einestages

Erster Atomwaffentest

"Ein lebendiges Ding, eine neue Art Lebewesen"

Sie sahen einen grellen Blitz, einen gigantischen Feuerball, einen wabernden Riesenpilz: In der Wüste von New Mexico detonierte am 16. Juli 1945 die erste Atombombe. Einige Beobachter erschraken vor der Energie der Explosion - andere besangen ihre Schönheit wie Poeten.

Corbis
Von
Mittwoch, 14.07.2010   17:34 Uhr

In den Sekunden, bevor er die Welt für immer verändern sollte, atmete der hagere Mann mit den ausgebeulten Hosen, dem Khakihemd und dem Sombrero kaum noch. "Herr, diese Dinge liegen schwer auf dem Herzen", murmelte Robert Oppenheimer leise. Dann war nur noch das Quaken der liebestrunkenen Kröten zu hören - und der unerbittliche Countdown: "Fünf, vier, drei, zwei, eins … null!", rief der Physiker Sam Allison, ließ das Mikrofon fallen und starrte aus dem Betonbunker hinaus in die Wüstenlandschaft.

Was die Männer um Oppenheimer und Allison nun erblickten, übertraf alle Erwartungen. Ein greller Lichtblitz zuckte durch die Dunkelheit, begleitet von einem tosenden Donner. Aus dem Sand erhob sich ein gigantischer Feuerball, schoss hoch in den Himmel und wölbte sich zu einem wütend wabernden Riesenpilz, golden, blutrot, purpurfarben. Als der Pilz schließlich zur Wolke zerfloss und in Richtung Norden abdriftete, färbte ein violettes Glühen den Himmel.

Am 16. Juli 1945, um fünf Uhr 29 Minuten und 45 Sekunden explodierte in der Wüste von New Mexico die erste Atombombe der Geschichte - und läutete eine neue Ära der Bedrohung, Einschüchterung und Vernichtung ein. Nachdem Hitler-Deutschland bereits kapituliert hatte, entschieden sich die USA, die soeben erfolgreich getestete Waffe gegen Japan einzusetzen. Obwohl die Kapitulation des schwer angeschlagenen Pazifikstaats nur noch eine Frage der Zeit war.

Baudelaire und Selbstgedrehte vor dem atomaren Urknall

Doch die USA setzten auf "das Ding", wie die erste Atombombe von ihren Erfindern genannt wurde. Schließlich hatte das Forscherteam unter der Leitung von Robert Oppenheimer und General Leslie Groves seit Dezember 1941 an der Bombe gebastelt und der Staat rund zwei Milliarden Dollar in das sogenannte Manhattan-Projekt gepumpt. Um es zur Vollendung zu bringen, zogen sich die Bombenbauer in die Ödnis der Wüste von New Mexiko zurück.

"Trinity" - Dreifaltigkeit - taufte Oppenheimer das Testgebiet für die erste Bombe, ein unwirtliches Terrain, das die spanischen Einwanderer ob seiner Trostlosigkeit einst "Jornada del Muerto" - Tagesreise des Toten - genannt hatten. Hier, inmitten von Kakteen und Klapperschlangen, sollte am 16. Juli ausprobiert werden, ob und wie die Waffe funktionierte. Keiner der Bombenbauer wusste mit Sicherheit, ob er nach dem Test noch leben würde. Denn trotz penibler Berechnungen schien in der Praxis alles möglich: Würde die Kettenreaktion ausbleiben? Oder würde das "Ding" am Ende vielleicht sogar die gesamte Atmosphäre entzünden und alles Leben auf der Erde auslöschen?

Halb im Spaß, halb im Ernst schlossen die zunehmend nervösen Männer Wetten ab, ob die Detonation nur New Mexico oder die ganze Welt vernichten würde. Um sich zu beruhigen, las Robert Oppenheimer Baudelaire-Gedichte, drehte sich eine Zigarette nach der anderen und spähte in die stürmische Nacht hinaus. Eigentlich sollte die Superbombe um Punkt vier gezündet werden. Doch ein heftiges Gewitter war aufgezogen, wieder und wieder wurde der Zeitpunkt des Tests hinausgeschoben. Nur wenige Kilometer vom Stützpunkt entfernt, ruhte sie auf einem dreißig Meter hohen Stahlturm - die eiförmige, schwarze, mit Drähten und Sensoren gespickte Plutoniumbombe.

"Ich bin der Tod, Zerstörer der Welten"

Als schließlich der atomare Urknall ertönte und feststand, dass das Experiment erfolgreich war, schlug die unter den Testbeobachtern herrschende Anspannung in grenzenlose Euphorie um. "Ein lauter Aufschrei erfüllte die Luft. Die kleinen Gruppen, die bis dahin angewurzelt dagestanden hatten, wie Wüstenpflanzen in der Erde, brachen in einen Tanz aus. Sie klatschten in die Hände, als sie in die Luft sprangen", beschrieb William Lawrence von der "Times", der einzige zum Test zugelassene Reporter, den Freudentaumel nach der erfolgreichen Detonation. Die Bombenbauer lachten und weinten abwechselnd, stürzten aus ihren Unterständen ins Freie, um ihr Baby zu feiern und sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen. Whisky in Pappbechern machte die Runde.

Doch schon bald nagte das schlechte Gewissen an den Männern, Katerstimmung setzte ein. Im Umkreis von eineinhalb Kilometern hatte die Bombe alles Leben ausgelöscht und den Sand zu einem gläsern grünem, hochradioaktiven Mineral geschmolzen, den "Perlen von Trinity". Wo zuvor der Turm mit der Bombe in die Luft geragt hatte, klaffte nun ein drei Meter tiefer Krater mit einem Durchmesser von 330 Metern. Nachdem die Männer mit Panzern und Geigerzählern ausgerückt waren, um das völlig unterschätzte Ausmaß der radioaktiven Strahlung zu ermitteln, bekam niemand mehr in der Kantine des Testgeländes einen Bissen herunter.

Die Forscher hatten eine Waffe entwickelt, deren Zerstörungspotential alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte - die Bombe verfügte über eine Sprengkraft von 21.000 Tonnen TNT. Erschüttert von seinem Werk, dachte Robert Oppenheimer in den Minuten nach der Detonation an Verse aus der Bhagavad Gita, dem heiligen Hindu-Epos: "Wenn der Glanz von tausend Sonnen am Himmel plötzlich bräch' hervor, das wäre gleich dem Glanze des Allmächtigen. Ich bin der Tod. Zerstörer der Welten."

"Unbeschreibliche Klarheit und Schönheit"

Ähnlich geschockt reagierte der für die Durchführung des Trinity-Tests verantwortliche Kenneth Bainbridge. Kurz nach der Stunde null trat er auf Oppenheimer zu, schaute ihm in die Augen und sagte leise: "Nun sind wir alle Schweinehunde." Nur der General blieb ungerührt: "Der Krieg ist aus, sobald wir zwei von der Sorte auf Japan abwerfen", knurrte Leslie Groves kurz und eilte davon, um Harry Truman Bericht zu erstatten: "Operation heute morgen durchgeführt. Diagnose noch nicht vollständig, aber Erfolg scheint zufriedenstellend und übertrifft bereits alle Erwartungen", kabelte das War Department in Washington dem zur Potsdamer Konferenz gereisten US-Präsidenten.

Spätestens, als er den offiziellen Bericht des Kriegsministeriums in den Händen hielt, war Truman restlos begeistert. Die Helligkeit der Bombe, hieß es dort, "erleuchtete jeden Gipfel, jede Schlucht und jeden Kamm der nächsten Bergkette mit einer Klarheit und Schönheit, die unbeschreiblich ist." Geradezu beseelt von dem positiven Testausgang in der Heimat, trat Truman seinem Kontrahenten Josef Stalin gegenüber mit ungewohnter Selbstsicherheit auf und gab grünes Licht für den Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki.

Der Einsatz der verheerenden Waffen würde den Krieg beenden, eine Invasion Japans durch amerikanische Truppen überflüssig machen und so Millionen von US-Soldaten das Leben retten, rechtfertigte Truman die beiden Bomben. Zudem konnte man so der Sowjetunion zeigen, mit welcher Großmacht sie es zu tun hatte.

"Diese armen kleinen Menschen"

Am 6. August 1945, drei Wochen nach dem Trinity-Test, detonierte die Bombe "Little Boy" über Hiroshima, drei Tage später legte "Fat Man" die Hafenstadt Nagasaki in Schutt und Asche. "Es war ein lebendes Ding, eine neue Art Lebewesen, das dort gerade vor unseren ungläubigen Augen geboren wurde", schwärmte Reporter William Lawrence über "Fat Man". Die beiden Bomben löschten nach offiziellen Schätzungen mindestens 250.000 Menschenleben aus, noch immer sterben jährlich Tausende Japaner an den Spätfolgen der atomaren Strahlung.

"Diese armen kleinen Menschen", jammerte Oppenheimer bereits in den Tagen nach dem ersten Test - was ihn nicht davon abhielt, sein Werk zu vollenden und sich am Abend nach Hiroshima wie ein Preisboxer feiern zu lassen. Spätestens nach Nagasaki jedoch war Oppenheimer ein gebrochener Mann, ein FBI-Informant bezeichnete ihn am 9. August 1945 als "Nervenwrack". Der "Vater der Atombombe" hatte mit seiner Erfindung nicht nur den tausendfachen Tod unschuldiger Zivilisten in Japan zu verantworten, sondern auch die Menschen in der eigenen Heimat geschädigt.

Schon 1969 berichtete das "Bulletin of the Atomic Scientists" von einer sprunghaft angestiegenen Säuglingssterblichkeit in den Regionen, in denen starker Regen den radioaktiven Fallout der Trinity-Bombe in hoher Konzentration auf die Erde prasseln ließ. 1997 wies das gleiche Magazin darauf hin, dass "Hotspots" (Flecken mit großer Strahlung) selbst über 1600 Kilometer entfernt in Indiana zu finden waren. Viehrancher im Umkreis des Testgeländes berichteten von Rindern, deren Fell ausgefallen war und auf deren Haut sich große Blasen bildeten. Trotz der Strahlungsgefahr entschied das US-Militär, den Test streng geheim zu halten.

Den ortsansässigen Journalisten, die am Morgen des 16. Juli mit Berichten von Augenzeugen bestürmt wurden, diktierte die Armee eine gezielte Falschmeldung: "Ein Munitionslager mit hochexplosivem Sprengstoff und pyrotechnischen Materialien explodierte in den frühen Morgenstunden in einem abgelegenen Bezirk im Sperrgebiet der Alamogordo Air Base", schrieben die Zeitungen anderntags. Da auch "Gasgranaten" explodiert seien, halte es die Armee für wünschenswert, "einige wenige Zivilisten aus ihren Häusern zu evakuieren". Das Geheimnis um die todbringende Bombe lüftete das US-Militär erst nach dem Abwurf von "Little Boy" auf Hiroshima am 6. August 1945.

Noch im gleichen Jahr kürte die "National Baby Institution" Robert Oppenheimer, den "Vater der Atombombe", voll patroitischem Übereifer zum "Vater des Jahres".

insgesamt 2 Beiträge
Markus Lindner 08.08.2013
1.
It squeezes your throat like an invisible hand to see what the Americans have done to this world....disgusting... They have no room at all to behave like world-police nowadays. They should beg for forgiveness for all victims of [...]
It squeezes your throat like an invisible hand to see what the Americans have done to this world....disgusting... They have no room at all to behave like world-police nowadays. They should beg for forgiveness for all victims of their atomic bombs instead....
Robert Rauscher 16.07.2019
2.
Natürlich sind atomare Waffen schrecklich, so wie viele andere. Und natürlich wünsche ich mir auch, dass man die Bomben nicht über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hätte. Mehr noch, ich wünsche mir, dass man diese Waffen [...]
Natürlich sind atomare Waffen schrecklich, so wie viele andere. Und natürlich wünsche ich mir auch, dass man die Bomben nicht über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hätte. Mehr noch, ich wünsche mir, dass man diese Waffen nie entwickelt hätte. Aber: so sah man was die anrichten. Und evtl. haben Hiroshima und Nagasaki dazu beigetragen, dass es im kalten Krieg "nur" ein Wettrüsten gab und keine weiteren Abwürfe. Weil wäre es da los gegangen... es hätte nicht mehr aufgehört. Die Amerikaner deswegen zu verdammen ist ziemlich scheinheilig.

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