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Geliebter Fußballclub

Der FC St. Pauli ist schuld, dass ich so bin

Liebe verändert den Blickwinkel: Sie macht glücklich, blind und leider viel zu oft wütend. Darum rät Mike Glindmeier jedem Fan, die übermäßige Zuneigung zu seinem Verein nicht durch einen Blick hinter die Kulissen zu gefährden. Denn das hat sogar seine Liebe zum FC St. Pauli beinahe zerstört.

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Dienstag, 21.08.2007   13:10 Uhr

Alles begann mit dem Jungen von Nebenan. Es war ein lauer Sommernachmittag 1988. Wie so oft spielten mein drei Jahre älterer Nachbar und ich eine Mischung aus Tennis und Squash an der Hauswand unseres Rotklinkermehrfamilienhaus in einem beschaulichen Hamburger Vorort. Wenn wir nicht gerade wie besessen vor dem Commodore 64 klebten. Mein Nachbar war ein komischer Kerl, der seiner Vokuhila-Frisur mit blondierten Strähnen den Rest gab und dadurch aussah wie eine Mischung aus C.C. Catch und deren Entdecker Dieter Bohlen. Aber meistens hatte er Zeit zum Spielen. Hausaufgaben waren nicht gerade seine Passion.

Doch an diesem Nachmittag schmiss er schon nach weniger als einer Stunde den Schläger ins Gras: "Ich muss nach oben, Sportschau gucken. St. Pauli steigt heute auf", sagte er, und verschwand in den zweiten Stock. St. Pauli? Aufstieg? Viel anfangen konnte ich als Zehnjähriger mit diesen Eckdaten nicht, zumal mein Fußballverstand zu diesem Zeitpunkt eher auf den FC Bayern und diesen ulkig aussehenden Techniker namens Norbert Nachtweih ausgerichtet war. Trotzdem beschloss ich, meinen Horizont zu erweitern. Alleine Sportschau schauen macht schließlich mehr Spaß als alleine Tennis-gegen-die-Wand. Die folgende Sendung sollte mein Leben verändern.

Nie werde ich den entscheidenden Treffer von St. Paulis Rhetoriklegende Dirk Zander beim SSV Ulm vergessen. Sein Volleyschuss aus 25 Metern schlägt im Torwinkel ein und sichert dem FC St. Pauli und seinem Trainer Helmut Schulte den Aufstieg in die Bundesliga. Helmut Schulte, den ich über 15 Jahre später als Leiter des Schalker Nachwuchszentrums bei einem illustren Karnevelsgelage in einem Gelsenkirchener Gasthof kennen lernen durfte, und der sich mir mit den Worten vorstellte: "Ich bin der Rudi Assauer der Schalke-Jugend."

Bloß kein Scrabble-Turnier

Doch zurück zum Aufstiegsabend, an dem der NDR Bilder vom Hamburger Flughafen zeigt. Fans stehen auf der Landebahn, der Bus mit den Spielern braucht gefühlte drei Stunden, um den Terminal zu erreichen. Schon damals faszinierte mich diese Mischung aus abgedrehten aber friedlichen Fans und einem Team, für dessen Interviewqualität man sich schämen musste. Jede Wette: Bei einem Scrabble-Turnier hätte man mit Hansi Bargfrede, Dirk Zander, Bernhard Olck, Jürgen Gronau und Co. sicher kaum Punkte geholt. Aber so sind Fußballer.

Meinen Vater konnte ich in den folgenden Monaten soweit durch permantes Nachfragen zermürben, dass er uns Eintrittskarten für ein Heimspiel in der ersten Bundesliga-Saison besorgte. Die Mutter von einem seiner Kegelbrüder putzte zu diesem Zeitpunkt im Clubheim. Schwarz, versteht sich. Aber anderes wäre man nicht an Karten für das Millerntor gekommen.

Ich weiß noch genau, wie mir die nackte Angst im Gesicht stand, als St. Paulis Mittelfeldgenie Egon Flad per Elfmeter gegen Bremen traf. Die Fans stampften auf den Holzfußboden der alten Gegentribüne, die aus Stahlrohr bestand und nur von rostigen Nieten und wackligen Pfeilern zusammengehalten wurde. Damals gab ich der Konstruktion nicht mehr als ein halbes Jahr. Noch heute steht das Teil unverändert an Ort und Stelle.

Ein Blick hinter die Kulissen kann Liebe zerstören

Trotz der 1:3-Niederlage war ich infiziert. Die Zecken - wie der FC St. Pauli aufgrund seiner damals oft langhaarigen und aus dem linken Spektrum stammenden Fans genannt wurde - hatten mich gebissen. Die Gehirnhautentzündung ließ sich nicht mehr aufhalten. Über ein Jahrzehnt vernebelte der FC mir die Sinne. Etliche Auswärtsspiele kosteten Geld und Gehirnzellen, sportlich waren die Ausflüge allerdings meistens ernüchternd. Nebenbei engagierte ich mich bei diversen Fangruppen und schrieb leidenschaftlich gern für das St.-Pauli-Fanzine "Der Übersteiger". Das Engagement gegen Rassismus und die vielen gelungenen Aktionen gegen Kommerz, Hooligans oder Fußballsöldner der Marke Steffen Karl machten den FC und seine Fans für mich so einzigartig. Doch mit der Leidenschaft sollte es im neuen Jahrtausend steil bergab gehen. Denn ich beging den Kardinalfehler und wechselte die Seiten.

Den Anfang machte ein Nebenjob, in dem ich als Student Karten und Klamotten im Fanshop des FC St. Pauli verkaufte. Ein Traumjob für einen Fan. Man lernt Spieler kennen, kommt immer ins Stadion und kann mitgestalten. Doch dieser Traum entpuppte sich nach und nach als Illusion. Denn je mehr Zeit ich hinter den Kulissen verbrachte, desto offensichtlicher wurde, dass dieser Club, der immer anders sein will und mit seinem politisch korrekten Image kokettiert, in Wirklichkeit auch nur wie jeder andere schleichend kommerzialisierte Fußballverein funktioniert.

Da war beispielsweise Präsident "Papa" Heinz Weisener, der auf der einen Seite immer wieder großzügige Privatspenden an den Verein verteilte, sich aber auf der anderen Seite die Vermarktungsrechte sowie die Flutlichtanlage (!) sicherte und seinen Sohn zum Marketingchef machte. Oder der ehemalige Manager Stefan Beutel, der mit einem Waffenhändler am Tisch saß, um einen nigerianischen Abwehrspieler zu verpflichten. Von den zweifelhaften Geschäften seines Gegenüber will Beutel nie etwas gewusst haben. Nach und nach wurde mein Verantwortungsbereich größer, mittlerweile war ich fest angestellt und bekam immer mehr Einblicke. Und verlor immer mehr den Glauben an den FC St. Pauli.

Bündnisse mit dem Klassenfeind

Denn spätestens mit der Installation von Präsident und Theaterbesitzer Corny Littmann hatte der Verein sein Gesicht verloren. Mit stillschweigender Zustimmung auch jener Fans, die sich stets damit schmücken, alternativ zu sein und für eine gerechte Welt zu kämpfen, wurden die Werte des Clubs von Littmann und seinen Mitstreitern wahlweise ausverkauft oder mit Füßen getreten. Wie zu Zeiten der Retter-Aktion nach dem Abstieg 2002 in die Regionalliga, als Littmann Bündnisse mit Klassenfeinden wie McDonalds, Uli Hoeneß oder Hamburgs CDU-Bürgermeister Ole von Beust schloss. Gleichzeitig installierte er einen Vizepräsidenten, der hauptberuflich Chef einer Zeitarbeitsfirma war. Zuvor hatte er in den Verwaltungsapparat des Vereins "verschlankt", was gleichbedeutend mit dem Rausschmiss von mehr als drei Dutzend der Mitarbeiter war.

Bei einem gab er sich besonders große Mühe. Dem damaligen Talentscout Lars Mrosko, der vom FC Bayern ans Millerntor gewechselt war, wurde kurz vor Weihnachten der Schlüssel für sein Büro entzogen. Littmanns Begründung: Man habe ihn nachts durch die Räume der Geschäftsstelle schleichen sehen. Am nächsten Tag fehlte ausgerechnet der Laptop der frisch entlassenen Geschäftsführerin, die wiederum nach einer Affäre mit dem Manager und einer fingierten Reisekostenabrechnung gehen musste. Nebenbei hatte sie den Schwiegervater des damaligen Jugendleiters mit einem Scheinarbeitsvertrag ausgestattet, damit sich der ehemalige Profi vor Unterhaltszahlungen an seine Frau drücken konnte.

Mrosko gab sogleich zu, in der besagten Nacht mit einer Taschenlampe durch die Geschäftstelle geschlichen zu sein. Schließlich sollte keiner sehen, wie er in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember Schokonikoläuse auf die Tische der Kollegen stellte. Warum er trotz Schlüssel die Jalousie und das Fenster zum Büro der geschassten Geschäftsführerin aufgehebelt haben sollte, konnte auch Littmann nicht plausibel erklären.

Für mich als damaligen St.-Pauli-Betriebsratsvorsitzenden - auch in diesem Punkt war der FC Vorreiter - haben diese und Dutzende ähnliche Vorfälle dazu geführt, dass ich die Lust und den Glauben an den Verein nach und nach verloren und letztendlich gekündigt habe. Besonders bitter war, dass sich diese ganzen menschlichen Schweinereien vor den Augen der Öffentlichkeit abspielten und die Gutmenschen von der Gegengerade von alledem trotzdem nichts wissen wollten. Wie sagte einmal ein Freund zu mir: "Behalt die Interna für Dich, ich will sie gar nicht wissen. Hauptsache, der FC steigt schnell wieder auf."

Vier Jahre Leidens- und Littmannszeit

Und so ist es dann nach vier Jahren Leidens- und Littmannszeit auch gekommen. Fast zumindest. Denn nach dem Unentschieden gegen Dresden im Mai 2007 kehrte das Team von Holger Stanislawski zurück in den bezahlten Fußball. Und plötzlich sind sie alle wieder aus ihren Löchern gekommen: Die Modefans, die sich mal schick den 1. FC Köln bei einer dicken Tüte im "Freudenhaus der Liga" angucken möchten. Oder die B-Promis der Marke Tim Mälzer oder Showpraktikant Elton, die immer dann auftauchen, wenn eine Kamera in der Nähe ist.

Das kleinste Problem für den jetzigen Vorstand dürfte das Ausgeben der zusätzliche TV-Einnahmen sein. Das Geld mit Schubkarren aus allen möglichen Fenstern zu kippen, hat am Millerntor eine jahrzehntelange Tradition. So manch frisch gewähltes Präsidiumsmitglied wird sich wundern, wie viele neue Freunde es in den kommenden Wochen nach dem Aufstieg gewinnen wird. Fußball hat für Profilneurotiker nämlich eine ähnliche Anziehungskraft wie die Halogenstrahler der maroden Fluchtlichtanlage auf Insekten und Kleintiere.

Trotz aller Enttäuschungen werde auch ich immer wieder im Stadion sein. Stets angetrieben von der Hoffnung, gemeinsam mit den unzähligen netten Menschen, die ich im Laufe der vergangenen 18 Jahre rund um den Verein kennengelernt habe, anschließend kräftig auf dem Kiez feiern zu können. Und vielleicht irgendwann ein neues Stadion zu haben. Zumindest eine neue Südkurve. Denn an die Idee FC St. Pauli glaube ich heute noch. Vielleicht treffe ich ja Freitagnacht meinen früheren Nachbarn auf der Reeperbahn.

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 25.05.2007

insgesamt 1 Beitrag
Michael Prahl 27.11.2009
1.
FC St. Pauli ist an sich okay, nur dieser ganze politische Ballast, den man auch noch "mitkaufen" muss, wenn man Pauli-Supporter werden will, nervt. Vieles davon ist einfach nur kleingeistig und einer Millionstadt wie [...]
FC St. Pauli ist an sich okay, nur dieser ganze politische Ballast, den man auch noch "mitkaufen" muss, wenn man Pauli-Supporter werden will, nervt. Vieles davon ist einfach nur kleingeistig und einer Millionstadt wie Hamburg nicht würdig. Kann ich mich im St. Pauli-Stadion als CDU-Wähler outen, ohne eine aufs Maul zu bekommen? Ich denke, eher nicht - da sind die Linksspiesser vor. Ansonsten, weiter so! Einen interessanten Artikel über die Selbstanschauung der FC St. Pauli Fans gibt es auch schon: http://www.ichwerdeeinberliner.com/24-underdogs

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