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Fußball-Anekdoten

Wie ich aus Uwe Seeler einen St.-Pauli-Fan machte

Uwe Seeler gehört zum HSV wie der Hafen zu Hamburg. Deshalb war es ein bemerkenswertes Ereignis, als sich die Fußball-Legende 1997 zu einem Interview mit dem St.-Pauli-Fanmagazin "Der Übersteiger" bereit erklärte - und zu einem historischen Foto.

Mike Glindmeier
Von
Montag, 14.01.2008   13:21 Uhr

Uwe im "Oswald". Ich konnte es gar nicht glauben. Ich hatte wirklich einen Interviewtermin mit "Uns Uwe" Seeler. Der Ort, den er für unser Treffen vorgeschlagen hatte, war so geschichtsträchtig wie die Torjäger-Legende des HSV selbst: das "Oswald", ein Lokal in der Rothenbaumchaussee, nur einen Abstoß von der Alster entfernt. Dort trug der Hamburger SV von 1911 bis 1963 seine Heimspiele aus, ehe er ins unbeliebte Volksparkstadion umzog.

Anlass meiner Interviewanfrage war eine Schnapsidee in bierseliger Runde beim St. Pauli-Fanmagazin "Der Übersteiger" gewesen. An jenem Donnerstagabend im Winter 1997 beschlossen wir, zu unserem gewohnten Fanzine, das drei bis vier Mal pro Jahr anlässlich der Heimspiele des FC St. Pauli erschien, ein Sonderheft für die WM 1998 in Frankreich zu produzieren. Jeder, der Lust hatte, einen Teilnehmer vorzustellen, sollte eine Seite dafür bekommen. "Wir brauchen noch einen Experten, der zu jedem Team eine Prognose abgibt", rief ein Redakteur in die Runde.

Wir überlegten laut: "Dieter Schlindwein", schlug ein Mitglied der etwa zehn Mann großen Runde den ehemaligen Abwehrrackerer des FC St. Paul vor. "Der hat doch keine Ahnung vom internationalen Fußball, der kann nur treten", hielt ein weiterer Redakteur dagegen. Plötzlich fiel der Name Uwe Seeler - und diverse Blicke fielen auf mich. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon nebenbei als Sportjournalist tätig und hatte einige Kontakte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass man es mir als einzigem Teilnehmer der Runde zutraute, ein halbwegs objektives Gespräch mit einem ehemaligen HSV-Spieler zu führen.

"Der große Uwe Seeler vom anderen Verein"

Ich schüttelte den Kopf: "Der große Uwe Seeler vom anderen Verein gibt unserem St.-Pauli-Fanzine bestimmt kein Interview", lautete meine Befürchtung. Schließlich hatten die St.-Pauli-Fans beim letzten Derby gegen den HSV auf die mögliche Verstrickung der Rothosen in dubiose Immobiliengeschäfte mit einem Transparent reagiert, das einer Entweihung des damaligen HSV-Präsidenten gleichkam. "Euch Uwe klaut", stand in schwarzer Schrift auf weißem Stoff, der direkt auf der alten Südtribüne platziert wurde und während des gesamten Spiels zu sehen war. Die HSV-Fans in der Westkurve tobten vor Wut. Ihre Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Da man wohl unser Fanzine als eine Art Propagandainstrument sah, konzentrierte sich der Zorn auf uns: "Übersteiger Zeckenblatt - wir haben Eure Lügen satt", hallte es durch das triste Rund aus Beton und Plastik. Das Spiel gewann der HSV, der "Zeckenblatt-Spruch" hängt seitdem bei jedem Derby vor dem HSV-Block.

Das Redaktions-Kollektiv beschloss trotz meiner Bedenken, dass es einen Versuch Wert sei. Also versuchte ich mein Glück. Die Büronummer von Seeler bekam ich schnell heraus. Seine Sekretärin bat mich, die Anfrage schriftlich zu stellen, "dann wird das schon klappen." Warte ab bis du den Briefkopf siehst, dachte ich, während ich die Interviewanfrage auf unserem Übersteiger-Briefpapier kopfüber ins Faxgerät schob. Noch am selben Tag rief die Sekretärin mich zurück. Herr Seeler würde sich gerne mit mir im "Oswald" treffen. Ich konnte es nicht fassen.

Wenige Tage später war es dann soweit. Ich hatte einen Termin mit einem der erfolgreichsten und zugleich sympathischsten deutschen Nationalspieler. Ich kenne keinen einzigen St. Paulianer, der nicht den Hut vor den Leistungen des Weltklassestürmers zog. Stars, die ein Leben lang trotz besserer Angebote nur für einen Verein, für ihren Verein spielen, wie es Seeler getan hat, gab es zu diesem Zeitpunkt kaum noch. Dafür beneiden selbst die Braun-Weißen die Schwarz-Weiß-Blauen.

"Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen"

Seeler begrüßte mich mit einem kräftigen Händedruck. Er trug einen grau karierten Anzug, im Gesicht lag dieses für ihn so typische Lausbubenlächeln. Nach einem kurzen Schnack über den Fußballgott und die Welt fragte ich die Länder ab, die wir in unserem WM-Spezial porträtieren wollten. Seeler gab geduldig seine Expertisen und erzählte die eine oder andere Anekdote, die er mit einigen Ländern verband. Dann kam der große Moment. Ich fragte ihn, ob ich einige Fotos von ihm machen dürfe. "Kein Problem", sagte er. Wir gingen in einen etwas helleren Nebenraum.

Nachdem ich einige Standardfotos geschossen hatte, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen. Aus meinem Rucksack kramte ich eine Ausgabe unseres Magazins hervor. "Würden Sie das einmal für ein Foto in die Hand nehmen", fragte ich Seeler - der mir das Heft fast aus der Hand riss. In diesem Moment schossen mir viele Gedanken durch den Kopf. Unzählige Male habe ich Schlägereien zwischen HSV- und St.-Pauli-Fans mitbekommen. In der Schule mied man die Anhänger vom anderen Verein, wenn man sie nicht gerade beschimpfte. Jetzt stand ich also hier und knipste den größten HSVler aller Zeiten mit unserem St.Pauli-Magazin in der Hand. Unglaublich.

Da ich nichts mehr zu verlieren hatte, fragte ich Seeler dann auch noch rotzfrech, ob er sich für einige weitere Fotos unser Übersteiger-Trikot vor die Brust halten würde. "Es soll so aussehen, als hätten wir sie gerade für unsere Hobbymannschaft verpflichtet", scherzte ich. Bei unseren Leistungen hätten wir Seelers Torriecher allerdings wirklich sehr gut brauchen können. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Seeler auch diesen Spaß mitmachen würde. Zumal er Botschafter von Adidas und ist und unser Trikot von einem anderen Hersteller war.

"Das sind historische Aufnahmen"

"Türlich", sagte Uwe und posierte tatsächlich mit unserem knallroten Trikot mit Schnürkragen, auf dem vorne neben dem Logo des FC St. Pauli auch der Übersteiger-Schriftzug prankte. Mein Finger am Auslöser begann zu zittern als würde jemand Stromstöße hindurch schicken. Damals war Fotografieren noch Handarbeit. Zoomen, belichten, nicht wackeln: Man konnte viel falsch machen. Zur Sicherheit verschoss ich den Rest des Filmes mit den unterschiedlichsten Einstellungen. Seeler bezahlte die Getränke und verabschiedete mich freundlich.

Ich fuhr direkt in meinen Verlag. Damals schrieb ich als Schüler für eine lokale Wochenzeitung. Unsere Dunkelkammer war noch besetzt, obwohl es schon spät war. Ich konnte es gar nicht abwarten, zu erfahren, ob die Fotos etwas geworden waren. "Das sind historische Aufnahmen, geh bitte, bitte vorsichtig damit um", bettelte ich unsere Laborantin an. Eine schlaflose Nacht später hatte ich die Gewissheit: Die Fotos waren gelungen.

Stolz wie Oskar präsentierte ich auf der folgenden Redaktionssitzung meinen Schatz. Die Anderen konnten es kaum glauben. Schnell war die Idee für ein provokantes Titelbild geboren. Obwohl ich die Begegnung mit Uwe Seeler als eine Art Brückenschlag für mich sah, mein Verhalten HSV-Fans gegenüber auf den Prüfstand zu stellen, gab ich die Fotos frei. Heute würde ich es anders machen.

Das Ergebnis löst bei mir allerdings immer noch ein Schmunzeln aus. Der HSV befand sich zu diesem Zeitpunkt in der Krise und drohte, erstmals aus der Bundesliga abzusteigen. Eine große Tageszeitung startete eine Kampagne zur Stärkung des angeknacksten Selbstvertrauens. "Ganz Hamburg steht hinter dem HSV", lautete der Slogan. Täglich wurden Prominente abgebildet, die irgendeine Durchhaltephrase zum Besten gaben. Auch wir erschienen in der nächsten Ausgabe mit einem Prominenten auf dem Cover. Dieser hielt eine Ausgabe des Übersteigers in der Hand. Darüber stand der Slogan: "Ganz Hamburg steht hinter dem HSV", darunter ein Zusatz: "ganz Hamburg?"

insgesamt 3 Beiträge
Jan Milz 14.01.2008
1.
Sehr gut!;) Wie sah den das daraus entstandene Titel-Cover aus?
Sehr gut!;) Wie sah den das daraus entstandene Titel-Cover aus?
Nikola Lalic 14.01.2008
2.
>Sehr gut!;) > >Wie sah den das daraus entstandene Titel-Cover aus?
>Sehr gut!;) > >Wie sah den das daraus entstandene Titel-Cover aus?
Nikola Lalic 14.01.2008
3.
Würde mich ebenfalls interessieren wie das Titel-Cover aussah. *Dieser hielt eine Ausgabe des Übersteigers in der Hand. Darüber stand der Slogan: "Ganz Hamburg steht hinter dem HSV", darunter ein Zusatz: [...]
Würde mich ebenfalls interessieren wie das Titel-Cover aussah. *Dieser hielt eine Ausgabe des Übersteigers in der Hand. Darüber stand der Slogan: "Ganz Hamburg steht hinter dem HSV", darunter ein Zusatz: "ganz Hamburg?"* Welch bemerkenswerte Geste wäre es gewesen, die Redaktion hätte auf das Fragezeichen verzichtet.

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