einestages

Ruanda vor 25 Jahren

Der angekündigte Völkermord

Es war Afrikas Albtraum: 1994 ermordeten Hutu-Milizen binnen hundert Tagen 800.000 Menschen, vor allem aus der Tutsi-Minderheit. Verzweifelte Warnungen eines Uno-Generals verhallten. Hätte das Massaker verhindert werden können?

ABDELHAK SENNA/ AFP
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Donnerstag, 04.04.2019   14:54 Uhr

Das Fax aus Kigali erreichte die New Yorker Uno-Zentrale am 11. Januar 1994: Ruandas Hutu-Regierungspartei erstelle schwarze Listen mit Angehörigen der Tutsi-Minderheit und von oppositionellen Stammesbrüdern. Staatlich geförderte Milizen horteten massenhaft Waffen, Radikale in der Regierung planten einen Genozid, so die deutliche Warnung. Zum Auftakt wollten die Hutu belgische Uno-Soldaten töten - mit dem Ziel, alle Blauhelme aus dem zentralafrikanischen Land zu vertreiben.

Absender des Alarms war Generalmajor Romeo Dallaire, Kommandeur von 2500 Uno-Soldaten in Ruanda. Der Kanadier hatte die Informationen von einem besorgten Insider aus Ruandas Regierung und kündigte an, die Waffenlager der Milizen auszuheben.

Zu seinem Entsetzen erhielt Dallaire kein grünes Licht. New York wiegelte ab: Statt aufgrund von Gerüchten zu handeln, solle der Uno-General den als moderat geltenden ruandischen Präsidenten Juvenal Habyarimana informieren, dazu die Botschafter der USA, Belgiens und Frankreichs. Die Anweisung zum Nichtstun trug die Unterschrift von Kofi Annan, damals Untergeneralsekretär für Uno-Friedenseinsätze und später Generalsekretär.

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Völkermord 1994: Als die Welt Ruanda im Stich ließ

Drei Monate darauf geschah, was Dallaire befürchtete. Der Auftakt war der Abschuss eines Flugzeuges im Anflug auf die Hauptstadt Kigali: Zwei Bodenraketen trafen am Abend des 6. April die Maschine des Präsidenten Juvénal Habyarimana, als er aus dem Ausland heimkehrte. Alle Insassen starben, darunter auch Burundis Präsident Cyprien Ntaryamira.

Und dann zerhackten sie ihre Nachbarn

Ruandas Rundfunk meldete Habyarimanas Tod. Am folgenden Morgen explodierte der dicht besiedelte Kleinstaat im Herzen Afrikas. Überall im Land stürzten sich Gruppen von Hutu auf Angehörige der Tutsi-Minderheit und erschossen, erschlugen oder zerhackten ihre Nachbarn. Statt den Massenmord zu verhindern, beteiligten sich Polizisten und Armee-Angehörige. In nur hundert Tagen starben etwa 800.000 Menschen.

Im Uno-Quartier in Kigali flehten Anrufer um Schutz. "Es war surreal, Bekannten zu sagen, unsere Männer seien auf dem Weg - und dann diese Schreie und Schüsse, die Stille einer toten Telefonleitung", berichtete Dallaire. Die Blauhelme wurden an Straßensperren gestoppt, sein Büro stand unter Beschuss. "Kigali befindet sich im Kriegszustand", kabelte Dallaire nach New York.

Zehn der 450 belgischen Fallschirmjäger seiner 2500 Mann starken Uno-Truppe hatte Dallaire zum Schutz der Premierministerin abkommandiert. Um 8.49 Uhr funkte einer der Blauhelme, sie befänden sich in einer "höchst angespannten Lage" mit der ruandischen Präsidentengarde.

Brennan Linsley/ AP

Uno-General Romeo Dallaire (1998 beim Ruanda-Tribunal in Tansania): Er konnte das Morden nicht stoppen

Als Dallaire die Kaserne erreichte, sah er die Leichen seiner Soldaten: Die brutale Hutu-Garde hatte die Premierministerin - einzige Tutsi in der Regierung - erschossen, die zehn belgischen Bodyguards entwaffnet und in ihr Camp getrieben. Dort wurden sie mit Eisenstangen geschlagen und schließlich hingerichtet.

"Vielleicht wäre es am besten, wenn die Belgier aus Ruanda abziehen würden", höhnte Theoneste Bagosora. Der Oberst war ein Ansprechpartner Dallaires und hatte - wie sich später herausstellte - als Drahtzieher den Genozid mit organisiert. Dallaire war fassungslos, als die Rechnung der Mörder aufging: Belgien holte sein Uno-Kontingent nach Hause. "Das war der Wendepunkt meiner Mission", resümierte er im Rückblick.

"Der Tag, an dem die Welt die Ruander alleinließ"

Der Uno-General hatte die Mission 1993 hoffnungsfroh übernommen, nach Beginn von Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und einer Rebellenbewegung, die vom Nachbarland Uganda aus immer wieder in Ruanda einfiel: Die Ruandische Patriotische Front (RPF) wurde von im Exil lebenden Angehörigen der Tutsi-Minderheit geführt. Nun sprachen beide Seiten über den Stopp der Gewalt und die Bildung einer gemischten Übergangsregierung. Uno-Soldaten sollten den Friedensprozess überwachen.

Der Konflikt zwischen den beiden Ethnien reicht weit zurück. Das Nomadenvolk der Tutsi war einst aus dem Nilgebiet ins Gebiet der tausend üppig bewachsenen Hügel gewandert und hatte das Bauernvolk der Hutu unterworfen. Doch die Tutsi übernahmen die Sprache und Kultur der Hutu. Die beiden Gruppen kamen sich näher, Ehen wurden geschlossen.

Als die Deutschen sich Ende des 19. Jahrhunderts Ruanda und das heutige Nachbarland Burundi als Kolonien aneigneten, bevorzugten sie - wie später die Belgier - das einstige Herrenvolk: Etliche Tutsi-Söhne durften höhere Schulen besuchen, während Hutu höchstens zu einer dreijährigen Grundausbildung zugelassen wurden. 1959 bekleideten Tutsi in Ruanda-Urundi 43 von 45 höhen Verwaltungsstellen.

Nach Ruandas Unabhängigkeit 1962 gewann die Hutu-Mehrheit (84 Prozent der damals 7,4 Millionen Ruander) die Macht und vertrieb Hunderttausende Tutsi. Über eine halbe Million fanden Zuflucht in afrikanischen Staaten, 30.000 in Übersee. Die Exil-Tutsi gaben den Glauben an die Rückkehr in die Heimat nicht auf. Im Hauptzufluchtsland Uganda schlossen viele sich der Befreiungsbewegung von Yoweri Musseveni an, die dort gegen das Regime rebellierte. Nach seinem Sieg und Aufstieg zum Präsidenten revanchierte sich Museveni: Von Uganda aus durften die Kämpfer gegen das Hutu-Regime in den Krieg ziehen.

Zugleich unterstützte Uganda - wie die anderen Nachbarstaaten - Bemühungen um eine friedliche Lösung in Ruanda. Wer dann das Flugzeug abschoss, ließ sich nie mit letzter Sicherheit klären. Manche Beobachter sehen den Raketenangriff als Werk von Tutsi aus den Reihen der RPF. Andere halten Hutu-Radikale für verantwortlich, die ein Mordkomplott gegen ihren Stammesbruder schmiedeten, weil Präsident Habyarimana an Friedensverhandlungen teilnahm.

Im Zuge der Mord-Exzesse gegen die Tutsi wie auch gegen Hutu-Oppositionelle kommunizierte General Dallaire verzweifelt mit New York. Er forderte dringend zwei Blauhelm-Bataillone und logistische Unterstützung zum Schutz der tödlich bedrohten Tutsi-Minderheit. Doch die Uno-Zentrale sorgte sich vorrangig um das Zivilpersonal: Am 12. April evakuierten US-Soldaten mit Autokonvois die in Ruanda festsitzenden Ausländer. Amerikaner, Belgier, Italiener, Franzosen und Deutsche wurden ausgeflogen. "Der 12. April war der Tag, an dem die Welt die Ruander allein ließ", schrieb Dallaire. "Die Evakuierung war für die Völkermörder das Signal zu Apokalypse."

Erst Massenmord, dann Massenflucht

Die Grausamkeiten des folgenden Genozids endeten erst Ende Juli, als die von Uganda aus vorstoßenden RPF-Tutsi das ganze Land eingenommen hatte. In nur drei Monaten besiegten sie die von Frankreich ausgebildete Ruanda-Armee, obwohl die mit 30.000 Soldaten über doppelt so viele Kämpfer verfügte, zudem über Panzer und Hubschrauber. Die Hutu-Hetzer, die erst zum Massenmord aufgerufen hatten, drängten nun zur Massenflucht. In panischer Furcht vor der Rache der Sieger flohen Hunderttausende in Nachbarländer. Eine Zeitlang wirkte das einst übervölkerte Ruanda wie ein leeres Land - die Tutsi tot, die Hutu geflohen.

Romeo Dallaire verließ Ruanda im August 1994. Inzwischen hatte die RPF den aus dem Exil heimgekehrten Hutu Pasteur Bizimungu als Präsidenten eingesetzt, eine Geste der Versöhnungsbereitschaft der Sieger. Mit der furchtbaren Vergangenheit beschäftigten sich bis 2012 "Gacacas". Diese nach einem Berggras genannten Nachbarschaftsgerichte sollten die Rädelsführer von Mord- und Raubtaten ermitteln und den Justizbehörden melden. Ins Ausland geflohene Haupttäter wurden international gesucht. So wurde Oberst Bagosora in Kamerun verhaftet, an das afrikanische Kriegsverbrechertribunal in Arusha (Tansania) ausgeliefert und zu lebenslanger Haft verurteilt.

"Die Leute werfen mir vor, ich wäre ein Genozid-Leugner"

Heute ist Ruanda eine Art Erziehungs- und Entwicklungsdiktatur. Paul Kagame, Gründer und starker Mann der RPF, übernahm 2000 auch offiziell die Macht. Als Präsident hat der 1,88 Meter große, 61-jährige Tutsi kritische Journalisten und Oppositionspolitiker verfolgt - Tutsi wie Hutu. Um den brüchigen Frieden zu wahren, sind die beiden ethnischen Begriffe offiziell abgeschafft. Die heute über zwölf Millionen Menschen in dem Land von der Größe von Rheinland-Pfalz sollen nichts anderes sein als Ruander.

Sie leben besser als in vielen anderen Ländern Afrikas. Ruandas Wirtschaft wächst stetig um jährlich acht Prozent. Die Infrastruktur ist gut, es gibt wenig Korruption. In Politik und Wirtschaft haben Frauen Führungspositionen. Seit 2008 sind Plastiktüten verboten, in Kigali gibt es kaum Müll auf der Straße. In einer landesweiten "Umuganda"-Kampagne ("Arbeit für die Gemeinde") fegen die Bürger samstags die Straßen und legen Vorgärten an. Jugendliche ärgern sich über derartigen "freiwilligen Zwang". Aber auf den Flüchtlingsbooten nach Europa sind keine Ruander.

Nach seinem quälenden Einsatz in Ruanda litt Romeo Dallaire lange unter Depressionen und unternahm zwei Suizidversuche. Er fühle sich "voll verantwortlich" für den Tod der zehn belgischen Uno-Soldaten und von nahezu einer Million Ruandern, erklärte er mehrfach. Der General hat nie verwunden, dass seine Warnung vor dem Völkermord verhallte.

insgesamt 17 Beiträge
Peter Herrmann 04.04.2019
1.
Soweit ich weiß ist die Bezeichnung der Hutu und Tutsi als "Stämme", "Völker" oder "Ethnien" eine Erfindung der Kolonialzeit um die Bevölkerungsstruktur an die von Rassenlehre beeinflusste [...]
Soweit ich weiß ist die Bezeichnung der Hutu und Tutsi als "Stämme", "Völker" oder "Ethnien" eine Erfindung der Kolonialzeit um die Bevölkerungsstruktur an die von Rassenlehre beeinflusste Weltsicht anzupassen. Man kann davon ausgehen, dass die Einteilung vor allem nach Klassen oder Kasten entstanden ist, vor allem Viehbesitz machte einen Menschen zum Tutsi, man konnte also (nicht leicht, aber möglich) zwischen den Klassen wechseln, ähnlich wie im feudalen Europa, wo vererbbarer Landbesitz der Schritt zum Adel war und dann in der Familie blieb, samt der Klassenzugehörigkeit. Erst die Europäer haben die Idee etabliert, dass die beiden Gruppen genetisch unterschiedlich wären, samt der Hypothese von einer Einwanderung und Unterwerfung. Dafür gibt es keine ausreichenden Belege. Von daher ist es das Einzig richtige die Begriffe aus dem Leben zu tilgen und nicht mehr zwischen Ruandern zu unterscheiden und die Schuld jedem Täter persönlich zuzuschreiben, als ruandischer Mörder, nicht als Soldaten in einem Stammeskrieg.
Bastian Wetter 04.04.2019
2.
Und wieder ist ein "Held" unter den Namen, die beim Genozid eine wichtige Rolle spielten: Kofi Annan Ohne Konsequnzen und bußen. Wie immer.
Und wieder ist ein "Held" unter den Namen, die beim Genozid eine wichtige Rolle spielten: Kofi Annan Ohne Konsequnzen und bußen. Wie immer.
Hawe Müller 04.04.2019
3. Das wirft kein gutes Licht auf Kofi Annan,
dennoch ist Ruanda das Modell gegen Migration und Flucht. Wie sollten von dem Land lernen.
dennoch ist Ruanda das Modell gegen Migration und Flucht. Wie sollten von dem Land lernen.
Martin Beckert 04.04.2019
4. Un
wer sich auf die UN verlässt ist verlassen. UN Soldaten haben weder in Srebrenica noch in Ruanda den Massenmord verhindert. Eine Organisation die sich nicht traut robust einzugreifen und von allen Beteiligten blockiert wird ist [...]
wer sich auf die UN verlässt ist verlassen. UN Soldaten haben weder in Srebrenica noch in Ruanda den Massenmord verhindert. Eine Organisation die sich nicht traut robust einzugreifen und von allen Beteiligten blockiert wird ist wertlos.
Siegfried Bernhard 04.04.2019
5. Auch wir sind schuldig!
Jedem, der sich einen Eindruck verschaffen will, lege ich den Film "Hotel Ruanda" ans Herz. Selbst die filmische Aufbereitung läßt erschaudern. Für mich bedeutete dieser Völkermord auch das Ende der Mitgliedschaft in [...]
Jedem, der sich einen Eindruck verschaffen will, lege ich den Film "Hotel Ruanda" ans Herz. Selbst die filmische Aufbereitung läßt erschaudern. Für mich bedeutete dieser Völkermord auch das Ende der Mitgliedschaft in einer Partei, die Bundeswehreinsätze im Ausland prinzipiell ablehnte. Ja, das gab es wirklich. Und obwohl auch heute noch ein Gegner von Auslandseinsätzen, vertrete ich immer noch die Meinung, im Falle eines Völkermords (der allerdings nicht auf einem "Hufeisenplan" beruht) ist die Weltgemeinschaft verpflichtet, mit einem rubusten Mandat einzugreifen. Nur, und das meine Kritik seit Ruanda. In ALLEN Konflikten seither ist der Westen in Form der NATO, auch wenn man das als "Koalition unter Führung der USA" titelt, IMMER auf einer Seite der Konfliktparteien, NIE als neutraler Akteur dazwichen eingeschritten. DAS der Urfehler aller Interventionen. Hätte der Westen Russland in Libyen vor der UNO nicht so über den Tisch gezogen, wären viele Friedensmissionen unter UNO-Mandat heute die Normalität. War es nicht AM Westerwelle, der damals schon vorausahnend die Teilnahme in Libyen duch Enthaltung abblockte?

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