einestages

Deutschland '46

Buntmetall und Gitarrenbänder

Das erste Friedensjahr war für viele Jugendliche geprägt von Hunger, Kälte, Plackerei - und von der Gier nach Leben. Der 19-jährige Jürgen Voigt stürzte sich in die Musik. Und es erlebte, wie die Besatzer von Feinden zu Vorbildern wurden, die auch schon mal den kleinen Bruder hüteten.

Kurt-Jürgen Voigt
Sonntag, 28.10.2007   14:56 Uhr

Autsch! Das blonde Mädchen steckte den schmutzigen Finger in den Mund und begann zu saugen. Begutachtete den nassen Finger, zog den weißen Holzsplitter vorsichtig heraus, lutschte weiter. Blickte ängstlich hinab auf den dunklen Wasserspiegel. Rutschte weg von den Holzbalken des Stegs, die irgendeine Bombe zersplittert hatte - im Krieg. Dorit war nicht wohl zumute. Wieder sah sie ängstlich scheu aufs dunkle Wasser, dass er endlich käme. Und da brach er aus dem Wasser hervor, keuchte, knallte die Kartusche auf den Steg.

"Ich hab' sie, bringt mindestens 100 Zigaretten und 'ne Flasche Öl", schnaufte Karl-Heinz, sah glücklich aus dabei und aus der Puste. Aber nun war sie froh, dass der Junge wieder aufgetaucht war aus der gefährlichen Tiefe, wo noch viel Buntmetall liegen sollte aus dem Krieg, das viel Geld oder Zigaretten brachte auf dem Markt. Aber Angst hatte sie schon. Immer wieder schaute sie den Kai entlang, ob der Jeep der Militärpolizei auftauchte, mit den Engländern war nicht zu spaßen.

"Hast du keine Angst, dass die Dinger mal losgehen?" fragte sie Karl-Heinz. "Nö, bei mir nicht, mir passiert nichts", grinste er. "Aber hast du gehört," sagte sie, "dass die Hansens von gegenüber im Krankenhaus liegen - die hatten Torpedoöl zum braten genommen, und nu' sollen sie alle blind sein, entsetzlich!" "So blöd muss man sein, ich begreif das nicht, komm lass uns gehen" "Fahr doch lieber wieder raus mit den Booten, Makrelen fangen, das ist nicht so gefährlich und macht satt!"

Leben zwischen wassergefüllten Bombentrichtern

Ich war nicht fertig mit dem verdammten Krieg, mit der Kapitulation, diese Katastrophe ging mir keinen Tag aus dem Kopf, fiel mich überall an, bei den alten Bombentrichtern in Kiel, die sich mit Wasser gefüllt hatten, beim Anblick der vorbeischlurrenden müden Menschen, die blicklos irgendwohin starrten, wo nichts mehr war, bei den wackeligen Trümmern rundum, die manchmal einstürzten, den quietschenden Loren auf schmalen Schienen, die auf den Straßen umherfuhren mit Männern und den Schutt aus den Ruinen der Stadt in den Hafen kippten, wo er nicht störte. Und wo der Bürgermeister Gayk in den leergeräumten Baulücken Bäume anpflanzen hieß, die dann "Gayk'sche Wälder" hießen im Volksmund.

In den ersten Monaten nach der Gefangenschaft hat man andere Sorgen. Eigenes Geld verdienen zum Beispiel, etwas zu essen organisieren, etwas zum Heizen für den kleinen Kanonenofen, dessen Rohr lief an der Decke entlang und hinaus aus dem bretterverschalten Fenster. Wo zwei Rohre ineinander geschoben waren, tropfte der dünne Teer heraus und auf den Teppich - und morgens pustete man sich die Augen blind am Ofenloch, weil die feuchten Hölzer nicht angehen wollten und vor sich hinkokelten; ewig dauerte es, bis die paar Kohlen Feuer fingen, dass man wenigstens den alten Teekessel draufsetzen konnte. Herrgott, wie Menschenmengen stinken, ich stand in der Schlange am Arbeitsamt, von 8 bis 12 Uhr, Zentimeter rückten sie vor, die Männer in ihren ungewaschenen Klamotten, den Mündern voller Zigarettenqualm, den rotgeränderten Augen - haste Arbeit?

Der Mann hinter dem winzigen Kläppchen, der Beamte, forderte Entlassungspapiere, sah auch krank und verkümmert aus, aber Behörde, immerhin. Gab mir endlich eine graue Bescheinigung, dass ich Lebensmittelkarten darauf bekam - und sagte, der Junge sollte man schleunigst zur Schule gehen, Krieg führen sei nun vorbei. Ich ging zur Hebbel-Schule, da freuten sie sich, kannst gleich mal Hand anlegen, wir müssen Ziegel sauber machen, die Aula liegt in Trümmern, ja, aber Deutsch gibt es morgen von 12 bis eins. Und Suppe vielleicht.

Zuhause taten mir die Finger der linken Hand weh. Jeden Tag schrubbte ich meine Akkorde auf der Gitarre. Grundakkord C, Subdominante, Dominante, die Sexte, die None. Immer weiter, schrumm, schrumm, Rhythmus halten, Plektrum am rechten Daumen. Musik machen wollte ich, in einer Kapelle, Dreimann vielleicht, Combo oder so, Geld verdienen, Zigaretten. Und dafür üben, üben bis zur Vergasung, wie man beim Kommiss sagte, vier, manchmal sechs Stunden am Stück. Der rechte Arm hing lahm herunter.

Noten konnte ich nicht richtig, hatte auch keine gedruckten, schrieb mir die Schlager ab auf fünffach liniertem Papier, den Chorus, den man hörte am Radio, "Tea for Two" und solche. Und "Olé, Guappa", der Tango mit dem schwierigen Rhythmus. Aber woher ein Engagement nehmen? Und Musiker werden, war das ein Beruf mit Zukunft in diesen Zeiten? Immer nur schrumm, schrumm?

"Nacktmusik" im Offiziersclub

Samstags war "The Day of the Bridge". Die englische "Brücke" im alten Kieler Gewerkschaftshaus war ein offener Salon voller Clubsessel, darin pfeiferauchende Offiziere hockten und den kratzigen Platten lauschten, die ein bemühter Sergeant immer neu auflegte - mit Mozarts "kloine Nacktmusik" Die jungen Zivilisten durften sich bescheiden auf Stühle hocken, eine pfeife Tabak schnorren, einen gelben Butterkeks mümmeln und zufrieden im Schutz der mächtigen Besatzer mitlauschen. Neben mir lümmelte der schnauzbärtige Earl, trank den Gin aus einer Art altem Zahnputzglas und sagte meist: "Well, well." Nach dem dritten Glas pflegte er die Stimme zu erheben. Zur Freude aller und zum Kummer Mozarts sang er mit befehlsgewohnter Stimme ein Lied. Er konnte nur eines: "My hat that has three corers, three corners has my hat, und woundn't it have three corners, it wouldn't be my hat.'

Der Earl, Lord Pluto genannt, wandte sich mir milde zu mit der Autorität des britischen Hochadels. Seine Pferde, so vernahm ich, fraßen den Hafer aus Marmorbecken. Er murmelte: "George, give us a talk: 'How I became a Nazi'. In English." Jürgen - George - brach der Schweiß aus, und ich eilte nach Hause, machte Notizen, um Gottes willen, wie macht man das - Vortrag vor 20 Briten? Und wie wurde ich Nazi? War ich das überhaupt geworden? Es war dann nicht so schlimm, ich erzählte in meinem besten Schulenglisch mit vielen höflich überhörten Fehlern: von Berlin, von den Olympischen Spielen, von Adolf und Mussolini und dem Besuch Chamberlains ("Ha, ha", sagte man ) und wie ich Pimpf wurde. Dann gab es Applaus und mehr Kekse. Und der Earl fragte, wo ich wohne und ob ich "Mein Kampf" hätte, er wolle nun Deutsch bei mir lernen.

Freund Hein hatte einen alten Kampf auf dem Boden, ich hatte das Werk nie gelesen. Doch am Abend hielt der Jeep bei uns in der Clausewitzstraße, zwei Offiziere und ein Sergeant klingelten. Kamen ins Wohnzimmer, scheu auf englisch begrüßt. Stellten Tins auf den Tisch mit Fleisch und Tee und Kaffee. Hausfrau Erika hatte sich fein gemacht und besorgte die Honneurs mit altem Kristall, das noch nicht eingetauscht war auf dem Markt. "Wo ist 'Mein Kampf.'?" Ich legte das schwere Buch vor den Earl auf den Couchtisch. Er blätterte: "My God, its Gothic - I never read Gothic, we must find another book." Ja, Fraktur war so eine Sache im Deutschen.

Caprifischer und Rote Rüben

Das fingerquälende Greifen endloser Akkorde hatte sich ausgezahlt. Ich durfte vorspielen weit draußen in einem vergammelten Restaurant mit riesiger Tanzdiele. 40 Mark die Woche sollte es geben und frei Essen. Vier-Mann-Kapelle, ich an der Gitarre, die kaum die lauten Töne hergab, die man brauchte, um so schmalzig wie irgend möglich die "Caprifischer" zum fünfzigsten Mal zu jaulen, dass die dichten Trauben der schwitzend Tanzenden sich drehten und schmalzten. Um Mitternacht reichte der Koch Teller mit in Wasser gedämpften Roten Rüben, nackt und bloß - ohne was. Aber der Magen knurrte dann leiser. Und manchmal erschien Lord Pluto, kippte drei Zahnputzgläser Gin und sang "My hat that has three corners", und die Deutschen applaudierten begeistert dem edlen Schnauzbart.

Wenn ich nicht schlief vor Erschöpfung nach dem 10-Kilometer-Fußmarsch von der Tanzdiele nach Hause durch den Wald, ging ich im Garten arbeiten. Mutter Erika hatte das Trümmergrundstück mit Bombentrichter und Obstbäumen einem reichen Rechtsanwalt abgemietet: Arbeit gegen Obst. Und erwartete fairerweise von ihrem Sohn, dass er den Trichter zuschüttete und umgrub und mit Leitern die Birnen herunterholte. Manchmal saß ich neben dem Baum, das Hirn schwarz und leer und tot - Ohnmacht des Hungers. Eine erdige Mohrrübe half überleben, so einfach ist das manchmal. Und eine erste Pension bewilligte man der Hausfrau seitens der Behörden, 155 Mark jeden Monat in guter Reichsmark. Ein halbes Pfund Butter kostete mehr, aber zur Miete half es.

Seit Mitte Dezember 1946 kam eine Kältewelle nach der anderen über Deutschland, Menschen erfroren in ungeheizten Kellern, zehn allein in Hamburg. Kaum eine Wohnung hatte noch Glasscheiben, und die Züge fuhren kaum, weil die Loks keine Kohlen kriegten. An manchen Abenden erschien der stramme, blonde und sehr britische Sergeant Stanley bei uns in der Clausewitzstraße, wo der Kanonenofen qualmte und bullerte mit den geklauten Holzbalken. Er stapelte Tins auf den Tisch, schob sich die Rifle zwischen die Knie und setzte sich neben das Bett des 5-jährigen Rüdiger, der Sergeant Stanley innig liebte - nicht nur wegen der Schokolade, sondern weil er unheimlich nett war. Die Familie ging derweil zum Dreiecksplatz ins Kino und wusste: Die Besatzungsmacht hielt Wacht, da würde niemand einbrechen und dem Kleinen etwas tun. Man sollte nicht schlecht reden von den Besatzern, nein, es waren - auch - gute und verlässliche Freunde. Und wenn sie, wie Stanley, ganz und gar unbegreifliches Cockney redeten aus der Londoner Vorstadt. Rüdiger pflegte im Bett zu stehen, milde zu grinsen und mit dem Teddy im Arm zu knuddeln, den ihm jemand handgenäht hatte. Seine Welt war heil und ganz.

Für die anderen wurde Weihnachten 1946 kein heiliges Fest mit Tannenduft, Baum und Gesang, Essen und Geschenken. Sicher nicht.

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