einestages

Disco Demolition Night 1979

Die Nacht, in der Disco starb

Abba-Platten, 70.000 Betrunkene und eine Kiste voll Sprengstoff - aus diesen Zutaten schuf ein Chicagoer Radio-DJ 1979 das größte Debakel der Baseballwerbung. Die Spätfolgen hört man bis heute in Klubs.

Paul Natkin/ Archive Photos/ Getty Images
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Freitag, 12.07.2019   14:18 Uhr

Wann genau man die Katastrophe hätte ahnen müssen, war im Nachhinein schwer zu sagen: Als die Baseballspieler der Chicago White Sox und der Detroit Tigers mit Helmen aufs Feld gingen, um nicht von umherfliegenden Bee-Gees- und Abba-Platten skalpiert zu werden?

Oder als dieser irre Uniformierte im Militärjeep auf den Rasen des Chicagoer Comiskey-Park-Stadions gefahren kam, um zu einer Satireversion von "Do Ya Think I'm Sexy?" zu tanzen und eine Kiste mit 20.000 Schallplatten in die Luft zu jagen?

Vielleicht auch erst, als die Mannschaften sich in ihren Kabinen vor den 10.000 Randalierern verbarrikadierten, die zwischen Vinylsplittern, Bierpfützen und kopulierenden Disco-Hassern über das brennende Baseballfeld tanzten. Ihr Discoplatten-Scheiterhaufen war außer Kontrolle geraten. So wie die ganze Veranstaltung.

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Baseball-Werbegag: Und dann brannte der Rasen

Nicht, dass es White-Sox-Eigentümer Bill Veeck viel genützt hätte, den Wendepunkt benennen zu können, als er vor Kamerateams von den Ausschreitungen berichtete. "Man kann gar nicht so viele Karten verkaufen", sagte er, "dass es das wert gewesen wäre."

Die Anti-Disco-Aktion eines Radiosenders beim White-Sox-Spiel am 12. Juli 1979 hätte ein Werbegag werden sollen. Doch der Abend ging als größte Promotion-Katastrophe in die Geschichte des Baseballs ein - als Disco Demolition Night. Zigtausende zerstörten an diesem Abend ein Stadion, eine Karriere und womöglich ein ganzes Musikgenre. Und das nur wegen eines Mannes, der keinen passenden Polyesteranzug fand.

"Eine furchterregende Kultur"

Steve Dahl liebte Rock über alles. Aber jetzt, Ende der Siebzigerjahre, schien das kaum jemand zu sehen wie der Chicagoer Rock-DJ: In den Charts herrschten die Village People, Chic und die Bee Gees, im Kino hatte John Travolta "Saturday Night Fever" und am Wochenende tanzte man in Plateauschuhen zu stoisch stampfenden Bassdrums. Es war das Disco-Zeitalter. Und Dahl verabscheute Disco.

Er hatte persönliche Gründe: An Weihnachten 1978 war er vom Sender WDAI entlassen worden. Der wollte nur noch Disco statt Rock spielen. Fortan war Dahl auf einer Mission. "Ich hasse Disco", erklärte er in einer Talkshow, "weil ich keinen weißen Dreiteiler finde, der mir passt." Vom Glamour, den Disco mit dramatischen Make-ups und engen Glitzeroutfits zelebrierte, hielt der untersetzte DJ, meist in Hawaiihemd und Trucker-Cap, nichts. Für ihn war Disco "eine furchterregende Kultur, und sie wird uns in den Rachen gestopft."

Dahl traf den Nerv vieler Rockfans. Disco war für sie unauthentisch und es entsetzte sie, dass selbst Rockbands wie Kiss ("I Was Made for Lovin' You") oder die Rolling Stones ("Miss You") den Sound imitierten. Inzwischen beim Rocksender The Loop 98 angestellt, legte Dahl täglich Discoplatten auf, zerkratzte sie mit der Nadel und spielte ein Explosionsgeräusch ab. Die Hörer liebten es: "Ich bekam 300 Anrufe pro Tag", erinnerte sich Dahl 2016. Die Idee hatte Potenzial.

"Hätte meinen Vater angezündet"

Das erkannte auch Mike Veeck, PR-Manager der White Sox. Er brauchte etwas Aufsehenerregendes, denn der Verein seines Vaters Bill war am Ende. Das White-Sox-Stadion fasste knapp 45.000 Menschen - zu den Spielen kamen aber nur noch um die 10.000. Dabei hatten sie eine Anzeigetafel mit integriertem Feuerwerk eingeführt, eine Organistin, es gab Open-Air-Duschen, Limbo-Tänzer und Musikevents.

"Ich hätte meinen Vater angezündet, wenn das Zuschauer angelockt hätte", erinnerte sich Mike Veeck 2017 in der "Chicago Tribune". Aber als er Dahls Show hörte, wurde ihm klar, dass das nicht nötig war. Sie machten einen Deal mit Dahls Sender: Für ein doppeltes Spiel der White Sox gegen die Tigers, einen sogenannten Doubleheader, würden alle nur 98 Cent zahlen, die eine Disco-Platte mitbrachten. In der Pause würde Dahl die Alben dann sprengen.

Dem schmeckte das gar nicht. Nicht, dass er sein Herz für Disco entdeckt hatte: Inzwischen hatte er mit "Do You Think I'm Disco?" sogar eine Parodie auf Rod Stewarts "Do Ya Think I'm Sexy?" aufgenommen. Nein, er fürchtete, die Aktion bliebe erfolglos: "Ich dachte", sagte er dem US-Sportsender ESPN, "es kommen höchstens 5000 Leute und ich werde wie ein Idiot aussehen." Ein gewaltiger Irrtum.

Warten auf die Explosion

Brütende Hitze herrschte am 12. Juli, aber schon Stunden vor Spielbeginn standen Horden junger, langhaariger Männer vor dem Stadion, Platten unterm Arm. Am Einlass türmten Mitarbeiter die Alben zu Haufen. Vince Lawrence, damals Platzanweiser, erinnerte sich 2016 in der Doku "Disco Demolition: Riot to Rebirth", wie mulmig ihm beim Anblick wurde: "Viele waren gar keine Disco-Platten. Es war einfach schwarze Musik."

Lawrence kannte als junger Schwarzer den schwelenden Rassismus Chicagos. Vor allem das Viertel um Comiskey Park, Bridgeport, war berüchtigt. Man warnte Schwarze, das weiße Arbeiterviertel zu betreten. Als Lawrence einmal seine weiße Freundin am Rand von Bridgeport nach Hause brachte, wurde er zusammengeschlagen. Der Täter war Sohn eines Polizisten. Seine Familie zahlte Lawrence Geld, damit er nicht klagte.

Als er nun am Stadioneingang den meist weißen Männern zusah, wie sie Platten auf den Haufen pfefferten, lag die Frage nahe, ob sie wirklich nur den Musikstil ablehnten. Schließlich war Disco vor allem in der afroamerikanischen, der Latino- und Gay-Szene groß geworden. Nichts, was man in Bridgeport besonders schätzte.

"Man konnte spüren, dass etwas passieren würde", sagt Bob Chicoine, der im Stadion Bier verkaufte. Sein Geschäft lief, das sonst so leere Stadion war voll bis auf den letzten Platz. Man musste die Eingänge vor dem Ansturm schließen. Tausende kletterten die Außenwand hoch: Am Ende waren etwa 70.000 Menschen im Stadion. Chicoine erinnert sich: "Es war ein Pulverfass, das auf die Explosion wartete." Buchstäblich.

"Die Village People hätten mich fast getötet!"

Alle warteten auf die Sprengung. Eigentlich hatte Dahl nur eine Mülltonne voll Platten sammeln wollen, doch es kamen immer mehr. Bei 20.000 Stück hatten sie aufgehört, sie einzusammeln. Die Zuschauer warfen sie nun wie Frisbees auf die Spieler, die das erste Match begonnen hatten. White-Sox-Spieler Steve Trout erinnerte sich 2016 im "Chicago Magazine": "Ich hörte, wie etwas an mir vorbeisauste. Ein Album blieb neben meinem Fuß im Boden stecken. Ich sagte: 'Heilige Scheiße! Die Village People hätten mich fast getötet!'"

Auch Böller und Golfbälle flogen aufs Feld, Bier regnete aus den oberen Rängen, süßlicher Rauch erfüllte die Luft. Kaum jemand verfolgte, wie die White Sox 1:4 gegen die Tigers verloren. Statt Fansprechchören hörte man aus Tausenden Kehlen: "Disco sucks! Disco sucks!"

Endlich fuhr Dahl im Jeep aufs Feld. Als er die Massen gesehen habe, habe er es kaum geglaubt: "Sie warfen mit Bier und Böllern. Und das waren die, die uns mochten!" Er trug Uniform und Helm, und seine Rekruten jubelten, als ein Container aufs Feld geschafft wurde. Dahl heizte sie an: "Wir haben alle eure Platten hier. Und wir werden sie sprengen - rrreeeal goood!" Er stimmte seine Disco-Parodie an: "Findest du mich Disco, /Weil ich so lang brauche, /Um mein Haar zu föhnen?".

Schließlich zählte Dahl an: "1... 2... 3... Bumm!!!" Ein paar Augenblicke nichts, ein paar Buh-Rufe erklangen im Gebrüll. Dann ein Blitz, ein Knall, und Fetzen der Kiste flogen über das Feld. Eine Rauchwolke erhob sich, aus der es Vinylsplitter auf den Rasen regnete. Unter dem Jubel des Publikums raste Dahl im Jeep davon. Doch das Spektakel begann gerade erst.

"Wie eine Bücherverbrennung"

Das Publikum tobte noch immer, als die Spieler zum Aufwärmen für das zweite Match des Abends herauskamen. Da geschah es: Drei Gestalten liefen über das Feld und rutschten auf Knien in die Homebase. Junge Männer mit Whiskeyflaschen kletterten über die Absperrungen, andere liefen mit "Long Live Rock'n'Roll"-Banner zwischen den flüchtenden Spielern hindurch. Binnen Sekunden rannten, hüpften und tanzten Hunderte über den Platz. Wenig später Tausende.

Einige kletterten die Anzeigetafel hoch, andere rutschten die meterhohen Foul Poles herunter. Der Batting Cage stürzte, in den Rängen brannten Transparente. Stadionverkäufer Barry Rozner erinnert sich: "Leute gruben die Homeplate aus. Und ich bin ziemlich sicher, dass ich zwei Leute sah, die hinter der dritten Base Sex hatten." Überall knallten Böller, dann eine Rauchsäule: Sie hatten einen Scheiterhaufen aus Disco-Platten angezündet. "Für uns", so Disco-Musiker Nile Rodgers 2004 im "Independent", "fühlte sich das an wie eine Nazi-Bücherverbrennung".

Es gab Schlägereien, Spieler mussten mit Baseballschlägern ihre Ausrüstung verteidigen. White-Sox-Sprecher Jimmy Piersall schimpfte über Mikrofon: "Das gehört zum Traurigsten, was ich je auf einem Spielfeld gesehen habe!" Bill Veeck flehte die Gäste an, das Feld zu verlassen. Auf der Anzeigetafel stand "Bitte kehren sie zu ihren Sitzen zurück". Stattdessen rissen die Leute die Sitze aus der Verankerung. "Ich stand einfach nur da", sagt Mike Veeck, "und überlegte, was mein nächster Job werden würde." Seine Karriere war vorbei.

Einfach rauswerfen konnte man die Masse nicht, denn die Ausgänge waren zugleich Eingänge - und draußen warteten noch immer Tausende auf Einlass. Und so wütete das Chaos weiter, bis Polizisten auf Pferden einritten. Mit Schlagstöcken verfolgten sie Randalierer, 39 wurden festgenommen. Teile des Feldes waren verbrannt, andere ausgegraben, überall lag Müll. Das Spiel wurde abgebrochen und als Niederlage der White Sox gewertet.

Wiederauferstehung auf der Tanzfläche

Statt eines Werbecoups hatten die Veecks ein PR-Desaster entfacht. Ein Jahr später mussten sie den Verein verkaufen, für zwei Jahrzehnte sollte Mike Veeck keine Aufträge im Major League Baseball mehr bekommen, er rutschte in den Alkoholismus ab. Berühmt machte die Disco Demolition Night ihren Initiator, DJ Steve Dahl. "Die Bee Gees", erinnert er sich, "gaben mir tatsächlich die Schuld, ich hätte Disco getötet." Er habe das als Triumph angesehen.

Tatsächlich stürzte danach die Beliebtheit von Disco-Musik ab. Nachtclubbesitzer Jimmy Rittenberg berichtete: "Von 30 Clubs in Chicago ging es runter auf vier nach dieser Nacht." Viele Diskotheken wurden zu Country-Bars umgebaut. Die Aktion, erinnert sich DJ Frankie Knuckles, habe Plattenfirmen geängstigt: "Darum hörten sie auf, Disco-Künstler unter Vertrag zu nehmen." Anfang der Achtziger war Disco tot.

Ob dieser Sieg der Disco-Gegner Ergebnis von Rassenhass und Homophobie war, ist seither kontrovers diskutiert worden. Dahl beschwichtigte, es seien "bloß ein paar Siebziger-Kids" gewesen, "die etwas Dampf abließen". Doch aus welchen Gründen sie auch den Tod von Disco feierten - ihre Freude währte nur kurz.

Außerhalb der Clubs wurde in Chicago weiterhin zu stampfenden "four-on-the-floor"-Beats getanzt. Disco war tot, aber, so DJ Frankie Knuckles: "Wir erfanden unser eigenes Ding, um die Lücke zu füllen." Es klang elektronischer und repetitiver. Sie nannten es House.

1984 erschien die nach Ansicht vieler erste kommerzielle House-Single: Der Song "On and On". Geschrieben von einem gewissen Vince Lawrence - der früher einmal Platzanweiser gewesen war, im Comiskey-Park.

insgesamt 16 Beiträge
Jaroszlav Kozinsky 12.07.2019
1. Jessie Saunders & Vince Lawrence - On and On
Interessanter Artikel. Hier der Link zum erwähnten ersten House-Titel auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=HMfzGRT53wg So toll war das noch nicht. Naja. Die Jungs scheinen sich an der NDW orientiert zu haben. Der [...]
Interessanter Artikel. Hier der Link zum erwähnten ersten House-Titel auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=HMfzGRT53wg So toll war das noch nicht. Naja. Die Jungs scheinen sich an der NDW orientiert zu haben. Der Synth-Bass erinnert sehr an "Fred vom Jupiter" von Andreas Dorau, 1981.
Andreas Maerten 12.07.2019
2. das tut schon weh
@Kozinsky ja genau,die amerikanischen djs waren bei ihnen zuhause und haben ihre ndw sammlung geplündert,darum kann man sagen das eigentlich sie selber house music erfunden haben,vielen dank
@Kozinsky ja genau,die amerikanischen djs waren bei ihnen zuhause und haben ihre ndw sammlung geplündert,darum kann man sagen das eigentlich sie selber house music erfunden haben,vielen dank
e.simon 12.07.2019
3. Klasse Artikel
gut geschrieben, und die Story ist episch!
gut geschrieben, und die Story ist episch!
Sandro K. 12.07.2019
4.
Tatsächlich war Chicago wohl die Geburtsstätte der heutigen elektronischen House-Musik. Immerhin ist hier sogar die legendäre Roland TB-303 zu hören. Ob die bei Andreas Dorau auch im Einsatz war, entzieht sich meiner [...]
Zitat von jar.koz.Interessanter Artikel. Hier der Link zum erwähnten ersten House-Titel auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=HMfzGRT53wg So toll war das noch nicht. Naja. Die Jungs scheinen sich an der NDW orientiert zu haben. Der Synth-Bass erinnert sehr an "Fred vom Jupiter" von Andreas Dorau, 1981.
Tatsächlich war Chicago wohl die Geburtsstätte der heutigen elektronischen House-Musik. Immerhin ist hier sogar die legendäre Roland TB-303 zu hören. Ob die bei Andreas Dorau auch im Einsatz war, entzieht sich meiner Kenntnis, aber Sachen wie Stoned Faces don't lie und Girls in Love waren schon lässige Tracks...
stefan maass 12.07.2019
5. Weisse Jungs
..die nicht tanzen konnten. Traurig. Aber sie haben verloren (wie immer in ihrem Leben). Alles was sich heutzutage auf den Dancefloors abspielt wäre ohne Disco nicht möglich gewesen Mein Lieblingssong ist nach wie vor Move on [...]
..die nicht tanzen konnten. Traurig. Aber sie haben verloren (wie immer in ihrem Leben). Alles was sich heutzutage auf den Dancefloors abspielt wäre ohne Disco nicht möglich gewesen Mein Lieblingssong ist nach wie vor Move on Up von Curtis Mayfield: https://www.youtube.com/watch?v=iN3KsbnQZxU Mein Geheimtipp : https://www.youtube.com/watch?v=BYFVj5_4RVU

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