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Rivale des Eiffelturms

Eine "Sonnensäule" sollte ganz Paris erleuchten

Anstelle des Eiffelturms, Sensation der Weltausstellung von 1889, hätte Paris beinah einen gigantischen Granitturm gebaut. Doch der kühne Plan eines 300 Meter hohen Kolosses mit künstlicher Sonne scheiterte - am Gewicht.

Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte / RMN - Grand Palais / HervÈ Lewandowski
Von , Paris
Mittwoch, 06.04.2016   09:41 Uhr

Es ist die meistbesuchte Sehenswürdigkeit der Welt. Für Touristen ist der Eiffelturm das Wahrzeichen von Paris schlechthin, Einheimische verehren das elegante Gitterwerk an der Seine als "Die Dame aus Eisen". Der Eisenturm, 324 Meter hoch, ist das Monument einer Ära ungebrochener Zukunftsgläubigkeit.

Doch anstelle dieses avantgardistische Entwurfes aus dem Ingenieurbüro von Gustave Eiffel hätte auch ein ganz anderer Turm entstehen können. Kein filigranes Konstrukt, sondern ein rund 300 Meter hoher Koloss aus massivem Granit.

Seit der ersten Weltausstellung in London, der "Great Exhibition oft the Works of Industry of All Nations" in London 1851, waren Demonstrationen des technischen und industriellen Savoir-faire willkommen. Frankreich organisierte gleich dreimal eine derartige Leistungsschau, 1855, 1867 und 1878.

Auf noch größere Visionen setzte die Regierung für das Jubiläum der Französischen Revolution. Ein symbolträchtiger Prestigebau sollte die machtpolitischen Geltungsansprüche untermauern: Ministerpräsident Jules Ferry wünschte zum Jubelfest 1889 ein architektonisches Statement, mit dem sich Paris als Weltkapitale des Fortschritts profilieren kann.

"Wiederaufbau der Türme von Babel"

Zur Ausschreibung für das Megaprojekt wurden 107 Vorschläge eingereicht - durchweg kühn. Geplant sei nicht weniger als der "Wiederaufbau der Türme von Babel", schwärmte der Journalist Pierre Giffard am 7. Januar 1885 in der Tageszeitung "Le Figaro".

Schon im 19. Jahrhundert hatten Stadtplaner und Ingenieure von himmelhohen Bauten geträumt. So empfahl der britische Erfinder und Maschinenbauer Richard Trevithick, der 1804 die erste funktionsfähigen Dampflokomotive entwickelte, 1833 den Bau eines 300 Meter hohen, goldenen Wolkenkratzers für London. Mit seinem Tod wurde freilich auch das Luftschloss beerdigt.

Gut 40 Jahre später kursierten in den USA ähnliche urbane Utopien. Zur Universalausstellung 1876 in Philadelphia ersannen die Ingenieure Clark und Reeves einen gewaltigen Pylonen, 304 Meter hoch, mit einem Durchmesser von neun Metern und gehalten von Abspannkabeln. Die Abbildung zierte im Januar 1874 die Ausgabe des "Scientific American" - aber die Verwirklichung des astronomischen "Centenial Tower" scheiterte an den ebenso astronomischen Kosten.

Von derlei Fehlschlägen ließ Frankreichs Regierung sich nicht abschrecken. Die besten Architekten und Ingenieurbüros beugten sich über fantastische Skizzen für das Jubiläumsevent von 1889. "Sicher ist, dass unsere besten Gehirne sich Gedanken machen", berichtete der "Figaro", "man spricht bereits von einem dreiteiligen Ereignis, wissenschaftlich, politisch, humanitär."

Widerstand gegen "gigantischen Fabrikschlot"

Im Rennen um die spektakulärste Idee hatte Gustave Eiffel, schon damals berühmt als "großer Konstrukteur von Brücken aus Eisen", zunächst die Nase vorn. Seine Mitarbeiter Maurice Koechlin und Émile Nouguier entwickelten ein verblüffendes Konzept: der Bau eines 300 Meter hohen, vierbeinigen Turmes aus genieteten Eisenträgern.

Eiffel meldete die Pläne am 18. September 1884 als gemeinsames Patent an, kaufte aber den beiden Helfern ihre Rechte wieder ab. Nur sein Name sollte fortan mit dem Turm verbunden sein: "Eine Pyramide von 300 Meter Höhe, ganz und gar aus Eisen", so die Beschreibung in den zeitgenössischen Medien. "Es wäre die Apotheose der Bauschlosserei", lobte Figaro-Autor Giffard.

Das avantgardistische Projekt stieß jedoch auf Widerstand. "Solch ein Turm", protestierte ein Kollektiv namhafter Künstler, würde wie ein "gigantischer Fabrikschlot mit seiner barbarischen Masse" die historischen Wahrzeichen erdrücken, wäre "schwindelerregend lächerlich" und sein "hässlicher Schatten ein Tintenfleck" auf dem Panorama der Metropole.

"Die Nacht praktisch abschaffen"

Die Alternativen waren nicht weniger monströs, orientierten sich äußerlich aber an historisierenden Vorbildern. Der ambitionierteste Gegenvorschlag stammte von Amédée Sébillot. Der Pariser Ingenieur überzeugte den Architekten Jules Bourdais von seiner Idee, grandioser noch als Eiffels Eisenkonstruktion: Die "Colonne Soleil" sollte "als elektrischer Leuchtturm fungieren, mehr noch als künstliche Sonne, und so im städtischen Nachtraum die Nacht praktisch abschaffen", wie die Historikerin Daniela Kneißl in ihrer Dissertation schrieb.

Bourdais hatte als Pariser Monumentalbau bereits den Trocadéro-Palast konstruiert und war begeistert. Für das Zentrum von Paris ersann er mit Sébillot einen 300-Meter-Turm, zugänglich mit vier Aufzügen, die 2000 Personen befördern könnten. Eine 55 Meter hohe "Sonnen-Laterne" an der Spitze sollte die gesamte Metropole illuminieren - sogar die Vorstädte außerhalb des direkten Scheins des mächtigen Leuchtturms. Sie sollten "durch eine Reihe von Parabolspiegeln in Licht getaucht werden, die dazu auf verschiedenen erhöhten Orten von Paris platziert werden, um die Straßen ihr Licht zu geben".

Die Originalzeichnungen lagern heute im Pariser Musée d'Orsay. Sie zeigen einen Bau, der alle bis dahin von Menschenhand geschaffenen Monumente weit überragen sollte - ob die Große Cheops-Pyramide (139 Meter) oder den Kölner Dom (157 Meter). Das Konzept: massive Granitquader und ein gemauerter Kern, übereinander angeordnete Galerien, verziert mit gusseisernen Säulen.

An der Basis mit einem Durchmesser von 30 Metern und einem Innenraum von 18 Metern waren Mauern von zwei Metern Dicke geplant; an der Spitze verjüngte sich die Wandstärke auf 80 Zentimeter. Auf dem "Sonnenturm" sollte eine geflügelte Statue thronen, gewidmet dem "Genius der Wissenschaft".

Luft-Therapie auf der Aussichtsplattform

In den Fundamenten sollte nach den Vorstellungen von Bourdais ein "Museum der Elektrizität" entstehen und der hohle Kern des Turms wissenschaftlichen Experimenten vorbehalten bleiben. Die Aussichtsplattform schließlich sollte "Kranken dienen, sich in luftiger Höhe aero-therapheutischen Kuren zu unterziehen".

Beobachter zweifelten allerdings, ob ein solches Gebäude überhaupt Bestand haben könnte. So berichtete der "Figaro", Monsieur Bourdais werde "seine äußerst originellen mathematischen Arbeiten vorstellen, die offenbar zu dem praktischen Schluss kommen, dass es weder von der Geometrie, der Arithmetik noch den Maurerarbeiten Widersprüche gibt".

Die Jury war freilich nicht von der Machbarkeit zu überzeugen. Wegen des immensen Granit-Gewichts hatte sie Zweifel an den statischen Berechnungen. Eiffels Eisenturm erhielt den Zuschlag und wurde - dank vorgefertigter Bauteile - in der Rekordzeit von nur 24 Monaten auf dem Marsfeld hochgezogen: der monumentale Eingang zur Weltausstellung von Paris.

Ihren Leuchtturm erhielt die Hauptstadt letztlich trotzdem. Auf der Spitze drehen sich zwei Scheinwerfer, rund 80 Kilometer weit sichtbar. Und seit 2003 signalisieren 20.000 Blitzlichter bis ein Uhr nachts die volle Stunde - fünf Minuten lang erstrahlt auch der Eiffelturm als "Sonnen-Laterne".

insgesamt 2 Beiträge
Reinhard Groß 06.04.2016
1. Poubelle
In der Bildunterschrift zu Bild 6 erwähnen Sie den "Handelsminister Poubelle", der in der Urkunde allerdings richtigerweise als "Préfét de la Seine", also Präfekt des Departements 75 bezeichnet wird. Das [...]
In der Bildunterschrift zu Bild 6 erwähnen Sie den "Handelsminister Poubelle", der in der Urkunde allerdings richtigerweise als "Préfét de la Seine", also Präfekt des Departements 75 bezeichnet wird. Das besondere Verdienst dieses Mannes ist allerdings die Einführung von öffentlichen Abfallbehältern, so dass in ganz Frankreich "Poubelle" zum Synonym für Abfallbehälter geworden ist. Vielleicht etwas anrüchig, aber nicht die schlechteste Art, dafür zu sorgen, dass der eigene Familienname in die Ewigkeit eingeht.
Rudolf Fiedler 06.04.2016
2. Wer schafft so einen Bau?
München hat ja auch am Effnerplatz einen Turm, allerdings nur 50 m hoch. Mae West. Sieht eher aus, wie ein unvollendetes, unvollkommens, hässliches Weißbierglas. Man stelle sich aber vor, es sollte ein ähnliches Bauvorhaben [...]
München hat ja auch am Effnerplatz einen Turm, allerdings nur 50 m hoch. Mae West. Sieht eher aus, wie ein unvollendetes, unvollkommens, hässliches Weißbierglas. Man stelle sich aber vor, es sollte ein ähnliches Bauvorhaben in Berlin realisiert werden...... Baubeginn könnte dann ja so ca. 2020 sein, wenn BER (vielleicht) fertig gestellt wurde.

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