einestages

Koreaner empört über Japans Welterbe-Pläne

"Einfach ins Meer springen und mich ertränken"

Zwangsarbeiter mussten hier unter furchtbaren Qualen schuften: Hashima, eine winzige Insel in Japan. Heute sind die Schauplätze des Leids Industrie-Ruinen - und sollen zum Unesco-Welterbe erklärt werden. Für Koreaner, die dort arbeiten mussten, eine unerträgliche Vorstellung.

Getty Images
Von
Freitag, 26.06.2015   11:33 Uhr

Kein Entkommen. Als Suh Jung-Woo 1942 die japanische Insel Hashima zum ersten Mal sah, verlor der 14-Jährige schlagartig jede Hoffnung. "Die Insel war umgeben von hohen Betonmauern. So weit das Auge reichte, gab es nichts als den Ozean." Das Ganze wirkte auf ihn wie ein riesiges Gefängnis - und genau das war es.

Nach einer Odyssee durch das ganze Land war Suh Jung-Woo von der Hafenstadt Nagasaki nach Hashima verschifft worden. 1910 hatte Japan Korea besetzt, seitdem mussten koreanische Zwangsarbeiter in japanischen Betrieben schuften. Die Industrialisierung boomte, das Land gierte nach Arbeitskräften. So war es auch auf Hashima, seit 1890 im Besitz der Firma Mitsubishi. Die Insel war berühmt für ihre hochwertigen Kohleflöze - und deswegen bald der am dichtesten besiedelte Ort der Welt.

Direkt nach seiner Ankunft wurde Suh Jung-Woo, so erzählte er es 1983 einer koreanischen Menschenrechtsorganisation, ein winziger Raum zugewiesen, den er sich mit sieben Landsleuten teilte. Am nächsten Morgen begann die Plackerei im Kohlenbergwerk. "Wir wurden von japanischen Aufpassern bewacht, einige von ihnen trugen Schwerter", erinnert er sich. Schon bald war er überzeugt, er würde die Insel nicht lebendig verlassen. "Ich weiß nicht mehr, wie oft ich darüber nachgedacht habe, einfach ins Meer zu springen und mich zu ertränken." Nicht wenige hätten genau das getan.

Touristen statt Zwangsarbeiter

Eine Insel weiter, auf Takashima, konnte der 15-jährige Yong-Am Son bei gutem Wetter bis nach Hashima sehen, das viele Zwangsarbeiter später "Hölleninsel" tauften. "Die Gebäude waren halbschwarz, es war gruselig", erinnert sich der heute 87-Jährige im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Auch ihm, ebenfalls Zwangsarbeiter in einem Bergwerk, erging es nicht besser. "Das Verhalten der Japaner auf Takashima war unvorstellbar schrecklich", erzählt er. "Wenn wir unser tägliches Soll nicht erfüllten, wurden wir sofort geschlagen. Es gab keine Pausen. Wir wurden behandelt wie Sklaven."

Ausgerechnet diese Kohlenzechen auf Takashima und Hashima sollen nach dem Willen Japans bald zum Unesco-Welterbe ernannt werden. Japan möchte damit an die erste erfolgreiche Industrialisierung eines nichtwestlichen Landes erinnern. Aus eigenem Entschluss hatte Japan - besonders ab 1868 unter Kaiser Meiji - westliche Technologie nachgeahmt, sie übernommen und später weiterentwickelt. Dieser Schritt ebnete dem Land den rasanten Aufstieg von einer feudalen Clanwirtschaft zur führenden Industriemacht Ostasiens.

Dieses patriotisch gefeierte Kapitel seiner Geschichte möchte Tokio gerne auch international gewürdigt sehen. Neben den beiden Kohleinseln Takashima und Hashima hat Tokio daher gleich 21 weitere Anlagen nominiert: Trockendocks, Hafenanlagen, Stahlwerke. Gemeinsam sollen sie als "Orte der industriellen Revolution Japans in der Meiji-Zeit" mit dem Unesco-Prädikat geadelt werden und Touristen anlocken. Der morbide Charme der verfallenden Arbeiterhochhäuser auf der heute völlig verlassenen Insel Hashima, dem Drehort des James-Bond-Films "Skyfall", zieht bereits jetzt viele Besucher an.

Die koreanische Regierung aber kritisiert, dass in sieben der nominierten Anlagen Zehntausende Koreaner zur Zwangsarbeit gezwungen wurden. Seoul hat daher mehrmals "ernsthafte Bedenken" gegen Japans Antrag vorgebracht, der die "Würde der Überlebenden" verletze - zwölf von ihnen klagen zudem derzeit noch gegen ein japanisches Stahlunternehmen. Entscheiden soll den Zwist nun der Unesco-Welterberat, der von diesem Sonntag an bis zum 8. Juli unter deutschem Vorsitz in Bonn tagen wird. Japan benötigt dabei eine Zwei-Drittel-Mehrheit der 21 Länder im Rat.

"Zivile Arbeitskräfte" statt Zwangsarbeiter

Schon vor der Entscheidung hat der Fall die traditionell schwierigen Beziehungen zwischen den beiden Ländern weiter belastet. Südkorea misstraut dem zum Geschichtsrevisionismus neigenden Japan, das in der Vergangenheit schon bewiesen hat, wie halbherzig es seine Kriegsverbrechen aufarbeitet. Japan wiederum argumentiert, sein Antrag beziehe sich ausschließlich auf die Würdigung der frühen japanischen Industrialisierung von 1850 bis 1910 - die Zwangsarbeiter aber seien, wenn überhaupt, erst nach dieser Periode zum Einsatz gekommen.

Im Kern dreht es sich bei dem Streit also um die Frage, ob man einen historischen Ort in einzelne Zeitphasen aufteilen kann - und am Ende eine Phase weitgehend isoliert würdigen darf.

Verwandte Artikel

"Selbst bei der Beurteilung eines Menschenlebens bildet das gesamte Leben die Grundlage", argumentiert Jong Seok Yun von der koreanischen Botschaft in Berlin. "In ähnlicher Weise sollte sich die Beurteilung einer Welterbestätte nicht nur auf einen zeitlichen Abschnitt beschränken." Sein Kollege Hiroki Sawamura von der japanischen Botschaft hingegen erklärt gegenüber SPIEGEL ONLINE, entscheidend für eine Aufnahme auf die Welterbeliste sei der "außergewöhnliche universelle Wert" einer Stätte - und dieser werde eben nicht durch die spätere "Mobilisierung ziviler Arbeitskräfte" beeinträchtigt. Konsequent vermeidet Sawamura in seinen Antworten den Begriff "Zwangsarbeiter".

Es ist ein Kampf um Begrifflichkeiten, den auch Südkorea mit großer Vehemenz führt. In mehreren langen Positionspapieren seziert Südkorea Japans Antragsbegründung Wort für Wort, hinterfragt historische Zusammenhänge und Perioden - mal überzeugend, mal technisch-kleinlich. So kritisiert Südkorea etwa, dass viele der 23 Stätten noch nach 1910 stark verändert worden seien - und damit ihre Authentizität eingebüßt hätten. Zudem befänden sich unter den nominierten Anlagen auch ein Bürogebäude und ein Garten, die für die Industrialisierung doch eher unbedeutend gewesen seien.

"Diese Arschlöcher"

Besonders umstritten ist die Zahl der Opfer: Südkorea spricht von insgesamt 57.900 Zwangsarbeitern, von denen 1442 gestorben seien. Botschaftssprecher Sawamura sagt, er kenne keine "objektiven Informationen", die diese Zahlen bestätigen könnten. Grundsätzlich habe Japan damals aber nur zurückhaltend Arbeiter "dienstverpflichtet", wie es im Jargon eines Erlasses von 1939 heißt - und zwar nur dann, wenn "die benötigten Arbeitskräfte sonst nicht gesichert werden konnten".

Für Yong-Am Son, einem von 40.000 Koreanern, die nach Einschätzung Südkoreas auf Takashima Zwangsarbeit geleistet haben, klingt so etwas zynisch. "Verzweiflung" ist das Wort, das er am häufigsten benutzt, wenn er an jene 15 Monate zurückblickt, die er meist einen Kilometer unter der Erde verbringen musste - in "Stollen wie Höhlen".

"Ich war damals so jung und so hungrig und sollte Arbeiten erledigen, die normalerweise von Erwachsenen erledigt werden", sagt er. Den Helm mit der fast vier Kilogramm schweren Batterie für die Stirnlampe konnte der schmächtige Jugendliche kaum auf dem Kopf halten. Das Bett, das er sich in dem Schlafsaal mit Dutzenden anderen teilte: voller Zecken, umschwirrt von Moskitos. Und das Essen erst: "Unbeschreiblich! Furchtbar! Es gab nur minderwertigen Reis, Suppe und zwei Beilagen."

Nach dem Kriegsende 1945 konnte Son wieder in seine Heimat zurückkehren, aus der er 1943 verschleppt worden war. Für insgesamt zwei Jahre Zwangsarbeit - vor Takashima war er noch in einem anderen Lager - bekam er 15 Won. Davon konnte man sich damals etwa zwei Säcke Reis kaufen. Eine Entschuldigung habe er weder vom Staat noch von Mitsubishi, einst Besitzer der Insel Takashima, gehört. "Wenn sie sich entschuldigt hätten, wären diese Arschlöcher wenigstens Menschen gewesen", sagt er.

Lange hat Son versucht, so wenig wie möglich an Takashima zu denken. Es gelang ihm selten. Japans Antrag, diesen Ort zum Weltkulturerbe erklären zu lassen, reißt alte Wunden auf und bringt den alten Mann außer Fassung: "Was soll das?" fragt er. Wieder hat er das Gefühl, der mächtige Nachbar nehme ihm und seinen Landsleuten etwas weg. "Wo bleibt da die Anerkennung für den Preis unserer Arbeit, unserer Schmerzen?"

insgesamt 29 Beiträge
Thorsten Richartz 26.06.2015
1. Das leidige Problem Japans
Durch die Abwürfe der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki sieht sich Japan als Opfer, ist aber gleichzeitig Täter. Gäbe man das jetzt zu, wäre der Gesichtsverlust immens. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob Mörder [...]
Durch die Abwürfe der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki sieht sich Japan als Opfer, ist aber gleichzeitig Täter. Gäbe man das jetzt zu, wäre der Gesichtsverlust immens. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob Mörder nicht schon lange ihr Gesicht verloren haben. Vielleicht sollte Japan mal darüber nachdenken! Gehe ich vom buddhistischen Ansatz (Nichiren) aus, weiß ich, das die Mörder unter den Soldaten Japans immenses Leid in ihre Familien getragen haben. Auch aus diesem Blickwinkel wären Entschuldigungen bestimmt eine gute Idee. Es wird in Japan bestimmt von aufgeklärten Menschen Bestrebungen geben, um Verzeihung zu bitten, aber diese Regierung ist augescheinlich nicht daran interessiert. Schöne Grüße von einem deutschen Staatsbürger und Mitglied der SGID, der selber sehr viele Japaner kennt und schätzt. Die Sache mit dem verlorenen Gesicht sollten sich aber einige nochmal durch den Kopf gehen lassen, es wird Zeit um Verzeihung zu bitten!
Yuji Tamada 26.06.2015
2. Ostasiatische Probleme
Ein schönes Beispiel dafür, dass in Ostasien beileibe nicht nur die Nordkoreaner und Chinesen zur Instabilitität beitragen. Die Japaner zündeln, wo immer sie können, kräftig mit. Das aber auch nur, da sie sich vom großen [...]
Ein schönes Beispiel dafür, dass in Ostasien beileibe nicht nur die Nordkoreaner und Chinesen zur Instabilitität beitragen. Die Japaner zündeln, wo immer sie können, kräftig mit. Das aber auch nur, da sie sich vom großen Bruder USA gut beschützt fühlen. Die Symbolik spielt in Ostasiatischen Kulturen eine große Rolle, und Regierungschef Abe ist ein Meister darin, diese im Westen weitgehend unbekannten Symbole so zu nutzen, um den Nachbarn eins auszuwischen, ohne dass die Mehrheit im Westen es mitbekommt. Höhepunkt bisher war die Foto-Aktion von ihm, lächelnd mit Daumen nach oben in einem Kampfjet, auf dem die Nummer "731" prangte, die in Ostasien symbolisch für die Grauen der Japanischen Besatzungsmacht in China steht (Unit 731). Diese Insel zum Welterbe machen zu wollen, ist durchaus damit vergleichbar, wenn Deutschland plötzlich ein Nazi-Zwangsarbeitslager als Welterbe anmelden wollte.
Udo Hartmann 26.06.2015
3. Wie fürchterlich!
Man schaudert, wenn man über das Leiden liest ...
Man schaudert, wenn man über das Leiden liest ...
Till Neumann 26.06.2015
4. Man kann die Koreaner verstehen...
...aber wenn man den zwischenzeitlichen Einsatz von Zwangsarbeitern oder sonstige Verbrechen, die an einer an sich "welterbewürdigen" Stätte stattgefunden haben, zum Hindernis erklärte, müssten wahrscheinlich auch [...]
...aber wenn man den zwischenzeitlichen Einsatz von Zwangsarbeitern oder sonstige Verbrechen, die an einer an sich "welterbewürdigen" Stätte stattgefunden haben, zum Hindernis erklärte, müssten wahrscheinlich auch diverse deutsche Welterbestätten wieder von der Liste verschwinden. Während der Nazizeit waren speziell die heutigen Industriedenkmäler gegen so etwas mit Sicherheit auch nicht gerade immun.
Michael Graw 26.06.2015
5. Gesichtsverlust!
Das Verhalten der Japaner, bloß nie das Gesicht zu verlieren, führt - wie der Artikel klar macht - zum totalen Gesichtsverlust! Keine Aufarbeitung der Vergangenheit und dafür Festhalten an menschlichkeitverachtenden [...]
Das Verhalten der Japaner, bloß nie das Gesicht zu verlieren, führt - wie der Artikel klar macht - zum totalen Gesichtsverlust! Keine Aufarbeitung der Vergangenheit und dafür Festhalten an menschlichkeitverachtenden anachronistischen Traditionen.

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP