar und voller Witz. Er lacht oft, selbst wenn er von "damals" erzählt.

Marc Pitzke /SPIEGEL ONLINE

Agil und voller Witz: John Raaen in seiner Wohnung in Florida

Raaen kommandierte die Stabskompanie des 5th Army Battalions, das am Morgen des 6. Juni 1944 in Omaha Beach landete, einem Strandabschnitt der Normandie. Am "D-Day" nahmen rund 156.000 alliierte Soldaten teil. So begann die Befreiung Frankreichs von den Nazis. Es war die größte See-Invasion aller Zeiten, sie ebnete den Weg für den Sieg an der Westfront.

Für seinen dreitägigen Einsatz in der Normandie bekam Raaen den Silver Star verliehen, einen der höchsten Tapferkeitsorden der US-Armee. Später diente er im Vietnamkrieg und wurde schließlich zum Generalmajor befördert. 1979 ging er in den Ruhestand.

Ich begann meine Armeekarriere als Kadett an der Militärakademie West Point. Für mich war Nazideutschland schon vor unserem Kriegseintritt immer der potenzielle Feind. Zum Patriotismus wurden wir in der Schule erzogen. Zunächst herrschte in den USA zwar eine enorme isolationistische Bewegung, aber ich hatte nie Zweifel, auf welcher Seite wir standen, der Seite der Briten. Und dann passierte Pearl Harbor.

Glück im Unglück

Wir wussten damals nichts über den Holocaust. Wir hatten keine Ahnung. Ich hätte nicht gedacht, dass es menschlich möglich ist, solch obszöne Dinge anzurichten.

Ich wurde zum Army Ranger ausgebildet. Das ist eine Eliteeinheit, wir mussten gute Schützen sein und in bester körperlicher Verfassung. Die Schulung bestand aus langen Märschen, Hindernisparcours, Kraft- und Ausdauertraining. Jeder lernte, Landkarten perfekt zu lesen und sich mit nur einem Orientierungspunkt zurechtzufinden. Wir mussten immer wissen, wo wir waren, das war entscheidend. Außerdem bekamen wir für die Invasion amphibisches Training bei den Marineinfanteristen und der Navy.

Fotostrecke

US-Offizier John Raaen: "Hey, dahinten ist Krieg, wollt ihr nicht mitmachen?"

Am 19. Januar 1944, auf den Tag ein Jahr nach meinem Abschluss in West Point, trafen wir in Liverpool ein. Ich war 21. In Großbritannien trainierten wir weiter. Ein brutales Training, bei dem es Tote und Schwerverletzte gab. Es war so streng, dass wir ein mobiles Chirurgenteam dabei hatten, zwei Ärzte mit Operationsteams.

Sie brachten uns bei, wie man Flammenwerfer benutzt. Dann gab es Klippentraining und im April 1944 eine Großübung als Generalprobe für die Invasion. Ich hatte Glück, denn kurz vorher bekam ich eine Lungenentzündung und verpasste deshalb das Training und die Übung. Ich lag im Krankenhaus mit sauberen Laken und drei hübschen Krankenschwestern, während bei der Übung durch einen deutschen Angriff und eine Verkettung von Unglücken fast 800 Soldaten starben.

Vier Tage auf See

Wir wussten, was unsere Mission war, aber nicht, wo sie sein würde. Wir wussten, dass wir an einem feindlichen Ufer landen würden. Dass wir ihre Infanterie überwinden und uns durch feindliche Linien kämpfen und dann schnell zu Fuß eine Strecke von bis zu zehn Meilen bewältigen sollten, um unser Ziel, eine deutsche Position, anzugreifen.

Kein einziger von uns erwartete zu überleben. Wir alle hofften das zwar, rechneten aber nicht damit. Das ist deine Aufgabe als Soldat und Offizier: Die Mission ist alles, dein Leben ist unwichtig.

D-Day: Britischer Veteran Jim Booth auf Tauchgang

Foto: SPIEGEL TV

Mein Auslaufhafen war Portland Harbor bei Weymouth. Vor dem Ausschiffen bekamen wir Landkarten. Aber darauf standen keine Namen. Sie zeigten alle deutschen Positionen, Häuser, Panzergräben, Minenfelder. Nur keine Namen für die Städte, Dörfer oder sonst was. Wir wussten also nicht, wo wir hinfuhren. Wir hatten nur Vermutungen. Erst in dem Moment, als wir auf die Schiffe stiegen, gaben sie uns die richtigen Karten mit den Klarnamen.

Vier Tage verbrachten wir auf See, an Bord der "HMS Prince Baudouin", eines alten Kanaldampfers. Wegen schlechten Wetters wurde die Landung dann noch mal um einen Tag verschoben. Dwight D. Eisenhower, unser Kommandeur, setzte seinen Ruf und unser Leben aufs Spiel, als er den 6. Juni als Stichtag wählte. Am 7. wäre das Wetter voraussichtlich noch schlechter gewesen, doch das nächste Zeitfenster lag so weit in der Zukunft, dass man den ganzen Aufmarsch nicht mehr hätte abblasen können. Wir alle wussten ja jetzt, wo es hinging. Sie konnten uns nicht mehr vom Schiff lassen.

Konstantes Pop-Pop-Pop-Pop-Pop

Die Stimmung an Bord war: Na los, bringen wir's hinter uns. Zumindest bei den Rangers herrschte nicht die geringste Angst. Das können Sie auch gern Gehirnwäsche nennen. Wir schalteten bestimmte Teile des Gehirns aus.

Wir waren die dritte Landungswelle, die Omaha Beach erreichte. Die Strecke von der "Prince Baudouin" zum Strand legten wir in einem LCA (Landungsboot) schnell zurück. Wir reden von Minuten. Obwohl es fast taghell war, konnten wir den Strand vor uns nicht sehen. Ringsum deutsches Artilleriefeuer, Schiffe brannten. Ich sah, wie eine Granate ein LCA mit 250 Infanteristen traf.

Die Männer vor uns wurden von den Deutschen abgeschlachtet. Deshalb leitete unser Kommandeur uns circa 800 Meter weiter an einen anderen Strandabschnitt, weit östlich unseres eigentlichen Zielpunktes.

Es war eine überraschend trockene Landung. Ich hatte erwartet, beim Aussteigen nass zu werden. Doch an diesem Strand gab es viele Sandbänke.

Nicht alle Kugeln gingen über die Köpfe

Am Ufer war viel los. Feuer, Explosionen, Gewehrkugeln zischten einem über den Kopf. Man hörte die Schüsse nicht. Man hörte nur die Schockwellen, als einem die Kugeln übers Haar jagten. 5000 Kugeln pro Minute, schrecklich viele Kugeln. Es war ein konstantes Pop-Pop-Pop-Pop-Pop.

Man gewöhnte sich bald fast daran. Aber dann traf es einen direkt neben dir, und du wusstest, dass die Kugeln nicht immer nur über die Köpfe gingen.

Wegen der Lage des Strandes und der Klippen zielten die Deutschen meist nur auf die Boote im Wasser. Als wir erst einmal aus dem Boot raus waren, waren wir viel sicherer. Wir wurden außerdem von einem Deich geschützt und vom Rauch oben auf den Klippen, wo das Gras brannte. Das trieb auch viele Deutsche aus ihren Verschanzungen.

Kurios und tödlich: Geheimwaffen des D-Day

Wir landeten an einem optimalen Ort, um durchzukommen. Ehrlich gesagt haben wir Omaha Beach gerettet. Auch wenn unser Plan hinfällig war, sobald der erste Schuss abgefeuert wurde, erfüllten wir unsere Mission, die Klippen hoch zur Straße zu erklimmen und dann die Straße einzunehmen.

Wir brauchten nicht lange, um vom Strand wegzukommen. Der letzte Mann war in höchstens 30 Minuten durch. Oben gruben wir uns für die Nacht ein.

Die Normandie war die Hölle

Die nächste Nacht verbrachte ich in einem französischen Bauernhaus auf einer Bank an einem Kamin, wo eine Französin mit Zweigen Feuer machte und das Wasser erhitzte, auf dem sie ihr Essen kochte. Ich schlief in dieser Nacht nicht viel. Erst in der Nacht des 8. Juni schlief ich gut, in den Hecken jenseits des Hauptlagers.

Am zweiten Tag wurde mir befohlen, die Straße zu patrouillieren. Wir verscheuchten zwei deutsche Soldaten. Sie liefen einfach weg. Unser Befehl war es nicht, die Verfolgung aufzunehmen.

Am nächsten Tag gab es einen deutschen Gegenangriff. Ein paar leicht gepanzerte Fahrzeuge mit kleinem Geschütz. Durch meinen Feldstecher sah ich nicht weit entfernt fünf US-Panzer, die nichts taten. Ich ging zum Panzer des Kommandanten und haute gegen den Turm, bis er aufmachte. Ich sagte, hey, dahinten ist Krieg, wollt ihr nicht mitmachen? Er weckte die anderen, nahm die Deutschen unter Beschuss und schlug den Angriff zurück.

Die Normandie war die Hölle. Omaha Beach war eine viel härtere Nuss, als das irgendjemand erwartet hatte. Wir hatten gedacht, wir würden gegen alte Männer und Jugendliche kämpfen, und plötzlich hatten wir es mit 22-jährigen Hünen zu tun, die gut ausgebildet, gut ausgerüstet und gut geführt waren.

Nostalgie kommt nicht auf

Aber wir machten genau das, wofür wir trainiert hatten. Und mein Bataillon traf zufälligerweise auf eine Schwachstelle in den deutschen Linien. Es war ein riesiger Glücksfall. Im Krieg lässt sich nichts wirklich vorhersehen.

Später, während der Ardennenoffensive, brach ich mir bei einem Jeep-Unfall das Bein. Das brachte mich zurück in die Staaten. Ich kehrte nicht mehr an die Front zurück.

Ich bin seither aber noch siebenmal in der Normandie gewesen, oft zu Jahrestagen. Auch diesmal bin ich dabei. Wir werden in einem Schlösschen wohnen, was bedeutet, dass wir wahrscheinlich ein Klo für 33 Leute haben werden. Wenn Sie in meinem Alter sind, ist das ein größeres Problem, als Sie es sich vorstellen können.

Marc Pitzke /SPIEGEL ONLINE

Gemeinsam in den Kugelhagel: John Raaens Kampftruppe der Army Rangers

Ich werde wohl auch nach Omaha Beach fahren. Ich fahre da gern hin und gucke mir an, wo ich damals gelandet bin. Nostalgie kommt da aber nicht auf. Es ist heute ganz anders als früher. 1944 war der Strand aus grobem Schiefer, jetzt ist das nur schöner Sand. Früher war da eine miese, kleine Ufermauer aus Holz, jetzt ist es eine große, wunderschöne Mauer. Aber die Hügel und das Land oben haben sich nicht verändert.

Ich werde auch an der offiziellen Feier zum 75. D-Day-Jahrestag teilnehmen. Mir wurde gesagt, ich sei ein Ehrengast. Ich hoffe, ich muss da nichts sagen.


Die Perspektive eines deutschen Soldaten schildert hier Gotthard Neubert: "Man hatte uns von klein auf zum Soldatentum erzogen - wir waren trotz allem nur 17-Jährige", sagt Neubert, der fast noch als Kind zur Wehrmacht eingezogen wurde. Vom D-Day erzählt auch ein französisches Ehepaar - das Grauen der Schlacht um die Normandie lässt Marguerite und Rémy Cassigneul bis heute nicht los .

insgesamt 15 Beiträge
Fassungsloser 06.06.2019
1. Letzer Offizier
Hier noch einer: https://en.wikipedia.org/wiki/Edward_Shames
Hier noch einer: https://en.wikipedia.org/wiki/Edward_Shames
Erik Walch 06.06.2019
2.
Danke für den Artikel, sehr bewegend.
Danke für den Artikel, sehr bewegend.
Jan Hildebrandt 06.06.2019
3.
Danke für den Artikel. Falls es jemanden interessiert, was mit der ersten Welle an Omaha Beach geschehen ist, dem kann ich diesen Artikel hier empfehlen: [...]
Danke für den Artikel. Falls es jemanden interessiert, was mit der ersten Welle an Omaha Beach geschehen ist, dem kann ich diesen Artikel hier empfehlen: https://www.theatlantic.com/magazine/archive/1960/11/first-wave-at-omaha-beach/303365/
Stefan Martens 06.06.2019
4. Singuläres Ereignis der Weltgeschichte
Ja, dieser eine Krieg und diese eine Gesamtsituation der Menschheitsgeschichte rechtfertigte alles negative und fragwürdige am Militär. Gehirnwäsche, Kadavergehorsam, Missionstreue und absolute Opferbereitschaft. Denn man [...]
Ja, dieser eine Krieg und diese eine Gesamtsituation der Menschheitsgeschichte rechtfertigte alles negative und fragwürdige am Militär. Gehirnwäsche, Kadavergehorsam, Missionstreue und absolute Opferbereitschaft. Denn man stellte sich dem absoluten Bösen gegenüber und einer unfassbaren Verbrechensherrschaft. Und es gab von Beginn an nur den absoluten Sieg als Option und dieser wurde (Gott sei Dank) auch erreicht. Sicher gäbe es weitere Beispiele in der Menschheitsgeschichte wo diese Dinge erfüllt gewesen wären. Darfur oder Kambotscha zum Beispiel. Aber nie wieder danach hat sich die Welt geschlossen gegen das absolut unmenschliche Böse gestellt und klar gewonnen. Die Glorrifizierung von Menschen die widerwärtige Dinge tun und erdulden mussten, geht hier für mich in Ordnung.
Eberhard Tölle 06.06.2019
5. Beeindruckend
Wie das Furchtbare fast beiläufig berichtet wird. Man erahnt was die Soldaten durchmachen mussten und sieht wohin der Wahnsinn des Nationalismus die Menschen treiben kann. Genau das ist das Argument,weshalb wir heute unser Europa [...]
Wie das Furchtbare fast beiläufig berichtet wird. Man erahnt was die Soldaten durchmachen mussten und sieht wohin der Wahnsinn des Nationalismus die Menschen treiben kann. Genau das ist das Argument,weshalb wir heute unser Europa gegen die neue/ alte Brut der Nationalisten,letztlich aber braunen Brut ,mit allen Mitteln verteidigen müssen. Principiis obsta!

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