einestages

Kultschuhe

Showdown mit Sandale

Ja, sie sind hässlich - doch reicht das schon zum Kult? Die Plastiksandalen der US-Firma Croc verkaufen sich wie blöde. Aber was macht einen Schuh zum echten Trendtreter? SPIEGEL ONLINE zeigt die legendärsten Latschen der letzen vierzig Jahre - und verrät, wer sie heute noch trägt.

AFP
Von
Mittwoch, 20.08.2008   11:47 Uhr

Es sind nicht einfach Schuhe, sie haben eine Botschaft: Espadrilles beschwören den Sommer, Birkenstock-Sandalen die ökologische Revolution, Chucks sind Rock'n'Roll und selbst die unscheinbaren Docksider-Segelschuhe, in den achtziger Jahren fester Bestandteil der Popper-Uniform, hatten etwas zu sagen: "Eure Armut kotzt mich an." Erst Botschaften wie diese machen aus gewöhnlichen Tretern einen Kultschuh.

Jetzt sind angeblich Crocs der neue Kult an den Füßen. Die bizarren Plastik-Clogs mit den Schweizer-Käse-Löchern werden mittlerweile in 90 Ländern verkauft, 848 Millionen Dollar haben Käufer bisher für sie ausgegeben. Ihre Botschaft aber ist ziemlich unklar. Sie scheinen eigentlich nichts zu sagen außer "Hey, schaut her, ich habe einen miesen Geschmack."

Dabei ist das Prädikat der Geschmacklosigkeit überhaupt keine Hürde auf dem Weg zum Kultstatus, im Gegenteil: Jesuslatschen, Entenschuhe, Adiletten oder Doc Martens - kaum ein Kulttreter der letzten vierzig Jahre fand in den Augen echter Mode-Aficionados Gnade. Aber genau das war ja auch der Punkt: Nicht mit dem Trend zu gehen, sondern dagegen anzumarschieren - eine Botschaft zu senden.

Krieg oder Frieden - der Schuh als Botschafter

Dieses Statement konnte dabei durchaus auch noch fein abgestimmt, in der Aussage variiert werden. Doc Martens zum Beispiel: Die flache Drei-Loch-Version war der Schuh für jugendliche Linke, die sich Diskussionen mit ihren Eltern ersparen und trotzdem ein Zeichen setzen wollten. Der Acht-Loch-Stiefel hatte hohes Punk-Potential, der Träger war mindestens ein Anarcho. Und dann der ultrahohe Vierzehn-Loch: extrem in jeder Beziehung. Die Rechten trugen ihn mit weißen Schnürsenkeln, die Linken setzten traditionell auf Rot, und wo immer rote auf weiße Schnürsenkel trafen, gab es mit einiger Sicherheit kräftig Keile.

Wer dagegen Friedfertigkeit signalisieren wollte, schlüpfte eher in Jesuslatschen. Ein schneller Blick auf die flachen, harten, ganz offenkundig unbequemen Ledersohlen mit der ringartigen Öse für den großen Zeh zeigte selbst Szenecode-Unkundigen sofort und deutlich, dass der Träger über Nehmerqualitäten verfügt und im Knall-Fall wohl auch die andere Backe hinhalten würde. Ließ der Betrachter den Blick an den meist stachelbeerbehaarten Beinen des Trägers weiter nach oben gleiten, so zeigten sich darüber in schöner Regelmäßigkeit als weitere Accessoires eine abgeschnittene Jeans, eine Jute-Umhängetasche und ein geflochtenes Haarband zur Bändigung der üppigen Mähne.

Allerdings setzte nicht jeder spätere Kultschuh komplett fehlendes Modebewusstsein bei seinem Träger voraus. Es gab durchaus auch Beispiele, bei denen sich ein Trendtreter in ein einigermaßen vorzeigbares Outfit integrieren ließ. Die Botschaft war bei diesem Schuhwerk dann allerdings überhaupt nicht mehr auf Revolution und Rock'n'Roll ausgerichtet, hier ging es dann nur noch darum, den gesellschaftlichen Status zu kommunizieren. Wer in Moonboots durch die schneelose norddeutsche Tiefebene tollte, hatte garantiert keine kalten Füße, sondern folgende Botschaft für die Mitmenschen: "Seht, ich bin auf dem Weg zum Skiurlaub in St. Anton oder St. Moritz und laufe mich schon mal für das Après-Ski warm."

Kultschuhe, die jeder gerne vergessen würde

Art und Inhalt der Botschaft hin oder her: Ehrlicherweise muss man zugeben, dass die meisten Kultlatschen schon lange in den Schuhläden angepriesen wurden, bevor sie mit einer Aussage aufgepumpt wurden. Als 1947 ein gewisser Dr. Klaus Maertens in Seeshaupt am Starnberger See seine ersten Schuhe mit "luftgepolsterten Sohlen" verkauft, ahnte er garantiert nicht, dass später einmal ganze Generationen von Jugendlichen seine "Doc Martens" verehren und sich deswegen sogar die Schädel einschlagen würden.

Was sagt uns das alles über die Crocs? Dass die vermeintlichen Kultobjekte bislang nicht mehr sind als eine Fußnote in der Geschichte der legendären Latschen. Denn die ist voll von Möchtegern-Glamourgaloschen, an die sich heute niemand mehr erinnert - oder sie am liebsten vergessen möchte. Zum Beispiel die Buffalos, jene Neuauflage der legendären Plateauschuhe, in denen Mitte der neunziger Jahre innerhalb kürzester Zeit die halbe deutsche Jugend herumrannte.

Die Idee war an sich nicht schlecht: Man nehme einen Turnschuh und klebe eine hohe, etwas futuristisch-verknorpelte Sohle drunter - fertig ist der Plateauschuh des neuen Jahrtausends. Doch der Weg der Buffalos führte nach einem kurzen und heftigen Ausflug über die Techno-Szene direkt in die Niederungen der Prollkultur. Liefen anfangs tatsächlich auch Fashion-Pioniere darin auf, waren die Buffalos bald nur noch in Deutschlands Dorfdiscos anzutreffen, dafür in hoher Konzentration. "Komplextreter" heißen sie nun im Volksmund. Und das ist ja nun mal gar nicht kultig.

Ob die Crocs es zum Walk of Fame des Schuhwerks schaffen, werden erst die nächsten Jahre zeigen. Hässlich genug, um neben anderen Exponaten wie Roots, Mephistos und Ugg-Boots in der einetages-Galerie der Kultschuhe zu bestehen, sind sie schon heute. Und wer weiß - vielleicht entdeckt ja ganz überraschend doch noch jemand eine Aussage, für die auch die Crocs als besohlte Botschafter taugen.

insgesamt 7 Beiträge
Sascha Kriegel 25.08.2008
1.
Die Moonboots sind nicht nur bei den Damen vom horizontalen Gewerbe dauerhaft beliebt, sondern auch bei Astronomen. Vor allem in unseren Breitengraden kann man den Sternenhimmel nun einmal am besten im Winter beobachten. Und wenn [...]
Die Moonboots sind nicht nur bei den Damen vom horizontalen Gewerbe dauerhaft beliebt, sondern auch bei Astronomen. Vor allem in unseren Breitengraden kann man den Sternenhimmel nun einmal am besten im Winter beobachten. Und wenn man im Winter Nachts stundenlang auf einer Wiese steht ist man über alles froh, was den direkten Kontakt zum kalten Boden unterbricht. Je mehr, desto gut. Davon abgesehen vermisse ich in der Aufzählung die Cowboystiefel. ;-)
Christian Thywissen 26.08.2008
2.
Die Orignal-Adilette mit unverwechselbarem Stil ist blau-weiß gestreift und ohne Adidas-Eblem!!! Damit kann man übrigens tatsächlich ein Zeichen setzen;-)
Die Orignal-Adilette mit unverwechselbarem Stil ist blau-weiß gestreift und ohne Adidas-Eblem!!! Damit kann man übrigens tatsächlich ein Zeichen setzen;-)
Harry Sulla 26.08.2008
3.
Espandrillles...Hallo? Diese bunten Leinen-Pantoletten mit den organischen Sohlen sind nicht nur für konservative Katalanen gemacht, sondern eignen sich auch sehr gut für den allgemeinen deutschen Hausgebrauch, quasi als die [...]
Espandrillles...Hallo? Diese bunten Leinen-Pantoletten mit den organischen Sohlen sind nicht nur für konservative Katalanen gemacht, sondern eignen sich auch sehr gut für den allgemeinen deutschen Hausgebrauch, quasi als die Alternative zu den üblichen Puschen/Pantoffeln. Bequemer und mit viel mehr Stil. In allen Farben. Nur feucht darf dieser spanische Import nie werden...also niemals am frühen Morgen den Rasen betreten...
Andreas Becker 26.08.2008
4.
Meiner Meinung nach fehlt ein ganz wichtiger Vertreter seiner Art in dieser Auflistung. Der Buffalo Schuh mit der geschätzten 22 cm hohen Sohle und dem aussehen eines Kampfstiefels aus einem schlechten Krieg der Sterne Remake.
Meiner Meinung nach fehlt ein ganz wichtiger Vertreter seiner Art in dieser Auflistung. Der Buffalo Schuh mit der geschätzten 22 cm hohen Sohle und dem aussehen eines Kampfstiefels aus einem schlechten Krieg der Sterne Remake.
Andreas Becker 27.08.2008
5.
Sorry habe es eben auch erst gesehen stehen natürlich drin hätte mich aber auch gewundert...mfg
Sorry habe es eben auch erst gesehen stehen natürlich drin hätte mich aber auch gewundert...mfg

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP