einestages

Erlebnisse eines Pimpfs

Hitlergruß für eine Tanne

Sabotierte Gleise und ein geheimnisvoller Gefangenentransport: Fahrten mit der Eisenbahn faszinierten Ernst Woll als Kind sehr - einige Ereignisse dabei blieben ihm unvergessen. Etwa der Moment, als er einen vorbeifahrenden Weihnachtsbaum grüßen müsste.

Ernst Dr. Woll
Donnerstag, 18.06.2009   16:43 Uhr

Während des Krieges lautete die Losung der Reichsbahn "Räder müssen rollen für den Krieg". Sie war auf großen Transparenten in Bahnhöfen und an Zügen zu lesen. Ob der außergewöhnliche Transport, den ich in der Vorweihnachtszeit 1943 erlebte, dieser Parole entsprach, ist zweifelhaft. Jedenfalls ist er an Absurdität kaum zu überbieten.

Die Bannleitung der Hitlerjugend hatte unserem Jungvolk den Befehl erteilt, sich an einem bestimmten Tag zu festgelegter Uhrzeit am Bahndamm der Strecke Weida-Mehltheuer aufzustellen. Dann nämlich sollte der Sonderzug, mit dem der Weihnachtsbaum für den Führer transportierte wurde, diesen Streckenabschnitt passieren.

Pflichtgemäß standen wir, etwa 70 zehn- bis vierzehnjährige Jungen, parat und grüßten mit erhobenem rechten Arm die vorüber fahrende Tanne, die so groß war, dass für sie zwei Güterloren benötigt wurden. Die Lächerlichkeit dieser sinnlosen Zeremonie begriffen wir damals nicht. Wahrscheinlich glaubte die Mehrzahl der Jugendlichen noch immer an den Sieg und verehrter Hitler und damit auch seine Weihnachtstanne bedingungslos. Die wenigen, die wohlmöglich zweifelten, trauten sich nicht auszuscheren.

Menschen in Viehwaggons

Die Bahnstrecke wurde im Krieg oft für Militärtransporte genutzt. Wir Kinder bestaunten damals die Geschütze, Panzer und Armeefahrzeuge, die auf Güterwagen an die Front rollten. Den Soldaten, die in den offenen Türen der Waggons saßen, winkten wir zu und beneideten sie, weil sie so weit reisen konnten. Über den gefährlichen Zweck dieser Fahrten dachten wir damals nicht nach.

Ein einschneidendes und schockierendes Erlebnis hatte ich während einer Reise Ende 1944 auf dem Bahnhof in Weimar. Ich fuhr als Jungvolkführer per Bahn zu einer Konferenz. Wegen Fliegeralarm durfte unser Zug nicht in den Bahnhof einfahren und rollte auf ein Abstellgleis. Während wir warteten, entdeckte ich auf dem Nebengleis Viehwaggons, aus deren Luken ausgemergelte menschliche Gesichter schauten. SS-Soldaten liefen am Zug entlang und schlugen mit Stöcken gegen die Köpfe und schlossen die Luken.

Das waren grausige Bilder, die ich bis heute nicht vergessen kann. Als ich meinen Lehrer fragte, was mit diesen Menschen geschehen würde, sagte er: "Das sind Gefangene, arbeitsscheues Gesindel, die in Lager zur Umerziehung gebracht werden." Von meinen Eltern erhielt ich nur ausweichende Antworten. Sie ermahnten mich, niemandem gegenüber das bewegende Erlebnis zu erwähnen.

Entgleister Militärtransport

Einmal wartete ich gegen Abend gemeinsam mit meiner Mutter auf dem Bahnhof Weida-Altstadt auf unseren Zug zur Heimfahrt. Er hatte Verspätung, weil erst noch ein langer Militärtransport langsam durch die Bahnstation fuhr. Plötzlich hörten wir einen entsetzlichen Krach und sahen, wie mehrere Güterwaggons des Transports umstürzten. Wir waren beunruhigt, denn wir wussten, dass mein Onkel an den Gleisen Bauarbeiten leitete.

Es stellte sich heraus, dass bei den Bauarbeiten eingesetzte Kriegsgefangene vor der Zugdurchfahrt Schrauben an den Schienen gelöst hatten, was zum Entgleisen mehrerer Wagen führte. Eine direkte Schuld an dem Unglück war dem Bruder meiner Mutter nicht nachzuweisen. Trotzdem wurde er wegen Beihilfe zur Sabotage an die Ostfront versetzt. Beteiligte Gefangene sollen sogar hingerichtet worden sein.

Während Bahnhöfe und Züge im Krieg unverzichtbar zur Aufrechterhaltung der deutschen Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie waren, fanden sich in Bahnhofsnähe, auch noch nach dem Krieg, häufig Schwarzmärkte, auf denen Waren getauscht oder zu horrenden Preisen gekauft werden konnten. Kurz nach Ende des Krieges erlebte ich vor dem Leipziger Hauptbahnhof einen Schwarzmarkt der größeren Art.

Razzia auf dem Bahnhofsschwarzmarkt

Mein zehn Jahre älterer Cousin und ich kehrten von einer Motorradreise aus Berlin zurück, als uns kurz vor Leipzig die Motorradkette riss. In den Reparaturwerkstätten konnte oder wollte uns niemand helfen. Man gab uns den Hinweis, auf dem Leipziger Schwarzmarkt zu versuchen, die Adresse von Handwerkern zu bekommen, die uns möglicherweise weiterhelfen könnten.

Wir schoben das Motorrad etwa zehn Kilometer in die Stadt und kamen gegen Abend, als es schon dunkelte, am Hauptbahnhofsvorplatz an. Wir begaben uns in das Getümmel, hatten aber nur Geld und keine gefragten Tauschobjekte. Auf Anraten von Insidern kauften wir zunächst amerikanische Zigaretten für acht Mark das Stück. Dann fanden wir jemanden, der uns für zehn Zigaretten eine Adresse für die Kettenreparatur übergab. Wir vermuteten ein windiges Geschäft, hatten aber keine andere Wahl, als es zu riskieren.

Die Polizeirazzia kam unerwartete. Als die Menschenmenge sich von einer Sekunde auf die andere in Bewegung setzte, folgten wir dem Strom in die Nebenstraßen. Ein Polizist, der die Straße absperrte, griff nach mir und ließ mich nicht mehr los. Aber mein Vetter konnte mich mit einem beherzten Griff von ihm wegziehen, und so entgingen wir einer Festnahme. Wir waren sehr erleichtert, als am nächsten Tag der empfohlene Monteur unser Motorrad wieder flott machte und wir wieder nach Hause konnten. Das glimpflich ausgegangene Schwarzmarktabenteuer hatte sich gelohnt.

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