einestages

Erpresser Arno Funke alias Dagobert

"Ich bin ja wie ein Zombie durch die Gegend gelaufen"

Er legte Bomben, erpresste Kaufhäuser, narrte lange die Polizei. Vor genau 25 Jahren wurde "Dagobert" gefasst. Hier spricht Arno Funke, 69, über Lackdämpfe und Tricks bei Geldübergaben, seine Haft und den Job als Satirezeichner.

Christoph Soeder/ DPA
Ein Interview von
Montag, 22.04.2019   16:29 Uhr
Der Kaufhaus-Erpresser kehrt an den Tatort zurück - fast. Als Treffpunkt hat Arno Funke das Café Graffiti am Berliner Ku'damm vorgeschlagen, zwischen Kaufhaus des Westens (KaDeWe), wo er seine erste Bombe zündete, und Bahngleisen, da schüttelte er einmal spektakulär die Polizei ab. Er wolle nicht schon wieder die alten Geschichten erzählen, sagte Funke. Und schwelgt dann doch gern in der Vergangenheit. Seine Armbanduhr: noch auf Winterzeit.

einestages: Was denken Sie, wenn Sie die Stadtbahn sehen?

Funke: Ich wohne ja in der Nähe und denke nicht so viel drüber nach, wenn ich hier rumlaufe. Aber klar, da hinten bei den Gleisen ist mal ein Polizist mit gezogener Pistole auf mich zugerannt. Der hat sich dann aber hingelegt.

Funke schickte Bombendrohungen an Kaufhäuser und forderte Geld. 1988 ließ er im KaDeWe eine Rohrbombe detonieren. Als ihm die 500.000 Mark Beute nach vier Jahren ausging, drohte er wieder und legte mehrere Sprengsätze. Die Kaufhäuser sollten ihre Zahlungsbereitschaft in Zeitungsannoncen kundtun mit den Worten: "Dagobert grüßt seine Neffen" - daher der Spitzname.
Am 29. Oktober 1992 scheiterte eine Geldübergabe in Berlin-Wilmersdorf, dafür hatte Funke eine Abwurfanlage an einem Zug angebaut. Das Geldpaket landete hinter einem Zaun. Als Funke drüberklettern wollte, stürmten Polizisten heran, doch er flüchtete per Fahrrad. Bei der Pressekonferenz danach entstand das Gerücht, ein Beamter sei wegen eines glitschigen Hundehaufens gestürzt.

Funke: Eigentlich ist der auf nassem Rasen ausgerutscht, aber da haben auch viele Hunde hingemacht. Die anderen Polizisten sind ins Auto gesprungen und haben den Motor abgewürgt. Die konnten nicht hinterher, weil da der lange verkaufsoffene Donnerstag war. Die Straßen waren dicht, alles voller Autos. Nur mit dem Fahrrad konnte man durch.

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Kaufhaus-Erpresser Funke: "Fallen Sie bitte nicht mit dem Geld ins Wasser!"
Funke entkam, schickte weitere Erpresserbriefe , zündete Bomben im Bielefelder Karstadt und in der Filiale am Hermannplatz in Berlin-Neukölln. Über die Jahre verursachte er Schäden von insgesamt zehn Millionen Mark. Für Geldübergaben ersann er immer neue Basteleien: Funke schnitt ein Loch in den Boden einer Streusandkiste und stellte sie auf einen Gully, um sich das Paket von unten zu greifen. Er baute auch eine Lore, die auf einem stillgelegten Gleis wegfahren sollte. Doch die meisten Übergaben schlugen fehl - wohl auch, weil die Polizei sie manipulierte.

einestages: Bei den wenigen geglückten Übergaben haben Sie nur Papierschnipsel bekommen.

Funke: Beim ersten Paket hat sich die Polizei noch richtig Mühe gegeben. Es war mit Folie eingeschweißt. Oben sah man zwei Tausender und unten zwei Tausender, an der Seite waren Banderolen. Als ich das Paket aufgemacht habe, war es innen hohl und mit Elektronik vollgestopft.

einestages: 4000 Mark, immerhin.

Funke: Das waren kaum die Unkosten, den ganzen Stress nicht wert.

einestages: Waren Sie wütend?

Funke: Ich habe keine Freudensprünge gemacht. Aber große Emotionen habe ich nicht empfunden. Damals bin ich ja wie ein Zombie durch die Gegend gelaufen, wie in Watte gepackt.

SPIEGEL TV (2011): Der Fall "Dagobert" - Polizist trifft Erpresser

Foto: SPIEGEL TV
Nach einer Ausbildung als Lichtreklamemacher hatte sich Funke lange mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen, auch Bilder auf Autos lackiert und dabei giftige Dämpfe eingeatmet. Ein Gutachter attestierte ihm später geminderte Schuldfähigkeit: weil die Lösungsmittel das Gehirn schädigten und abstumpfend wirkten.

einestages: Mit Ihren Bomben hätten Sie Menschen töten oder verletzen können - etwa wenn ein Sprengsatz zur falschen Zeit detoniert, noch ein Wachmann oder eine Putzkraft im Gebäude gewesen wäre. Bei einer Explosion war eine Verkäuferin nur wenige Meter entfernt. Warum sind Sie dieses Risiko eingegangen?

Funke: Dieser Sprengsatz war ein besserer "Polenböller" und richtete nur geringen Schaden an, ein paar Aluleitern fielen um, und Papierschnipsel flogen durch die Luft. Ich habe immer darauf geachtet, dass keine Menschen zu Schaden kommen. Das hat im Prozess sogar ein Polizist bestätigt. Gegenüber Karstadt hatte ich damals nicht so große Schuldgefühle, das ist ein Konzern und schien mir sehr abstrakt. Ich bin von meiner kriminellen Karriere nicht begeistert, aber sie ist ein Teil meiner Biografie, mit dem ich leben muss. Heute tut mir es leid, dass etliche Leute wegen mir gelitten haben. Verkäuferinnen sind mit einem unguten Gefühl zur Arbeit gegangen, Polizisten mussten Überstunden schieben. Mein erster Vernehmer begrüßte mich mit den Worten: "Schön, dass Sie gefasst sind. Meine Frau wird glücklich sein. Was meinen Sie, wie viele Familienfeiern ich wegen Ihnen verpasst habe?"

Am 22. April 1994 endete das lange Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Die Soko Dagobert fasste den Erpresser an einer Telefonzelle in Berlin-Treptow. Er wurde zu neun Jahren Haft verurteilt.

einestages: Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Funke: Die fanden das alle nicht so schlimm. Verstoßen hat mich von meinen Bekannten nicht ein einziger.

einestages: Angeblich wusste nicht einmal Ihre Frau über Ihre Taten Bescheid. Handelten Sie wirklich allein?

Funke: Ich sag' mal so: Wer weiß, ob da nicht doch jemand was wusste.

einestages: Wie kamen Sie im Gefängnis zurecht?

Funke: Ich war dort Hofarbeiter, habe Laub gefegt und Blumen gegossen. Da flog schon mal ein Drogenpäckchen über die Mauer, dann standen die anderen Häftlinge bei mir in der Zelle und fragten, ob ich es abholen kann. Das habe ich abgelehnt. Amüsiert waren die nicht, richtig angefasst hat mich aber niemand.

einestages: Hatten Sie als Dagobert einen Sonderstatus?

Funke: Unter den Häftlingen nicht. Nur einmal erschien einer in meiner Zelle und sagte, er sei von der PKK, ob ich da mitmachen und mal was für sie basteln möchte. Da habe ich gesagt: "Das ehrt mich, aber ich glaube nicht, dass ich dafür Zeit habe." Hätte ich ja gesagt, wäre ich jetzt schon tot. Oder vielleicht General, wer weiß.

einestages: Wann wurde Ihre Krankheit besser?

Funke: Zweieinhalb Jahre habe ich im Knast Antidepressiva genommen, die haben geholfen. Ein Gutachter meinte, dass diese hirnorganische Störung weggeht, es jedoch lange dauern kann. Ein bisschen was ist immer noch da, aber ich komme damit zurecht. In der Haft sagte mein Psychiater nach der dritten Sitzung: "Herr Funke, Sie sind völlig normal." Danach haben wir uns einmal die Woche gemütlich unterhalten.

einestages: Wegen guter Führung wurde die Haftstrafe auf sechs Jahre reduziert, Sie kamen in den offenen Vollzug. Wie war es, als Sie wieder auf die Straße durften?

Funke: Eine "Bild"-Reporterin hat im Auto vor der Anstalt gewartet, bis ich rausgehe. Am nächsten Tag erschien ein großes Foto und die Überschrift: "Designerkleidung, Markenfahrrad und teure Markenschuhe - woher hat er das Geld?" Dabei hatte ich das Rad für 50 Mark vom Schrotthändler und die Schuhe aus dem Quelle-Katalog, die Jacke von C&A.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:22 Uhr
Ohne Gewähr

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Arno Funke
Mein Leben als Dagobert

Verlag:
Ch. Links Verlag
Seiten:
316
Preis:
14,44 Euro

einestages: Und wie wurden Sie Karikaturist bei der Satirezeitschrift "Eulenspiegel"?

Funke: Kurz nach meiner Verhaftung kam ein Brief, ob ich nicht Witze über Polizisten zeichnen möchte - die hatten wohl mitbekommen, dass ich das ganz gut kann. Mir schien das vor dem Prozess nicht angebracht. Als das Urteil gefällt war, habe ich mich bei der Redaktion gemeldet, hochoffiziell mit Arbeitsproben.

Funke, entlassen im August 2000, schrieb zwei Bücher , entwarf das Bühnenbild für die Solotour von Puhdys-Sänger Dieter "Quaster" Hertrampf und hielt vor Studenten Vorträge über Resozialisierung. 2013 ging er ins RTL- Dschungelcamp und überwies die 40.000 Euro Honorar an Karstadt.

einestages: Andere Verbrecher werden nach ihrer Haft gemieden. Warum war das bei Ihnen anders?

Funke: Vielleicht haben die Leute gespürt, dass ich nicht der hochkriminelle Charakter bin. Das Räuber-und-Gendarm-Spiel faszinierte viele. Einige haben mir im Stillen gesagt: "Ich habe ja auch schon mal dran gedacht, mich dann aber nicht getraut." Eine latente Bereitschaft ist bei vielen Leuten vorhanden, so eine gewisse Abenteuerlust.

einestages: Was für Leute waren das?

Funke: Vor allem Männer. Auffällig ist auch, dass ich fast alle meine Lesungen in Osten hatte. Von Darst bis Dresden habe ich jede Stadt bereist. Im Westen war ich nur ein einziges Mal, bei Stuttgart, aber da kam die Veranstalterin aus dem Osten. Auch als West-Berliner habe ich viel Verständnis für das Leben im Osten vor der Wende, dieses Durchwurschteln, Umgehen von Vorschriften und die Mentalität: "Was gegen den Staat ist, ist gut." Deshalb hatte ich wohl bei den Ostdeutschen einen Stein im Brett. Das KaDeWe und diese ganzen Kaufhäuser sind Symbole für eine neue Welt, in der sie sich auf einmal zurechtfinden mussten und die für viele Unsicherheit und Nachteile gebracht hat.

SPIEGEL-TV (1994): Geschäfte mit Dagobert

Foto: SPIEGEL TV

einestages: Sehen Sie sich als eine Art Robin Hood?

Funke: Damals ging es mir nur um meine Person: Ich wollte überleben und brauchte Geld. Das war der Antrieb, das Ganze durchzuziehen.

einestages: Gab es Anwürfe, weil es Ihnen als früherem Verbrecher ziemlich gut zu gehen scheint?

Funke: Als ich aus dem Knast kam, berichtete eine kleine Zeitung über meinen Job als Karikaturist. Sofort kam ein Leserbrief: "Wieso hat der Typ schon wieder Arbeit, wenn unbescholtene Bürger arbeitslos auf der Straße stehen." Wenn da gestanden hätte, ich würde Sozialhilfe beziehen, hätte es geheißen: "Arbeitsscheues Gesindel und Sozialschmarotzer."

einestages: Haben Sie mal überlegt, die Seite zu wechseln?

Funke: Die Polizei ist nie an mich herangetreten. Die haben ja auch gute Leute, Psychologen und alles. Als diese DHL-Erpressungen waren, hat mich das Fernsehen kontaktiert, ob ich denen nicht was erzählen kann. Ein Sender hat sogar ordentlich Geld geboten, aber ich habe abgelehnt. Was hätte ich schon sagen sollen? Ich wusste auch nicht mehr, als in der Zeitung steht. Außerdem will ich der Polizei nicht ins Handwerk reden.

einestages: Welche technischen Geräte hätten Sie damals als Krimineller gern gehabt?

Funke: Konkretes will ich nicht verraten, aber im einschlägigen Handel gäbe es da schon interessante Sachen. Klar, eine Drohne wäre nicht schlecht gewesen. Die waren damals noch nicht so weit.

insgesamt 7 Beiträge
Axel Schwarz 22.04.2019
1. Statt
Darst ist wohl Darß besser? Oder richtig?
Darst ist wohl Darß besser? Oder richtig?
Martin Hagenspiegel 22.04.2019
2. Geliebt
Die Leute haben ihn geliebt. Wie im Interview angedeutet, hat er heimlichen Wünsche der Leute Realität werden lassen.
Die Leute haben ihn geliebt. Wie im Interview angedeutet, hat er heimlichen Wünsche der Leute Realität werden lassen.
Reinhard Lehmann 23.04.2019
3. Eine tolle Geschichte
Eine tolle Geschichte, die uns damals als 14/15 jährige Schüler sehr fasziniert hat. Ich hatte eigens einen Hefter mit einigen Artikeln über ihn angelegt, wir haben sogar einen Erpresserbrief im Dagobert-Stil auf der [...]
Eine tolle Geschichte, die uns damals als 14/15 jährige Schüler sehr fasziniert hat. Ich hatte eigens einen Hefter mit einigen Artikeln über ihn angelegt, wir haben sogar einen Erpresserbrief im Dagobert-Stil auf der Schreibmaschine gehackt. Dagobert war vermutlich ein Zeichen der frühen 90er Jahre, eine tolle Zeit. Auf einmal konnte man alles kaufen, hatte aber gleichzeitig keine Kohle. Als er dann in der Telefonzelle geschnappt wurde, war das natürlich für uns sehr schade, da der ganze Spass vorbei war.
Horst Jungsbluth 23.04.2019
4. Verbrechen machen berühmt
Ich habe absolut kein Verständnis dafür, dass schwere Verbrechen wie Erpressung und das Legen von Bomben mit einem Augenzwinkern und sogar Anerkennung hingenommen wird und der Täter wie ein Held gefeiert wird.
Ich habe absolut kein Verständnis dafür, dass schwere Verbrechen wie Erpressung und das Legen von Bomben mit einem Augenzwinkern und sogar Anerkennung hingenommen wird und der Täter wie ein Held gefeiert wird.
Hans-Gerd Wendt 23.04.2019
5. Verstehen
Her Funke hatte und hat wohl irgendwie verstanden, wie diese Republik funktioniert. Im Grunde ist bei seinen "Untaten" niemand wirklich zu Schaden gekommen. Bei sehr vielen Managern und Bankstern sieht das ganz anders [...]
Her Funke hatte und hat wohl irgendwie verstanden, wie diese Republik funktioniert. Im Grunde ist bei seinen "Untaten" niemand wirklich zu Schaden gekommen. Bei sehr vielen Managern und Bankstern sieht das ganz anders aus. Die Schäden, die die Betrügereien dieser Leute anrichten, betreffen sehr, sehr viele Menschen...

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