einestages

Filmfotograf Vollmer

"Es war meistens furchtbar"

Zickige Schauspieler, strahlend schöne Diven, schreiende Regisseure - der Hamburger Jürgen Vollmer hatte in seinen 40 Jahren als Filmfotograf einige denkwürdige Begegnungen am Filmset. Auf einestages erzählt er von seinen Erlebnissen mit den Stars - und zeigt seine besten Aufnahmen.

Jürgen Vollmer
Ein Interview von Stefanie Erhardt
Montag, 05.07.2010   10:27 Uhr

Jürgen Vollmer, Jahrgang 1939, startete 1966 in Frankreich seine Karriere als Setfotograf bei Filmproduktionen. Ab Anfang der Achtziger arbeitete er auch für Hollywood-Filme. Er lebte unter anderem in Paris, New York und Los Angeles, bevor er 2000 in seine Geburtsstadt Hamburg zurückkehrte. Nach dem Ende seiner Fotografenlaufbahn 2006 begann er Jugendlichen ehrenamtlich Englischunterricht zu geben.

einestages: Herr Vollmer, ganz nah an den Stars und Regisseuren zu sein - das klingt eigentlich nach einem Traumjob.

Vollmer: Oh nein, ganz im Gegenteil. Man bekommt die Heuchelei der Menschheit hautnah mit. Alle müssen heucheln, weil sie den Job brauchen. Ich mochte es zwar nicht, aber ich heuchelte auch. Ich musste mich mit Leuten gutstellen, damit ich meine Fotos bekam. Aber: Ist es nicht im normalen Leben auch so? Ist das ganze Leben nicht überwiegend furchtbar, und wir erinnern uns nur an die kleinen, guten Momente?

einestages: Gleich bei Ihrem ersten amerikanischen Film "Der richtige Dreh" sind Sie mit Tom Cruise aneinandergeraten.

Vollmer: Ja, das war 1983. Weil der Fotograf krank geworden war, schickten sie mich als Ersatz. Ich war wahnsinnig aufgeregt. Die Nervosität wurde nicht weniger, als mir Tom Cruise zur Begrüßung verkündete, dass ihn Fotografen am Set enorm stören würden. Der Publicity-Mann aus Los Angeles wollte aber unbedingt ein Foto von Tom Cruise und seiner Filmpartnerin Lea Thomson, also platzierte ich die beiden für die Aufnahme. Lea schaute freundlich, Tom Cruise aber völlig mürrisch und genervt. Ich hielt meine Kamera fest und tat so, als würde ich die Balance verlieren, und ließ mich auf den Hintern fallen. Da haben dann beide gelacht, und auf dem Bild sieht es so aus, als hätten wir das tollste Verhältnis gehabt.

Fotostrecke

Fotograf am Set: "Ich versuchte immer, unsichtbar zu sein"

einestages: Ist man als Setfotograf Teil vom Team oder eher Fremdkörper?

Vollmer: Man ist der absolute Fremdkörper. Alle, selbst der letzte Kabelträger, tragen dazu bei, dass der Film später auf die Leinwand kommt. Als Fotograf ist man der einzige, der nichts damit zu tun hat und muss dennoch in vorderster Linie arbeiten, um gute Fotos zu machen. Ich hatte es mir zum Prinzip gemacht, die Stars und Regisseure nie anzusprechen. Ich versuchte immer, unsichtbar zu sein, und dann bekam ich auch die besten Fotos. Es waren meistens Momente, in denen die Schauspieler ihre Umgebung vergessen hatten, manchmal so etwas wie einen inneren Monolog führten. Dann posierten sie nicht, waren wirklich in sich gekehrt. Das interessierte mich am meisten.

einestages: Wie kamen Sie zu dem Job?

Vollmer: Ich bin als 21-Jähriger nach Paris ausgewandert und wurde dort Assistent des großen amerikanischen Fotografen William Klein. Nach meiner zweijährigen Assistenzzeit habe ich mich mehr schlecht als recht über Wasser gehalten. Dann hat Klein 1966 seinen ersten Spielfilm gemacht "Qui êtes-vous, Polly Maggoo?", eine Satire auf die Modebranche. Er bat mich, die Fotos zu machen. Zu der Zeit hatte ich noch keine Ahnung von Setfotografie. Es war aber ein interessanter Film für einen Fotografen. Die Mannequins, die verzickten Moderedakteure - alles, was damals einen Namen in der Modebranche hatte, war dabei.

einestages: Sie haben in vierzig Jahren nur für einen einzigen Film in Deutschland gearbeitet - "Schornstein Nr. 4" mit Romy Schneider.

Vollmer: Das war 1966, mein zweiter Film überhaupt. Der Regieassistent von William Klein hatte mich der Produktion empfohlen, weil der Film "Schornstein Nr. 4" in Deutschland gedreht werden sollte, aber auf Französisch. Da war ich natürlich die ideale Besetzung, weil ich beide Sprachen beherrschte. Ich mochte Romy Schneider gerne, und sie mich auch. Ich fand sie hochinteressant. Sie tat mir irgendwie auch leid, weil sie wahnsinnige Komplexe hatte. Ich glaube, sie hat ein sehr unglückliches Leben gehabt. Es kam mir immer so vor, als ob sie nur spielte, dass sie fröhlich war, und in Wahrheit sehr leiden würde.

einestages: Sie haben auch viele andere Film-Diven fotografiert. Welche hat Sie am meisten beeindruckt?

Vollmer: Catherine Deneuve - durch ihre Schönheit. Ich war immer darauf aus, jeden so gut wie möglich aussehen zu lassen, aber nicht im Sinne äußerlicher Schönheit. Ich mag es sinnlich, erotisch. Und in dieser Hinsicht bin ich von Catherine Deneuve am meisten beeindruckt worden. Damals, 1967, galt sie als die schönste Filmschauspielerin der Welt. Sie sah aber nicht nur gut aus, sondern war auch wahnsinnig nett. Für sie war es schwer, mich Jürgen zu nennen, deswegen hat La Deneuve mich immer "Wollmär" gerufen.

einestages: Wie haben Sie das Hollywood-Kino in Erinnerung?

Vollmer: Ich mochte es in Frankreich lieber. Dort ist es viel entspannter. In Amerika habe ich meistens die Top-Produktionen fotografiert. Da herrschte immer Spannung und Druck, 15-Stunden-Arbeitstage waren üblich, und die Leute entsprechend angespannt. 1987 arbeitete ich beispielsweise für den Francis-Ford-Coppola-Film "Der steinerne Garten" und sollte unter anderem Fotos vom Regisseur zusammen mit dem Produzenten machen. Einmal saß Coppola mit dem Produzenten in einer Drehpause zusammen. Ich habe mich also hingeschlichen und hingehockt. Und plötzlich sah ich durch meinen Sucher, dass die beiden in einem Streitgespräch waren - und dass Coppola einen Monitor auf dem Boden zertrümmerte. Ich war so gelähmt, dass ich es gar nicht wagte, mich aufzurichten und wegzugehen. Bei französischen Produktionen gab es zwar manchmal auch Stress, aber nicht so heftig. In der Mittagspause saß man in Frankreich immer mit einer Flasche Rotwein zusammen.

Das Interview führte Stefanie Erhardt.

Zum Weiterlesen:

Jürgen Vollmer: "On Filmsets And Other Locations". Steidl Gerhard Verlag, 2009, 237 Seiten.

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