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Kriegsheimkehrer

"Meine Jugend lag hinter mir"

Seine Eltern waren tot, das Zuhause zerbombt: Als 23-Jähriger kam Gerhard Lange 1948 aus der Kriegsgefangenschaft nach Hamburg zurück. Er bemühte sich, ins Leben zurückzufinden, doch die deutschen Behörden machten es ihm schwer.

Samstag, 03.05.2014   09:29 Uhr

Als der Zweite Weltkrieg vorüber war, kam ich im Mai 1945 in britische Kriegsgefangenschaft. Insgesamt drei Jahre sollte ich in England bleiben. Sogenannte Antifaschisten oder diejenigen, die als solche eingestuft worden waren, konnten bereits Anfang 1947 in die Heimat zurückkehren. Für alle Übrigen rückte Ende des Jahres die Repatriierung immer näher.

Jetzt ging es nur noch nach dem Zeitpunkt der Gefangennahme. Im Mai 1948 wurde ich schließlich von England nach Munster-Lager in der Lüneburger Heide verlegt und dort mit einigen hundert anderen Männern aus der Kriegsgefangenschaft entlassen.

Fast sechs Jahre waren vergangen, seit ich im Sommer 1942 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen worden war. Mit 23 Jahren kam ich jetzt als Zivilist nach Hamburg zurück. Meine Jugend lag hinter mir. Aber so erging es allen Gleichaltrigen. Wir kehrten "heim" mit Erfahrungen, die keiner hier brauchte. Es fiel uns schwer, dort wieder anzuknüpfen, wo unser Leben vor vielen Jahren unterbrochen worden war.

Familie verloren

Wohin in Hamburg? Meine Eltern lebten nicht mehr, unser Zuhause war zerstört. Mein Onkel wohnte mit seiner Frau und den beiden Kindern in einem einzigen Zimmer. Sonst war von unserer Familie keiner mehr da.

Hamburg sah zwar nicht mehr ganz so schlimm aus wie 1943/44, aber ein Aufschwung machte sich erst allmählich nach der Währungsreform im Juni 1948 bemerkbar. Als ich zurückkehrte, waren noch sehr viele Schäden in der Innenstadt und den benachbarten Stadtteilen sichtbar. Das Gebiet südlich der Hammer Landstraße war weitgehend eine Trümmerlandschaft.

Als ich bei der Zentralen Meldestelle keine Wohnadresse in Hamburg angeben konnte, schickte man mich zu der Sammelunterkunft im Hochbunker am Hauptbahnhof. An der Stelle befindet sich heute der Zentrale Omnibusbahnhof ZOB. Zuerst fuhr ich aber erst einmal in unsere alte Wohngegend, nach Marienthal in die Löwenstraße, die inzwischen Rantzaustraße hieß.

Dort besuchte ich die Familie meines alten Schulfreundes, mit dem ich bereits aus der Gefangenschaft einige Briefe gewechselt hatte. Ebenfalls 1943 ausgebombt, hatten seine Eltern sich in ihrem Garten ein kleines Haus bauen lassen. Ich wurde dort herzlich empfangen. Und als ich von meiner zukünftigen Wohnung im Hochbunker am Hauptbahnhof sprach, lud man mich spontan zum Bleiben ein.

Haushalten ohne Kühlschrank und Waschmaschine

Trotz räumlicher Enge fand ich bei dieser Familie wieder ein Zuhause und wurde als dritter Sohn oder fünftes Familienmitglied integriert, in einer Zeit, in der das Leben voller Entbehrungen war. Nicht nur, dass es in den ersten Nachkriegsjahren schwierig war, für das tägliche Essen zu sorgen. Heute kaum noch vorstellbare häusliche Probleme - Wäschewaschen für eine große Familie mit der Hand und die Aufbewahrung von Lebensmitteln ohne Kühlschrank - erschwerten einer Hausfrau erheblich das Leben.

Umso dankbarer und glücklicher war ich, dass ich so bereitwillig aufgenommen wurde. Was ich damals in die Haushaltskasse einbringen konnte, war so wenig, dass ich ohne dieses großherzige Verhalten meiner Freunde in ernste Schwierigkeiten gekommen wäre.

Meine prekäre Lage hing damit zusammen, dass aus dem Krieg zurückgekehrte Beamtenanwärter noch einmal genau überprüft wurden. Seit April 1941 war ich Anwärter im Gehobenen Dienst der Reichsfinanzverwaltung und hatte einen einjährigen Lehrgang auf einer sogenannten Reichsfinanzschule in Bayern mit dem Prädikat "gut" abgeschlossen. Aus diesem Grund hatte ich mich während meines Wehrdienstes und der anschließenden Gefangenschaft stets als im Staatsdienst beschäftigt angesehen.

Zu viele Kandidaten für den Beamtendienst

Im Gehobenen Dienst musste man nach Kriegsende seine Eignung aber nochmals nachweisen. In jenen Jahren kamen viele Beamte aus den Ostgebieten nach Hamburg, und Abiturienten drängten in den Staatsdienst nach. Da die Auswahl an Kandidaten groß war, wollten die Behörden die Gelegenheit nutzen, unter denen, die im "Dritten Reich" ausgebildet worden waren, aber noch keinen Abschluss hatten, alle als ungeeignet Erkennbaren auszusortieren.

Etwa zehn Tage nach meiner Rückkehr musste ich mich Anfang Juni 1948 mit etwa zehn anderen Heimkehrern einer Eignungsprüfung unterziehen. Da Fachkenntnisse damals nicht überprüft werden konnten, wurde unsere allgemeine Intelligenz getestet. Ich hatte keine Befürchtungen, obwohl ich gehört hatte, dass sich andere Prüfungskandidaten Sorgen machten. Und tatsächlich fiel es mir nicht schwer, einen Aufsatz zum Thema "Das Buch, der Freund des Menschen" zu schreiben.

An den Anfang und das Ende setzte ich ein Sprichwort. Von der Geschichte der Buchherstellung und Druckkunst leitete ich dann zum modernen Medium über und schrieb über den Wert des Buches in der Fach- und der Unterhaltungsliteratur. Letztere erschien besonders für Einsame und Kranke wertvoll zu sein. Ich schloss mit der Feststellung, dass ständiges Lesen von guten Büchern die Vorstellungskraft anrege und fördere. Auch die Rechenaufgaben erledigte ich ohne Probleme.

Einige Wochen später wurden wir zur Personalabteilung auf die Oberfinanzdirektion bestellt, um unsere Prüfungsergebnisse in Empfang zu nehmen. Als ich an die Reihe kam, wurde Rechnen nicht weiter erwähnt. Dafür wurde mein Aufsatz umso heftiger kritisiert. Der Inhalt kam nicht weiter zur Sprache, doch meine Sprichwörter wurden quasi als geistesschwach abqualifiziert.

Wegen Sprichwort als "ungeeignet" ausgesiebt

"Sag mir, was du liest, und ich sag dir, wer du bist" möge ja gerade noch angehen, sagte man mir. Das Sprichwort "Ein Mensch von Geist ist nie allein" wurde mir aber höhnisch um die Ohren gehauen. Im Gehobenen Dienst könne man nur Leute gebrauchen, die verständliche Briefe und Berichte schreiben könnten. Diese Fähigkeit fehle mir offensichtlich völlig. Darauf konnte ich nichts mehr erwidern. Ich hatte mich als ungeeignet "zu erkennen gegeben".

Wir "Ungeeigneten" wurden dann aber doch gnädig als Anwärter für den Mittleren Dienst zugelassen und neu eingestellt. Ich musste mit monatlich 70 Reichsmark auskommen. Und diesen Höchstbetrag erhielt ich nur, weil ich keine Eltern mehr hatte und somit auf das Geld dringend angewiesen war. Ein Jahr später bestand ich eine Prüfung mit einem so guten Ergebnis, dass derselbe Beamte, der so vernichtend über mich geurteilt hatte, auf einmal der Ansicht war, ich müsse sofort in den Gehobenen Dienst aufsteigen. Offensichtlich hat er mich nicht erkannt, aber natürlich war das auch nur leeres Gerede.

Weitere drei Jahre später hatte ich erstmals eine realistische Möglichkeit, wieder aufzusteigen. Als jedoch ein anderer Anwärter aus "Dienstalters-Gründen" vorgezogen wurde, hatte ich endgültig genug. Trotz Protest wurden meine effektive Dienstzeit seit April 1941 und mein Jahr auf der Reichsfinanzschule nicht berücksichtigt. Selbstverständlich gönnte ich meinem Kollegen seinen Aufstieg, konnte mich aber nicht ein weiteres Mal mit einer aus meiner Sicht ungerechten Behandlung abfinden.

Neues Leben in Übersee

Behörden hatten für mich jeden Reiz verloren, obwohl ich 1952 schließlich zum Beamten auf Lebenszeit ernannt wurde. Als Auswanderer in Übersee wollte ich mir dann selbst beweisen, wozu ich fähig war. Zum Glück war ich unversehrt aus Krieg und Gefangenschaft zurückgekommen. Ich hatte noch genügend Jahre vor mir, um zu versuchen, wenigstens einen Teil der verlorenen Zeit nachzuholen. Dies gelang mir - wenn auch nicht in Hamburg, so doch in Australien, Südafrika und später in Stuttgart.

Weitere Erzählungen finden Sie auf meiner Website www.gelahh.de und in meinem Buch "75 Jahre im 20. Jahrhundert".

insgesamt 16 Beiträge
helmut emporda 03.05.2014
1. Heute noch Schwierigkeiten
Ich war bei Kriegsende 6 1/2 Jahre alt, das zu Hause in Hinterpommern verloren, der Vater, ein Rentner und Invalide des WW I ermordet, die Geschwister verschollen, die Mutter mit 50 seelisch gebrochen. Wir wurden immer nur [...]
Ich war bei Kriegsende 6 1/2 Jahre alt, das zu Hause in Hinterpommern verloren, der Vater, ein Rentner und Invalide des WW I ermordet, die Geschwister verschollen, die Mutter mit 50 seelisch gebrochen. Wir wurden immer nur rumgestoßenn und in 6 Jahren 13 Mal umgezogen. Selbst heute dauernd die Schwierigkeiten an, ich brauche als Deutscher in Deutschland geboren hier in Spanien 9 Monate einen neuen Pass ausgestellt zu bekommen. Meine Zugehörigkeit sei ohne Geburtsurkunde fraglich sagen die Sesselfurzer
Manfred Kuscholke 03.05.2014
2. Die verratene Generation
Ich nenne sie immer die verratene Generation: Von der Naziführung missbraucht, gefallen, zum Krüppel geschossen, in der Gefangenschaft verhungert oder mit Glück überlebt und dann wieder verar...t. Mein Schwiegervater gehörte [...]
Ich nenne sie immer die verratene Generation: Von der Naziführung missbraucht, gefallen, zum Krüppel geschossen, in der Gefangenschaft verhungert oder mit Glück überlebt und dann wieder verar...t. Mein Schwiegervater gehörte dazu: Krüppel, Gefangenschaft und später kein Studienplatz, da ja Soldat gewesen (nicht freiwillig). Nachtwächter und eine Ausbildung im mittleren Dienst waren die Möglichkeiten, die noch blieben. Dazu wurde er noch als militärischer Erfüllungsgehilfe der Nazis beschimpft, mit denen er nun wirklich nichts am Hut hatte.
Benno Lange 03.05.2014
3. Das ist der
Tja-so sieht der berühmte "Dank des Vaterlandes" so gut wie immer aus-das sollten diejenigen bedenken, die schon wieder von militärischen Einsätzen schwärmen. Vielen Rückkehrern aus Afghanistan-obwohl nicht wirklich [...]
Tja-so sieht der berühmte "Dank des Vaterlandes" so gut wie immer aus-das sollten diejenigen bedenken, die schon wieder von militärischen Einsätzen schwärmen. Vielen Rückkehrern aus Afghanistan-obwohl nicht wirklich vergleichbar-geht es auch nicht besser!
Richard Jas 03.05.2014
4. Dank des Vaterlands
So sieht er aus.Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan er kann gehen.Mein Vater hatte eine ähnliche Vita.1926 geboren kurz vor der Gesellenprüfung eingezogen worden,die werde nach dem Krieg ja nachgeholt.Dann mit Glück wohl auch [...]
So sieht er aus.Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan er kann gehen.Mein Vater hatte eine ähnliche Vita.1926 geboren kurz vor der Gesellenprüfung eingezogen worden,die werde nach dem Krieg ja nachgeholt.Dann mit Glück wohl auch dank seines Alters der Gefangenschaft entkommen aber das Zuhause-Pommern war futsch.Genau wie die große Familie die erstmal Jahre nicht auffindbar war.Er ist dann obdachlos gen Westen vagabundiert und war sogar in Frankreich.Wär er mal besser geblieben.Hier war sein Leben von Anfang an zerstört dank des Vaterlands.Kein Berufsabschluß keine Unterkunft oder auch nur irgendeine feste Arbeit bis in die 50er.Sein Vater von den Nazis ermordet wie er viel später erfuhr.Bei meiner Mama eine sehr ähnliche Geschichte.Bis ins hohe Alter alle möglichen Jobs getan und heute bekommt sie nichtmal 400 Euro Rente.Danke BRD.
Peter Hartung 03.05.2014
5. H. M. Gehrckens Neugründung
Bild 7 zeigt einen Blick von der Straßenecke Beim Neuen Krahn-Cremon-Hohe Brücke in Richtung Kajen hinweg über den Nikolai-Fleet. Man sieht die fleetseitigen Giebel einiger Häuser aus der Deichstraße. Auf dem Trummergelände [...]
Bild 7 zeigt einen Blick von der Straßenecke Beim Neuen Krahn-Cremon-Hohe Brücke in Richtung Kajen hinweg über den Nikolai-Fleet. Man sieht die fleetseitigen Giebel einiger Häuser aus der Deichstraße. Auf dem Trummergelände im Vordergrund links sieht man den Speditions- und Lagerbetrieb der Hamburger Reederei H. M. Gehrckens, mit dem die Firma nach dem Zweiten Weltkrieg neu begann. Einige Jahre später errichtete die Reederei ungefähr an dieser Stelle (Ecke Neuer Krahn-Cremon-Hohe Brücke ihr neues Kontorhaus. 1988 stellte die Reederei ihren Betrieb ein.

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