einestages

Erinnerungen eines deutschen Kapitäns

Als die Rakete im Containerschiff einschlug

Die Lage im Golf von Oman ist nach dem Beschuss von Öl-Tankern angespannt. Der deutsche Kapitän Robert Maringer erlebte ganz in der Nähe 1985 während des Golfkriegs Raketenbeschuss - ein Angriff aus dem Nichts.

Die "Virginian 11" fuhr 1985 noch unter dem Namen "Jolly Indaco".

Donnerstag, 13.06.2019   22:35 Uhr

Zur Person

"Woher kommt dieses seltsame grünliche Blinken, 30 Grad voraus, an Steuerbordseite?" Jens, unser Schiffsjunge, ein blonder Teenager, der während der Wache den Ausguck besetzte, hatte es zuerst entdeckt. Ich dachte an eine Navigationstonne, doch in der Seekarte war kein Markierungspunkt eingetragen. Dann konnte ich durch das Fernglas einen hellen Schein erkennen. Eine Art Lichtbogen, der sich etwa 100 Meter in den klaren Nachthimmel über den Persischen Golf erhob. Was war das? Der Bogen senkte sich nun. Begann zu sprühen. Hantierte jemand an Bord eines anderen Schiffes mit Leuchtspurmunition?

Es war der 8. Oktober 1985, 23.31 Uhr zeigte die Uhr auf der Brücke der "Jolly Indaco", unserem zum Containerfrachter umfunktionierten Schwergutschiff. Eigentlich war ich selbst ein erfahrener Kapitän, aber nach Insolvenz meines alten Arbeitgebers und wegen der allgemeinen Jobmisere war ich hier als Zweiter Offizier an Bord.

Eben waren wir an einem Leuchtfloß vorbeigekommen, was ich ins Schiffstagebuch eingetragen hatte. Wir befanden uns in einem gefährlichen Seegebiet, im fünften Jahr des Krieges zwischen dem Irak und Iran, einem furchtbaren Konflikt, der immer mehr in ein Gemetzel ausartete. Wir hatten keine Waffen, sondern italienischen Marmor an Bord. Doch auch Carbonatgestein konnte, wenn wie bei uns Kuwait der Bestimmungshafen war, eine heikle Ladung sein. In der Zone, die wir durchfuhren, war wenige Wochen zuvor ein Bergungsschiff von der irakischen Luftwaffe versenkt worden.

Schon zur Mittagszeit, als wir auf der Brücke unsere genaue Position bestimmten, war ein Militärhubschrauber im Tiefflug über unser Schiff geknattert. Er zog einige enge Kreise und ich hatte den Schriftzug "Iranian Airforce" entziffern können. An Backbordseite passierten wir einige Ölfelder und Fördergebiete, die Iran für sich beanspruchte. "Männer, die beobachten uns nur", beschwichtigte der Kapitän, ein großer, robust gebauter Mann, zu dem ich ein distanziertes Verhältnis pflegte.

Ich musste kurz an diesen Hubschrauber denken, als ich abends den Lichtstreifen sah, der rosafarben schimmerte und sich rasch auf die "Jolly Indaco" zubewegte. Das Lichtband kam direkt auf uns zu! Knapp einen Meter über dem Meer, auf einer geraden Bahn, wie an einem Seil gezogen, mit einem stärker werdenden Sprühen. Nun wusste ich, um welche Art Lichtstreifen es sich handelte. Es war eine Rakete.

"Wir drohen zu sinken!"

Ich war viel zu erschrocken, um aufgeregt zu sein. In solch einem Moment schreit man sein Entsetzen nicht heraus, sondern ist starr vor Schreck. Ein Heulen war zu hören, eine Art lautes Pfeifen, und ich sah ganz deutlich das Projektil, etwa vier Meter lang. "Die geht vorbei", schrie ich, "die geht vorbei!", doch dann änderte die Rakete ihren Kurs, zeichnete mit ihrem Feuerschweif eine Kurve in die Nacht und drehte auf uns zu.

Einschlag, kurz hinter der Brücke! Eine Explosion, eine dumpfe Erschütterung.

An Steuerbordseite wurde es schlagartig hell, es sah aus, als brannte eine gewaltige Wunderkerze ab, rötlicher Funkenflug, es roch verbrannt, nach Schwefel und Chemikalien. Sofort bekam das Schiff Schlagseite, mit einem Ruck etwa um 20 Grad legte sich die "Jolly Indaco" nach Backbord, dann um 30, schließlich um 40 Grad, es ging erschreckend schnell. Ich griff zum UKW-Gerät und setzte auf Kanal 16 einen Notruf ab: "Mayday! Hier 'Jolly Indaco'! Wir drohen nach Beschuss zu sinken! Mayday!"

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Ohne Gewähr

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Etwa zehn Sekunden vergingen, zehn Sekunden tiefer Stille. Ein seltenes Erlebnis in einem Seegebiet, in dem gelangweilte Nachtwachen pausenlos Fußballergebnisse austauschen oder den neuesten Klatsch aus ihren Heimathäfen. Dann sprach eine tiefe Stimme zu mir: "Hier meldet sich ein Kriegsschiff der Seestreitkräfte von Saudi-Arabien. Wir sehen Sie und wir sehen ein großes Loch. Gehen Sie besser in die Boote, denn ein zweiter Angriff ist nach unseren Erfahrungen nicht auszuschließen."

Wer hatte uns angegriffen? Iranische Marine? Die Iraker? Und warum befand sich dieses saudische Kriegsschiff in Sichtweite? Meine Gedanken rasten, als jemand schnaufend die Treppe zur Brücke heraufstürmte: Der Kapitän, nur in Unterwäsche gekleidet - nebenbei bemerkt: kein Anblick, an den ich mich gern erinnere -, stieß mit weit aufgerissenen Augen hervor: "Maringer, verflucht noch mal, Sie haben einen Bohrturm gerammt!" "Das war kein Bohrturm", antwortete ich, "das war eine Rakete!"

Nun stutzte er, schien mit Verzögerung zu begreifen, was vor sich ging. Er murmelte "Der kentert uns weg" und befahl dem Dritten Offizier, der inzwischen ebenfalls auf der Brücke erschienen war, die Rettungsboote klarzumachen. 25 Mann Besatzung arbeiteten auf der "Jolly Indaco", und nicht allen war der Ernst der Lage bewusst. Einige wollten, wie ich später hören würde, ihre Stereoanlagen und eilig gepackte Koffer mit auf die Rettungsboote nehmen. Ich befand mich auf Befehl des Kapitäns ("Maringer - Sie, der Chief und ein Matrose sehen sich den Schaden an!") tief unten im Schiff.

Ein Loch wie ein Einfamilienhaus

Was wir entdeckten, erzeugte einen Schauer, denn es machte klar, wie knapp uns der Tod verfehlt hatte: Wir sahen ein gewaltiges Loch, groß wie die Fassade eines Einfamilienhauses, knapp oberhalb der Wasserlinie. Die Rakete hatte einen mit 400 Tonnen gefüllten Ballasttank durchschlagen, dessen Wasser nun in den Luken stand. Was erklärte, warum das Schiff nach dem Einschlag zur Seite gekippt war. Die Rakete war bis in einen Laderaum eingedrungen, der seit dem letzten Hafen nahezu leer stand, zum Glück, denn das Feuer erlosch rasch.

Es war klar: Hätte die Rakete die Brücke direkt getroffen, wäre dies unsere letzte Reise gewesen. Experten sollten mir später erklären, dass uns vermutlich die Position eines fahrbaren Zwillingskrans gerettet hatte, der zum Löschen der Ladung achtern an Deck stand und nicht, wie sonst, unmittelbar hinter den Aufbauten. Die Rakete hatte sich jene Stelle gesucht, wo sie die stärkste metallische Anziehung fand; sie war nicht im Bereich der Brücke eingeschlagen, sondern durch die Masse des Krans nach hinten abgelenkt worden.

Helmut Seger

Da der schwere Kran verschoben war, verfehlte die Rakete 1985 die Brücke.

Durch die Druckwelle war der Rumpf der "Jolly Indaco" einmal der Länge nach gerissen, Wasser drang ein. "Kriegt ihr den Deckel auf?", hörte ich aus dem Walkie-Talkie und verstand, worauf die Frage abzielte: Unter dem betreffenden Deckel war eine tischplattengroße Öffnung. Gelang es, sie zu öffnen, könnte das Wasser durch sie nach unten ablaufen und von den starken Pumpen dort unten vom Schiff gelenzt werden. Es fiel schwer, die mächtigen Schrauben im knöcheltiefen Wasser zu lösen. Der Deckel war so schwer, dass wir ihn zu dritt kaum anheben konnten, aber wir schafften es. In Gefahr setzt man besondere Kräfte frei.

Zurück auf der Brücke, gab mir der Kapitän sofort die nächste Order: Ich ging nach achtern, um den Schaden im Bereich eines Lastenfahrstuhls zu prüfen. Die Druckwelle hatte einen Deckel abgerissen und auch in diesen Teil des Schiffs strömte Wasser. Ich war von den Ereignissen verstört und erschöpft. Wie sehr, bemerkte ich, als die "Jolly Indaco" auf einen anderen Kurs ging. Es war eine klare Nacht, die Sterne leuchteten und ich war derart verunsichert, dass ich die helle Venus für ein heranschwirrendes Geschoss hielt und rief: "Achtung, die greifen wieder an!"

Indes hatte sich die Lage entspannt, denn die leistungsstarken Pumpen arbeiteten mit vollem Druck und brachten das Schiff wieder ins Gleichgewicht. Die Mannschaft war von den Rettungsbooten zurück an Bord geklettert und wir liefen mit langsamer Fahrt auf einem südöstlichen Kurs in Richtung Bahrain. Über Norddeich Radio hatte der Kapitän unseren Reeder in Kenntnis gesetzt und darum gebeten, die Formalitäten für Manama zu klären. Dort konnte das Schiff in einem gewaltigen Trockendock, das selbst für Supertanker geeignet ist, repariert werden. Ich hoffte, dass man auch unsere Familien informierte. Es sollte sich zeigen, dass das nicht geschah.

Geheimdienst an Bord

Stattdessen lief meine zwölfjährige Tochter um kurz vor sieben Uhr morgens deutscher Zeit aufgeregt zu meiner Frau, die gerade die Pausenbrote in der Küche schmierte: "Mama, im Radio haben sie gerade gesagt, dass eine Rakete Papas Schiff getroffen hat!" Meine Familie bekam einen furchtbaren Schreck - zum Glück meldete ich mich wenige Minuten später über Norddeich Radio. Wie die Deutsche Welle an ihre Information gekommen war, blieb ein Rätsel.

Es gab diverse Probleme zu lösen, bis das Schiff tatsächlich im Dock lag - wegen meines Notrufs und der vorübergehenden Schlagseite fürchteten die Behörden, dass wir beim Löschen der Container im Hafen sinken würden. Drei Tage verbrachten wir an einem Ankerplatz mit flachem Wasser vor dem Hafen, bis wir einlaufen durften. Endlich kam die "Jolly Indaco" ins Dock, wo sie neben anderen Schiffen lag, die von Raketen und Granaten getroffen worden waren. Eines weist einen glatten Durchschuss auf.

Ballistikexperten kamen an Bord, darunter zwei Engländer, vermutlich vom Geheimdienst, die alle Splitter der Rakete einsammelten und auf dem Deck auslegten. Einer raunte mir zu, es handele sich um einen französischen Flugkörper, auf dem sie eine deutsche Seriennummer fanden. Wer die Rakete abgefeuert hat, ist bis heute ungeklärt. Das Loch in der Außenwand maß 54 Quadratmeter. Es dauerte mehr als sechs Wochen, den Schaden zu reparieren, und kostete umgerechnet 1,5 Millionen D-Mark.

In den nächsten Monaten fuhr ich immer wieder durch den Persischen Golf, unter anderem mit 17 Dieselloks für Kuwait. Nach dem Beschuss spürte ich in manchen Nächten ein mulmiges Gefühl, aber was blieb mir übrig? Die Reederei zeigt sich trotz des Risikos kostenbewusst: Schiff und Ladung sind auf diesen Fahrten extra versichert.

Uns Seeleute versichert man nicht.

Der Text ist ein überarbeiteter Auszug aus dem Buch "Orkanfahrt. 25 Kapitäne erzählen ihre besten Geschichten", das 2007 im Ankerherz Verlag erschienen ist.

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