einestages

Kriegsende

Todessalven an der Netze

Massaker aus Vergeltung: Als deutsche Soldaten in den letzten Kriegsmonaten einen Major der Roten Armee töteten, ließ die Reaktion der Sowjets nicht lange auf sich warten. Guenter Werk erfuhr davon, als er nach dem Krieg seinen Großvater suchte.

Guenter Werk

Ein Erklärung über den Tod von Otto Werk im Februar 1945

Sonntag, 28.06.2009   17:37 Uhr

Nach den Verheerungen des Zweiten Weltkrieges begann für viele Menschen die Suche nach ihren Angehörigen. So auch für mich. Nach der Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft war der Verbleib meines Großvaters, der in dem Dorf Brenkenhofsbruch im Netzetal in Pommern gelebt hatte, noch immer ungewiss. Eine schwierige Suche begann, an deren Ende mir eine Zeugin der damaligen Ereignisse in Brenkenhofsbruch Gewissheit über das Schicksal meines Großvaters verschaffte.

Mein Großvater war Schneidermeister und Kleinlandwirt. Er bewirtschaftete zusammen mit meiner Großmutter etwa 20 Morgen Land und blickte auf 80 Obstbäume. Er war ein Alleskönner, den der frühe Verlust eines seiner Söhne tief getroffen hat, aber nie hat resignieren lassen. Seine Welt waren sein Handwerk, die zwei Milchkühe, das Dutzend Schweine, ein gemischtes Hühnervolk und die Pflaumenbäume, die den Feldweg säumten, der zu dem reetgedeckten Haus führten. Und schließlich das Dorf, in dem er sich immer wieder als hilfsbereiter Nachbar erwies. Über Politik sprach er nie.

Viele Sommerferien erlebte ich bei ihm. Wenn er nicht seiner Schneidersarbeit nachging, kümmerte er sich um die vielen anderen Dinge, die erledigt werden mussten. Er gab der trächtigen Sau einen gekonnten Einlauf, schiente das gebrochene Bein eines Junghuhnes, kelterte starken Johannisbeerwein oder mähte das weite Kornfeld mit der Sense, während meine Großmutter und ich die Garben aufstellten. Er war ein friedlicher Mann. Als mein Vater 1918 freiwillig in den Krieg ziehen wollte, versagte er es ihm. Er wollte seinen Sohn nicht verlieren. Kurz vor meiner Einberufung zum Wehrdienst 1942 sah ich ihn zum letzten Mal. Dass er gegen Ende des Krieges einem Massaker zum Opfer fiel, das die Rotarmisten an den Dorfbewohnern anrichteten, erfuhr ich erst nach längeren Nachforschungen.

Ziehharmonika zum grausigen Geschehen

Im Januar 1945 rückten die sowjetischen Truppen immer näher. Ihr Eintreffen war nur noch eine Frage der Zeit. Flüchtlinge zogen in kilometerlangen Trecks, oft zusammen mit versprengten Soldaten die Hauptstraßen entlang. In Altbarke, einem Dorf am Nordrand des Netzebruchs, unterhielt die Rote Armee eine Kommandostellung. Ein russischer Major kam zusammen mit einem Fahrer und noch einem weiteren Soldaten nach Brenkenhofsbruch.

Der Soldat verließ in der Mitte des Dorfes das Auto, um eines der Gehöfte zu erkunden. Der Major fuhr weiter und kam in die Nähe des Netzewalles. Dort postierte deutsche Soldaten schossen mit der Panzerfaust und töteten den Major. Das russische Kommando wurde von dem zurückgebliebenen Russen alarmiert. Umgehend kam ein Vergeltungskommando nach Brenkenhofsbruch.

Wahllos wurden die Bewohner des Dorfes zusammengetrieben, ein sowjetischer Soldat spielte während des schrecklichen Ereignisses Ziehharmonika. Ein anwesender polnischer Arbeiter konnte erreichen, dass Frauen und Kinder beiseite genommen wurden und rettete sie so vor dem sicheren Tod. Die 55 übrig gebliebenen Männer wurden mit Maschinengewehrsalven getötet. Einer dieser Männer war mein Großvater.

Eine Frau, die sich bei der anschließenden Plünderung des Dorfs tot gestellt hatte, konnte entkommen. Sie lebte noch bis zur Vertreibung am 25. Juni 1945 auf ihrem Gehöft. Als eine der wenigen Zeugen erzählte sie mir später davon, wie mein Großvater umgekommen war. Die Opfer des Massakers wurden in einem Massengrab vor der Kirche in Gottschimmerbruch beigesetzt. Ein zufällig anwesender Pfarrer, der auf der Flucht war, gab ihnen den letzten Segen.

insgesamt 3 Beiträge
Gaby Jacob 07.01.2010
1.
Sehr geehrter Herr Werk Den Beitrag von den Todessalven an der Netze habe ich mit Interesse gelesen. Ich bin zwar kein Zeitzeuge aber meine Großeltern väterlicherseits sind dabei beide ums Leben gekommen.Mein Vater war damals 6 [...]
Sehr geehrter Herr Werk Den Beitrag von den Todessalven an der Netze habe ich mit Interesse gelesen. Ich bin zwar kein Zeitzeuge aber meine Großeltern väterlicherseits sind dabei beide ums Leben gekommen.Mein Vater war damals 6 Jahre alt und er war mit seiner Tante unterwegs. Als Kind habe ich lange nicht gewußt was wirklich war.Da wir in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind.
Guenter Werk 11.01.2010
2.
>Sehr geehrter Herr Werk >Den Beitrag von den Todessalven an der Netze habe ich mit Interesse gelesen. Ich bin zwar kein Zeitzeuge aber meine Großeltern väterlicherseits sind dabei beide ums Leben gekommen.Mein Vater war [...]
>Sehr geehrter Herr Werk >Den Beitrag von den Todessalven an der Netze habe ich mit Interesse gelesen. Ich bin zwar kein Zeitzeuge aber meine Großeltern väterlicherseits sind dabei beide ums Leben gekommen.Mein Vater war damals 6 Jahre alt und er war mit seiner Tante unterwegs. >Als Kind habe ich lange nicht gewußt was wirklich war.Da wir in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind.
Guenter Werk 26.01.2010
3.
>Sehr geehrter Herr Werk >Den Beitrag von den Todessalven an der Netze habe ich mit Interesse gelesen. Ich bin zwar kein Zeitzeuge aber meine Großeltern väterlicherseits sind dabei beide ums Leben gekommen.Mein Vater war [...]
>Sehr geehrter Herr Werk >Den Beitrag von den Todessalven an der Netze habe ich mit Interesse gelesen. Ich bin zwar kein Zeitzeuge aber meine Großeltern väterlicherseits sind dabei beide ums Leben gekommen.Mein Vater war damals 6 Jahre alt und er war mit seiner Tante unterwegs. >Als Kind habe ich lange nicht gewußt was wirklich war.Da wir in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind. Sehr geehrte Frau Jacob, durch mein Fehlverhalten kann ich erst heute antworten. Wenn Sie ganz persönliche Einzelheiten von mir erfahren wollen, bitte per E-Mail: gowerkeuropax@t-online.de

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP