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Komparse in "V wie Vendetta"

Mein Unterschenkel für Natalie Portman

Er war dünn und sah irgendwie ausgehungert aus - Tobias Mandelartz schien der perfekte Stastist für eine Hollywood-Filmleiche in einem Sci-Fi-Streifen. Nur schlecht, wenn es so heiß ist, dass die aufwendigen Plastikwunden langsam an einem runterrutschen.

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Freitag, 27.03.2009   13:21 Uhr

Zwei Tage nach meinem Komparsen-Einsatz als Leiche bei den Dreharbeiten zu "V wie Vendetta" erhielt ich einen Anruf von der Agentur. Nicht von Agenturmitarbeiterin Sabine, mit der ich bis dahin zu tun gehabt hatte, sondern von der Chefin persönlich. "Tausendmal sorry", das hätte ihr ja keiner gesagt, und so etwas würden ja nur Amerikaner drehen, Deutsche wären da irgendwie pietätvoller, und ob ich noch Sand im Ohr hätte. Und ob ich vielleicht, eventuell, naja, bereit wäre, vielleicht noch 'ne Szene zu drehen, aber diesmal als noch lebendiger Lagerinsasse.

Und ob ich bereit war. Mich konnte nichts mehr erschüttern. Diesmal wurde in Babelsberg gedreht, in der legendären Marlene-Dietrich-Halle, dem größten Filmstudio Kontinentaleuropas. Nebenan entstanden die RTL-Seifenoper "Gute Zeiten - Schlechte Zeiten" und die Telenovela des ZDF, und mittendrin standen mal wieder wir dünnen Kerle ohne Haare auf dem Kopf, aber dafür mit vielen Wunden. Anscheinend sollte es eine Nahaufnahme geben, denn die Maske dauerte diesmal mehr als drei Stunden, und die Maskenbildnerin platzte vor Stolz über ihre Eiterpickel (nein, nicht ihre, sondern die, die sie mir verpasste). Nach fünf Stunden des Wartens wurde der Dreh auf die nächste Woche verschoben.

Ein schöner Tag im Mai

Am 2. Mai mussten wir schon morgens um halb acht Uhr in der Maske sein, es schien ein schöner Tag zu werden, die Sonne schien. Beim Schminken waren wir mittlerweile Profis, die Grundierung in Leichengrau konnten wir schon selbst. Insgesamt dreißig Statisten wurden an diesem Morgen in malträtierte Opfer verwandelt, um 10 Uhr waren die meisten fertig. Ich sah diesmal besonders eklig aus, eine Gesichtshälfte verschwand fast unter einer großflächigen offenen Silikon-Wunde. Und dann begann das Warten.

Und Warten.

Und Warten.

Es war der heißeste 2. Mai seit 100 Jahren.

Mit Silikon zugepflastert saß ich im Schatten und bemühte mich, nicht daran zu denken, wie entsetzlich es unter meinen diversen Wunden juckte. Eine besonders dicke Wunde am Hinterkopf begann im Laufe des Tages, langsam zentimeterweise herunterzurutschen. Irgendwann setzte ich mich vor eine Caféteria und versuchte, ein Eis zu essen, was nicht einfach war, da ich den Mund nicht sehr weit öffnen konnte.

Zwei Frauen kamen vorbei, beide im Business-Outfit, sie unterhielten sich, sahen mich kurz an, gingen weiter, stutzten, kamen zurück. Die eine begutachtete mich. Das war ich schon gewohnt. "Oh Gott, das ist aber nicht echt, oder?"

"Was?" - "Na, die Verletzungen."

Nein, tu's nicht, sagte eine innere Stimme in mir. Doch, ich tu's!

"Natürlich sind die echt!"

"Wie bitte?" - "Na klar. Ich komm frisch aus'm Unfallklinikum Marzahn, da war'n Anschlag am Schwarzen Brett, die suchen Leute mit großflächigen Verletzungen im Gesicht für 'nen Film, ich hab da angerufen und die haben mich sofort genommen."

Sadistische Ärztinnen

"Oh Gott, was ist Ihnen denn passiert?" - "Fahrradunfall, bin über'n Lenker geknallt, mit dem Gesicht auf die Straße." Die eine Frau kam mit ihrem Gesicht ganz nah an mich heran, und ich guckte sie leidend an. "Ja natürlich, das sieht man doch, das ist echt, das muss echt sein." Wir unterhielten uns dann noch ein bisschen über die Gefahren im Straßenverkehr und die Rücksichtslosigkeit der Autofahrer, und sie wünschten mir gute Besserung. Ich rannte sofort zu meiner Maskenbildnerin und erzählte ihr das Erlebte, und wir beide kicherten noch sehr lange.

Bis mir ein Kollege erzählte, dass die beiden Frauen auch Schauspielerinnen seien. Sie würden in der Szene, die wir heute drehen, die sadistischen Ärztinnen spielen, die uns in einem Labor eine Spritze verpassen. Da kicherten wir erstmal nicht mehr. Ich hab dann noch versucht, möglichst viele meiner Kollegen dazu zu bewegen, ebenfalls zu erzählen, sie seien echte Unfallopfer, aber da wollte keiner so recht mitmachen, dafür war es einfach zu heiß.

Die Szene war schnell im Kasten, nach nur 18 Versuchen. Wir standen dabei einfach nur dumm in einer Reihe in einem grell ausgeleuchteten Labor und sahen leidend aus. Schauspielerischer Qualitäten bedurfte es dazu nicht - nicht nach zehn Stunden Warten. Der Dreh hätte noch schneller klappen können, wenn die sadistischen Ärztinnen sich nicht immer mit den unechten Spritzen bekleckert hätten.

Drehtag für meinem linken Unterschenkel

Von der Marlene-Dietrich-Halle sah ich an diesem Tag leider nichts außer einem dunklen Flur und dem Klo, aber immerhin. Eine Woche später gab es dann noch einen Drehtag für mich: Ich stellte tapfer meinen linken Unterschenkel zur Verfügung, auf den sich - leidend - Natalie Portman legen durfte. Dass für diese eine kurze Nachaufnahme im Vorgarten des Studios eine Ecke des berüchtigten Lochs nachgestellt wurde, ich aber bequem auf einer sandfarbenen Matratze lag, erfüllte mich mit Enttäuschung. Was würde der Kinogänger später sehen? Und was würde er denken?

Die Agenturchefin war begeistert von mir. Ich traf sie, als ich meine Endabrechnung machte, und sie raunte mir zu, dass da noch Bedarf sei. Die Amerikaner würden wieder drehen, diesmal einen Zweiten-Weltkriegs-Film, auch mit KZ und so, und da bräuchte sie ganz viele Typen wie mich. Ich wäre doch sicherlich wieder dabei, oder? Natürlich, ich bin dabei.

insgesamt 3 Beiträge
Norbert Polster 29.03.2009
1.
Schöne Geschichte - interessantes Thema, gut geschrieben - und dann sowas: "...entstanden "Gute Zeiten - Schlechte Zeiten", die Telenovela des ZDF..." ZDF??? Ich dachte immer RTL...
Schöne Geschichte - interessantes Thema, gut geschrieben - und dann sowas: "...entstanden "Gute Zeiten - Schlechte Zeiten", die Telenovela des ZDF..." ZDF??? Ich dachte immer RTL...
Tobias Mandelartz 30.03.2009
2.
ich muss zu meiner Ehrenrettung sagen, dass die einesTages-Redaktion meinen Text ein ganz klein wenig kürzte, im Original heisst es: Nebenan wird "Gute Zeiten - Schlechte Zeiten" gedreht, um die Ecke die Telenovela [...]
ich muss zu meiner Ehrenrettung sagen, dass die einesTages-Redaktion meinen Text ein ganz klein wenig kürzte, im Original heisst es: Nebenan wird "Gute Zeiten - Schlechte Zeiten" gedreht, um die Ecke die Telenovela des ZDF, und mittendrin mal wieder wir dünnen Kerle ohne Haare auf dem Kopf,..." Ansonsten haben Sie natürlich völlig recht.
Redaktion SPIEGEL ONLINE, einestages.de 30.03.2009
3.
Wir bitten um Entschuldigung. Bei der Kürzung hat sich tatsächlich dieser Fehler eingeschlichen. Wir haben die Stelle nun korrigiert. Ihre Redaktion einestages
Wir bitten um Entschuldigung. Bei der Kürzung hat sich tatsächlich dieser Fehler eingeschlichen. Wir haben die Stelle nun korrigiert. Ihre Redaktion einestages

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