einestages

Entsetzen, Tränen, Drohanrufe

Der Tag, als Winnetou starb

Nach dieser Kino-Premiere 1965 erhielt der Produzent jede Menge Drohungen, der Filmfiesling nie wieder Autogrammwünsche. Der Heimgang des Häuptlings Winnetou zum großen Manitou war ein Schock für viele Zuschauer.

ddp images
Von Christoph Driessen und
Mittwoch, 14.10.2015   13:23 Uhr

Winnetou war Claudia Roths erste Liebe. Und sein Tod erschütterte sie. "Er war so galant, er war schön, er hatte ein Pferd. Ich wusste ja, dass Nscho-Tschi im ersten Band stirbt. Aber als Winnetou im dritten Band starb, war das richtig schlimm", erzählte die Grünen-Politikerin in einem Interview der "FAZ". Damals war sie Fünftklässlerin und ist "regelrecht krank geworden. Ich habe das ganze Bett nass geweint".

Und das bloß nach der Lektüre des Buches. Als Winnetous Tod aber vor genau 50 Jahren höchst melodramatisch auf die große Kinoleinwand kam, fielen die Reaktionen noch drastischer aus. Die Premiere des Films war am 14. Oktober 1965 in der Essener Lichtburg, einem Traditionskino mit dem größten Kinosaal Deutschlands für 1250 Zuschauer, laut Eigenwerbung der "Koloss der Lichtspiele".

Richtig überraschend kann der Tod der edlen Rothaut nicht gewesen sein. Längst war Winnetou der Lieblingshäuptling der Deutschen; Karl May hatte die Figur bereits 1878 erfunden und 1893 den Roman "Winnetou III" veröffentlicht, den Generationen verschlangen. Die Sterbeszene hatte also gut 70 Jahre Anlauf. Und trotzdem schien sie halb Deutschland in einen Zustand der Fassungslosigkeit zu versetzen.

Fotostrecke

Winnetous Tod: Ein Schuss, ein Schrei, das war Karl May

"Die Leute haben wohl nicht damit gerechnet", erzählte Matthias Wendlandt, Sohn des Produzenten Horst Wendlandt, viele Jahre später in einer Fernsehdokumentation. "Wir wurden hier mit Drohanrufen, mit Drohbriefen eingedeckt, es war fürchterlich."

Der in diesem Jahr verstorbene italienische Schauspieler Rik Battaglia, der als Bösewicht Rollins den tödlichen Schuss auf den Apachenhäuptling abgibt, erlebte es ähnlich: "Das ist furchtbar gewesen, wirklich schrecklich", sagte er als alter Mann. Er habe damals viele deutsche Fans gehabt, nachdem er vorher einen Film mit Hans Albers gedreht hatte. "Alle haben mir geschrieben und wollten Fotos und Autogramme. Dann habe ich Winnetou umgebracht. Danach kam der große Stopp. Niemand hat mir auch nur ein einziges Mal mehr geschrieben. Es kam auch nicht ein einziger Wunsch mehr für ein Foto oder Autogramm."

Winnetou opferte sich für seinen Blutsbruder

Im Film kämpfen Old Shatterhand, Sam Hawkens und Winnetou gemeinsam gegen Banditen, als sich Oberfiesling Rollins von hinten anschleicht und einen Schuss auf Old Shatterhand abfeuert. Winnetou wirft sich heldenhaft dazwischen, die tödliche Kugel erwischt ihn, das Ende ist nah.

Viele Ältere haben die Szene bis heute vor Augen: Der sterbende Winnetou (Pierre Brice) auf einem jener kroatischen Karstgebirge, in denen vorzugsweise gedreht wurde, gestützt von Old Shatterhand (Lex Barker). Dessen Gedanken schweifen in die Vergangenheit: Er sieht sie beide noch einmal im Kanu über den Silbersee rudern, erinnert sich daran, wie Winnetous Schwester Nscho-tschi in seinen Armen starb oder wie der Blutsbruder seiner unerfüllten Liebe Ribanna tief in die Augen blickte.

Dann galoppiert noch Iltschi heran, Winnetous treuer Rappe, und wiehert zum Abschied. Aus der Ferne erklingen die Glocken von Santa Fe, gefolgt von allerletzten Worten in der dritten Person: "Winnetous Seele muss gehen. Winnetou ist bereit. Leb wohl, mein treuer, mein..." - siehe Video:

Michael Petzel, als Karl-May-Experte Autor mehrerer Film-Bücher, war damals 13. "Ich fand das schon als Kind etwas kitschig", sagt er. "Diese pathetische Überhöhung, das hat etwas von Götterdämmerung."

Mit "Winnetou, 3. Teil" hatte die seit 1962 währende, sensationell erfolgreiche Karl-May-Serie ihren Höhepunkt erreicht oder auch schon leicht überschritten, wie Petzel meint. Winnetou-Darsteller Pierre Brice berichtete in einem Gespräch mit SPIEGEL ONLINE von den Reaktionen der Zuschauer: "Ein Aufstand war die Folge, ja beinahe eine französische Revolution. Wendlandt wurde bedroht, aufgebrachte Fans schmierten Hassparolen, und uns war klar: 'Winnetou darf nicht sterben.'"

Old Surehand fand "Sauerkraut-Western" verschroben

Und so trat Winnetou im eilig nachgeschobenen nächsten Film "Old Surehand", ebenfalls noch 1965 in den Kinos, wieder auf, als wäre nichts gewesen. Doch es wurde ein Misserfolg und langte erstmals nicht mehr zur Goldenen Leinwand, zum Preis für Kinokassenknaller. Surehand-Darsteller Stewart Granger fand die deutschen "Sauerkraut-Western" kurios und brachte das auf der Leinwand zum Ausdruck, indem er sein Gewehr wie ein Baby im Arm hielt oder Winnetou gönnerhaft auf die Schulter klopfte.

Granger und Brice lagen derart über Kreuz, dass die Dreharbeiten beinahe zum Fiasko wurden. Pierre Brice hat dem Kollegen die kapriziösen Auftritte nachhaltig verübelt, wie er in seiner Biografie "Winnetou und ich" schrieb. Ihm war klar, dass eine mythologische Heldengeschichte nur mit einer entrückten Abgehobenheit funktionieren kann. "Für Märchen taugt Ironie nicht", findet auch Karl-May-Kenner Petzel.

Im Nachhinein markiert Winnetous Eintritt in die ewigen Jagdgründe nicht nur die große Zäsur innerhalb der Karl-May-Reihe, sondern auch einen entscheidenden Moment in der Sozialisation der ersten (west-)deutschen Nachkriegsgeneration. "Winnetous Tod war der Abschied von einer deutschen Kindheit für die Enkel von Adolf Hitler, die zugleich Kinder von Coca-Cola waren", schreibt der Filmkritiker Georg Seeßlen, Autor von "Geschichte und Mythologie des Westernfilms". Drei Jahre später rebellierten schon die Studenten.

"Winnetous Tod" ist auch der Titel des dritten und letzten Teils der zurzeit von RTL produzierten Neuverfilmung des Stoffes. Wotan Wilke Möhring soll Old Shatterhand spielen ("Ein Kindheitstraum geht in Erfüllung") und Nik Xhelilaj, 32, die Winnetou-Rolle übernehmen. Viele der früheren Fans sind skeptisch, ob der albanische Schauspieler in die Mokassins des kürzlich verstorbenen Pierre Brice schlüpfen kann. Experte Petzel jedoch will ihm und dem Film eine Chance geben: "Warten wir doch erst mal ab und schauen es uns an."

insgesamt 9 Beiträge
Stephan Haag 14.10.2015
1.
Boybuilding bei den Indianer? Hätte man nicht einen anderen Schauspieler nehmen können mit halbwegs natürlichen Muskelaufbau?
Boybuilding bei den Indianer? Hätte man nicht einen anderen Schauspieler nehmen können mit halbwegs natürlichen Muskelaufbau?
Glasperlenspiel Glasperlenspiel 14.10.2015
2. Warum muß...
Frau Roth selbst bei Winnetou mitmachen?
Frau Roth selbst bei Winnetou mitmachen?
Claus S. Schönleber 14.10.2015
3. Drohanrufe? Verlorene Meinungskultur!
Am traurigsten ist nicht Winnetous Tod. Der ist bereits im Buch von Karl May, Winnetou 3, festgeschrieben. Dass aber die Reaktion auf den Ausgang eines Films, der mit der eigenen Meinung nicht übereinstimmt, sich in [...]
Am traurigsten ist nicht Winnetous Tod. Der ist bereits im Buch von Karl May, Winnetou 3, festgeschrieben. Dass aber die Reaktion auf den Ausgang eines Films, der mit der eigenen Meinung nicht übereinstimmt, sich in Drohanrufen äußert, ist der traurige Tiefpunkt einer Gesellschaft, die es nicht mehr schafft, andere Meinungen und Beschreibungsformen als die eigenen zuzulassen. Das jüngste Beispiel dieser unreifen Weltsicht konnte man an den Galgen in Dresden sehen. Um im Kontext des Winnetou-Todes zu bleiben: Winnetous Tod war sinnlos, wenn sich die Menschen als einzige Möglichkeit, sich mit Fremdem auseinander zu setzen, nur den Lynchmob vorstellen können. Wer auch nur ansatzweise den Charakter von Winnetou wie von Karl May gezeichnet verstanden hat, der kann niemals auf den Gedanken kommen, andere Menschen, seien es Politiker oder seien es Filmemacher, wegen ihrer Meinung zu bedrohen.
Otto Jaeger 14.10.2015
4.
Also ich bin (leider?) nur mit Gojko Mitic großgeworden. Mein erster Western war "Spur des Falken". Die Karl-May-Bücher waren aber im Osten auch bekannt und ich hatte einige eingeschmuggelte Exemplare. Die Filme habe [...]
Also ich bin (leider?) nur mit Gojko Mitic großgeworden. Mein erster Western war "Spur des Falken". Die Karl-May-Bücher waren aber im Osten auch bekannt und ich hatte einige eingeschmuggelte Exemplare. Die Filme habe ich später auch im (West)-Fernsehen gesehen, aber irgendwie kamen mir die immer wie eine Western-Parodie vor. Ich fand die Italo- und DEFA-Western irgendwie besser. Bei den Italo-Western war von vornherein klar, dass es eine Parodie ist und die DEFA-Western waren einfach viel authentischer.
Tim Böttcher 14.10.2015
5.
Ja ja... Die Bücher. Der Tod von Winnetou, oder auch von Rih in der persischen Parallelreihe der May-Schöpfungen. Ganz großer Herzschmerz. Ich würd zwar nicht sagen, dass ich "mein ganzes Bett" vollgeweint habe, aber [...]
Ja ja... Die Bücher. Der Tod von Winnetou, oder auch von Rih in der persischen Parallelreihe der May-Schöpfungen. Ganz großer Herzschmerz. Ich würd zwar nicht sagen, dass ich "mein ganzes Bett" vollgeweint habe, aber ein paar Tränen und Schluchzer dürftens schon gewesen sein.

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP