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Bau der Grindelhochhäuser

Hamburgs Traum von Manhattan

Grüne Idylle statt sozialer Brennpunkt: 1946 begann der Bau von Deutschlands erster Großwohnsiedlung. Mitten im heute teuersten Stadtteil von Hamburg.

imago/ Lars Berg
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Dienstag, 12.07.2016   11:31 Uhr

Gesichtslose Wohnsilos, Graffiti auf Waschbeton, der Gestank von Pissoirs in finsteren Durchgängen, Müllberge, Tristesse am Stadtrand. Endstation. Fast unweigerlich werden Assoziationen wie diese wach bei dem Wort Hochhauskomplex. Einer Bauform, die längst zum Symbol für ein Prekariat geworden ist, das hoffnungslos abgehängt wurde.

Die Hamburger Grindelhochhäuser wollen diesem Klischee so ganz und gar nicht entsprechen: Die zwölf gelb verklinkerten, bis zu 15 Stockwerke hohen Riesenblöcke ragen mitten in Harvestehude auf, dem teuersten Stadtteil Hamburgs. Ringsum liegen gepflegte Grünanlagen, vornehme Altbauten und die Außenalster. Starkoch Tim Mälzer wohnt in der Nachbarschaft, ein Stückchen weiter die Modedesignerin Jette Joop.

Vor 70 Jahren, am 12. Juli 1946, erfolgte der erste Spatenstich für den Bau, in dem ursprünglich britische Besatzungstruppen wohnen sollten. Doch die entschieden sich, gemeinsam mit den Amerikanern, ihr Hauptquartier in Frankfurt aufzuschlagen. Das "Hamburg project" drohte zur Bauruine zu verkommen. Da aber viele Menschen in der im Krieg stark zerstörten Stadt dringend ein Dach über dem Kopf brauchten, ließ der Senat am Grindelberg die erste "Wohnhochhausstadt" Deutschlands entstehen.

Picknick über Hamburgs Dächern

Manche sahen in Hamburg ein zweites Manhattan emporwachsen. Kritiker des Projekts hingegen wetterten gegen die "seelenlose Wohnmaschine", die sich architektonisch an Vorbildern der klassischen Moderne wie der Architektenlegende Le Corbusier orientierte. Bis Mitte der Fünfzigerjahre entstanden bei dem Bauprojekt mehr als 2000 erschwingliche Wohnungen. Mit Zentralheizung, Aufzügen und Müllschluckern waren sie für die damalige Zeit geradezu luxuriös ausgestattet.

ullstein bild

Mitten im Grünen: Die Grindelhochhäuser liegen direkt am Innocentiapark.

Begehrt sind diese Apartments auch heute noch. Der Journalist und Buchautor Claus Reissig wohnt seit etlichen Jahren in einem der inzwischen denkmalgeschützten Gebäude. Zu einer für Hamburg sehr günstigen Miete und noch dazu viel heller als in manchem Altbau, da die Baumkronen direkt unter seinen Fenstern im achten Stock enden.

Angefangen hatte seine Leidenschaft für die Hamburger Großwohnsiedlung mit einem alten Schwarzweißfilm, dessen Titel Reissig längst vergessen hat. "In dem Film besucht ein Mann seine Freundin in einem dieser Hochhäuser. Vor einem bodentiefen Fenster breiten sie eine Decke aus und picknicken in der Sonne, mit einem atemberaubenden Blick über die Stadt", erinnert er sich. "Als ich das sah, wurde mir klar, dass ich in solch einer Wohnung leben wollte." Große Fluktuation und Leerstand gebe es nicht, denn ausziehen wolle eigentlich niemand, sagt Reissig. "Und wenn doch mal ein Apartment frei wird, geht es sofort unter der Hand weg."

Während sich Trabantensiedlungen an den Peripherien vieler Großstädte zu sozialen Brennpunkten entwickelt haben, wohnen in den zentral gelegenen Grindelhochhäusern viele gut situierte Mieter, darunter Ärzte und Architekten. Die "Bild"-Zeitung berichtete zwar erst kürzlich über eine angebliche Verwahrlosung des Areals sowie Gewalt- und Drogenexzesse. Reissig aber kann über solche Skandalgeschichten nur den Kopf schütteln: "So etwas habe ich noch nie gehört, geschweige denn gesehen." Für ihn ist das Leben hier vor allem vom guten Einvernehmen unter den Nachbarn geprägt: "Das Zusammenleben kann hier sehr kreative Formen annehmen. Einige Leute betreiben vor dem Haus sogar Guerilla Gardening".

Kultklotz mit Dealer-Appeal

Ein ähnliches Bauprojekt, dessen Schicksal aber ganz anders verlief, ist das "Neue Kreuzberger Zentrum". Der in den Siebzigerjahren in Berlin entstandene Hochhausriegel mit über 360 Wohnungen an der U-Bahn Kottbusser Tor gilt heute als hartes Pflaster. Der Postbezirk SO36, in dem neben Aussteigern und Außenseitern schon früher viele Migranten lebten, galt damals bereits als Armutsviertel. Dem "NKZ" mussten im Zuge der radikalen Berliner Stadtsanierungspläne marode Gründerzeithäuser weichen, die über Jahre dem Verfall überlassen worden waren. Der zwölfstöckige Wohn- und Geschäftskomplex sollte einen Puffer zu einer neuen Autobahntangente bilden. Die allerdings wurde nie gebaut.

Architekt Johannes Uhl hatte den Ehrgeiz, mit dem Sozialbau seine Vision eines neuen Wohnens umzusetzen. Statt düsterer Altbauten wollte er den Bewohnern des Viertels lichtdurchflutete moderne Wohnungen und Freiflächen bieten. Der Betonkoloss galt jedoch von Anfang an als Bausünde und stieß in der Bevölkerung auf erbitterte Ablehnung. Mit dem zunehmenden Leerstand breitete sich die Kriminalität aus: Teile des Gebäudes verkamen zu Kloaken und Mülldeponien. Junkies und Dealer zogen sich in die verwinkelten Treppenhäuser zurück.

Inzwischen hat der Hochhausriegel eine neue Verwaltung, doch die Probleme sind geblieben. Mehr denn je gilt der "Kotti" heute als einer der berüchtigtsten sozialen Brennpunkte mitten in der Stadt. Nach Behördenaussagen steigt die Straßenkriminalität hier rasant weiter. Zumindest bei Touristen genießt das Viertel jedoch einen gewissen Kultstatus.

Zukunftsvision von einer Stadt der Zukunft

Und noch eine weitere Berliner Großwohnsiedlung leidet an ähnlichen Missständen: "Überall nur Pisse und Kacke. Egal wie neu und großzügig alles von Weitem aussieht. Und ich habe die Nase voll", beschrieb schon Ende der Siebzigerjahre die drogensüchtige Christiane F. die Gropiusstadt im Süden West-Berlins in dem Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Mehr als 18.000 Wohnungen plante der weltbekannte Architekt Walter Gropius, der dem zwischen 1962 und 1975 erbauten Viertel seinen Namen gab. Etwa 90 Prozent davon waren als Sozialwohnungen gedacht. Um die Trabantensiedlung vom Makel des sozialen Gettos zu befreien, will man hier in den nächsten Jahren mit frischen Investitionen Hunderte neuer Apartments bauen.

Das Problem der Trabantenstädte, deren Bevölkerung sich sozial stigmatisiert sieht, ist ein gesamtdeutsches. Am Rand von Köln etwa ließ der Architekt Fritz Schumacher in den Siebzigerjahren im Zentrum von Chorweiler die größte Plattensiedlung Nordrhein-Westfalens bauen. Doch Schumachers ursprüngliche Vision vom komfortablen "Leben und Arbeiten" in einer Stadt der Zukunft blieb eine Illusion. In den teils 20-stöckigen Blöcken lebten die Menschen dicht an dicht, die Infrastruktur verwahrloste. Wer konnte, zog ins Zentrum. Inzwischen wurde auch hier modernisiert. Anders als in den Grindelhäusern ist der Blick von oben in Chorweiler allerdings nach wie vor ernüchternd.


insgesamt 11 Beiträge
Jan Leitz 12.07.2016
1. So richtig schön..
...sind auch die Grindelhäuser nicht. 0815 Plattenbau-Archtektur. Das einzige was sie rettet ist die tatsächlich exzellente Lage und die Tatsache das sich so mancher Mittelständler in Hamburg nichts anderes leisten kann
...sind auch die Grindelhäuser nicht. 0815 Plattenbau-Archtektur. Das einzige was sie rettet ist die tatsächlich exzellente Lage und die Tatsache das sich so mancher Mittelständler in Hamburg nichts anderes leisten kann
Erhard Stammberger 12.07.2016
2. Sehr schlecht recherchiert ...
... dabei gibt es fundierte und lesenswerte Literatur zu den Grindelhochhäusern, die ursprünglich das Hauptquartier der britischen Besatzungsmacht beherbergen sollten. Da diese ihre Präsenz in Deutschland im beginnenden Kalten [...]
... dabei gibt es fundierte und lesenswerte Literatur zu den Grindelhochhäusern, die ursprünglich das Hauptquartier der britischen Besatzungsmacht beherbergen sollten. Da diese ihre Präsenz in Deutschland im beginnenden Kalten Krieg nicht als so umfangreich und langandauernd einschätzten und lieber nach Bad Oeynhausen auswichen als im zerbombten Hamburg auf die Fertigstellung zu warten, wurden die Grindelhochhäuser in völlig unterschiedlicher Struktur (auch mit Kleinstwohnungen für Mitarbeiter/innen der damals noch manuellenTelefonvermittlung und Verwaltungsbauten wie dem Bezirksamt Hamburg-Eimsbüttel) weiter gebaut. Zu empfehlen: "Die Grindelhochhäuser. Eine Sozialgeschichte der ersten deutschen Wohnhochhausanlage Hamburg-Grindelberg 1945-1956." Buch mit DVD (Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs). Auch und gerade für Architekturinteressierte interessant, denn der in Hamburgs Nachkriegsära vielfach verwendete gelbe "Gail'sche Klinker" wuirde für diese Siedlung entwickelt.
Nils Peer Clasen 12.07.2016
3. Naja.
Die Häuser liegen am Rand von Harvestehude und die Außenalster ist doch ein gutes Stück entfernt... Und häßlich sind die Dinger immer noch.
Die Häuser liegen am Rand von Harvestehude und die Außenalster ist doch ein gutes Stück entfernt... Und häßlich sind die Dinger immer noch.
Peter Girteit 12.07.2016
4. unfassbar hässlich...
ein Abriss wäre zielführend, eine Schande für diesen schönen Teil HHs
ein Abriss wäre zielführend, eine Schande für diesen schönen Teil HHs
T. Franz 12.07.2016
5. Trotzdem hässlich
Und heißt der Architekt auch Oscar Niemeyer, Hochhäuser dieser Art wie im Hansaviertel tun einfach nur weh. Zu Bausünden wie dem Riegel am Kotti hat Farin Urlaub immer noch den besten Vorschlag: "Dynamit. Wir verschönern [...]
Und heißt der Architekt auch Oscar Niemeyer, Hochhäuser dieser Art wie im Hansaviertel tun einfach nur weh. Zu Bausünden wie dem Riegel am Kotti hat Farin Urlaub immer noch den besten Vorschlag: "Dynamit. Wir verschönern unser Innenstadtgebiet. Dynamit. Architekturkritik, die man tatsächlich sieht."

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