einestages

Deutsche Kapitulation in Südwestafrika

"Schutzgebiete außer Kriegsgefahr"

Hoffnungslos in Unterzahl kapitulierte die Kolonie Deutsch-Südwestafrika im Juli 1915. Wenige Jahre zuvor hatten Deutsche dort zehntausende Herero massakriert. Bis heute vermeidet die Bundesregierung den Begriff Genozid.

Tsumeb Museum
Von Jürgen Zimmerer
Mittwoch, 08.07.2015   06:15 Uhr

Mitten im Nirgendwo, beim Kilometer 500 der Otavibahn im nördlichen Deutsch-Südwestafrika, schüttelte Gouverneur Theodor Seitz am 9. Juli 1915 dem südafrikanischen Premierminister Louis Botha die Hand. Und besiegelte damit das Ende seiner Herrschaft - wenig später unterzeichnete Seitz die Kapitulation seiner Kolonie.

Die deutsche Schutztruppe von rund 5000 Mann hatte niemals eine Chance gehabt, das über 800.000 Quadratkilometer große Land erfolgreich zu verteidigen. Allein 3000 Soldaten waren Reservisten, die ihren Lebensunterhalt eigentlich als Farmer, Händler und Beamte verdienten. Rund 20.000 gut ausgerüstete Soldaten hatte dagegen das britische Dominion Südafrika aufgeboten, um das Nachbarland zu erobern.

Während die Deutschen kaum ein halbes Dutzend Autos zusammenbrachten, drangen die Südafrikaner mit hunderten motorgetriebenen Fahrzeugen vor. Verzweifelt hatte Seitz gehofft, dass die zu Menschen zweiter Klasse erniedrigten Afrikaner für ihre deutschen Kolonialherren kämpfen würden - vergeblich.

Sinnloses Töten

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit im südlichen Afrika 1910 hatte sich der Gouverneur über die mangelnde Verteidigungsfähigkeit der nur 2000 Mann betragenden aktiven Schutztruppe beklagt. "Die Schutzgebiete werden in der Nordsee verteidigt", lautete die Antwort aus Berlin. Noch am 2. August 1914, als der Erste Weltkrieg in Europa bereits begonnen hatte, war ihm aus der Reichshauptstadt gekabelt worden: "Schutzgebiete außer Kriegsgefahr".

Fünf Tage später befahl London der südafrikanischen Regierung den Angriff auf Seitz' angeblich sichere Kolonie. Louis Botha kam dieser Order bereitwillig nach, da im Nachbarland 1908 reiche Diamantenvorkommen entdeckt worden waren. Noch im Herbst 1914 besetzten seine Truppen die Hafenstädte Lüderitzbucht und Swakopmund.

Allerdings musste der Feldzug nach wenigen Tagen wieder abgebrochen werden, da aus sogenannten Afrikaanern, auch Buren genannt, bestehende Einheiten, meuterten und teilweise zu den Deutschen überliefen. Erst 1903 hatte Großbritannien die "Burenrepubliken" Transvaal und Oranje Freistaat, die von Nachkommen holländischer Siedler gegründet worden waren, erobert und später in die Südafrikanische Union eingegliedert.

Als die südafrikanischen Truppen im Januar 1915 wieder zum Angriff übergingen, konnten sich die Deutschen nur noch zurückziehen. Nachdem sie wenige Monate später die Waffen strecken mussten, waren bei der sinnlosen Verteidigung der Kolonie auf deutscher Seite 1188 Menschen ums Leben gekommen. Die Südafrikaner hatten 529 Gefallene zu beklagen.

Gnadenloser Massenmord

Während die deutschen Kolonien bereits von Truppen der Entente überrannt wurden, hegten die Strategen im weit entfernten Berlin absurde Vorstellungen: Ganz Mittelafrika würde man erobern und eine Landverbindung zwischen Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika herstellen. 1918 sollte das erweiterte Kolonialreich sogar bis ins heutige Nigeria, den Senegal und nach Kenia reichen. Theodor Seitz klammerte sich dagegen an die Hoffnung, dass ein Sieg in Europa zumindest Südwestafrika wieder unter deutsche Herrschaft bringen würde.

Tatsächlich musste er sich im Juli 1915 mit der Zusicherung zufrieden geben, dass die deutschen Farmer und Händler einstweilen im Land bleiben durften - wenn auch viele interniert wurden. Als neue Besatzungsmacht befragten die Südafrikaner die afrikanischen Einwohner des eroberten Landes über ihre Behandlung durch die Deutschen: Kaum zehn Jahre waren vergangen, seit die Schutztruppe einen Genozid an den Nationen der Nama und Herero begangen hatte. Zwischen 70.000 und 80.000 Menschen waren dem ersten von Deutschen begangenen Völkermord zum Opfer gefallen.

Mit diesen Ermittlungen verfolgten die Südafrikaner eigene Zwecke: Die schockierenden Enthüllungen wurden veröffentlicht und bei den Friedensverhandlungen 1919 in Versailles vorgelegt. So konnten sie die längst beschlossene Annexion der ehemaligen deutschen Kolonie propagandistisch begründen.

Ku-Klux-Klan in Namibia

Auch unter den neuen Machthabern erfüllte sich die Hoffnung der afrikanischen Bevölkerung auf eine Verbesserung ihrer Lage nicht. Sie blieb politisch entmündigt, ökonomisch marginalisiert und ausgebeutet. Bei der Einführung der Apartheid in Südafrika im Jahre 1948 feierte die von den Deutschen begründete Rassentrennung auch in "Südwest" offiziell ihre Wiederauferstehung. Erst am 21. März 1990 wurde Namibia schließlich nach jahrzehntelangem Befreiungskrieg unabhängig.

15.000 Deutschsprechende leben heute noch als Farmer oder Geschäftsleute im Land. Eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist allerdings bei den sogenannten Namibia-Deutschen ausgeblieben: Erst Ende Juni 2015 fanden es einige Angehörige des Karnevalsvereins in Swakopmund witzig, sich als Männer des Ku-Klux-Klan zu verkleiden.

Aber auch in Deutschland blieb die politische Aufarbeitung mit den deutschen Kolonialverbrechen bislang aus. Zwar hatte sich 2004 die damalige Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul für die hundert Jahre zuvor begangenen Gräueltaten an den Herero und Nama entschuldigt. Bundeskanzlerin, Bundespräsident und der Deutsche Bundestag haben eine Anerkennung des ersten deutschen Völkermordes bisher allerdings vermieden. Nicht zuletzt aus Angst vor Reparationsforderungen, die seit Jahren von namibischer Seite erhoben werden.

Zum 100. Jahrestag der Kapitulation der ehemaligen deutschen Kolonie übergab am 6. Juli 2015 eine Gruppe hochrangiger Herero und Nama zusammen mit Vertretern zivilgesellschaftlicher Gruppen eine Petition mit mehr als 2000 Unterschriften zur Anerkennung des Genozids an den deutschen Bundespräsidenten in Berlin.

Update: Mittlerweile hat die Bundesregierung den Massenmord an den Herero und Nama erstmals als Genozid bezeichnet. Nach Angaben des Auswärtigen Amts gilt nunmehr die Aussage "Der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908 war ein Kriegsverbrechen und Völkermord" als "politische Leitlinie".

Zur Person

insgesamt 25 Beiträge
Wolf Richy 08.07.2015
1. einseitige Darstellung
Dass es zuvor immer wieder zu Mord und Totschlag an den deutschen Siedlern gekommen ist, dass die Hereros auch von anderen schwarzen Südwestafrikanern verfolgt wurden, dass die einzige Quelle für den angeblichen Völkermord das [...]
Dass es zuvor immer wieder zu Mord und Totschlag an den deutschen Siedlern gekommen ist, dass die Hereros auch von anderen schwarzen Südwestafrikanern verfolgt wurden, dass die einzige Quelle für den angeblichen Völkermord das "Blaubuch" der Engländer ist, welches inzwischen unter Historikern als widerlegt gilt, könnte der Qualitätsjournalist mal mit erwähnen....
Mathias Völlinger 08.07.2015
2.
Bin mal, glaube ich, an der Stelle der Kapitulation vorbeigekommen. Da gibts heute einen Rastplatz an einem kleinen Wassertümpel/See. Die Leute dort sagten mir, dass das ganze eine kurze Prozedur war, und die Schutztruppen ihre [...]
Bin mal, glaube ich, an der Stelle der Kapitulation vorbeigekommen. Da gibts heute einen Rastplatz an einem kleinen Wassertümpel/See. Die Leute dort sagten mir, dass das ganze eine kurze Prozedur war, und die Schutztruppen ihre Waffen dann in den Teich warfen, wo sie heute noch drin liegen sollen.
Lutz Oberländer 08.07.2015
3. Beiträge dieser Art verursachen bei mir Bachschmerzen
Beiträge dieser Art verursachen bei mir Bachschmerzen. Die Überschrift deckt sich nur im Bruchteil mit dem Inhalt. Und dieser ist, um es vorsichtig auszudrücken, unwissenschaftlich. Die deutsche Truppen bestanden zum größten [...]
Beiträge dieser Art verursachen bei mir Bachschmerzen. Die Überschrift deckt sich nur im Bruchteil mit dem Inhalt. Und dieser ist, um es vorsichtig auszudrücken, unwissenschaftlich. Die deutsche Truppen bestanden zum größten Teil aus Reservisten - aber die Südafrikaner doch auch. Die Ausrüstung war für afrikanische Verhältnisse um 1914 gut, allein die technische Unterstützung war nicht gegeben. Natürlich fiel die Entscheidung über die Kolonie nicht in Afrika, weil der Sieg oder die Niederlage des Heimatlandes der völkerrechtlich allein entscheidende Faktor war. Südafrika zog nicht gegen Deutsch-Südwest wegen der Diamantenvorkommen in den Krieg, sondern weil dies ein kleiner Teil der britischen Kolonialpolitik während des Ersten Weltkrieges war - Diamantenvorkommen spielen da gar keine Rolle. Zudem beriefen sich die Deutschen zu Beginn des Krieges auf die Kongo-Akte, die eine Neutralität der Kolonien im Falle eines europäischen Kriegs vorsah. Daher der Funkspruch "Schutzgebiete außer Kriegsgefahr". Vielleicht wäre eine Auseinandersetzung mit diesem Thema im Hinblick auf die Rolle der einheimischen Bevölkerung während des Konfliktes und wie diese heute dazu steht mal was neues.
Wilfried Huthmacher 08.07.2015
4. Einseitige Darstellung 2
Die Hereros wurden in die Wüste getrieben und dort ihrem Schiksal überlassen. Dies ist schon von der Art Völkermorden zu unterscheiden, in denen Volksgruppen, die sich nicht wehren können, aktiv von den Streit- oder [...]
Die Hereros wurden in die Wüste getrieben und dort ihrem Schiksal überlassen. Dies ist schon von der Art Völkermorden zu unterscheiden, in denen Volksgruppen, die sich nicht wehren können, aktiv von den Streit- oder Ordnungskräften massakriert werden. Zwotens: der Befehl, die Herero in die Wüste zu treiben, ging in erster Linie von Trotha, dem militärischen Oberbefehlshaber aus und wurde bereits vor 111 Jahren auch in der Politik kontrovers diskutiert: "Während der damaligen Debatten im Reichstag wurde die Kriegführung des Generals unter anderem von dem SPD-Führer August Bebel angeprangert: "Eine solche Kriegführung kann jeder Metzgerknecht treiben, dazu braucht man nicht General oder höherer Offizier zu sein."[30] Trotha, der zur Beendigung des Krieges "die Nation als solche vernichtet" oder "aus dem Lande gewiesen" sehen wollte (Brief an den Generalstab vom 4. Oktober 1904), wurde zur Umkehr gezwungen."
Wilfried Huthmacher 08.07.2015
5. @Oberländer:
Ja seltsam, nicht wahr. Der Titel beschreibt kurz die Kapitulation der deutschen Kolonie und geht sonst auf den "Völkermord an den Hereros" ein und verunglimpft so ganz nebenbei 15000 namibische Staatsbürger deutscher [...]
Ja seltsam, nicht wahr. Der Titel beschreibt kurz die Kapitulation der deutschen Kolonie und geht sonst auf den "Völkermord an den Hereros" ein und verunglimpft so ganz nebenbei 15000 namibische Staatsbürger deutscher Herkunft wegen einer Handvoll anscheinend bierseliger Karnevalisten.

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