einestages

Flucht aus der DDR 1989

Odyssee in die Freiheit

Die DDR wankte bereits, als es im September 1989 Gerüchte gab, die Grenze zur Tschechoslowakei werde geschlossen. Das war das Startsignal für Jens Bäthge: Kurz entschlossen setzte er sich in einen Zug Richtung Prag - und begann eine wahre Flucht-Odyssee in die Freiheit.

AP
Montag, 07.01.2008   15:28 Uhr

Am Abend des 28. September saß ich in einem Zug nach Dresden. Ich war 18 Jahre alt und wollte einfach nur weg aus der DDR - in den Westen, wo meine Freundin lebte, seit sie vor ein paar Monaten nach einem befristeten Besuch Ihrer Verwandten nicht zurückgekommen war.

Es war ein überstürzter Aufbruch gewesen. Meine Mutter fing mich vor meiner Wohnung ab, als ich von der Arbeit kam und von Gerüchten über die Schließung der Grenze zur damaligen CSSR erzählt. Ich packte eine Reisetasche voll Sachen, und meine Mutter schlug vor, dass ich als Reiseziel Ihre in der Tschechoslowakei lebende Cousine angäbe, sollte ich von einem Zollbeamten befragt werden.

Nur mein herzkranker Vater durfte von allem nichts erfahren. Ich packte noch einen, von meiner Mutter entsprechend verpackten, handgeschnitzten Hirsch aus der elterlichen Schrankwand als Gastgeschenk ein. Mit einem fiktiven einwöchigen Urlaubsaufenthalt und entsprechenden Finanzmitteln ausstaffiert zog ich los zum Erfurter Hauptbahnhof, kaufte eine Fahrkarte und stieg in einen Zug der mich über Dresden in die CSSR bringen sollte.

An der nächsten Haltestelle raus

Bis Dresden war es eine ganz normale Bahnfahrt, ich stieg um in den Zug Richtung Prag. Dort saß ich mit sechs anderen Leuten in einem Abteil der Deutschen Reichsbahn. Schon bald nach Verlassen des Dresdener Hauptbahnhofs erschienen Beamte der Grenzpolizei und des DDR-Zolls in unserem Waggon.

Glücklicherweise hatte ich mir meine Geschichte über den Verwandtenbesuch ausgedacht. Doch zu meinem Entsetzen erklärte mir der Uniformierte, dass ich am nächsten (also ersten) Bahnhof auf Seiten der CSSR auszusteigen hätte und umsteigen müsste. Ich war am Boden zerstört - würde ich je nach Prag kommen?

Ich war allerdings der einzige aus meinem Abteil, dessen Personenkontrolle auf Personalien und Reisetasche beschränkt wurde. Alle anderen durften einzeln in das vorher geräumte Abteil kommen und wurden einer gründlichen Befragung und Leibesvisitation unterzogen - ausziehen bis auf die Unterwäsche inklusive. Der tschechische Zoll beschränkte sich auf die nochmalige Kontrolle der Personalien.

Ein Versteck im Gebüsch

Angekommen in Ceska Lipa, dem ersten Halt des Zuges in der CSSR, musste ich wohl oder übel aussteigen und zusehen, wie Reisende aus dem Zug gerissen und von ostdeutschen wie auch tschechischen Beamten abtransportiert wurden. Ich dachte nur eins: Schnell weg vom Bahnhof und immer schön unauffällig bleiben.

Ich ging durch die Bahnhofshalle und kam auf einem Platz, von dem mehrere Straßen abgingen. Wohin sollte ich gehen? Vor mir lag eine kleine Grünanlage mit ein paar Bäumen und Sträuchern. Um nicht die Orientierung zu verlieren, beschloss ich, mich in den Büschen zu verstecken.

Es war um Mitternacht und ich hatte keine Ahnung, wann der nächste Zug in Richtung Prag fahren würde. Ich beschloss, zu warten und mir die Zeit mit Musik von meinem Walkman zu vertreiben. Den hatte mir meine Freundin als Trostpflaster für ihr Nichtwiederkommen geschickt. Ich hörte The Cure und Joy Division - nicht sehr hilfreich, wenn man ängstlich in einem Gebüsch hockt, aber es sind meine Lieblingsbands.

S-Bahn nach Prag

Am frühen Morgen, etwa 4 oder 5 Uhr, traute ich mich aus meinem Versteck und begann, die Bahnhofshalle zu observieren. Außer der Frau am Fahrkartenschalter konnte ich niemanden sehen. Nachdem ich mich überwunden hatte, zu ihr zu gehen, versuchte ich sie zu fragen, wann der nächste Zug nach Prag fahre und ob ich ein Ticket bekommen könnte. Endlose Minuten später hatte ich mein Ticket und saß wieder in dem inzwischen vertrauten Gebüsch, da mein Zug erst Stunden später abfahren sollte.

Ich wartete erneut und schlich mich dann in den Zug, der mich hoffentlich nach Prag bringen würde. Ich war mittlerweile total übermüdet, und das monotone Rattern der Waggons tat sein übriges dazu, dass ich einschlief. Ich träumte von Freunden, wie sie neben mir auf den Sitzen mit mir redeten und lachten. Durch einen Ruck wachte ich auf, im Zug waren plötzlich viele Menschen und weitere stiegen ein. Wenig später kam ein Fahrkartenkontrolleur, der noch viele Male kommen sollte.

Ich stellte schnell fest, dass dies wohl eine Art S-Bahn war, mit der die Pendler morgens zur Arbeit fuhren. Die restliche Fahrt hatte ich panische Angst, dass ich von einem Fremden angesprochen und enttarnt würde. Nach etwa vier Stunden Fahrt kam ich in Prag an.

Immer der Nase nach

Doch wohin jetzt? Ich hatte keine Ahnung, wo die Deutsche Botschaft war. Also erst einmal weg vom Bahnhof und immer der Nase nach. So traf ich auf einen westdeutschen Reisebus und fragte den Fahrer diskret nach dem Weg. Was für ein Desaster! Er kannte den Weg auch nicht und fragte lauthals die Reisenden um Rat. Ich flüchtete aus Angst, erwischt zu werden.

Die Reisetasche geschultert, hungrig, durstig und übermüdet irrte ich durch Prag. Ich traf zwei Mädchen, beide etwa 18 Jahre alt, die Deutsch sprachen und einen Stadtplan in Händen hielten und beschloss, sie erst einmal zu belauschen. Schlechte Idee, da die zwei das ziemlich schnell merkten, aber so kamen wir ins Gespräch.

Schließlich erzählten sie, dass sie auch in die Prager Botschaft wollten, aber ihre Reisetaschen auf dem Bahnhof in Schließfächern aufgegeben hatten, um erst einmal die Lage zu peilen. Wir wollten zusammen nach der Botschaft suchen und waren laut Stadtplan kurz vor dem Ziel. Nachdem wir einen Park durchquert hatten, kamen wir auf eine Gasse, in der ein tschechischer Polizist uns Handzeichen gab, in die nächste Gasse rechts abzubiegen.

Hoffung hinter einem Zaun

Was nun? Mit dem Polizisten vor uns zurückzugehen sähe wohl sehr verdächtig aus. Wir folgten seiner Anweisung und bogen rechts ein. Etwa 100 Meter erstreckte sich auf der linken Seite ein hoher Metallzaun - der "Hintereingang" der Prager Botschaft! Hinter dem Zaun wimmelte es von Menschen, die uns zuriefen, über den Zaun zu klettern, und uns ihre Hilfe anboten.

Die zwei jungen Frauen, mit denen ich hierher geirrt war, wollten jetzt, da sie den Weg kannten, erst ihre Reisetaschen vom Bahnhof holen und später zurückkommen. Wir verabschiedeten uns, und ich habe sie nie wiedergesehen. Mit Hilfe einiger der Flüchtlinge in der Botschaft kletterte ich über den Zaun. Es war fast zu einfach, von Ost nach West zu gelangen.

Das Botschaftsgelände war voller Zelte, getrennt durch matschige Pfade, auf denen permanent Leute hin und her liefen. Ich wurde zum Empfang gebracht, ein im Freien stehender Tisch, hinter dem ein BRD-Beamter saß und meine Personalien aufnahm. Er fragte mich, ob ich das Angebot eines Rechtsanwalts Dr. Vogel annehmen wolle. Ich hätte in die DDR zurückkehren können, und mein Antrag zur ständigen Ausreise in die BRD würde bevorzugt behandelt werden. Ich lehnte ab.

Wiedersehen in der Botschaft

Am nächsten Tisch wurde ich von einer Hilfsorganisation gefragt, ob ich meine DDR-Mark spenden wolle. 100 Ost-Mark konnte ich abgeben. Weiter durchs Getümmel, und ich traf auf einen meiner Mitreisenden, der mit mir im Abteil im Zug nach Prag gesessen hatte. Ich war einfach nur glücklich, nicht mehr allein zu sein. Und es kam noch besser, insgesamt drei von ihnen hatten es auch in die Botschaft geschafft! Bei diesem Wiedersehen lagen wir uns erst einmal in den Armen und schilderten uns unseren Weg hierher.

Gemeinsam gingen wir zur Essenausgabe und stellten uns hinter etwa 80 andere Wartende an, um endlich etwas essen zu können. Ich war wirklich dankbar, als ich an diesem kalten 29. September eine heiße Suppe löffeln konnte. Später, auf der Suche nach einer Toilette, erkundete ich das Botschaftsgelände.

Eine lange Schlange vor dem Botschaftsgebäude war der Zugang zur einzigen noch funktionierenden Toilette. Eine ähnliche Schlange vor der einzigen Dusche. Im Inneren der Botschaft führte eine breite Treppe zum ersten Obergeschoß hinauf. Dort lagerten auf jeder Stufe zwei Flüchtlinge, nur in der Mitte war ein schmaler Durchgang nach oben.

Im Obergeschoß waren alle Räume, die ich einsehen konnte mit Bundeswehr-Doppelstockbetten zugestellt, auch hier war alles voll von Menschen. So zog ich wieder in den hinteren Bereich der Botschaft, wo die meisten Menschen in den Büschen ihre Notdurft verrichteten. Es waren etwa 4500 Menschen auf dem Botschaftsgelände. Unsere kleine Gruppe von vier Personen hatte ihren Stammsitz im Innenhof der Botschaft, direkt am Gitter zum Botschaftspark und unter dem Balkon.

Besuch von Herrn Genscher

Ich hatte versucht, einen Schlafsack zu bekommen, konnte aber nur eine Bundeswehr-Decke und den Pappkarton einer Bundeswehr-Schlafsack-Verpackung ergattern. Zeltplätze und Schlafsäcke waren Frauen und Kindern vorbehalten, da es einfach zu wenige davon gab. Ich plünderte meine Reisetasche und zog mir alles an, was ich dabei hatte.

Die Nacht verbrachte ich im Innenhof, nur durch eine Pappe vom Kopfsteinpflaster getrennt und mit einer Decke geschützt. Durch das Klappern meiner Zähne wachte ich auf und hielt mich danach mit heißem Tee wach, den die aufopferungsvollen Helfer uns in diesen kalten Stunden anboten. Der nächste Tag verlief ähnlich - Anstehen zum Essenfassen und um auf Toilette zu gehen.

Das Interessante und Aufrechterhaltende waren die Gespräche mit den Menschen, die man dort zufällig kennen lernte. Man bestärkte sich gegenseitig die richtige Entscheidung getroffen zu haben, und machte sich Mut, dass alles bald ein gutes Ende nehmen werde. Schließlich befanden wir uns auf dem Gebiet der BRD.

Am Abend wurde es unruhig, Scheinwerfer wurden aufgebaut, und Gerüchte gingen um, dass ein hoher politischer Stellvertreter der BRD erwartet würde. Die Spannung stieg. Herr Genscher, der Außenminister der BRD, trat auf den Balkon, unter dem ich stand. Er konnte seine Rede nicht beenden, denn jeder hatte begriffen, was er im Begriff war zu sagen, und die Spannung entlud sich in einem gemeinsamen Jubelschrei! Alle fielen sich in die Arme, egal, ob man sich kannte oder nicht, ein Glückstaumel, der jeden von uns Botschaftsflüchtlingen ergriff und nicht enden wollte. Wir erfuhren, dass wir mit Bussen zu einem Bahnhof gebracht und von dort mit Zügen über die DDR in die BRD gebracht werden sollten.

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