einestages

DDR-Urlaubshits

Er hat den Farbfilm vergessen!

Ein Sachsenlied, eine Trabi-Hymne, vor allem der Schmollgesang der kulleräugigen Nina Hagen am Strand von Hiddensee - DDR-Bürger hatten ihre ganz eigenen Lieblingsschlager. Ein Soundtrack für ostige Ferien.

Gerhard Leber/ ullstein bild
Von Peter Jacobs
Freitag, 09.08.2019   06:25 Uhr

Es war hoher Sommer, als wir Ostbürger 1974 für den Urlaub packten. Im Trabant Kombi verstauten wir Pouch-Zelt, Schlafsack, Spirituskocher, Bikini, Babywindeln, Büchsenfleisch, Fotoapparat - all die Standards fürs Familiencamping. Bloß nichts vergessen, ermahnten wir einander. Wir Glückskinder, denen es gelungen war, rechtzeitig einen Zeltschein für die Ostseeküste zu ergattern.

Im Fernsehen war soeben eine Unbekannte aufgetreten, die offenbar den Urlaub schon hinter sich hatte: "Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee", sang sie und rollte ihre Kulleraugen (YouTube-Video). Eine stimulierende Auskunft gab sie damit allemal für die Nachrücker auf den Zeltplätzen an der Westküste Rügens, von wo aus man mit der Fähre (jedoch ohne Auto) auf die windzerzauste Trauminsel übersetzen konnte.

Aber was da zu hören war, untermalt von Klavier, Saxophon und Tuba, klang gekränkt statt nach Sommerfreuden. Die Musikantin erzählte vom Ärger mit ihrem Urlaubsgefährten:

"Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael
Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön's hier war, ha-ha ha-ha."

Herzzerreißend dann die Schilderung des Schmerzes in Einzelheiten:

"Ich im Bikini und ich am FKK
Ich frech im Mini, Landschaft ist auch da.
Aber, wie schrecklich, die Tränen kullern heiß
Landschaft und Nina und alles nur schwarzweiß."

Und schließlich die Drohung:

"Micha, mein Micha, und alles tut so weh
Tu das noch einmal, Micha, und ich geh!"

Die Sängerin hieß Nina Hagen - den Namen merkten wir uns sofort. So witzig, so poppig hatte sich noch keiner von den Schlagerleuten in der Unterhaltungskunst mit einem Heimatthema Ost hervorgetan.

Fotostrecke

DDR-Urlaubshits: "Du hast den Farbfilm vergessen" O

Sie, damals 19, ging dann wirklich. Und zwar in den Westen. Ließ Hiddensee und Micha und Farbfilmkummer hinter sich. Wegen ganz anderer Unbill allerdings. Und startete ihre Weltkarriere als Popkünstlerin. Aber das ist eine andere Geschichte.

Uns Zurückbleibenden im Osten blieb Ninas Sound lange präsent in privaten Discos, Strandkörben, an Lagerfeuern. Niemals mehr habe ein DDR-Urlauber fortan vergessen, den Farbfilm einzupacken, heißt es. Und dass zur Sommerzeit in den Fotoläden und Strandkiosken das Orwo-Color-Filmmaterial sogar zur Mangelware geriet.

Nachklang des Schmollgesangs

Nina Hagens Hiddensee-Hit überlebte die DDR und lockt heutzutage auch manchen Westurlauber auf die teuer gewordene Ostseeinsel. Damals bekamen die Musikredakteure von Funk und Fernsehen Kummer. Weisungsgemäß mussten sie den Titel der Abtrünnigen aus dem Programm nehmen und saßen nun schmerzhaft im Sommerloch.

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Ohnehin hatten sie es nie leicht mit der Programmgestaltung für die Urlaubszeit. Bloß keine unerwünschten Sehnsüchte nach der großen weiten Welt wecken, das verlangte die offizielle Kulturpolitik. Denn da steckte der Teufel oft im geografischen Detail.

Also: Keine Italienschnulzen aus dem Westen, keine "Weißen Rosen aus Athen", kein "Frühling in Portugal". Auch keine Seemannsromantik wie von Freddy Quinn und schon gar keine Auflistung westtypischer Reisedefizite wie bei Paul Kuhn ("Es gibt kein Bier auf Hawaii") oder Udo Jürgens ("Ich war noch niemals in New York").

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08.08.2019, 14:56 Uhr
Ohne Gewähr

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diverse Autoren
Wie der Osten Urlaub machte: Die schönsten Ferienorte der DDR

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Bild und Heimat Verlag
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EUR 14,99

Als sendefähig erwiesen sich nur weit zurückliegende, witzige globale Anspielungen aus dem Schlagerfundus der Zwanzigerjahre wie: "Am Amazonas, da wohnen unsere Ahnen, und schmeißen mit Bananen". Die große weite Welt kam allenfalls in Ulkgestalt vor. Thomas Lück, ein Kobold am Mikrofon, fragte in Anlehnung an einen Hemingway-Roman: "Wo kommt der Schnee auf dem Kilimandscharo her?" Und witzelte:

"Frauen gehen oben ohne
Das macht die zu heiße Zone
Kleidung wird dort eingespart
Pelz trägt nur der Leopard."

Manchmal waltete auch der Zufall. Dieter Schneider, Großlieferant von Kleine-Welt-Texten, schmiedete für Frank Schöbel die Verszeile "Ich geh von Dresden nach Frankfurt zu Fuß". Schneiders damalige Frau, Schlagersängerin Monika Herz, fand das zu provinziell und empfahl Globalisierung: "Ich geh vom Nordpol zum Südpol zu Fuß". Und so brach der erfolgreichste Schlagersänger des Ostens unbeanstandet auf zum Wandern auf dem Meridian. Ohne jedes Fernweh. Am Ende ersehnte er nicht mehr als "einen Kuss".

Trabi-Tramperlyrik mit Heimatgefühl

Vorrang gebührte der kleinen, vertrauten DDR-Urlaubswelt. Geografisch genauer zu verortende Schlagertexte spielten durchweg im Inland. "›Hilfe!‹, ›Hilfe!‹ / Mein Herz geht über Bord … / Zu gefährlich ist der Wassersport" sang die seit den Sechzigern populäre Chris Doerk und machte damit Sympathiewerbung für Ferienfreuden an brandenburgischen und mecklenburgischen Seen.

Eine andere Sächsin, die weniger bekannte Sonja Schmidt, besang mit "Ein himmelblauer Trabant rollte durchs Land mitten im Regen" ein Autostopperlebnis:

"Es war auf der Straße
Von X-Burg nach Y-Hagen
Da kam ich vom Bahnhof
Schon fing ein Gewitterguss an.
Ich hatte die Tropfen im Mantel
Im Schuh und im Kragen
Ich winkte den Autos
Und eines, ein kleines hielt an."

Die Trabant-Hymne der Siebzigerjahre: Tramperlyrik mit Heimatgefühl. Auch ohne Fahrtroute war klar: Das Lied warb nicht für eine Tour in die große weite Welt. Nicht mal für einen Trip in die sozialistischen Bruderländer. Denn die Texter standen da an einer Hemmschwelle - wegen möglicher Neidgefühle bei den anderen.

Die Gründe offenbarten sich leicht beim Auspacken auf den Zeltplätzen. Denn um gegen örtliche Versorgungsmängel gewappnet zu sein, schleppten wir vorsorglich Produkte aus unserem etwas reichhaltigeren DDR-Warenangebot mit bis in die Masuren, die Hohe Tatra, an den Plattensee und den bulgarischen Goldstrand. Von Fleischkonserven bis zu Autoersatzteilen. Den Farbfilm sowieso. Manches eignete sich dann auch als Geschenk. Oder als Tauschware. Oder zur Aufbesserung des Urlaubsgelds in Landeswährung.

Spitzname "Ivan de Luxe"

Wahrgenommen wurden wir DDR-Urlauber von unseren östlichen Brüdern und Schwestern lange als die etwas Glücklicheren der Planwirtschaft. Als wir Ende der Siebzigerjahre erstmals mit dem neuen Trabant de luxe vorfahren konnten, mit Zweiklanghupe und sündhaft verchromten Lampenringen, verpasste man uns DDR-Touristen den Spitznamen Ivan de luxe. Später allerdings, als immer mehr Golffahrer die Trabant-Parkplätze besetzten und mit der Westmark winkten, wurden wir herabgestuft zu Touristen zweiter Klasse.

Die DDR-Unterhaltungskunst litt insgesamt an einer Inselmentalität. Auch was die Außenwirkung betrifft. Von den Schlagersängern Ost waren nur wenige westwärts unterwegs, und das höchst selten und mit mäßigem Erfolg - weil ihre Hits dort kaum einer kannte und ihnen kein Ostfan als Claqueur mit Touristenvisum folgen konnte.

Die Paradesendung des DDR-Fernsehens hieß "Ein Kessel Buntes". Nur wer dort zu sehen war, hatte eine Chance, von der Unterhaltungsbranche im Westen überhaupt wahrgenommen zu werden. Frank Schöbel trat auf bei "Musik aus Studio B" des NDR und bei der Fußball-WM 1974 im Frankfurter Waldstadion. Sein größter Hit "Wie ein Stern" wurde 150.000 Mal als Single verkauft. Das brachte Devisen, wurde aber in der DDR-Presse nicht groß gefeiert.

Zwei Heimathymnen

Mit Humorig-Volkstümlichem wie "Keine Bange (wir holen eine Zange)" schafften es Monika Hauff und Klaus-Dieter Henkler, eine Art Ostvariante von Cindy und Bert, immerhin bis in die "ZDF-Hitparade" und zu Olympia in Mexiko. Vorher schon liebten Volksliedfans den Akkordeon spielenden Friseurmeister Herbert Roth. Im Frühjahr 1951 pries er uns touristische Selbstbescheidung. Roth besang, was er vor seiner Haustür vorfand und zu Fuß erreichen konnte: den Rennsteig.

Weimarer Studenten protestierten 1956 gegen den "kleinbürgerlichen Kitsch und Tralala" des Barden aus Suhl, der aber mehr als eine Million Platten mit seinem schlichten Heimatgesang verkaufte. Roths "Rennsteiglied" gilt bis heute als heimliche Hymne Thüringens.

Und die Sachsen? Die hatten ihren Jürgen Hart. Der Leipziger Kabarettist definierte mit dem Mundartlied "Sing, mei Sachse, sing" den begrenzten Reiseradius seiner Landsleute so:

"Der Sachse liebt das Reisen sehr
Nu nee, ni das in'n Gnochen
Drum fährt er gerne hin un her
In sein' drei Urlaubswochn.
Bis nunder nach Bulgarschn
Dud er die Welt beschnarchen."

Das geriet zum DDR-Urlaubshit der späten Siebziger. Bis Kulturwächter Verdacht schöpften bei den Versen:

"Un gommt der Sachse nach Berlin
Da gönn 'se ihn nich leiden.
Da wolln'sn eene drüberziehn
Da wolln 'se mit ihm streiten."

Das Scherzlied könnte, so meinte man, Vorurteile bedienen und Unfrieden stiften. Zumal ein Großteil der Funktionärskaste in Berlin gern sächsischer Herkunft zugeordnet wurde. Also bekamen die Musikredakteure wenn schon kein Verbot, so doch Zurückhaltung verordnet. Jürgen Hart aber zog mit seinem Song unverdrossen weiter übers Land:

"Un dun'sn ooch verscheißern,
Sei Liedchen singt er eisern:
Sing mei Sachse, sing!"

Bécauds Mollgesang

Das Sachsen-Couplet hat überlebt bis auf den heutigen Urlaubstag. Wie Ninas Schmolllied. Und wir bekamen immer mehr internationales Ostflair auf den Bildschirm: Karel Gott mit seiner goldenen Stimme aus Prag und der Schiwago-Melodie "Weißt du, wohin mein Herz auf Reisen geht". Die elegische Ungarin Zsuzsa Koncz lockte mit "Ich komm und geh mit meinen Liedern / und ich bin für Ehrlichkeit", während Polens europaweit bekannte Rockgruppe Rote Gitarren uns warnte: "So hoch, so hoch oben auf dem Dach dieser Welt, erwarten Stürme und Kälte mich".

Aber die Hoheit im Äther, wo keine Kontrolle funktionierte, behielt immer der Sound aus den Westsendern. Auf den Zeltplätzen sorgten dafür die Kofferheulen - so nannte man die damals noch sehr klobigen Transistorradios.

Stars wie Harry Belafonte, Adamo und Dalida, Udo Jürgens, Costa Cordalis gab's später auch im Ostfernsehen, wenn sie im Berliner Friedrichstadt-Palast auftraten oder im Palast der Republik.

Besonders ergriffen lauschten wir einem drahtigen Franzosen: Gilbert Bécaud, genannt Monsieur 100.000 Volt, mit "Nathalie", seiner hinreißenden Liebeserklärung an seine Moskauer Stadtführerin. Ein Chanson in Moll von einer Leidenschaft, die an ganz anderer Stelle loderte als die in Nina Hagens Hiddensee-Hit: Herz statt Galle.

Dieser Text ist ein leicht gekürztes Kapitel aus dem Buch "Wie der Osten Urlaub machte: Die schönsten Ferienorte der DDR", frisch erschienen im Bild und Heimat Verlag

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