einestages

Finale Bayern gegen Manchester 1999

Vom Traum zum Trauma in 102 Sekunden

Im Champions-League-Finale vor 20 Jahren kassierte Bayern München zwei Tore in der Nachspielzeit. Es war die Mutter aller Niederlagen - und für Manchester United der Sprung ins gelobte Land. Football, bloody hell!

Colorsport/ imago images
Von
Sonntag, 26.05.2019   11:55 Uhr

Gegen 22.35 Uhr an diesem milden Abend des 26. Mai 1999 gibt Alex Ferguson, Trainer von Manchester United, im Stadion Camp Nou von Barcelona das berühmteste Kurzinterview seiner Karriere. "Sie sind der Champion von Europa", sagt ITV-Reporter Gary Newborn, "für Sie muss ein Traum in Erfüllung gehen!"

"Ah, ich kann's nicht glauben", antwortet ein sichtlich mitgenommener Ferguson. "Ich kann's nicht glauben. Football, bloody hell!"

Was, verdammt, ist hier gerade passiert?

Knapp drei Stunden zuvor sitzt Mario Basler, Offensivspieler von Bayern München, auf einer Toilette im Kabinentrakt und saugt an einer Zigarette. Mit seinem Tor im Halbfinal-Rückspiel gegen Dynamo Kiew hat er die Münchner erst in dieses Finale geschossen. Die "Süddeutsche Zeitung" dichtete anschließend: "Die ganze feingesponnene Strategie hat Mario mit einem einzigen Einfall zerrissen." Den Endspielgegner aus Manchester bekamen die Bayern bereits in der Gruppenphase zweimal serviert, beide Duelle endeten unentschieden. Wer hat heute den entscheidenden Einfall?

Schunkelnde Briten

"Die Engländer", betont Michael Henke, Assistent von Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld, in der Abschlussbesprechung, "verstehen Eckbälle als Torchance." Draußen vor der Bayern-Kurve schmettert die Spider Murphy Gang ihren Gassenhauer vom "Skandal im Sperrbezirk": "Unter zwounddreißig sechzehn acht / herrscht Konjunktur die ganze Nacht..." Selbst die Engländer schunkeln mit.

Anpfiff. Der britische TV-Kommentator Clive Tyldesley raunt ergriffen: "Einer dieser beiden großen Klubs kann hier und heute Geschichte schreiben." Die Bayern starten mit Kahn, Matthäus, Babbel, Linke, Kuffour, Tarnat, Effenberg, Jeremies, Basler, Jancker und Zickler. Für United auf dem Platz: Schmeichel, Gary Neville, Johnsen, Stam, Irwin, Giggs, Beckham, Butt, Blomqvist, Yorke und Andy Cole.

Fotostrecke

Champions League 1999: "They always score" - und dann traf Solskjær

In der vierten Minute holt Carsten Jancker einen Freistoß raus. Der Ball liegt auf halblinker Position, etwa 19 Meter vom Tor entfernt. "Bayern hat jetzt richtig gute Möglichkeiten", sagt Tyldesley, "eine von ihnen heißt Mario Basler." In der englischen Mauer reißt Markus Babbel eine Lücke, durch die Basler den Ball rechts unten ins Tor mogelt. 1:0 nach gerade mal fünf Minuten! "Super-Mario", ruft Tyldesley, "diese launische Mischung aus Talent und Temperament hat Bayern den perfekten Start verschafft."

Mit dem Ergebnis gehen beide Mannschaften in die Halbzeit. Die Bayern hatten zuvor mit hochtourigem Traumfußball die Liga aufgerollt. Und Manchester, Meister in der Premier League mit einem Torverhältnis von 80:37, hat bis zur Pause nicht eine nennenswerte Szene.

Auch nach dem Seitenwechsel ändert sich daran wenig. Richtig gefährlich sind nur die Münchener. In der 71. Minute gelingt Stefan Effenberg beinah ein wunderbarer Treffer, doch Schmeichel kann seinen Heber gerade noch entschärfen.

Die Siegerkappen zu früh verteilt

Nach einem Kopfballgeplänkel im Mittelkreis tritt David Beckham Lothar Matthäus rüde über den Haufen, der Weltmeister von 1990 bleibt mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. Matthäus ist inzwischen 38 und seit 19 Jahren Nationalspieler. Er wurde schon tausendfach umgetreten, aber er ist auch keine 25 mehr. Zehn Minuten vor Schluss kommt für ihn Thorsten Fink.

Auch United wechselt. Ferguson hat bereits in der 67. Minute Teddy Sheringham aufs Feld geschickt, jetzt kommt Ole Gunnar Solskjær. Der Sohn eines früheren norwegischen Wrestling-Champions hat in dieser Saison wettbewerbsübergreifend schon 17 Tore auf der Uhr und einen besonderen Spitznamen: "The baby-faced Assassin" - der Killer mit dem Babyface.

Elf Traumtreffer: Goooooal! Die größten Tore aller Zeiten

Nach 26 Sekunden bringt Solskjær per Flugkopfball erstmals in diesem Spiel Oliver Kahn in Bedrängnis. Kurz darauf segelt ein Jancker-Fallrückzieher nur an die Unterlatte, ein Lupfer von Mehmet Scholl prallt an den Pfosten. Auf der bayerischen Ersatzbank verteilen Betreuer schon Baseballkappen mit der Aufschrift "Champions-League-Sieger 1999 - FC Bayern München".

United wird jetzt stärker, auch weil die Bayern-Defensive ungeordneter agiert. Als habe jemand an der falschen Stelle einen Stein aus einem Jenga-Turm gezogen. Ottmar Hitzfeld bringt kurz vor Ende der regulären Spielzeit Hasan Salihamidžzic für Basler. Der Schütze des einzigen Treffers greift sich eine der Baseballkappen.

Um exakt 22.30 Uhr Ortszeit klärt Effenberg eine Neville-Flanke zur Ecke. Uniteds Anhang brüllt auf, Michael Henke bekommt eine Gänsehaut.

Der milchgesichtige Auftragskiller trifft

"Can Manchester United score?", fragt Clive Tyldesley. "They always score." Sie treffen doch sonst immer. Beckham schlägt die Ecke, der Ball kommt zu Dwight Yorke, dem nur ein lascher Kopfball gelingt, direkt vor die Füße von Thorsten Fink. Der muss den Ball jetzt nur volley aus der Gefahrenzone dreschen. Doch ausgerechnet jetzt rutscht Fink der Ball vom Spann und landet 18 Meter vor dem Tor bei Ryan Giggs, der ihn blind nach vorn schlägt. Und Sheringham staubt ab.

1:1. Nach genau 90 Minuten und 36 Sekunden. "Das darf nicht wahr sein", ruft RTL-Kommentator Marcel Reif. Während das Camp Nou explodiert, entfernt ein Uefa-Mitarbeiter hastig die gerade angebrachten Bayern-München-Bänder von der Siegertrophäe.

Fotostrecke

Kicker-Sticker: Tausche vier Maldinis gegen ein' Rudi Völler

Mit letzter Kraft klärt Kuffour den nächsten United-Angriff zur Ecke. Warum ist niemand bei Sheringham, fragt sich Beckham und schnibbelt den Ball genau dorthin, wo Sheringham gleich hinspringen wird. Der verlängert die Flanke mit dem Kopf vor die Füße von Solskjær. Der milchgesichtige Auftragskiller lässt Kahn keine Chance. In der 93. Minute steht es tatsächlich 2:1 für Manchester.

"And Solskjær has done it!", brüllt Tyldesley - während der Torschütze auf Knien in die Glückseligkeit von Barcelona rutscht und sich dabei eine Meniskusverletzung zuzieht, die letztlich seine Karriere beenden wird. Erbarmungslos zeigt die Kamera Michael Tarnat in der Nahaufnahme. So sieht ein Mann aus, der gerade alles verloren hat. Peter Schmeichel rennt auf die Ersatzbänke zu und schlägt ein Rad. Und Clive Tyldesley sagt den berühmtesten Satz seiner Reporterkarriere: "Manchester United have reached the promised land!"

Ein Ritterschlag für den knorrigen Trainer

Noch ist das Spiel nicht vorbei. Kuffour jammert und schreit und wirft den Oberkörper vor und zurück, weil das alles einfach nur ungerecht ist. Wie in Trance schlägt Effenberg den Ball noch einmal nach vorn, doch Babbel kommt nicht an den Ball, United kann klären. Das ist das bittere Ende.

Bayern hat verloren. Manchester United ist Champions-League-Sieger 1999. Durch zwei Tore in der Nachspielzeit, binnen 102 Sekunden. Bayern stürzt ins Tal der Tränen, Manchester feiert die spektakulärste Wiederauferstehung der jüngeren Klubgeschichte (hier die Highlights auf YouTube, mit englischem Kommentar).

Mit dem Europapokalerfolg 1968, zehn Jahre nach dem Flugzeugunglück von München mit dem tragischen Tod der "Busby Babes", war dem Verein schon einmal so ein Kunststück gelungen. Und genau daran muss Alex Ferguson denken, als er mit der einen Hand seine Augen gegen das Flutlicht abschirmt und mit der anderen ganz aufgeregt einem der Helden von damals zuwinkt, Sir Bobby Charlton.

Wie er da so steht, selig lächelnd, wirkt der sonst so knorrige Schotte wie ein Schuljunge, dem Papa gerade gesagt hat, dass er mal der beste Fußballer aller Zeiten sein wird. Stand jetzt ist Ferguson immerhin der beste Trainer der Welt.

Nachdem auch der letzte Reservespieler mit dem Silberpott vor der Kurve feiern durfte, eilt Ferguson in die Kabine, um jedem seiner Männer die Hand zu schütteln. Roy Keane, im Finale gesperrt, verspritzt die erste Champagnerdusche, Dwight Yorke tanzt, Beckham will den Cup gar nicht mehr loslassen, ein Betreuer landet im Entspannungsbecken. Die Party kann beginnen. Manchester United hat das gelobte Land erreicht. Am Ende der britischen Jubelorgie schlägt die Queen Alex Ferguson am 20. Juli zum Ritter.

Für die Bayern bleibt diese unglaubliche Nacht von Barcelona ein Trauma, "das Schlimmste, was passieren kann", wie Trainer Hitzfeld heute sagt. Und Sir Alex Ferguson erinnerte sich lange danach: "Wie wir dieses Spiel gewonnen haben? Selbst jetzt habe ich keine Ahnung. Es war Schicksal. Einfach Schicksal."


Elf Rüpel müsst ihr sein: Grausame Grätschen, Griffe ins Gemächt und Manieren von einem anderen Stern - die Tretertruppe des Fußballs. Klicken Sie unten auf Gesicht oder Namen des Fußballers, und Sie erfahren mehr.

José Chilavert Vinnie Jones Uli Borowka Neil Ruddock Paul Gascoigne Joey Barton Roy Keane Stefan Effenberg Giorgio Chinaglia Eric Cantona Edmundo
insgesamt 14 Beiträge
sabine beeretz 26.05.2019
1. Das schmerzverzerrte
Gesicht trägt Matthäus heute noch.
Gesicht trägt Matthäus heute noch.
Thomas Müller 26.05.2019
2. Viele glauben...
... das verlorene "Finale dahoam" wäre das große Trauma von uns Bayernfans. Ist es aber nicht. Ich war bei beiden Finals im Stadion, 1999 im Camp Nou und 2012 in der AA. Beim "Finale dahoam" hatte man Zeit [...]
... das verlorene "Finale dahoam" wäre das große Trauma von uns Bayernfans. Ist es aber nicht. Ich war bei beiden Finals im Stadion, 1999 im Camp Nou und 2012 in der AA. Beim "Finale dahoam" hatte man Zeit genug, sich gedanklich auf eine eventuellen Niederlage einzustellen, zuerst als es in die Verlängerung ging und dann beim Elfmeterschießen, insofern war die Niederlage zwar sehr schmerzlich, aber eben auch nicht wirklich überraschend und aus heiterem Himmel. In Barcelona dagegen war man nach 90 Minuten CL-Sieger, und stand schon in Erwartung des überfälligen Schlußpfiffs tanzend und hüpfend auf der Tribüne. Nach 91 Minuten war man kein CL-Sieger mehr, nach 93 Minuten war das Spiel aus und ManUnited hatte die CL gewonnen. Es war einfach nur brutal, vom Camp Nou auf den Fussball-Olymp und wieder zurück, und das alles in nur 3 Minuten! Ich kann es bis heute nicht fassen, was damals passiert ist und ich glaube, dass unsere damalige Gefühlslage so richtig nachvollziehen nur die Fans von S04 können, mit denen ich seit dem denkwürdigen Saisonfinale 2001 deshalb auch sympathisiere.
Peter Grömping 26.05.2019
3. Aufdringliche Überschrift - großartiger Artikel
Auch bei SPIEGEL ONLINE greift die Strategie des CLICKBAITING immer mehr um sich: Mit einer reißerischen Überschrift (und Einleitung) soll Neugier auf einen Artikel geweckt, sollen höhere Zugriffszahlen und Werbeeinnahmen [...]
Auch bei SPIEGEL ONLINE greift die Strategie des CLICKBAITING immer mehr um sich: Mit einer reißerischen Überschrift (und Einleitung) soll Neugier auf einen Artikel geweckt, sollen höhere Zugriffszahlen und Werbeeinnahmen erzielt werden. HIMMEL ODER HÖLLE IN 102 SEKUNDEN - DIE MUTTER ALLER NIEDERLAGEN - DER SPRUNG INS GELOBTE LAND. Derartigen Klickködern versuche ich zu widerstehen. Oft erfolglos. So auch hier. Und, bloody hell! Gut, dass ich geködert wurde! Ich las mit Vergnügen einen richtig schönen, eleganten Artikel. Und ich merke mir den vielversprechenden Namen Alex Raack.
Hein Diegelmann 26.05.2019
4. Ja, damals...
Da hat Fussball schauen noch Spass gemacht.
Da hat Fussball schauen noch Spass gemacht.
Annett Hahn 27.05.2019
5. Immer noch Gänsehaut
Ich kann mich Peter Grömping nur anschließen - ein wirklich gut geschriebener Artikel. In dieser Nacht vor 20 Jahren wurde ich United-Fan - und bin es bis heute. Ich fand es einfach so beeindruckend, dass die Mannschaft bis [...]
Ich kann mich Peter Grömping nur anschließen - ein wirklich gut geschriebener Artikel. In dieser Nacht vor 20 Jahren wurde ich United-Fan - und bin es bis heute. Ich fand es einfach so beeindruckend, dass die Mannschaft bis zum Schluss an den Erfolg geglaubt hat, auch nach 91 Minuten noch. Auch wenn es in den letzten Jahren nicht immer leicht war, aber dieses kleine rote Teufelchen, was sich 1999 in mein Herz gesetzt hat, hat sich häuslich eingerichtet.

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP