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Internierungslager Whitewater-Camp

Endlich gefangen!

Für 450 Wehrmachtsoldaten war die Niederlage von El-Alamein Glück im Unglück: Sie kamen ins Whitewater-Camp nach Kanada - hier gab es gutes Essen, ein bisschen Lohn und viele Freiheiten. Ein Archäologe erforscht nun die Lager-Überreste und findet im Müll Überraschendes über das Leben im Camp.

Parks Canada
Von
Montag, 22.08.2011   17:18 Uhr

Als die zweite Schlacht von El-Alamein am Morgen des 5. November 1942 beendet war und die britische Armee 30.000 Soldaten der Achsenmächte gefangen nahm, hatte sie ein Problem. Wohin mit den Nazis? Die britischen Gefangenenlager waren schon längst voll. Die Lösung lag zwar nicht gerade nahe, schien aber trotzdem attraktiv, auch für die Gefangenen: nach Kanada!

Für viele der jungen deutschen Soldaten, die in den vergangenen Monaten die Entbehrungen von Rommels Afrika-Feldzug, nur Hitze und Staub und ständige Angst ums Leben gekannt hatten, war die Verfrachtung auf den nordamerikanischen Kontinent eine definitive Verbesserung ihrer Lage. Und für einige sogar das große Los. 450 von ihnen landeten tief in der Wildnis des Bundesstaats Manitoba: im Nationalpark Riding Mountain, am Ufer des Whitewater Lake. Dort lebten sie ein gutes Leben in klarer Luft und atemberaubender Landschaft und waren - glücklich.

"Das Whitewater-Camp ist wohl einmalig in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs", sagt der Archäologe Adrian Myers, der derzeit die Reste des Lagers ausgräbt, um diese unglaubliche Geschichte zu dokumentieren. "Die Gefangenen hatten sich freiwillig für das Whitewater-Camp gemeldet", erzählt Myers. Bedingung für eine Aufnahme im Camp war, dass die Gefangenen bereit waren, hart zu arbeiten. Denn zu ihren Aufgaben gehörte es, in den umliegenden Wäldern das Feuerholz für die Region zu schlagen.

Endlich gefangen!

Doch der Deal lohnte sich. Im Gegenzug bekamen sie gutes Essen, warme Unterkünfte - und sogar einen kleinen Lohn. Mit vier der letzten noch lebenden Insassen des Whitewater-Camp hat Myers in den vergangenen Monaten gesprochen. "Und in zwei Dingen waren sich alle vier einig", sagt Myers. "Jeder Einzelne von ihnen hat mir erzählt, dass er froh war, als er gefangen genommen wurde. Und noch froher, als er hörte, dass es nach Kanada ging."

Fotostrecke

Whitewater-Camp: Von El-Alamein nach Kanada

Das Whitewater-Camp war ein "Minimum Security"-Lager. Da keiner der Insassen als überzeugter Nazi galt, waren die Sicherheitsvorkehrungen entsprechend lax. Nicht einmal Zäune umringten das Lager, auch die Bewacher hätten im Ernstfall keinen wirklichen Widerstand bieten können - es waren die Alten und die Schwachen, die als Wärter abkommandiert worden waren, wer jung und kräftig war, musste im fernen Europa kämpfen.

Für den Bau des Lagers hatten die kanadischen Behörden schon all jene gesunden Männer rekrutiert, die gute Gründe hatten, nicht in Europa zu kämpfen: überzeugte Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer. Im Sommer 1943 errichteten sie in vier Monaten die 15 Gebäude des Lagers. Die meisten dieser friedliebenden Menschen waren Mennoniten aus den umliegenden Dörfern, die den Krieg aus religiösen Gründen ablehnten.

Die Freiheit der kanadischen Wildnis

Bei so vielen Freiheiten verwundert es nicht, dass die jungen deutschen Soldaten gelegentlich beim Stadtbummel in dem kleinen Dorf Crawford Park gesichtet wurden oder auf den samstagabendlichen Tanzveranstaltungen. Die Nachbarn sahen es gelassen. Schließlich waren die Deutschen freundlich - und erledigten in den Wäldern viele der schweren Arbeiten, die in Abwesenheit der jungen und kräftigen kanadischen Männer sonst liegengeblieben wären. Die Verwaltung des Lagers nahmen die Gefangenen zu weiten Teilen selbst in die Hand. Vor allem die Freizeitverwaltung: Es gab einen Chor, ein Orchester und verschiedene Sportmannschaften.

Myers hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Berichte zu belegen. "Ich betreibe historische Archäologie", erklärt er. "Also die archäologische Erforschung einer Zeit, aus der wir schriftliche Berichte haben." Lässt sich denn ein glückliches Leben archäologisch nachweisen? "Oh ja!", beteuert Myers. Dazu hat er sich vor allem die Abfallgruben des Camps näher angeschaut. "Abfall lügt nicht!", sagt der Archäologe. "Wenn Menschen ihre Erinnerungen erzählen oder aufschreiben, werden sie diese immer vorher filtern. Ihren Abfall aber filtern sie so gut wie nie."

Zwei große Abfallgruben hat Myers bisher näher untersucht. Die erste liegt dort, wo die Küchenbaracke stand. "Der Anteil von Tierknochen in den Essensresten war erstaunlich hoch", berichtet er. Fleisch gab es also offenbar in rauen Mengen. Und nicht etwa das Fleisch von Elch, Wapiti oder anderen Tieren, welche die Gefangenen erst selbst erlegen mussten. "Die meisten Knochen waren Schweineknochen - von Hausschweinen." Und auch die Beilagen zum Schnitzel mussten die Gefangenen nicht selber anbauen. "Die kamen aus der Dose", sagt Myers, "wir haben viele Blechdosen gefunden."

Information in der Abfallgrube

Die zweite Abfallgrube sagt sogar noch mehr über die hohe Lebensqualität im Whitewater-Camp aus - und war auch für Myers eine echte Überraschung. Sie lag hinter einer Wohnbaracke - und war voller Hygieneartikel: Zahnbürsten, Haarbürsten, leeren Dosen von Haarwachs und sogar Gesichtscreme. Offenbar legten die deutschen Gefangenen mitten in der Wildnis Kanadas großen Wert auf ihr Aussehen. "Das war für mich die größte Überraschung", gibt Myers zu. "Da leben 450 Kerle tief in den Wäldern, keine einzige Frau in unmittelbarer Nähe, und trotzdem gaben sie sich große Mühe, schick auszusehen und gut zu riechen."

Mit seinem Archäologie-Projekt rettet Myers ein Stück Geschichte, das ohne ihn wohl verlorengegangen wäre. "Zwei der ehemaligen Gefangenen, die ich interviewte, haben noch niemandem vorher ihre Fotos gezeigt oder ihre Geschichten erzählt. Als sie für mich die alten Pappschachteln mit den Bildern aus dem Schrank holten, fragten ihre Kinder ganz erstaunt, was das sei." Die Zeit drängt, es wird nur noch wenige Jahre dauern, bis auch die letzten noch lebenden Insassen nicht mehr von ihren Erfahrungen berichten können. "Es sind ja nur noch ganz wenige überhaupt am Leben - diejenigen, die damals im Camp die allerjüngsten Gefangenen waren", sagt Myers.

"Der Zweite Weltkrieg befindet sich just in diesem Moment auf der Schwelle von gut zugänglicher Geschichte zu einem Feld, das wir bald nur noch mit der Archäologie erfassen können." Was das bedeutet, bekam Myers zu spüren, als er mit dem ehemaligen Whitewater-Insassen Josef Gabski redete. Im September 2009 hatte Myers Gabski in seinem Haus in Kalifornien besucht. Es gab viel zu erzählen, die beiden verabredeten sich für ein weiteres Gespräch. Doch dazu kam es nicht mehr. Gabski starb im Januar 2010 - nur drei Monate und eine Woche nach Myers' Besuch.

insgesamt 17 Beiträge
Horst Pittner 23.08.2011
1.
>Wohin mit 30.000 Nazis? Soldat in der Wehrmacht wurde man nicht durch Parteizugehörigkeit oder ideologischer Verblendung, sondern durch Einberufung. Schlimm genug, dass für die Gutmenschen unter uns jeder Soldat auch heute [...]
>Wohin mit 30.000 Nazis? Soldat in der Wehrmacht wurde man nicht durch Parteizugehörigkeit oder ideologischer Verblendung, sondern durch Einberufung. Schlimm genug, dass für die Gutmenschen unter uns jeder Soldat auch heute noch als Nazi diffamiert wird, eine der Objektivität verpflichtete Zeitschrift sollte sich von solch plumper Polemik distanzieren. Die Soldaten der Wehrmacht glaubten für ihr Land und für das Wohl ihrer Angehörigen zu kämpfen, wer will sich anmaßen zu entscheiden, wer denn nun Nazi war und wer nicht?
harald kasis 23.08.2011
2.
zu Bild 15, der Ziegel mit dem Aufdruck Salaman..der, ist wahrscheinlich ein Schamottstein, welcher zum Ausmauern von Öfen notwendig ist. Also kein Baustein im üblichen Sinn
zu Bild 15, der Ziegel mit dem Aufdruck Salaman..der, ist wahrscheinlich ein Schamottstein, welcher zum Ausmauern von Öfen notwendig ist. Also kein Baustein im üblichen Sinn
Alf Borrmann 23.08.2011
3.
Auch mein Opa - Josef Temme - war (in einem ähnlichen?) Lager in Kanada. Ich kenne den Kriegsverlauf in Afrika nicht so gut, aber mein Opa hat erzählt, daß er "am Strand von Tunis" in Gefangenschaft kam. Er hat die [...]
Auch mein Opa - Josef Temme - war (in einem ähnlichen?) Lager in Kanada. Ich kenne den Kriegsverlauf in Afrika nicht so gut, aber mein Opa hat erzählt, daß er "am Strand von Tunis" in Gefangenschaft kam. Er hat die Zeit in Kanada als "die glücklichste in seinem Leben" bezeichnet, denn er war wirklich ein Arbeitstier und freute sich daran, hart zu schuften. Er ist wohl nur schweren Herzens wieder zu Frau und Kind nach Deutschland zurückgekommen, denn er hatte Arbeitsangebote und das Versprechen ein reicher Mann in Kanada zu werden. Einen Bären gab es in seinem (?) Lager auch, der hieß aber soweit ich mich erinnere "Mutz" (mein Opa war aus dem Rheinland, vielleicht war das ja auch nur eine Variannte von "Mosche"?).
Chris De Angelis 23.08.2011
4.
Auf dem Ziegelstein/Schamottstein steht "Salamander", was sehr wahrscheinlich der Name der Firma ist die ihn hergestellt hat. Ein intaktes Exemplar gibt es hier: http://www.flickr.com/photos/pasa/5409431534/ Ich [...]
Auf dem Ziegelstein/Schamottstein steht "Salamander", was sehr wahrscheinlich der Name der Firma ist die ihn hergestellt hat. Ein intaktes Exemplar gibt es hier: http://www.flickr.com/photos/pasa/5409431534/ Ich habe leider nicht mehr Informationen als die die auf der Flickr-Seite zu finden sind...
johann schneider 23.08.2011
5.
Ich glaube mein Grossvater war da mit dabei. Wir haben kaum Info darüber, aber das ist genau die Geschichte die er erzählt hat. Er sprach Englisch, war Elektriker und hätte bei der Instandsetzung von Maschinen und Geräten [...]
Ich glaube mein Grossvater war da mit dabei. Wir haben kaum Info darüber, aber das ist genau die Geschichte die er erzählt hat. Er sprach Englisch, war Elektriker und hätte bei der Instandsetzung von Maschinen und Geräten gearbeitet. Gibt dazu Namenslisten? Kann die Autorin dazu mehr Info oder Kontakte geben?

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