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Ennio Morricone

Der Soundtrack meines Lebens

Jeder Kinofan hat seine Favoriten unter den Schauspielern, Regisseuren oder Genres. Dirk Brichzi schwärmt für einen Komponisten - Ennio Morricone, Maestro der Italo-Western und mit 90 nun auf Abschiedstour.

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Montag, 21.01.2019   12:31 Uhr

Es gibt Filmszenen, die sollte die Wissenschaft als Test anerkennen, ob mit den eigenen Gefühlen noch alles in Ordnung ist. Wie die letzten Minuten von "Cinema Paradiso": Ein erfolgreicher Regisseur kehrt nach Jahrzehnten in sein sizilianisches Heimatdorf zurück, weil der Filmvorführer des Kinos gestorben ist, in dem sich früher das Leben des Orts und seines in der Jugend abgespielt hat. Eine Filmrolle hat ihm Alfredo zurückgelassen.

Nun sieht der Regisseur auf der Leinwand am Stück all die Kussszenen, die Alfredo früher auf Geheiß des Pfarrers herausschneiden musste. Dieses Filmfinale ist eine Liebeserklärung ans Kino und das Leben, herrlicher Kitsch. Wer dabei gähnt, auf den Abspann wartet und gar kein Zucken irgendwo in der Brust oder im Bauch verspürt, der sollte sich wirklich mal untersuchen lassen.

Denn über allem thront, erst leise, dann etwas lauter, aber nie zu laut und immer wunderschön, diese Melodie des Meisters der Filmmusik: Ennio Morricone, derzeit auf Abschiedstour durch Europa. Die Musik zu "Cinema Paradiso" komponierte er gemeinsam mit seinem Sohn Andrea; beide studierten am Konservatorium Santa Cecilia in Rom, der Sohn 50 Jahre nach dem Vater.

Als ich "Cinema Paradiso" zuletzt im Kino erlebte, war bei fast allen Anwesenden und auch bei mir gefühlsmäßig noch alles in Ordnung. Ich bin sowieso aufs Kino angewiesen - nicht weil ich Fernsehgucken für Teufelszeug hielte, ich hatte es mir nur auf einer längeren Reise abgewöhnt und nach einem Umzug kein Gerät mehr gekauft. Also gehe ich oft ins Kino. So oft, dass Freunde sich wundern: Wer schaut sich in Zeiten von Netflix und Co. schon zum dritten Mal den neuen "Blade Runner" im Kino an?

Überragend: "Die Legende vom Ozeanpianisten"

Umso erstaunter sind sie, wenn sie mich als Kinofan nach meinem Lieblingsschauspieler oder -regisseur fragen und ich länger grüble. Ich mag das Schlunzige von Bill Nighy, aber ist er deshalb mein Lieblingsschauspieler? Auch beim Regisseur muss ich passen, und ein Lieblingsgenre - Horror, Drama, Kriegsfilm, französischer Schwatzfilm der Neunziger... Nein. Am Ende sage ich dann immer, dass ich einen Lieblingskomponisten habe: Ennio Morricone.

Für mehr als 500 Filme hat der diplomierte Trompeter die Musik komponiert und damit schon 1961 angefangen. Bei seinem Namen denken viele an Italowestern oder nur an "Spiel mir das Lied vom Tod", mit etwas Glück noch an "The Hateful Eight", aber den kennt man eher wegen Tarantino. Ich erzähle dann gern von "Die Legende vom Ozeanpianisten" mit Morricones großartiger Musik.

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Ennio Morricone: Sag niemals Spaghetti-Western

Der Film handelt von einem Mann, der am Neujahrsmorgen des Jahres 1900 an Bord des Dampfers "Virginian" gefunden und vom Heizer Danny großgezogen wird. Er verlässt nie das Schiff, entdeckt sein musikalisches Talent, wird Pianist der Bordkapelle. Als sein Ruf auch an Land die Runde macht, gipfelt der Film in einem Duell zwischen ihm und Jazzmusiker Jelly Roll Morton.

Leider kleistert oft Musik die Bilder zu

Man müsse einer Filmmusik Raum geben, damit sie sich entfalten kann, hat Morricone einmal gesagt. Hier kann sie es wie in kaum einem anderen Film.

"1900", so der Originaltitel, brachte Morricone einen Golden Globe ein, der Soundtrack eignet sich wunderbar als Ohrenschmaus für einen verregneten Sonntagnachmittag auf der Couch. Aber nicht für Partys, sonst kommen so seltsame Fragen wie zuletzt, als ich die Filmmusik von "O Brother, Where Art Thou?" (tiefster Südstaaten-Blues, nicht von Morricone) einlegte und ein Freund sagte: "Da stimmt was nicht mit der CD." - "Alles in Ordnung, das ist die Musik..."

Schlechte oder unpassende Musik kann einen Film zerstören. Wenn du den Bildern nicht traust, hau einfach Musik drüber, lautet ein alter Kinoleitspruch - oft kleistern Brachial-Orchesterklänge dann alles zu. Oder der Produzent entscheidet, Szenen mit schmissigen Pop- und Rocksongs zu unterlegen. Dann werden die Zuschauer wenigstens die Musik in guter Erinnerung behalten, wenn schon nicht den Film.

Beim Komponisten Morricone war man auf der sicheren und sonnigen Seite. Seine Musik spielt in den Filmen nie eine untergeordnete Rolle, drängt sich aber auch nie in den Vordergrund. Immer unterstützt sie die Bilder, unterstreicht Auftritte der Hauptpersonen, schafft Spannung und Atmosphäre.

Ein Maestro der Geräuschexperimente

Jeder kennt das Mundharmonikamotiv aus "Spiel mir das Lied vom Tod". Beim gedehnten Einstieg, in dem die drei Schurken am Bahnhof auf Charles Bronson warten, merkt man, wie Morricone mit Stille und Geräuschen spielt. Mit Wassertropfen, Telegrafen, Fliegensummen, Windrädern und Zugpfeifen. Zehn Minuten lang passiert fast nichts, dennoch wächst die Spannung von Sekunde zu Sekunde. Und der Sound der Mundharmonika wirkt dann fast wie eine Erlösung.

Wie dieser Film heute in einem großen Kino mit großem Sound wirken würde? Dafür sind die Filme von Regisseur Sergio Leone mit Morricones Musik geschaffen. "Für eine Handvoll Dollar", "Zwei glorreiche Halunken" oder "Es war einmal in Amerika" - all diese Filme konnte ich bislang nur reduziert genießen, obwohl sich mein alter, röchelnder Beamer und die Surround-Anlage alle Mühen gaben. Also studiere ich weiter die Kinoprogramme von Nah und Fern in der Hoffnung, bald auf eine Retrospektive der beiden zu stoßen.

Im Kino konnte ich nur wenige Morricone-Filme erleben. Zuletzt feierte er mit "The Hateful Eight" von Quentin Tarantino einen großen Erfolg und erhielt dafür sogar endlich einen Oscar für die beste Filmmusik. Zuvor war Morricone fünfmal nominiert, ohne zu gewinnen; allein den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk hatte er 2007 bekommen.

Aber in "The Hateful Eight" lassen die Bilder, Schauspieler, Dialoge der Musik zu wenig Raum. Ich kann mich an kein Stück oder Thema daraus erinnern, was mir bei Morricone sonst nie passiert.

Wehmutsmelodien zum Bilderrausch

Vielleicht war der Film auch einfach schlecht. Bei einem Werk von über 500 Filmen kann sogar ein Ennio Morricone danebengreifen. Der Fantasyfilm "Red Sonja" mit Brigitte Nielsen und Arnold Schwarzenegger? Filmmusik: Morricone. Der Weiße-Hai-Abklatsch "Orca, der Killerwal" oder auch "Exorzist 2"? Filmmusik: Morricone.

Schwamm drüber - zumeist entstehen bei seiner Arbeit Meisterwerke wie "In der Glut des Südens": Terrence Malick drehte 1978 mit dem jungen Richard Gere, Brooke Adams und Sam Shields, der Film spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf den Kornfeldern in Texas. Zum sommerlichen Bilderrausch komponierte Morricone eine Musik, so schön und melancholisch, dass man sich gleich neben Richard Gere ins Feld legen, den Himmel betrachten und an Weizenhalmen kauen möchte.

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Anlässlich seines 90. Geburtstags hat Ennio Morricone, der bei der Genrebezeichnung "Spaghetti-Western" sehr zornig werden kann, gesagt: Das war's mit der Filmmusik, Leute. Derzeit gibt er eine Abschiedstour mit großem Orchester, seinen schönsten Werken und einem einzigen Auftritt in Deutschland, in Berlin am 21. Januar.

Danach bleibt mir nur noch, immer wieder den Soundtracks zu lauschen. Und mich dabei zu fühlen wie in der Schlussszene von "Cinema Paradiso": Mein Gott, ist das schön!

insgesamt 15 Beiträge
Christoph Färber 21.01.2019
1. Danke für alles, Maestro Morricone!
Mehr gibt es da wohl nicht zu sagen. Ausser noch, und mach´s gut.
Mehr gibt es da wohl nicht zu sagen. Ausser noch, und mach´s gut.
Marcus Straub 21.01.2019
2. Manchmal machen die Komponisten den Film
Und Ennio Morricone zusammen mit Sergio Leone sind ein Dreamteam. Aber bitte nicht James Horner, Lalo Schifrin, Hans Zimmer und so viele mehr vergessen.
Und Ennio Morricone zusammen mit Sergio Leone sind ein Dreamteam. Aber bitte nicht James Horner, Lalo Schifrin, Hans Zimmer und so viele mehr vergessen.
Gunnar Rohde 21.01.2019
3. Mein erster Kinofilm
war 1976 Spiel mir das Lied vom Tod. Das war so mächtig und nachhaltig, nihct zu vergleichen mit dem Fernsehen oder irgendetwas anderem. Was mir auch hanchhaltig in Erinnerung blieb, war "Der Profi" mit Belmondo.
war 1976 Spiel mir das Lied vom Tod. Das war so mächtig und nachhaltig, nihct zu vergleichen mit dem Fernsehen oder irgendetwas anderem. Was mir auch hanchhaltig in Erinnerung blieb, war "Der Profi" mit Belmondo.
Papazaca 21.01.2019
4. Wenn ich an Filmmusik denke, denke ich an Morricone
und an Nina Rota, der die Musik für Fellini geschrieben hat. Und die Filme von Sergio Leone kann ich gar nicht oft genug sehen. Morricone ist einfach ein ganz Großer des Films. Und natürlich ist er auch Teil meines Lebens. Und [...]
und an Nina Rota, der die Musik für Fellini geschrieben hat. Und die Filme von Sergio Leone kann ich gar nicht oft genug sehen. Morricone ist einfach ein ganz Großer des Films. Und natürlich ist er auch Teil meines Lebens. Und wenn ich was von Morricones Abschiedstour höre, denke ich auch an meine Abschiedstour. Ich finde, er sollte noch mehrere Abschiedstouren machen, dann kann ich auch meine verschieben. Was ich aber machen werden: Ich werde mir etwas "Morricone" kaufen. Morricone beim Kaffee, beim Essen von Weißwurst, beim Zähne putzen., ach da gibt es viele Möglichkeiten .... Wenn Morricone wüßte, wie seine Musik zweckentfremdet wird, würde er mir den Ton abstellen oder einen Wein mittrinken?
Roland Jenniges 21.01.2019
5. ...das Lied vom Tod
habe ich Anfang der 70er im Kino gesehen.Film und Musik waren ein wahres Erlebnis. Ganz sicher einer der Top 10 Filme meines Lebens. Gracie, Senor Morricone
habe ich Anfang der 70er im Kino gesehen.Film und Musik waren ein wahres Erlebnis. Ganz sicher einer der Top 10 Filme meines Lebens. Gracie, Senor Morricone

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