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Demokraten-Parteitag 1968

Blut, Schweiß und Tränengas

Tumulte in der Halle, Verletzte im Park: Auf ihrem Parteitag 1968 in Chicago wollten die Demokraten den Nachfolger von US-Präsident Johnson bestimmen. Doch stattdessen zerlegte sich die Partei.

Getty Images
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Dienstag, 26.07.2016   11:22 Uhr

Es ist Wahljahr in den USA, die Welt wird von Attentaten erschüttert und schwarze Bürger gehen gegen Diskriminierung auf die Straße. Russland lässt in Osteuropa die Muskeln spielen. Und bei der Demokratischen Partei konkurriert ein linker Intellektueller mit dem Günstling des Establishments um die Präsidentschaftskandidatur. Kommt Ihnen das bekannt vor? Selten war ein Jahr so turbulent wie 1968.

Der Parteitag der Demokraten in Chicago machte die sozialen Gräben der Sechzigerjahre für alle sichtbar: Drinnen rebellierten abtrünnige Delegierte gegen die Kriegspolitik Präsident Johnsons, draußen lieferten sich Aktivisten Straßenschlachten mit der Staatsmacht. In jener Woche im August entschieden die Menschen, auf welcher Seite sie standen. Der Parteitag wurde nicht nur zum Fanal der Bürgerrechtsbewegung, sondern auch zur Geburtsstunde jener "schweigenden Mehrheit", an die der Republikaner Richard Nixon appellierte und die ihn wenig später an die Macht heben sollte.

Affront gegen Kriegsgegner

Es war kein gutes Jahr für die USA: Die Tet-Offensive Nordvietnams im Januar hatte die Hoffnung auf einen schnellen Sieg zunichte gemacht. Nach dem Mord an Martin Luther King im April waren Unruhen im ganzen Land aufgeflammt. Und als im Juni auch noch der demokratische Präsidentschaftsanwärter Robert Kennedy einem Attentat zum Opfer fiel, wurde mit ihm auch die Hoffnung auf Versöhnung und ein Ende des Vietnamkriegs begraben.

Ohne Kennedy war die Partei gespalten: Vizepräsident Hubert Humphrey stand für die Kriegspolitik Johnsons, der den Vietnamkonflikt mit immer neuen Bodentruppen angeheizt hatte. Auf der anderen Seite standen Gene McCarthy, ein kauziger Senator, dessen Kandidatur sich einzig auf seine Ablehnung des Vietnamkriegs stützte, und der kurz vor dem Parteitag eingesprungene Linkspopulist George McGovern.

In den Vorwahlen hatten 80 Prozent der demokratischen Wähler für die Anti-Kriegs-Kandidaten gestimmt, doch zum Präsidentschaftskandidaten sollte Humphrey nominiert werden.

Für die wachsende Zahl der Kriegsgegner war das ein Affront. Friedliche Hippies und militante Johnson-Gegner, Anarchisten und Maoisten, Schwarze und Weiße - sie alle wollten sich auf dem Parteitag Gehör verschaffen. Keiner machte dabei so viel Krach wie die Anhänger der frisch gegründeten Youth International Party. Die Yippies, wie sie genannt wurden, unterliefen den Bierernst der orthodoxen Linken mit dem bekifften Dada-Humor der Love-&-Peace-Generation. Wenn das Votum der Bürger schon keinen Einfluss auf die Vorwahlen haben würde, sollte der Staat eben mit kalkulierter Provokation herausgefordert werden.

Keine schönen Aussichten für Dick Daley. Der Bürgermeister von Chicago, einer der mächtigsten Demokraten der USA, verhieß: "Recht und Ordnung werden eingehalten!" Den ganzen Sommer über hatte er die 12.000 Polizisten Chicagos Krawallbekämpfung trainieren lassen, für den Parteitag forderte er 6000 Bundesbeamte und 5000 Soldaten der Nationalgarde an, für die im Ernstfall die Order shoot to kill galt. Chicago war bereit für eine heiße Hochsommerwoche.

Maschendraht bis Augenhöhe

Die Delegierten trafen auf eine Stadt im Belagerungszustand: Checkpoints und Stacheldraht, die Nationalgarde an strategischen Punkten stationiert. "Das Amphitheater selbst gleicht einer belagerten Festung", berichtete der SPIEGEL. "Maschendraht bis zur Augenhöhe, dann drei Lagen Stacheldraht. Im Gebäude patrouillieren obendrein Scharfschützen und Sicherheitsbeamte."

Wie Hohn musste da manchem Abgeordneten die Begrüßung über dem Eingang erscheinen: "Hallo Demokraten! Willkommen in Chicago!" hieß es auf einem Schild. Auf Plakaten spotteten die Protestierenden: "Willkommen in Prag!" - eine Woche zuvor waren in der damaligen Hauptstadt der Tschechoslowakei die Russen einmarschiert.

Entsprechend aufgeheizt war die Stimmung in der Kongresshalle: Erbittert stritten die Abgeordneten über den Vietnamkrieg, immer wieder brach sich die Wut der übergangenen Delegierten mit Buhrufen Bahn. Sicherheitsmänner drangsalierten die Anhänger McCarthys und McGoverns, die CBS-Reporter Dan Rather und Mike Wallace wurde vor laufender Kamera aufgemischt. Es gab Rangeleien auf dem Parkett - beispiellos für den sonst so makellos inszenierten Politzirkus.

Dagegen nahm sich das Get-together der Hippies zunächst harmlos aus. Anstatt der erwarteten Hunderttausenden tröpfelten im Lauf des Wochenendes nur ein paar Tausend Aktivisten ein und sammelten sich bei drückender Hitze im Grant Park. Bereits am Freitag war Yippie-Aktivist Jerry Rubin bei dem Versuch verhaftet worden, ein Schwein namens Pigasus the Pig offiziell als Präsidentschaftskandidaten zu nominieren. Am Sonntag eskalierte die Lage erstmals: Bis dahin hatten die Demonstranten den Park stets pünktlich zur Sperrstunde geräumt. Doch an diesem Abend schlug die Stimmung um. "Bleibt im Park!", riefen die Kriegsgegner bei Beginn der Dämmerung, über den Köpfen wehte die rot-blaue Flagge des Vietcongs. Kurz darauf waren sie von dichten Tränengaswolken eingehüllt. Aus dem Nebel stiegen uniformierte Gestalten mit Gasmasken - und rannten schlagstockschwingend in die Menge.

Das Maß war voll

Zu einem nächsten Zusammenstoß kam es vor dem Hilton Hotel am Dienstag, wo hunderte Delegierte logierten. Daley schickte die Nationalgarde los - mit aufgesteckten Bajonetten standen sich Soldaten und singende Kriegsgegner gegenüber.

Mit Spannung erwartete man den Mittwoch, Tag der Nominierung.

Während der Wahl Humphreys spielten sich in der Festhalle chaotische Szenen ab. Empörte Delegierte buhten die Redner aus und hielten "Stop the war"-Schilder in die Luft. Doch da hatte der Parteiklüngel längst triumphiert. Zur gleichen Zeit versammelten sich im Grant Park 15.000 Menschen. Als ein Demonstrant die US-Flagge einholte, griffen die Einsatzkräfte den Organisator Rennie Davis aus der Menge und schlugen ihn bewusstlos.

Für die Kriegsgegner war das Maß voll. All ihre Hoffnungen hatten auf der Demokratischen Partei gelegen - und die hatte nicht nur das Votum der Wähler ignoriert, sondern zerschlug mit Bürgermeister Daley auch noch brutal jeglichen Protest. Nun wollte man dem Ärger vor dem Hilton Luft machen.

Was sie dort erwartete, übertraf alles Vorangegangene an Brutalität: Ohne Rücksicht prügelten die Cops Demonstranten, Journalisten und Passanten nieder. Unter den Opfern, die zusammengeschlagen und in eine Gefangenensammelstelle gebracht wurden, waren ein Enkel Winston Churchills, der "Playboy"-Herausgeber Hugh Hefner und die Abgeordnete des britischen Unterhauses, Anne Kerr. Eine eingekesselte Gruppe Protestierender wurde von Polizisten so lange gegen das Hilton gedrückt, bis die Scheiben nachgaben, dann hetzten sie die Menschen unter Stockschlägen durch die Lobby.

Zuschauer entsetzt

Die Newssender zeigten Bilder, die Amerika so noch nicht kannte: Kopfverletzungen, Platzwunden und Polizisten, die mit Schlagstöcken auf Jugendliche einprügeln - in Abwechslung mit tumultartigen Zuständen während der Siegesfeier Humphreys, bei der der Abgeordnete Senator Ribicoff die "Gestapo-Taktiken" der Ordnungskräfte geißelte.

Am nächsten Morgen herrschte Katerstimmung. 650 verhaftete Protestler, 150 verletzte Polizisten und 43 Nationalgardisten, die vor ein Kriegsgericht gestellt wurden, weil sie sich geweigert hatten, sich an der Niederschlagung der Proteste zu beteiligen. Hubert Humphrey hatte die Nominierung gewonnen, aber die Partei, die er führte, war schwer beschädigt.

Der Gewaltexzess der Polizei hatte bei vielen Menschen das Vertrauen in Polizei und Politik erschüttert. Entrüstet kritisierte das "Time"-Magazin, die Polizei habe "die Rechte unzähliger unschuldiger Bürger verletzt und gegen jegliche Berufsdisziplin verstoßen".

"The whole world is watching", hatten die Protestierenden gesungen, als die Schlagstöcke auf sie niedersausten. Aber die Zuschauer, entsetzt von den Ausschreitungen, identifizierten sich mit der Staatsmacht. Bei der Wahl am 5. November versammelte sich eine schweigende, angsterfüllte Mehrheit hinter dem Republikaner Richard M. Nixon.

insgesamt 2 Beiträge
Christoph Schütte 26.07.2016
1. Und wer hat den Vietnam Krieg beendet ?
Richard Nixon. Der Republikaner - mit der wahrscheinlich schlechtesten Reputation überhaupt. Warum die Hoffnung der Kriegsgegner aber ausgerechnet auf der Demokratischen Partei lag, wird mir nicht ganz klar. Den Krieg im [...]
Richard Nixon. Der Republikaner - mit der wahrscheinlich schlechtesten Reputation überhaupt. Warum die Hoffnung der Kriegsgegner aber ausgerechnet auf der Demokratischen Partei lag, wird mir nicht ganz klar. Den Krieg im Prinzip angefangen - durch sog. "Militärberater - hat John F. Kennedy! Der Demokrat - mit der wahrscheinlich besten Reputation überhaupt. Dies zeigt mal wieder, dass Gut und Böse sich nicht nach links und rechts einsortieren lassen, auch wenn dies die Menschen im Prenzlberg fest glauben. Auf der einen Seite ein soziopathischer "Linker" der einen Krieg beginnt und auf der anderen Seite ein krimineller "Rechter" der diesen Krieg durch Frieden beendet.
Japhyryder 14.12.2017
2. Demokraten-Parteitag in Chicago
Zur Zeit (Dez. 2017) lese ich ein sehr interessantes Buch, in welchem u.a. auch die Ereignisse in Chicago beschrieben werden. "1968" von Mark Kurlansky. Unglaublich spannend und sehr zu empfehlen.
Zur Zeit (Dez. 2017) lese ich ein sehr interessantes Buch, in welchem u.a. auch die Ereignisse in Chicago beschrieben werden. "1968" von Mark Kurlansky. Unglaublich spannend und sehr zu empfehlen.

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